Das Brevier und andere „Familienerinnerungen“ von Pater Amédée Benoît

Dienstag, 23 Juni 2026 ermordete missionare   zeugen   mission   missionsinstitute  

Von Marie-Lucile Kubacki
Lyon (Fides) – „Er starb mit dem Rosenkranz in der Hand, so wie er gelebt hatte: als Missionar, der sich ganz hingegeben hatte“, so fasst Pfarrer Benoît Campion im Gespräch mit Fides das Leben von Pater Amédée Benoît zusammen, einem Priester der Pariser Auslandsmissionen (MEP), der 1913 in Lyon geboren wurde und 1954 in Vietnam starb, inmitten des Volkes, zu dem er gesandt worden war.
Pater Campion begleitete lange Zeit die Lyoner Pfarrei, aus der Pater Amédée stammte. Hinter dem von ihm gewählten Bild zeichnet sich ein Leben ab, das still und leise vom Gebet, vom kirchlichen Bewusstsein und von der Begeisterung für die Mission geprägt war.
Amédée Charles Benoît wurde am Vorabend des Ersten Weltkriegs in eine kinderreiche Familie geboren, die tief vom Glauben und vom Pfarreileben geprägt war. In seiner Kindheit und Jugend wurde gemeinsam gebetet, an der Messe teilgenommen und konkrete Nächstenliebe praktiziert. Noch heute spricht seine Familie von ihm als einem „Zeitgenossen“: nicht als einer fernen Gestalt aus einem alten Album mit vergilbten Fotos, sondern als einem Onkel, der ihnen überraschend nahe steht.
Nach dem Besuch des Saint-Joseph College trat Amédée in das Große Priesterseminar von Issy-les-Moulineaux ein. Im Jahr 1937 empfing er schließlich Priesterweihe und wurde als Vikar nach Saint-Didier-au-Mont-d'Or in der Diözese Lyon entsandt wurde.
Acht Jahre lang widmete er sich dem Seelsorgedienst in der Gemeinde. Diejenigen, die die Zeugnisse der älteren Generation gesammelt haben, wie Pater Campion, bewahren das Bild eines Priesters, der in Gebet versunken, aufmerksam für die Menschen, hilfsbereit und diskret war. Doch nach und nach entwickelte sich in ihm eine neue Berufung: die der Mission „ad gentes“.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als so viele Leben aus den Fugen geraten waren und er selbst deportiert und inhaftiert wurde, schloss er sich den Pariser Auslandsmissionen an, jener geistlichen Gemeinschaft, die Hunderte von Priestern nach Asien entsandte. „Er suchte kein Abenteuer, sondern die Treue zu einer ganz klaren inneren Berufung“, so Pfarrer Benoît Campion, der betont, wie diese Entscheidung auch in eine Familiengeschichte passt, die von Nächstenliebe und Hingabe geprägt ist.
Pater Amédée, der für die Mission in Quy Nhon in Zentralvietnam bestimmt war, verließ Frankreich 1946. Sein Weg führte ihn über mehrere Stationen: Nha Trang, Binh Cang, um die Sprache zu erlernen und Kultur kennenzulernen, dann Tourane, Tra Kiêu und schließlich ein kleines Priesterseminar in der Nähe von Phan Rang, wo er als Lehrer und Ökonom arbeitete. Er nahm die Herausforderung an, selbst Schüler zu sein, eine neue Sprache zu lernen, die Sitten zu erlernen und sich verändern zu lassen.
Seine Familie erinnert sich, dass er ein sehr bescheidenes Leben führte. „Er besaß nicht viel, denn als gläubiger Mann hatte er nur wenig“, bemerkt sein Patensohn Bruno Benoît und erinnert sich an den Koffer, den er aus Vietnam mitgebracht hatte – fast leer, aber voller Geschichte.
Doch die politische und militärische Lage verschärfte sich zusehends. 1952 war Pater Amédée verantwortlich für den Bezirk Tra Kiêu, den der Krieg in ein regelrechtes Schützengrabenlager verwandelt hatte. Die Gefahren waren real, Angriffe möglich und Reisen gefährlich. Dennoch dachte er nie daran, seinen Posten zu verlassen. Seine Entscheidung, bei den Vietnamesen zu bleiben, die er liebte und denen er diente, wurde zu einem spirituellen Ankerpunkt für seine Familie. „Man könnte sagen, er hält die Familie zusammen, stärkt den Glauben, hilft, Prüfungen zu bestehen, und vermittelt Lebensfreude“, fassen Bruno und seine Cousine Marie-Ange zusammen, die in seiner pastoralen Haltung eine Quelle anhaltender Inspiration sehen.
