Von Kardinal Luis Antonio G. Tagle*
Rom (Fides) - Wir dokumentieren im Wortlautdie Predigt, die Kardinal Tagle bei der heutigen Trauerfeierfür Bischof Osorio Afonso Citora in der Kapelle der Heiligen Drei Könige im "Palazzo di Propaganda Fide" in Rom gehalten hat.
Wir danken dem Herrn, der uns in dieser Eucharistiefeier am Fest des heiligen Apostels Barnabas als eine Familie zusammengeführt hat. Ich bin sicher, der Heilige würde es nicht übelnehmen, wenn unsere Gemeinde an seinem Gedenktag auch des geliebten Bruders, Freundes und Mitarbeiters, Bischof Osorio Afonso Citora, eines Consolata-Missionars, gedenkt, der das Dikasterium viele Jahre lang bis zu seinem Tod als seine Heimat, seine Familie und seine Mission betrachtet hat. Ich glaube, dass der Heilige Barnabas durch das Leben und Blut von Bischof Osorio geehrt wird. Ich erinnere mich, dass mich der damalige Generalobere der Consolata-Missionare, Pater Camerlengo, 2017 zum Generalkapitel einlud, um über die Freundschaft und die missionarische Zusammenarbeit zwischen Paulus und Barnabas zu sprechen. Nun begegnen wir Barnabas wieder.
Laut der Apostelgeschichte war Barnabas, auch Josef genannt, Mitglied der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem. Er verkaufte seinen Besitz und gab den Erlös den Aposteln, damit sie ihn an die Armen verteilten. Nach Sauls Bekehrung stellte Barnabas ihn den Aposteln in Jerusalem vor. Er suchte Saulus auf und brachte ihn nach Antiochia, wo die Mission unter den Heiden blühte und wo der Heilige Geist beide in die Mission entsandte. Aufgrund einer Meinungsverschiedenheit trennten sich ihre Wege, aber sie störten sich nicht gegenseitig. Dank ihrer Trennung erreichte das Evangelium viel mehr Menschen.
Erinnert uns Barnabas nicht vielleicht an Osorio? Oder ist es vielleicht Osorio, der uns an Barnabas erinnert? Osorio verließ seine Familie und seine Heimat als Consolata-Missionar, bereit, überall hin zu gehen, wohin ihn der Heilige Geist führte. Als ich ihn eines Tages im Oktober 2023 in mein Büro rief, dachte er, ich bräuchte einen Bericht über die Kirchsprengel, mit denen er sich befasste. Er kam und sprach (ausführlich). Es war schwierig, ihn zu unterbrechen. Als er schließlich innehalten musste, um Luft zu holen, nutzte ich den Moment. Ich teilte ihm mit, dass Papst Franziskus ihn zum Weihbischof von Maputo ernennen wollte. Dann herrschte Stille, ein leerer Blick, und er brach in Tränen aus. Er bat um Zeit zum Beten und Nachdenken. Am nächsten Tag sagte er demütig „Ja“. Dann bat er mich, bei seiner Bischofsweihe die der Hauptkonsekrant zu sein. Als Mitarbeiter war das Dikasterium sein Begleiter bei seiner Mission. Nun, als Bischof, wünschte er sich, dass das Dikasterium ihn auf diesem neuen Weg begleiten würde. Wie Barnabas suchte auch Osorio Mitarbeiter und Freunde für seine Mission – seinen Paulus, Markus, Timotheus und so weiter. Für Osorio war Mission nicht nur Arbeit, sondern Freundschaft mit dem Herrn, die Freundschaften mit anderen Missionaren entstehen lässt. Freundschaft gehört zu jeder Missionsreise dazu. Erinnern Sie sich, wie Osorios Freundschaft und Herzlichkeit Ihre Mission im Dikasterium bereichert haben.
Schließlich gibt Jesus im Evangelium eine überraschende Beschreibung von Mission: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“. Gewiss, die Apostel sind zu bestimmten Aufgaben berufen: das Reich Gottes zu verkünden, Kranke zu heilen, Tote aufzuerwecken, Aussätzige zu reinigen und Dämonen auszutreiben. Doch Grundlage all dieser Aufgaben ist die Gabe des Reiches Gottes, die Gabe des Evangeliums, die Gabe der Berufung des Herrn, die Gabe der Freundschaft mit dem Herrn, die Gabe des Vertrauens zu Jesus und die Gabe der Teilhabe an seiner Mission. Mission besteht darin, anderen die Gabe, die wir von Jesus umsonst empfangen haben, umsonst weiterzugeben. Wir müssen uns auf die Gabe Jesu verlassen, nicht auf Silber, Geld, Gewänder, Sandalen oder einen Stab. Mission besteht nicht darin, die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und die Leistungen anderer zu übertreffen. Lasst uns die Gabe des Glaubens wertschätzen, indem wir sie als Geschenk weitergeben.
Wir waren Zeugen der Begeisterung und Freude, die Osorio jedes Mal empfand, wenn er das Wort Gottes verkündete. Er wurde nie müde, Bibelstunden, spirituelle Einkehrzeiten und Exerzitien zu organisieren. Die Gabe, die er umsonst empfangen hatte, gab er umsonst weiter. Deshalb sind wir alle fassungslos und tief betroffen von seinem gewaltsamen Tod. Wie konnte ein Mann wie er, der so großzügig ein Lächeln, das Wort Gottes und das Reich Gottes der Gerechtigkeit schenkte, ein so tragisches Ende finden? Wir wissen es noch nicht, und vielleicht werden wir es nie erfahren. Doch wir halten fest an Jesu Worten im Evangelium: “ Wenn ihr in ein Haus kommt, dann entbietet ihm den Gruß. Wenn das Haus es wert ist, soll euer Friede bei ihm einkehren. Wenn das Haus es aber nicht wert ist, dann soll euer Friede zu euch zurückkehren“. Lieber Osorio, du wirst des Friedens nicht beraubt werden. Der Friede Jesu wird zu dir zurückkehren. Ruhe in Frieden.
Ich möchte mit den Worten schließen, die ich in der Predigt anlässlich seiner Bischofsweihe im Januar 2024 an Bischof Osorio gerichtet habe:
„Bischof Osorio, Sie haben ein wunderschönes bischöfliches Motto aus Psalm 119 gewählt: ‚Lucerna pedibus meis‘ – ‚Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade‘. Es drückt Ihren Glauben, Ihr Gebet, Ihr Verlangen und Ihr pastorales Programm aus. Sie sagten: ‚Ich möchte, dass das Wort Gottes nicht nur meine Schritte erleuchtet, sondern auch die der Brüder und Schwestern, die der Herr mir und meiner pastoralen Fürsorge anvertraut hat‘.
Mögen Sie das Wort Gottes als Speise und Stärkung verkünden. Und wenn Dämonen Sie mit falschen Lampen verführen, halten Sie an Gott fest, der durch Jesus im Heiligen Geist zu Ihnen spricht. Mit Gottes Wort als Ihrer Lampe und Ihrem Licht werden Sie der Kirche treu dienen.
Mögen Sie von Maria, der Consolata, lernen, die die Gottes Wort hörte und als demütige Magd des Herrn danach handelte.“
Ruhe in Frieden.
(Fides 11/6/2026)
* Pro-Präfekt des Dikasteriums für die Evangelisierung (Sektion für die Erstevangelisierung und die neuen Teilkirchen)