Kardinal Vesco: In Algerien ist der heilige Augustinus ein “universeller Bruder”

Montag, 24 August 2026 theologie   pastorale   bischöfe   dialog  

Vatican Media


Rimini (Fides) – Beim „Meeting“ in Rimini, ein bedeutendes Katholikentreffen, das jedes Jahr Ende August an der Adria stattfindet, stand der heilige Augustinus im Mittelpunkt einer Begegnung an der die Wissenschaftlerin Catherine Conybeare, der Generalprior der Augustiner, Pater Joseph L. Farrell, und der Erzbischof von Algier, Kardinal Jean-Paul Vesco, teilnahmen. Die Veranstaltung mit dem Titel „Auf den Spuren des heiligen Augustinus: Wahrheit, Unruhe und Sehnsucht“ fand am vergangenen Freitag (21. August) statt.
Wenige Monate nach dem Besuch von Papst Leo XIV. in Algerien gewann diese Begegnung besondere Bedeutung. Der Papst, der sich selbst als „Sohn des Heiligen Augustinus“ bezeichnet, war nach Annaba (dem antiken Hippo) gereist, wo Augustinus Bischof war und im Jahr 430 starb. In der Augustinus-Basilika zelebrierte er eine Messe und erinnerte an den Wert dieser Pilgerreise zu den Wurzeln seiner geistlichen Familie und an den Dienst an Frieden und Versöhnung. Dabei konzentrierte er sich auf das Zeugnis kleiner christlicher Gemeinden.

«Ich kann sagen, dass ich sein Neffe bin“

Kardinal Vesco begann mit der Schilderung seiner spirituellen Verbundenheit mit dem Bischof von Hippo. Als Dominikaner erinnerte er daran, dass der heilige Dominikus ein Kanoniker nach der Regel des heiligen Augustinus war, die später auch zur Regel des Predigerordens wurde. „Wenn sich der Heilige Vater Sohn als Sohn des heiligen Augustinus bezeichnet, kann ich sagen, dass ich sein Neffe bin“, bemerkte er lächelnd. Ohne sich als Experte für Augustinus darzustellen, erklärte der Erzbischof von Algier, wie sehr ihn die Gestalt des Heiligen nach seiner Ankunft in Algerien vor fast fünfundzwanzig Jahren berührt hatte. Ein Spaziergang durch die Ruinen von Hippo, bekräftigte, lasse Augustinus vertrauter erscheinen und die Jahrhunderte, die uns von ihm trennen, überbrücken. Aus dieser Nähe erwächst die Überzeugung, dass Augustinus wahrlich „ein Mann unserer Zeit“ ist.
Die erste Eigenschaft, in der sich Kardinal Vesco wiedererkannte, war die des jungen Augustinus aus den „Bekenntnissen“: „Ein brillanter junger Mann, der nach gesellschaftlichem Erfolg strebte, nach Erfolg und nichts anderem“, doch „der all seine Träume zerplatzen sah, leer und bedeutungslos, nutzlos, weil sein Durst letztlich etwas anderes war“ und „seine Suche ein Durst nach Wahrheit“. Tatsächlich war Jean-Paul Vesco, als er sich zu etwas anderem berufen fühlte, ein brillanter Anwalt. „Der junge Anwalt, der ich war“, so Vesco, „der ebenfalls nach Idealen und Erfolg strebte, erkannte auch die Sinnlosigkeit seines Strebens nach beruflichem und gesellschaftlichem Erfolg, und erkennt sich leicht in dem jungen Augustinus wieder, den kein menschlicher Erfolg befriedigen konnte.“
Augustinus entdeckt schließlich, dass diese Wahrheit eine Person ist, Christus, dem er in einer persönlichen Beziehung begegnet. Vesco erinnerte an die berühmte Passage aus den Bekenntnissen: „Spät habe ich dich geliebt, o Schönheit, so alt und doch so neu, spät habe ich dich geliebt“, und an das Bekenntnis eines Mannes, der Gott außerhalb seiner selbst suchte, obwohl Gott bereits in ihm war. Der ehemalige Anwalt Jean-Paul Vesco sagte, er erkenne sich in dieser Suche wieder. Auch heute noch, so Vesco, suchten junge Menschen nach Sinn, Wahrheit und Berufung, insbesondere in einer Welt, die von tiefgreifenden Umbrüchen geprägt ist. Deshalb spreche Augustinus, obwohl er aus einer fernen Vergangenheit stammt, auch heute noch zu den Menschen.

Theologe und Hirte

Der zweite vom Kardinal hervorgehobene Aspekt betrifft Augustinus als Hirten. Als bedeutender Theologe und zugleich Bischof, der tief im konkreten Leben seiner Kirche verwurzelt war, gelang es Augustinus, zwei schwer vereinbare Dimensionen zu vereinen: theologische Reflexion, die Studium und Distanz erfordert, und pastorales Handeln, das einen täglich mit den Fragen, Wunden und Bedürfnissen der Menschen konfrontiert. Augustinus’ Denken, so Vesco, sei auch von der Auseinandersetzung mit den großen Häresien seiner Zeit geprägt gewesen. Seine Reflexionen über Gnade, Vergebung und freien Willen seien niemals abstrakte Übungen: Sie entsprangen der Antwort auf konkrete menschliche und kirchliche Situationen.

