Kardinal Vesco: „Der Besuch von Papst Leo XIV. in Algerien ist in gewisser Weise zu vergleichen mit ‚Maria Heimsuchung‘“

Mittwoch, 25 März 2026 papst leo xiv.   ortskirchen   islam   kolonialismus   ostern   märtyrer   papst franziskus  

Von Gianni Valente

Algier (Agenzia Fides) – Der Bischof von Rom hat bei seinem Besuch in Algerien „nichts zu verkaufen oder zu verteidigen“. Er kommt als „Sohn des heiligen Augustinus“, um „einem muslimischen Volk zu begegnen, zu dem sich die Kirche auf geheimnisvolle Weise berufen fühlt“. Daher „ist sein Besuch in gewisser Weise zu vergleichen mit ‚Maria Heimsuchung‘ ‘“.
Um einen Vorgeschmack auf den bevorstehenden Besuch Leos XIV. in Algerien zu geben, zitiert der Erzbischof von Algier, Kardinal Jean-Paul Vesco (OP), das Bild Marias, der Mutter Jesu, die nach der Verkündigung des Engels unverzüglich ihre Cousine Elisabeth besucht (Maria Heimsuchung), um ihr in den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft beizustehen. Keine „Strategie“, keine Berechnung. Nur die Erwartung der überraschenden Dinge, die sich aus einer solchen Begegnung ergeben könnten. Und dies in der österlichen Zeit, in der die Märtyrer Algeriens ein leuchtendes Zeugnis eines „entwaffneten und entwaffnenden Friedens“ in einer vom Krieg zerrissenen Welt ablegen. In einem Land, in dem die katholische Kirche – auch dank dieser Märtyrer – nicht länger als „Überbleibsel der Kolonialzeit“ wahrgenommen wird.

Auch die katholische Kirche in Algerien steht kurz vor der Karwoche. Was bedeutet es, Ostern in Nordafrika zu feiern, während der Nahe Osten und die ganze Welt von Kriegen und vielfältigen Krisen erschüttert werden?

JEAN-PAUL VESCO: Ostern zu feiern bedeutet, das Geheimnis von Tod und Auferstehung zu feiern. Wir wissen, dass das Kreuz existiert, jeder Mensch sein eigenes Kreuz erfährt. Niemand wird verschont, insbesondere – wie Sie betonen – in diesem Kontext vieler Kriege. Doch wir sind Zeugen der Tatsache, dass im Kreuz die Kraft der Auferstehung reift, und dieser Sieg des Lebens über den Tod ist eine Zeit, die wir erleben und mit anderen teilen können.

Welches Licht werfen die Märtyrer Algeriens inmitten dieses Kriegs, der Gewalt und des Schmerzes, die den Nahen Osten erschüttern, auf die Gegenwart?

VESCO: Das Licht der algerischen Märtyrer ist jener „unbewaffnete und entwaffnende Frieden“, von dem Papst Leo XIV. immer wieder spricht. In der schwierigen Lage, in der sich das Land damals befand, waren alle Opfer unbewaffnet: Ordensfrauen auf dem Weg zur Messe, Menschen in einer Kinderbibliothek in der Kasbah … Ich denke an einen wunderschönen Text von Pierre Claverie, der schreibt: „Gut gemacht, meine Herren, Sie haben unbewaffnete Menschen getötet.“ Ich denke auch an den Text von Pater Christian de Chergé, Prior des Klosters Tibhirine, in dem er sich an die Konfrontation mit den bewaffneten Männern erinnert, die ihn bedroht hatten: „Danach sagte ich mir: Diese Leute, dieser Mann, mit dem ich ein so angespanntes Gespräch geführt hatte – welches Gebet kann ich für ihn sprechen? Ich kann den lieben Gott nicht bitten: ‚Töte ihn.‘ Aber ich kann bitten: ‚Entwaffne ihn.‘“ Da sagte ich mir: Ich habe das Recht zu fordern: Entwaffnet ihn!, wenn ich nicht zuerst bitte: Entwaffnet mich und uns als Gemeinschaft?“. Diese Worte benutzt auch der Papst heute, der jene verurteilte, die Kriege segnen. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin beklagte seinerseits, dass das „Recht des Stärkeren“ die „Macht des Gesetzes“ ersetzt habe. Angesichts zunehmender Gewalt ist die Versuchung groß, sich zu bewaffnen; die prophetische Rolle der Seligen besteht in diesem Zusammenhang darin, zu zeigen, dass ein unbewaffnetes Herz mehr denn je nötig ist. Die Kraft des unbewaffneten Friedens. Märtyrer und Menschen mit Behinderungen verkörpern diese Kraft des entwaffneten Friedens.

Glauben Sie, angesichts des Nahen Ostens in Flammen, dass alle Christen im Nahen Osten und Nordafrika Gefahr laufen, den Preis für den Krieg im Iran zu zahlen?

