DER PAPST IN FRANKREICH / IX - Der Besuch von Leo XIV., Klischees und die Überraschungen der Gnade

Sonntag, 27 September 2026 papst leo xiv.   apostolische reise   ortskirchen   taufe  

VaticaMedia


Von Marie-Lucile Kubacki

Paris (Fides) – Am 26. September schlängelte sich eine lange Menschenkette, bestehend aus 800.000 Personen, über die Champs-Élysées, um an der Messe des Papstes auf der Place de la Concorde teilzunehmen. Der Andrang war außergewöhnlich, die Fernsehzuschauer noch nicht eingerechnet.

Ist dieses Frankreich, das regelmäßig als „säkularisiert“ bezeichnet wird, tatsächlich so widersprüchlich?
Berücksichtigt man die Herkunft des Begriffs „Para-doxa“, also „gegen die allgemeine Auffassung“, gehört es zu den großen Verdiensten der Reise von Papst Leo XIV. durch Frankreich, Klischees und gängige Redewendungen zu widerlegen. Was hatten diese 800.000 Menschen gesucht, abgesehen von der Erfahrung, an einem historischen Moment teilzunehmen?
Eine mögliche Antwort findet sich vielleicht in einer Station, die diesem großen Ereignis vorausging.
Die „beobachteten“ Leben der Maison Bakhita

Am Vormittag hatte sich Leo XIV. zur Maison Bakhita begeben. Das Aufnahmezentrum der Erzdiözese Paris steht Menschen im Exil, Migranten und Flüchtlingen offen.

Auch andere Organisationen waren vertreten. Dazu gehörte „Aux captifs, la libération“. Die Organisation unterstützt obdachlose Menschen und Menschen, die sich prostituieren. Ebenfalls dabei war „À Bras Ouverts“. Die Initiative begleitet Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit geistigen oder psychischen Behinderungen.
Drei von den Organisationen begleiteten Menschen berichteten in einfachen Worten von ihrem Lebensweg.
Meysam ist 35 Jahre alt, stammt aus Afghanistan und arbeitet als Schneider. Er kam 2015 nach Frankreich. Er sagte, er sei glücklich, selbst ehrenamtlich tätig sein zu können. Besonders freue er sich, „Frauen auszubilden“. In seinem Heimatland hätten Frauen „nicht das Recht, an Bildung teilzunehmen oder zu arbeiten“. Demütig vertraute er den Anwesenden an, er sei „mehrmals verzweifelt“ gewesen.
„Wovon ich Zeugnis geben möchte“, betonte er, „ist, dass man im Leben niemals aufgeben darf. Jedes Mal, wenn ich kurz davor war, alles hinzuschmeißen, habe ich jemanden getroffen, der mir die Hand gereicht und mir ermöglicht hat, trotz allem weiterzugehen. Im Persischen gibt es einen Ausdruck, der bedeutet: ‚Alles geht vorüber.‘“

Dann sprach Lise-Marie. Sie ist 30 Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Sie erzählte, dass sie gerne „kocht, besonders Schokoladenkuchen und Pilze mit Boursin zum Aperitif“. Sie bete auch gerne, nehme an der Anbetung des Allerheiligsten teil und gehe zur Beichte.
„Ich bin gerne zur Vigil der Weltjugendtage gegangen. Dort haben wir nach der Anbetung unter freiem Himmel geschlafen. Ich habe mich gefreut, Papst Franziskus zu treffen. Heute freue ich mich, vor dem Papst über À Bras Ouverts Zeugnis geben zu können“, sagte sie, in Anwesenheit von Leo XIV. Das Gesicht der dritten Zeugin, Blessing, 31 Jahre alt, wurde aus Sicherheitsgründen nicht gezeigt. „Ich wurde gezwungen, Dinge zu tun, die ich nicht tun wollte“, berichtete sie. „Ich würde Ihnen gerne mehr erzählen, aber es fällt mir schwer, über diese Zeit zu sprechen. Es war nicht das Leben, das ich mir gewünscht hatte. Durch die Begegnung mit der Organisation konnte ich erkennen, dass mein Leben anders sein konnte.“

Sie fuhr fort: „Ich erinnere mich daran, dass ich für einige Tage mit den Captifs aufs Land gefahren bin. Das Ziel war es, über die Rolle der aufgenommenen Menschen innerhalb des Vereins nachzudenken. Ich hatte das Glück, an dieser Reflexion teilzunehmen. Ich spürte, dass meine Gedanken zählten und dass mir zugehört wurde.“
Jedes dieser Zeugnisse – besonders jenes von Blessing – erinnert an die Worte Bernadettes von Lourdes. Papst Leo XIV. besuchte den Wallfahrtsort am späten Nachmittag.
Als Bernadette von der Gottesmutter erzählte, die ihr erschienen war, sagte sie: „Sie hat mich wie einen Menschen angesehen.“

Eine Kirche, die immer am Anfang steht

Hinter den Sicherheitsabsperrungen entlang der Champs-Élysées, auf den Straßen von Paris und vor den Fernsehbildschirmen zeigte sich dasselbe Bedürfnis: als Mensch gesehen zu werden und einen Moment der Gemeinschaft zu erleben.
Darauf antwortete der Papst in seiner Predigt:
„Jesus Christus, der Gute Hirte, führt uns, wie ein Hirte seine Schafe führt, zur Quelle des Glücks und des Friedens. Er kennt jeden und jede von uns beim Namen. Nichts entgeht ihm von unseren Geheimnissen, unseren Absichten und unseren Schwächen. Er erforscht die Tiefen unseres Herzens.

Er hat sein Leben für uns hingegeben und gibt es durch die Sakramente weiterhin hin. Er trägt die müden oder verletzten Schafe auf seinen Schultern. Und jene, die sich verirrt haben, führt er behutsam zurück.

Jesus offenbart die bedingungslose Liebe Gottes zu uns. In seinen Augen ist keiner von uns eine Nummer auf einem Ausweis oder ein Identifikationscode. Wir sind Menschen. Jeder von uns ist einzigartig und unersetzlich.“
Dasselbe tat der Papst, als er sich im Institut Catholique de Paris an die Katechumenen und Neugetauften wandte. Er sprach sie nicht als soziologische Gruppe an. Er begegnete ihnen als Menschen, die sich nach Gnade sehnen und ihr Glück suchen.
Er sprach von einer Kirche „im Zustand der Initiation“. Sie steht immer wieder am Anfang und bleibt immer aufnahmebereit.
Wenn „alles vorübergeht“, wie Meysam sagt, bleibt die Sehnsucht nach dem Wesentlichen: die ausgestreckte Hand, der Blick, der jeden Menschen als Person erkennt, und die Verheißung Christi, an die der Papst erinnern wollte: Niemand ist jemals allein oder vergessen.

(Fides, 27/9/2026)


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