Keine Immaginären Schlachten: Papst Leo XIV. über Don Quijote die Mission der Kirche

Samstag, 13 Juni 2026 papst leo xiv.   kunst   mission  

Von Marie-Lucile Kubacki

Madrid (Fides) - In einer der wichtigsten Reden seiner Spanienreise zitierte Papst Leo XIV. bei der Begegnung mit den Mitgliedern des spanischen Paraments den Vater der spanischen Literatur, Miguel de Cervantes.
„Von den weltberühmten Seiten des Don Quijote, in denen Cervantes verkündete, dass »die Freiheit […] eines der kostbarsten Geschenke ist, die der Himmel den Menschen gegeben hat« (Don Quijote de la Mancha, II, 58), bis hin zur geistlichen Tiefe der heiligen Teresia von Ávila und von der großen spanischen Rechtstradition bis zur metaphysischen Unruhe Unamunos, der daran erinnerte, dass der Mensch »sich nicht damit abfindet, ganz zu sterben« (Vom tragischen Gefühl des Lebens, I), wusste Spanien stets, den Menschen als mehr als nur ein Rädchen im sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Getriebe zu betrachten: Es hat ihn als ein Wesen anerkannt, das offen für die Wahrheit ist, mit Freiheit ausgestattet und von einem Durst nach Ewigkeit angetrieben, den nichts Zeitliches stillen kann; mit einem Wort: als jemanden, dessen Würde über jedem Nutzen steht und in dessen Dienst die Gesetzgebung steht“, bekräftigte der Papst.
Der literarische Bezug ist interessant, da die Figur des Don Quijote mehrere Konzepte vereint, die der Papst während seines Besuchs in diesem alten christlichen Land, dem heutigen Spanien, veranschaulicht hat.

Imaginäre Schlachten und christliche Konkretheit

Wer ist Don Quijote? Ein Mensch, der sich nach einer ihm unbekannten Zeit und Welt sehnt die wohl nur in den Romanen existierte, die er mit Leidenschaft verschlang. Eine faszinierende und bisweilen etwas skurrile Figur, die gegen die Realität ankämpft, der beschließt, gegen Windmühlen zu kämpfen, die er für Riesen hält. Desillusioniert von der Realität so wie sie ist, will Don Quijote nur sehen, was er sich wünscht. Kurz vor seinem Tod, nach einem Anfall von melancholischem Fieber, Folge einer weiteren verlorenen Schlacht, erlangt er seine Vernunft zurück. In diesem Sinne ist Don Quijote eine ungemein moderne und provokante Figur für Christen in säkularisierten Ländern, die manchmal der Sehnsucht nach vergangenen Zeiten erliegen.
Nostalgie, Erinnerung, Kulturerbe, Vision: Bei mehreren Gelegenheiten hat sich Leo XIV. zum Verhältnis zur Vergangenheit geäußert. Während der Fronleichnamsmesse auf der „Plaza de Cibeles“ in Madrid sprach er über die Traditionen der Prozessionen. „Jesus geht durch die Straßen“, erklärte er, Deshalb lässt sich die historische Erinnerung an die Fronleichnamsprozessionen nicht auf eine nostalgische Erinnerung beschränken; sie wird vielmehr zu einer Einladung für die Gegenwart, für unser persönliches Leben, für unsere Beziehungen, für die Gesellschaft, für den Aufbau der Zukunft“. Es gehe darum, sich zu „erinnern“, „um nicht zu vergessen, wer der Herr ist, um nicht der Versuchung zu erliegen, auf andere Götzen zu vertrauen und sich von einem Brot zu ernähren, das nicht sättigt.
Er äußerte dann den Wunsch, dass „die Religiosität, die dieses Land seit Jahrhunderten belebt, soll kein Museum der Vergangenheit sein, das man besucht, sondern eine Schule des Glaubens, von der wir auch heute zehren können“. Mit anderen Worten: Um nicht in einer Art Folklore zu erstarren, muss die Volksfrömmigkeit immer in der Quelle verwurzelt sein, die der lebendige Gott ist, der sich in der Heiligen Schrift offenbart, sich in den Sakramenten schenkt und sich im Nächsten dienen lässt.

Die „Reise“ der Mission

In seiner Ansprache an die Bischöfe verglich er die Mission mit einer Reise, „deren Ziel Gott ist, zu dem wir unseren Blick erheben. Wie jede Reise berge auch diese die Gefahr, sich auf das zu konzentrieren, was wir zurücklassen, oder unser Gepäck mit unnötigen Dingen zu überfüllen. Unsere Antwort auf die Frage, wie wir die Herausforderung der Reise meistern sollen, fuhr Leo XIV. fort. So müsse unsere Antwort auf die Frage, wie wir diese Herausforderung, der wir uns gestellt haben, bewältigen können, „in dieser ersten Phase unserer Reise Freiheit und Mut umsichtig miteinander verbinden, um Strukturen hinter uns zu lassen, die uns nicht helfen, nicht unseren Zielen entsprechen oder uns sogar davon entfernen, und gleichzeitig die Kraft zu bewahren, das, was uns dabei hilft, wie einen Schatz zu hüten“. Die Bewahrung des religiösen Erbes, dessen Schönheit „selbst Nichtgläubige berühren kann“, ist eine „Herausforderung“, der man sich mit „Mut“ stellen muss, damit sie „Frucht trägt“. Darüber hinaus muss jeder Missionar auf dieser Reise der Beziehungen und Begegnungen sein eigenes „Viatikum“, das „Brot des Wortes und der Eucharistie“ mit sich führen, das „noch notwendiger als die körperliche Nahrung, denn es eröffnet uns den Weg zur Erlösung“.


