“Es ist die Sendung Jesu”: Das “missionarisches Lehramt” von Leo XIV. im ersten Jahr seines Pontifikats

Donnerstag, 7 Mai 2026 papst leo xiv.   papst franziskus   mission   ortskirchen   inkulturation   evangelii gaudium   missionare  

VaticanMedia

Von Gianni Valente

Rom (Fides) – „Verschwinden, damit Christus bleibt, sich klein zu machen, damit er erkannt und verherrlicht wird“.
Mit diesen Worten erinnerte Leo XIV. am Tag nach seiner Wahl zum Bischof von Rom die Kardinäle, die ihn gewählt hatten, an das, was er als „eine unverzichtbare Anforderung für alle, die in der Kirche ein Leitungsamt ausüben“ bezeichnete.

Zum Ende des ersten Jahres seines Pontifikats werfen diese Worte ein treffendes Licht auf eines der prägenden Merkmale seines Lehramtes als Nachfolger Petri: den missionarischen Aspekt.

Sowohl bei Leo XIV. als auch bei Papst Franziskus finden sich Hinweise auf den missionarischen Charakter der Kirche und den Aufruf zu einem erneuerten missionarischen Geist in Predigten und Katechesen, in Reden und Botschaften.

Papst Leo erinnert eindringlich und konsequent an die elementaren Dynamiken, die die der Kirche anvertraute apostolische Sendung prägen. Er erkennt und beschreibt die Kontexte und Bedingungen, unter denen sich die apostolische Sendung in der Gegenwart entfalten soll. Konkret benennt er die dringenden praktischen Anforderungen und Prioritäten, die angegangen werden müssen, damit „missionarische Aufrufe“ nicht zu rhetorischen Abstraktionen verkommen, die das Leben der Getauften belasten.

Die Anziehungskraft Christi

Papst Leo XIV. erinnert daran: „Es ist die Sendung Jesu. Er ist der Auferstandene, also ist er lebendig und geht uns voraus“. Niemand von uns ist berufen, ihn zu ersetzen.“ (Eucharistiefeie mit Priesterweihen, Petersdom, 31. Mai 2025).

Der Bischof von Rom betont immer wieder, dass missionarische Leidenschaft nicht von selbst entsteht, sondern sich nur in der Begegnung mit Christus frei entfalten kann. So zeigen die Begegnungen der ersten Jünger mit dem auferstandenen Jesus für immer die einfache und doch geheimnisvolle Dynamik, durch die die Erfahrung der Erlösung von Herz zu Herz weitergegeben werden kann: „Nach der Begegnung mit Jesus konnte Andreas nicht anders, als seinem Bruder von seiner Erfahrung zu berichten.“ (Videobotschaft an die Teilnehmer des Jugendtreffen „SEEK26“, 2. Januar 2026).

È lo Spirito Santo - ha ricordato Papa Leone, richiamando la sorgente di ogni autentica opera apostolica - che «ci manda a continuare l’opera di Cristo nelle periferie del mondo, segnate a volte dalla guerra, dall’ingiustizia e dalla sofferenza». (Messa per il Giubileo del mondo missionario e dei migranti, 5 ottobre 2025).

„Der Heilige Geist sendet uns aus“, so Papst Leo zum Ursprung der Sendung, „damit wir das Werk Christi an den Randgebieten der Welt fortführen, die bisweilen von Krieg, Ungerechtigkeit und Leid gezeichnet sind“ (Messe zum Jubiläum der Missionswelt und der Migranten, 5. Oktober 2025).

Der jetzige Bischof von Rom wiederholt einen Ausdruck, der Benedikt XVI. und Papst Franziskus am Herzen lag, und bekräftigt, dass man nicht durch kulturellen Druck, Proselytismus oder Marketingstrategien Christ werden kann, sondern allein durch „Anziehung“. Was der heilige Augustinus „Delectatio Victrix“ nannte, die siegreiche Freude. „Tatsächlich ist es nicht die Kirche, die anzieht“, so der Papst, „sondern Christus, und wenn ein Christ oder eine kirchliche Gemeinschaft anzieht, dann deshalb, weil durch diesen „Kanal” die Lebenskraft der göttlichen Liebe herausfließt, die aus dem Herzen des Erlösers entspringt“. Denn: „Wir gehören ihm, wir sind seine Gemeinschaft, und er kann durch uns weiterhin anziehen.“ „Die Sendung der Jünger und der ganzen Kirche ist die Fortsetzung der Sendung Christi im Heiligen Geist.“ (Ansprache zur Eröffnung des außerordentlichen Konsistoriums zu Fragen der Mission und Synodalität, 7. Januar 2026).

