Von Marie-Lucile Kubacki
Stockholm (Fides) – Schweden versteht sich heute wieder als Missionsgebiet, auch im Sinne der „missio ad gentes“. Und genau das erlebt Anna Bieniaszewski Sandberg jeden Tag.
Als Nationaldirektorin der Päpstlichen Missionswerke für die nordischen Länder vereint sie eine polnisch-katholische Kindheit unter dem Kommunismus und ihre Ankunft als Flüchtling in einem säkularisierten Schweden mit einer langjährigen Erfahrung im Journalismus und in der diözesanen Kommunikation.
Ihr Lebensweg hat ihr eine klare und konkrete Wahrnehmung dafür vermittelt, wie Glaube, Kultur und Politik in der schwedischen Gesellschaft aufeinandertreffen – und was „missio ad gentes“ bedeuten kann, wenn das eigene Land selbst wieder „Missionsland“ ist.
Wo hat Ihr Glaubensweg begonnen, und wie sind Sie nach Schweden gekommen?
Er beginnt mit meiner Geburt und Taufe in Warschau während der kommunistischen Ära. Die Kirche in Polen war trotz Verfolgung sehr stark; sie war der Ort, an dem sich die Menschen frei und sicher fühlten. Ich wuchs in einem sehr katholischen Umfeld auf: Meine Großmutter nahm mich mit in die Kirche und zum Katechismus und ich schloss mich einer katholischen Jugendbewegung an, als mein Vater wegen seines Engagements in der Gewerkschaft „Solidarność“ inhaftiert war. Diese Gemeinschaft hat mich tief im Glauben verwurzelt.
Wir kamen 1984 als politische Flüchtlinge nach Schweden – meine Eltern und ich. Anfangs, im Flüchtlingslager, wurden wir regelmäßige von einem Priester besucht und konnten und ein echtes Gemeindeleben führen. Doch nachdem wir in unsere Wohnung in Stockholm umgezogen waren, beschränkte sich der Kontakt zur Kirche auf die Sonntagsmesse. Ich suchte nach einer katholische Jugendgruppe und fand keine; so lebte ich jahrelang als „Feiertags-Katholikin“: Ich ging sonntags und an Feiertagen zur Messe, aber ohne echtes Gemeindeleben. Ich studierte Jura, dann Journalismus, und arbeitete fünfzehn Jahre lang für „Dagen“, eine ökumenische christliche Tageszeitung, als einzige Katholikin in der Redaktion. Später schrieb ich an Bischof Anders Arborelius und bot meine Mitarbeit an; daraufhin wurde ich als Kommunikationsbeauftragte der Diözese eingestellt – was ich als die nächsten Schritt auf meinem Glaubensweges betrachte: der Dienst an der Kirche von innen heraus.
Wie würden Sie aus Ihrer Perspektive die kirchliche und geistliche Situation in Schweden heute beschreiben?
Als ich ankam, war der Katholizismus nahezu unsichtbar. Ein bedeutender Moment war der Besuch von Johannes Paul II. Ende der 1980er Jahre, als Katholiken erstmals öffentlich zur Messe zusammenkommen konnten. Historisch gesehen war der Katholizismus nach der Reformation verboten, und erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde ausländischen Katholiken erlaubt, ihren Glauben in Schweden zu praktizieren. Bis 1951 durften Katholiken weder Ärzte noch Krankenschwestern oder Lehrer sein, und Ordensgemeinschaften waren verboten. Die heilige Elisabeth Hesselblad, die erste moderne schwedische Heilige, musste ihre erste Gründung als „Frauenhaus“ bezeichnen, weil Klöster illegal waren. Für viele Schweden war die katholische Kirche daher etwas sehr Exotisches und Fremdes.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich in Schweden eine stark säkularisierte Kultur. Die typische schwedische Antwort auf die Frage „Glauben Sie an Gott?“ lautete – und lautet oft noch heute: „Nein, aber ich glaube, dass es da etwas gibt.“ Die Menschen lieben die Natur – Wälder und Berge – und spüren dort, dass es „etwas Größeres“ geben muss, nennen es aber nicht Gott. Zugleich ist Schweden zu einem wichtigen Einwanderungsland geworden. Etwa 20% der Bevölkerung haben heute einen Migrationshintergrund, und viele dieser Neuankömmlinge sind gläubig: Katholiken, orthodoxe Christen, Muslime. Der Islam ist die größte Minderheitsreligion und nach der (lutherischen) Kirche von Schweden die zweitgrößte Religionsgemeinschaft insgesamt. Das hat die Situation verändert: Der Glaube an Gott ist nicht mehr so selten, und es wird zunehmend akzeptiert, sich als gläubig zu bekennen.