VESCO: Ich spreche aus der Perspektive der algerischen Realität. Heute ist die Kirche in den Augen der algerischen Behörden und der Bevölkerung weder Europa noch Frankreich noch ein Überbleibsel der Kolonialzeit. Die Kirche und Christen im allgemeinen werden nicht mehr wie einst mit dem Westen in Verbindung gebracht, und in diesem Sinne werden die Christen meiner Meinung nach nicht unter den Folgen eines Krieges zwischen Iran und Israel leiden. Tatsächlich umfasst die algerische Kirche einen bedeutenden Anteil an Studierenden aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara und, in manchen Gegenden, Migranten; es gibt aber auch Algerier, die Christen sind. Es gibt etwa sechzig Priester und über hundert Ordensleute, und die, die heute der Kirche beitreten, stammen überwiegend aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara oder dem globalen Süden. Es gibt nur sehr wenige Europäer. In dreißig Jahren ist die Kirche in Algerien afrikanischer geworden – in dem Sinne, dass Algerien ein Land auf dem afrikanischen Kontinent ist –, aber auch katholischer, im Sinne einer Realität, die von einer Vielzahl von Nationalitäten geprägt ist. Was die Folgen der Kriege im Nahen Osten betrifft, gibt es keinen Unterschied zwischen christlichen und nichtchristlichen Algeriern. Betrachtet man den Nahen Osten insgesamt, so sind Christen ganz offensichtlich Opfer, genau wie alle anderen.

Heute haben sich Interessen im Zusammenhang mit Erdöl mit Blutvergießen vermischt. Welche Rolle spielen die in bestimmten Kriegsrechtfertigungen wahrgenommene millenaristischen messianischen Propheizeiungen?

VESCO: Die Erklärung des Krieges im Iran oder der Destabilisierung des Nahen Ostens allein aus Interesse an Ölvorkommen erscheint mir unzureichend. Wenn es so etwas wie Messianismus gibt, dann vor allem in dem Sinne, dass sich ein Mann für den Messias oder den „König der Welt“ hält und alles auf den Kopf stellt. Aber das ist nur meine Meinung, und ich habe mich noch nicht tief genug mit dem Thema auseinandergesetzt, um die Analyse weiter zu vertiefen. Was ich vor allem sehe, ist die explosionsartige Zunahme von Individualismus, Nationalismus und der „Ich zuerst“-Ideologie.

Die Bischöfe Roms haben niemals Kriege gesegnet, die in den Nahen Osten hineingetragen wurden. Was waren die Schlüsselmomente dieses Lehramtes in der jüngeren Geschichte, und wie wird dies von der muslimischen Bevölkerung wahrgenommen?

VESCO: Ich kann sagen, dass Papst Franziskus von der arabischen Bevölkerung gerade deshalb so geliebt wurde, weil er als Papst des „globalen Südens“ auftrat, der die dringenden Bedürfnisse der verschiedenen Regionen des Südens verstand. In der muslimischen Welt wurde er sofort geliebt, weil er jenseits lehramtlicher und formaler Streitigkeiten die Herzen der Menschen erreichte. Die Muslime fühlten sich von ihm geliebt. Vielleicht wurden sein Pontifikat und seine Vision gerade in diesen Regionen am besten verstanden. Heute wird der Papst nicht mehr als Oberhaupt des westlichen Christentums gesehen, obwohl die Päpste – mit Ausnahme von Papst Franziskus – nach wie vor alle westlicher Herkunft sind. Papst Leo XIV. bietet ein interessantes Profil: Er verbrachte fast ein Drittel seines Lebens in den Vereinigten Staaten, ein weiteres in Peru und ein Drittel in Rom. Seine Weltanschauung beginnt an der Basis und der Unantastbarkeit des Nächsten.

Was genau erwarten Sie und was erhoffen Sie sich vom Besuch von Papst Leo XIV. in Algerien?

VESCO: Eine Begegnung mit dem algerischen Volk. Eine echte Begegnung, ein authentischer Moment, aus dem jeder ein Stück weit verändert hervorgehen kann. Der Papst hat nichts zu verkaufen oder zu verteidigen, und ich glaube, es ist gerade diese Selbstlosigkeit, die Herzen öffnen kann. Er kommt als „Sohn des heiligen Augustinus“, wie er selbst sagt, um dem algerischen Volk als Ganzem zu begegnen, einem muslimischen Volk, zu dem sich die Kirche auf geheimnisvolle Weise berufen fühlt. Er kommt, um einem Volk und einer Kirche zu begegnen. Ich sage gern, dass sein Besuch in gewisser Weise zu vergleichen ist mit „Maria Heimsuchung“.
(Fides 25/3/2026)


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