Die Sendung der “jungen Kirchen”

In seinem Lehramt nennt Leo XIV. – fernab von rigiden Abstraktionen – realistisch die Bedingungen und Kontexte, in denen man heute Zeugnis für Christus ablegen kann.
Der Papst lenkte die Aufmerksamkeit auf die Geschichte des seligen Isidor Bakanja, des jungen Schutzpatrons der kongolesischen Laien, der während der Kolonialzeit von einem europäischen Gutsherrn gefoltert und getötet wurde, um uns daran zu erinnern, dass heute „die altehrwürdigen Kirchen im globalen Norden von den jungen Kirchen dieses Zeugnis erhalten, das sie anspornt, gemeinsam auf das Reich Gottes zuzugehen“ und „insbesondere Afrika bittet um diese Bekehrung und schenkt uns dafür viele junge Glaubenszeugen“ (Sonderaudienz für die Pilger im Heiligen Jahr, 8. November 2025).

Papst Leo XIV. stellt fest, dass in der Geschichte der Kirche eine „neues missionarisches Zeitalter“ angebrochen ist und betont, dass Mission heute nicht mehr allein mit „„Aufbruch“ in ferne Länder, die das Evangelium noch nicht kennengelernt hatten oder in Armut lebten“ zu assoziieren ist. Denn heute sind die „die Grenzen der Mission heute nicht mehr geografischer Natur“ und „Armut, Leid und die Sehnsucht nach größerer Hoffnung kommen zu uns“. Aus diesem Grund sei es notwendig, sich „um eine neue missionarische Zusammenarbeit zwischen den Kirchen“ zu bemühen und „in Gemeinschaften mit einer alten christlichen Tradition, wie denen des Westens, müssen die vielen Brüder und Schwestern aus dem Süden der Welt als Chance für einen Austausch begriffen werden, der das Antlitz der Kirche erneuert“ (Messe zum Jubiläum der Missionwelt, 5. Oktober 2025).

Mit demselben christlichen Realismus drückt der Nachfolger Petri seine Dankbarkeit gegenüber den „Missionaren und Missionarinnen von heute“ aus, denn „sie verschenken sich weiterhin mit Freude trotz Widrigkeiten und menschlichen Grenzen, weil sie wissen, dass Christus selbst mit seinem Evangelium der größte Reichtum ist, den es zu teilen gilt“ und betont gleichzeitig: „Die Welt braucht noch immer diese mutigen Zeugen Christi und die kirchlichen Gemeinschaften brauchen noch immer neue missionarische Berufungen“ (Botschaft zum 100. Weltmissionssonntag, 25. Januar 2026).

Inkulturation „sakralisiert“ keine Kultur

Jeder Missionar, der in andere Länder aufbricht, so Leo XIV., „aufgerufen, sich mit heiligem Respekt in die Kulturen, denen er begegnet, hineinzubegeben und alles Gute und Edle, das ihm begegnet, zum Guten zu lenken und die Prophetie des Evangeliums dorthin zu tragen“ (Messe zum Jubiläum der Missionswelt, 5. Oktober 2026).
Der Papst erinnert immer wieder daran, dass die so genannte „Inkulturation“ „eine innere Forderung der Sendung der Kirche“ ist: Inkulturation des Evangeliums bedeute, „der göttlichen Pädagogik zu folgen“ und „mit Respekt und Liebe in die konkrete Geschichte der Völker einzutreten, damit Christus, ausgehend von ihrer menschlichen und kulturellen Erfahrung, wahrhaft erkannt, geliebt und willkommen geheißen werden kann.“ Gleichzeitig betonte Papst Leo, dass Inkulturation „nicht gleichbedeutend mit einer Sakralisierung von Kulturen“ sei und dass „keine Kultur, so wertvoll sie auch sein mag, einfach mit der Offenbarung gleichgesetzt oder zum obersten Kriterium des Glaubens werden kann“, da „jede Kultur – wie jede menschliche Wirklichkeit – von der Gnade, die aus dem Ostergeheimnis Christi strömt, erleuchtet und verwandelt werden muss“ (vgl. Botschaft an den „Pastoraltheologischen Kongresses“ über das Ereignis von Guadalupe, 5. Februar 2026).