Die Erinnerung an diesen Missionar verankerte sich schon früh. Eine andere Nichte, Dominique, erinnert sich: „Als Kind, zur Zeit meiner Erstkommunion, bat mich meine Mutter, Onkel Amédée zu schreiben, der seit vielen Jahre in Vietnam war. Ich erhielt seine handgeschriebene Antwort auf Luftpostpapier, die ich immer in Ehren gehalten habe. Er starb ein Jahr später. Seitdem wird sein Andenken immer wieder, mehr oder weniger regelmäßig, geehrt.“ Mit diesen wenigen Zeilen aus Asien wurde ein Band geknüpft, das übe die Jahre nie abriss.
Über die Jahrzehnte hat die Familie beschlossen, die Erinnerung an Pater Amédée Benoît wachzuhalten und erwog sogar die Gründung eines Vereins zu seinen Ehren. In diesem Zusammenhang werden Treffen organisiert, anfangs bescheiden, dann immer formeller, angefangen mit der großen Feier der Glaubenszeugen, die von Papst Johannes Paul II. zum Heiligen Jahr 2000 initiiert worden war und bei der auch Pater Amédée gedacht wurde. Oftmals sind es große Familientreffen, an denen mehrere Generationen teilnehmen, manchmal mit mehreren Hundert Gästen. „Diese Familientreffen sind Momente voller Freude, einer menschlichen Freude natürlich, denn wir sind eine sehr große Familie, zu der sich eine übernatürliche Freude hinzugesellt, die unser Verständnis übersteigt“, so Dominique. Für Isabelle steht die spirituelle Dimension im Mittelpunkt dieser Treffen: „Wir könnten uns nicht treffen, ohne mit einer Messe zu beginnen. Die spirituelle Dimension ist selbstverständlich.“
Im Mittelpunkt der Treffen stehen stets die Eucharistie, das gemeinsame Gebet, die Erinnerung an die Familiengeschichte, aber auch eine sehr ungezwungene Atmosphäre. Bruno Benoît und Marie-Ange freuen sich darüber, dass diese Zusammenkünfte keineswegs nur nostalgische Erinnerungen sind, sondern „den Weg zur Teilnahme an Gebetsgruppen ebnen und dazu beitragen, mit der Eucharistie verbunden zu bleiben“. Für sie vereint die Gestalt von Pater Amédée „die Familie, hebt das geistliche Niveau an, hilft, Prüfungen zu überwinden, und vermittelt Lebensfreude“. Diese Freude, sagen sie, sei eine der sichtbarsten Früchte der unaufdringlichen Gegenwart dieses Onkels, der Missionar war.
Eine von der Familie aufbewahrte Kiste, die zur während des Gebets herumgereicht wird, zeugt konkret von dieser Geschichte. Darin befindet sich insbesondere das Brevier, das er zum Zeitpunkt seines Todes bei sich trug und das von den Kreuzliebenden Schwestern (Amantes de la Croix) zurückgebracht wurde. „Es ist für mich der wichtigste Gegenstand“, vertraut Dominique an. „Aus Rücksichtnahme haben die Ordensschwestern den blutbefleckten Einband entfernt, bevor sie es den Eltern des Missionars übergaben, um sie nicht noch mehr zu erschüttern.“ „Dieses Brevier war meiner Mutter in der Stunde ihres Todes eine große Stütze“, fügt sie hinzu und verdeutlicht damit, wie sehr dieser Gegenstand zu einem Bindeglied zwischen den Generationen geworden ist. Isabelle bestätigt dies: „Das Brevier ist der Gegenstand, der uns am meisten berührt … Es ist eine Reliquie, die wir in unserer Familie und unter unseren Freunden weitergeben.“
Um diesen zentralen Gegenstand der Erinnerung sind weitere Zeugnisse entstanden: ein im MEP-Museum aufbewahrtes Messbuch, Fotografien, eine Broschüre, die sein Leben nachzeichnet, ein Theaterstück, ein Lied, der Beginn eines Kindercomics und sogar eine Figur von ihm, die heute in Krippen verschiedener Familienzweige aufgestellt ist. Gedenktafeln erinnern in einigen Pfarreien, wie beispielsweise Saint-Didier, an ihn. All dies trägt, in Dominiques Worten, zu einem „spirituellen und immateriellen Erbe bei, das es wichtig ist, weiterzugeben“.