Sie sprechen dennoch häufig von einem starken antireligiösen Klima. Woher kommt es, und wie wirkt es sich auf die Katholiken aus?
Es gibt verschiedene Ebenen. Zunächst die jahrhundertelange antikatholische Prägung nach der Reformation. Dann im 20. Jahrhundert der Aufstieg der Sozialdemokratie. Dank ihr hat Schweden einen beeindruckenden Wohlfahrtsstaat aufgebaut: kostenlose Schulbildung und Schulmahlzeiten, soziale Sicherheit, eine 40-Stunden-Woche, fünf Wochen Urlaub, ein starker Fokus auf Gleichheit. In vieler Hinsicht erinnert die Sorge um die Würde der Arbeitnehmer an die katholische Soziallehre.
Gleichzeitig gab es jedoch auch ein starkes antireligiöse Strömung. Historisch gesehen war die lutherische Kirche eng mit lokalen Eliten und Behörden verbunden. Eine nahe schwedische Verwandte von mir, überzeugte Sozialdemokratin, die jeder Form von Religion misstraut, wuchs mit dieser Wahrnehmung auf: In ihrem Dorf erschien der Pfarrer als Machtfigur, nicht als des Diener der Gemeinde. Eine andere Verwandte, unehelich geboren, wurde von der Kirche gedemütigt und ausgegrenzt. Für viele Schweden aus der Arbeiterklasse wurde Religion – insbesondere das Christentum – so zum Synonym für soziale Ungerechtigkeit und Demütigung. Marx und Engels verstärkten diese Wahrnehmung mit ihrer Auffassung von der Religion als „Opium des Volkes“. All dies nährt die Vorstellung, säkularisierte Menschen seien gewissermaßen „überlegen“ und rationaler als Gläubige.
Dies hat bis heute Folgen. Viele Katholiken möchten im Alltag missionarisch sein und sind stolz auf ihren Glauben, fürchten jedoch Reaktionen bis hin zu Spott. Der öffentliche Diskurs ist mitunter religionsfeindlich, insbesodere gegenüber dem Christentum, das weiterhin mit Kreuzzügen, Kolonialismus und Macht assoziiert wird. Zugleich wird offene Kritik am Islam als rassistisch wahrgenommen, sodass sich die Ablehnung oft gegen das Christentum richtet. Eine meiner Töchter stellte beispielsweise in der Oberstufe fest, dass sie religiös mehr mit muslimischen Mitschülern gemeinsam hatte als mit säkularisierten schwedischen Schülern. Einige Lehrkräfte waren offen religionskritisch, besonders in der Sozialkunde. Eine explizit religionsfeindliche Haltung gilt als normal und akzeptabel. Das führt dazu, dass junge Katholiken zurückhaltender sind, sie bekennen sich nicht immer offen zu ihrem Glauben, weil sie nicht beurteilt werden möchten.
Sie bezeichnen die nordischen Länder, insbesondere Schweden, als Missionsländer und sprechen sogar von „missio ad gentes“. Was bedeutet das in diesem Kontext?
Traditionell denkt man bei „missio ad gentes“ an ferne Länder in Afrika oder Asien. Doch aus kirchlicher Sicht sind die nordischen Länder selbst Missionsgebiete. Als ich begann, mit „Missio“, den Päpstlichen Missionswerken, zu arbeiten, wurde mir das sehr bewusst. Lange Zeit existierte „Missio“ hier hauptsächlich als Spendenorganisation: So verteilten wir etwa die in der Schweiz bestellten Dreikönigssegen-Streifen, und der Sonntag der Weltmission war hauptsächlich der Kollekte gewidmet. Nur wenige, nicht einmal in der Diözesanverwaltung, wussten wirklich, was „Missio“ eigentlich ist.