In diesem Sinne schlug der Kardinal vor, Augustinus als einen der Väter der Pastoraltheologie zu betrachten. Seine zahlreichen Missionen, Reisen und Einsätze, die durch die „ecclesiasticae necessitates“ bedingt waren, zeugten von einem Bischof, der immer wieder aus seiner Stille gerissen wurde. Unter Berufung auf Studien, die Augustins häufige Abwesenheiten aus dem kleinen Bistum Hippo belegen, bekräftigte Vesco: „Das tröstet mich ein wenig: Allzu oft bin auch ich ein ‚Flughafenbischof‘.“

Die Erinnerung an den heiligen Augustinus in Algerien

Der Kardinal wandte sich schließlich dem alten, kranken Augustinus zu, der am Ende seines Lebens stand, als Hippo kurz davor war, in die Hände der Vandalen zu fallen. Während man zwischen den Ruinen der sogenannten „Basilika des Friedens“ umhergehe, wo der Heilige möglicherweise die Eucharistie gefeiert und gelehrt hatte, könne man sich den alten Bischof vorzustellen, der dem Untergang seiner Welt und einer ganzen Zivilisation gegenüberstand. „Was muss er in diesem Moment gedacht haben, angesichts dessen, was wie die Vernichtung seines gesamten Lebens aussah?“, fragte Vesco. „Fünfzehn Jahrhunderte später“, fuhr er fort, „ist es doch wunderbar zu sehen, dass sein Denken die Theologie weiterhin nährt und Generation um Generation von Männern und Frauen prägt! Er hätte sich niemals vorstellen können, dass ein Papst kommen würde, um ihm in eben dieser Basilika seine Ehre zu erweisen!“. Diese Beständigkeit, bemerkte der Erzbischof von Algier, beweise die Universalität des heiligen Augustinus: ein Mann, der tief in seinem Land, seiner Kultur und seiner Zeit verwurzelt war und doch fähig, die Grenzen von Epochen und Zugehörigkeiten zu überwinden.
Diese Universalität zeige sich besonders deutlich in Algerien. Vesco erinnerte an das erste Internationale Kolloquium über den Heiligen Augustinus, das 2001 in Annaba unter dem Vorsitz von Abdelaziz Bouteflika stattfand. Für viele Algerier ist Augustinus, obwohl Christ, nach wie vor eine Symbolfigur des Nationalstolzes und Teil des kulturellen Erbes des Landes. Schon die Wahl von Leo XIV., der sich als „Sohn des Heiligen Augustinus“ vorstellte, rief in Algerien sofort ein Gefühl der Verbundenheit und Vertrautheit hervor. „Als Papst Leo sich kurz nach seiner Wahl als ‚Sohn des Heiligen Augustinus‘ bezeichnete, war die Resonanz in Algerien unmittelbar“, erinnerte sich der Kardinal. „Schnell sprach es sich herum, dass der neue Papst familiäre Wurzeln in Algerien hatte, vielleicht sogar Verwandte in Annaba! Diese familiäre Verbindung, unabhängig von der Religionszugehörigkeit, spricht Bände. Papst Leo wurde in Algerien wie ein Bruder, wie einer der Ihren, erwartet und willkommen geheißen“.

«Wir sind nicht die Eigentümer des heiligen Augustinus“

Für Kardinal Vesco bedeutet die Anerkennung der Universalität des heiligen Augustins, ihn nicht auf das christliche Gedankengut zu beschränken, und doch anzuerkennen, dass seine theologische Reflexion untrennbar mit dem Glauben an Christus verbunden ist. Mehrere algerische muslimische Autoren haben sich mit dem Bischof von Hippo befasst und über ihn geschrieben; diese Rezeption aus einer anderen Perspektive stellt laut dem Erzbischof eine wertvolle Auseinandersetzung dar. „Augustinus und sein Denken gehören uns nicht“, erklärte er. „Die Universalität des Heiligen entspringt daher nicht abstraktem oder „chemisch reinem“ Denken, losgelöst von der Konkretheit der Geschichte. Im Gegenteil, sie entspringt einem wahrhaft gelebten Dasein in einem Land und einer Zeit, die von tiefgreifenden politischen, kulturellen und religiösen Umbrüchen geprägt waren“.
„Heute mehr denn je“, schloss Vesco, „müssen wir einander trotz aller Unterschiede in Glauben und Religion als Brüder und Schwestern anerkennen.“ Augustinus „wird als vertrauenswürdiger Gläubiger anerkannt, selbst von denen, die seinen Glauben nicht teilen. Deshalb ist Augustinus ganz und gar ein Mann unserer Zeit.“ Hierin liegt für Kardinal Vesco Augustinus’ Bedeutung. In einer Welt voller religiöser und kultureller Unterschiede lädt der Heilige von Hippo die Gläubigen ein, in ihrem Glauben verwurzelt zu bleiben, ohne ihn zu Eigentum oder Abgrenzung verkommen zu lassen. Die Aufgabe bestehe darin, authentische Gläubige zu sein, „genährt von einer religiösen Tradition, die uns formt, aber als Männer und Frauen anerkannt, denen man vertrauen kann, selbst von denen, die unseren Glauben nicht teilen.“ „Bürger der Stadt der Menschen und zugleich Bürger des Gottesstaates.“
(MLK) (Fides 24/8/2026)


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