Das Leben von Pater Amédée endete innerhalb weniger Stunden inmitten eines Sturms. Im Juli 1954 erfuhr er, dass ein Soldat eines nahegelegenen Postens schwer verwundet worden war, und fuhr sofort mit dem Fahrrad zu dessen Sterbebett, um ihm beizustehen. Am nächsten Tag beschloss er, den Leichnam nach Tra Kiêu zu begleiten, um ihm ein christliches Begräbnis zu ermöglichen. Er folgte der Bahre und betete den Rosenkranz. Anschließend wurde die kleine Prozession angegriffen. Eine bewaffnete Gruppe eröffnete das Feuer, und der Missionar wurde aus nächster Nähe getroffen. Er starb kurz darauf, den Rosenkranz noch in der Hand. Gläubige und mehrere Gemeindemitglieder bargen seinen Leichnam und bestatteten ihn nahe der Kirche, inmitten der Bevölkerung, die ihn aufgenommen hatten und sein Andenken durch Feierlichkeiten bewahrt, darunter ein wunderschönes Gemälde eines vietnamesischen Künstlers in Tra Kiêu, heute ein beliebter Marienwallfahrtsort.
Für seine Familie ist der Tod von Pater Amédée die Vollendung eines Lebens der Hingabe. „Wir sind Erben eines spirituellen und immateriellen Erbes, das es wert ist, weitergegeben zu werden“, sagt Dominique. Sie fügt hinzu: „In schwierigen Zeiten spreche ich oft mit ihm: ‚Onkel Amédée, komm und hilf mir!‘ Und es hilft!“ Seine Großnichte Florence erzählt, dass eine vietnamesische Ordensfrau, als sie von „Onkel Amédée“ sprach, antwortete, sie kenne ihn bereits und habe an seinem Grab gebetet: ein stilles Zeichen dafür, dass sein Andenken in dem Land weiterlebt, in dem er wirkte und sein Leben gab.
Dieses Erbe reicht weit über den Familienkreis hinaus. Isabelle betont, dass es „zwei Neffen gibt, die bereits Priester sind, und einen Großneffen im Priesterseminar“. Die Gestalt von Pater Amédée regt uns an, uns mit unserer Berufung in einer Zeit zu befassen, in der dies in Familien nicht mehr selbstverständlich ist. So wurde Pater Alexandre Rogala, ein Besucher aus Fourvière, mit dem Marie-Ange über Pater Amédée gesprochen hatte, Priester der Pariser Auslandsmissionen. Anschließend ging er als Missionar nach Japan, als ob die Gnade der Mission in seine geistliche Familie weiterhin wirkte. „Viele möchten wie er Zeugnis vom Glauben ablegen“, resümiert Isabelle, wohl wissend, dass viele geistliche Früchte „im Verborgenen“ bleiben und dass „die Zukunft nicht uns gehört“. Ein weiterer Neffe, Pater Étienne Frécon, ist heute Generalvikar der Pariser Auslandsmissionen.
Heute lebt die Erinnerung an Pater Amédée Benoît im Gebet, in Begegnungen, in den überlieferten Gegenständen und auch in bestimmten Orten fort. Seine Ikone, die heute die Kapelle des Hauses Lorette in Lyon schmückt, wo einst Pauline Jaricot lebte, erinnert zusammen mit einem Meditationsheft an die wichtigsten Stationen seines Lebens: seine Taufe, seine Pilgerreisen nach Le Puy-en-Velay mit den jungen Cœurs Vaillants, seine Abreise nach Asien, sein Wirken als Pfarrer in Vietnam und sein gewaltsamer Tod, weil er seiner Mission treu blieb. Diese Präsenz neben einer so bedeutenden Persönlichkeit der Mission und Nächstenliebe wie Pauline Jaricot unterstreicht die Kontinuität einer einzigen inneren Überzeugung, der Antwort auf Christi Ruf. „Er hilft und leitet die Familie, aber vor allem bewahrt er deren Lebensfreude“, vertraut Isabelle an.
Zwischen dem Fourvière-Hügel bei Lyon und dem Marienheiligtum von Tra Kiêu, zwischen dem Elternhaus und der Gesellschaft der Auswärtigen Missionen in Paris, zieht sich ein roter Faden durch das Leben von Pater Amédée Benoît. Sein Tod im Jahr 1954 ist also keineswegs das Ende seiner Geschichte, sondern erhellt ein Leben, das von einer spirituellen Fruchtbarkeit geprägt war, die Generationen umspannt und auch heute noch mutige missionarische Berufungen hervorbringt. Ein Leben, das beispielhaft für die Offenheit der Familie stand, deren kostbarster Schatz ein lebendiger Glaube ist.
(Fides 23/6/2026)


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