Vor einigen Jahren beschloss die Nordische Bischofskonferenz, Missio neu zu beleben, und beauftragte den Bischof von Island damit. Ein Nationaldirektor wurde ernannt, und Delegierte aus jedem nordischen Land wurden zu Schulungen nach Island eingeladen. Uns wurde gesagt, unsere Aufgabe bestehe darin, die traditionellen Missionen in Afrika, Asien usw. zu unterstützen. Das stimmt natürlich. Doch zugleich muss man anerkennen – und genau das haben wir sehr bald gesagt –, dass „wir selbst in Missionsgebieten leben. Wir brauchen hier Missionare“.
Schweden ist stark säkularisiert, und heute ist von „religiösem Analphabetismus“ die Rede. Viele Kinder und Jugendliche wissen nicht wirklich, wer Jesus ist oder warum wir Weihnachten feiern. Das Christentum ist für sie wie eine ferne Mythologie.
Ja, wir unterstützen die Missionen im Ausland mit Überzeugung, auch in sehr schwierigen Kontexten wie der Mongolei oder anderen asiatischen Ländern. Wir sammeln Spenden und fördern die Solidarität unter der Leitung der Päpstlichen Missionswerke. Gleichzeitig müssen wir jedoch unser eigenes Land als Missionsgebiet neu entdecken. Das Evangelium Jesu, der die Apostel „in die ganze Welt“ sendet, schließt auch unsere kleines Fleckchen Erde „am Ende der Welt“ in Schweden ein.
Wie erleben Sie konkret diese doppelte Dimension der „missio ad gentes“ – nach außen und nach innen?
Für mich bedeutet die Förderung der „missio ad gentes“ zweierlei zugleich. Einerseits möchte ich den schwedischen Katholiken die Bedürfnisse der Kirche in jenen Ländern aufzeigen, die offiziell als Missionsgebiete gelten, und ermutige sie, diese geistlich und materiell zu unterstützen. Andererseits greife ich diese Geschichten auf, um hier ein missionarisches Bewusstsein zu wecken. Ich sage: „Mission ist nicht nur ‚dort draußen‘; sie ist auch hier, an deinem Arbeitsplatz, in deiner Schule, in deiner Nachbarschaft.“ Vielen ist nicht bewusst, dass sie berufen sind, im Alltag missionarisch zu sein.
Eines der größten Hindernisse ist die Angst. Deshalb müssen wir einander beistehen und zeigen, dass das Zeugnis für Christus nicht Machtausübung bedeutet, sondern demütiger Dienst. In diesem Sinne ist ein Bischof wie Kardinal Anders Arborelius ein großes Geschenk. Er ist sehr klar in seiner katholischen Identität verwurzelt und zugleich zutiefst ökumenisch und offen für den interreligiösen Dialog. Medien und Gesellschaft sehen in ihm einen Mann, der nicht nach Macht strebt, sondern Liebe und Demut ausstrahlt. Das verändert das Bild der Kirche und bereitet den Boden für die Mission.
Es gibt auch ein schönes Paradoxon: Lange Zeit haben die Päpstlichen Missionswerke dazu beigetragen, Missionare nach Afrika, Asien und in andere Teile der Welt zu entsenden. Heute empfangen die westlichen Länder selbst Missionare. In meiner Domgemeinde in Stockholm etwa wirken nigerianische Missionare der Gesellschaft vom heiligen Apostel Paulus. Ohne Priester aus ehemaligen „Missionsländern“ könnten mehrere schwedische Pfarreien nicht bestehen. Hier zeigt sich die Kirche als ein einziger großer Leib, in dem die Gaben zirkulieren: Wir haben Priester ausgebildet, die in ferne Länder gegangen sind, und nun senden ihre Kirchen Priester zu uns. Das ist ein eindrucksvolles Bild der „missio ad gentes“ heute – und dafür, wie Schweden sich heute, in aller Demut, wieder als Missionsgebiet entdeckt.
(Fides, 26.06.2026)