Die Impulse des Apostolischen Schreibens „Evangelii Gaudium“ neu beleben

In seinem ersten Pontifikatsjahr entwickelt Leo XIV. keine neuen Theorien oder Strategien, die er mit seiner langjährigen persönlichen Erfahrung in Peru, fernab seiner Heimat, hätte versehen können. Papst Leo entschied sich stattdessen dafür, die Schwerpunkte und Erkenntnisse die missionarischen Impulse seiner Vorgänger als Bischöfe von Rom erneut aufzugreifen und deren Relevanz hervorzuheben.
Insbesondere in seinem jüngsten Brief an die Kardinäle (12. April 2026) bekräftigte Leo XIV. die Überlegungen von Mitgliedern des Kardinalskollegiums, die anlässlich des außerordentlichen Konsistoriums im Januar bemerkt hatten, dass das Apostolische Schreiben „Evangelii gaudium“ von Papst Franziskus weiterhin „einen entscheidenden Bezugspunkt für die Wiederbelebung einer missionarischen Kühnheit“ darstelle, die „nicht durch organisatorische Exzesse belastet oder erstickt wird“. Unter den praktischen Vorschlägen, die Leo XIV. in seinem Brief an die Kardinäle wiederholte, erinnerte er an die Notwendigkeit, dass „Evangelii gaudium neu belebt werden“, müsse indem zunächst „ehrlich“ geprüft werde, was in den Jahren seit seiner Veröffentlichung umgesetzt und oder eben nicht umgesetzt wurde. Während insbesondere „der notwendigen Reform der Wege der christlichen Initiation Aufmerksamkeit geschenkt werden“ müsse. Und in Bezug auf die kirchliche Kommunikation betont er die Notwendigkeit, deren Wirksamkeit „auch auf der Ebene des Heiligen Stuhls in einem deutlich missionarischeren Sinne“ zu überdenken.

“Kleine Herde” und “Weihrauchkörnchen”

In seinem missionarischen Lehramt beschrieb Leo XIV. im ersten Jahr seines Pontifikats auch konkrete Kontexte, in denen die apostolische Arbeit kirchlicher Gemeinschaften stattfindet. Er bekräftigte, dass die Kirche auch wenn sie sich als „Minderheit“ erkenne, aufgerufen sei, „ohne Komplexe zu leben, als kleine Herde, die Hoffnung für alle bringt, und dabei zu bedenken, dass das Ziel der Mission nicht das eigene Überleben ist, sondern die Weitergabe der Liebe, mit der Gott die Welt liebt“ (Brief an die Kardinäle, 12. April 2026).
Zu den eindrucksvollsten Bildern, die der Nachfolger Petri zur Beschreibung der der Kirche anvertrauten Mission wählte, gehört jenes, das er der kleinen Kirche in Algerien aufzeigte: „Eure Präsenz in diesem Land lässt an den Weihrauch denken: Ein glühendes Körnchen, das Duft verbreitet, weil es dem Herrn Ehre erweist und vielen Brüdern und Schwestern Freude und Trost schenkt. Dieser Weihrauch ist ein kleines, kostbares Element, das nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, uns jedoch einlädt, unsere Herzen Gott zuzuwenden, indem wir uns gegenseitig ermutigen, in den Schwierigkeiten der heutigen Zeit durchzuhalten“ (Messe in der Augustinus-Basilika, Annaba, 14. April 2026).
(Fides 7/5/2026)



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