Das Beispiel der Heiligen in verwüsteten Landstrichen

Doch es kommt vor, dass Begegnungen selten werden und die Ebene wie ausgestorben wirkt – eine Metapher für die mitunter spärlich besuchten kirchlichen Versammlungen. „Es ist nicht das erste Mal, dass Spanien mit einer ähnlichen Situation konfrontiert ist. In der Vergangenheit zum Beispiel, als die Kirche in den verwüsteten Landstrichen wieder neu anfangen musste, entstanden Evangelisierungsmodelle, die später nach Amerika exportiert wurden und uns hier bei unserer Mission helfen können“, bemerkte der Papst. „Wie damals“, fügte er hinzu, „sind wir aufgerufen, durch respektvollen Dialog und den Einsatz neuer Sprachen etwas Neues aufzubauen, so wie es der berühmte heilige Rechtsgelehrte von Granada, Bruder Hernando de Talavera, tat und später in Amerika der heilige Toribio de Mogrovejo, der vor 300 Jahren heiliggesprochen wurde und den wir heute als vorbildlichen Bischof „im Aufbruch“ in einer Zeit der Mission und der kirchlichen Neuordnung feiern“.
Anders ausgedrückt: Um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, müssen Christen die Welt so sehen, wie sie ist. Das bedeutet nicht, alles zu akzeptieren oder sich in einen Kulturkampf zu verwickeln. Im Evangelium wird die christliche Haltung durch verschiedene Metaphern veranschaulicht: das Senfkorn, der Sauerteig im Teig, das Salz der Erde. Vor den Behörden übertrug er Spanien, einem Land mit einer „großen Geschichte“, die Aufgabe, „Komplexität wertzuschätzen und zu erforschen, sie nicht zu leugnen, sondern als Segen anzunehmen und jene identitätsbasierten Ansätze abzulehnen, die alles zu erklären scheinen, aber die Welt mit Geistern und Feinden bevölkern.“ „Eure eigene Geschichte zeigt, dass nicht die Kultur des Konflikts, sondern die Kultur der Begegnung Stabilität und Wohlstand schafft“, betonte er. „Es ist das Geschenk, das der Alte Kontinent der Welt machen kann, wenn er jung bleiben will, so wie junge Menschen diejenigen sind, die eine Zukunft und eine Aufgabe spüren, die sie noch herausfordern“, bekräftigte er. Kurz darauf forderte er die Parlamentarier auf, ihren Blick auf die Gemälde zu richten, die die Rezeption des Evangeliums und des Dekalogs darstellen, nicht um sich von der Realität zu distanzieren, sondern um sich daran zu erinnern, „dass jede Entscheidung der öffentlichen Obrigkeit reale Menschen betrifft, insbesondere diejenigen, die am wenigsten Macht haben, sich Gehör zu verschaffen.“
„Ohne die politische und die religiöse Ordnung zu vermischen, legen diese Zeichen uns nahe zu erkennen, dass die moderne Freiheit auch durch eine lange Gewissenserziehung vorbereitet wurde, die tief von der christlichen Tradition geprägt ist. In dieser inneren Schule haben die Völker gelernt, dass das Recht dem Gemeinwohl dienen muss, dass Gerechtigkeit der Gewalt Grenzen setzt, dass Macht Legitimität erfordert, dass die Armen vollwertig zur Gemeinschaft gehören, dass der Fremde seiner Würde entsprechend aufgenommen werden muss und dass menschliches Leben niemals als Ware behandelt werden darf“, fuhr er fort, bevor er erklärte: „Ein Gesetz erlangt seine wahre Größe nicht allein durch seine formale Verabschiedung; es erlangt sie, wenn es, zusätzlich zu seiner formalen Gültigkeit, vor der Würde des Menschen bestehen und diese Prüfung ohne Scham bestehen kann.“ So „erhebt der Glaube nicht den Anspruch, sich Privilegien oder Zwänge aufzuzwingen“, aber er kann auch nicht „zum Schweigen gebracht werden, als sei er für das öffentliche Leben irrelevant“, bekräftigte der Papst.

Verwundete Körper, gebrochene Herzen

Nachdem er im Hafen von Arguineguin auf den Kanarischen Inseln erschütternde Zeugenaussagen gehört hatte, traf der Papst dort Migranten und gab ein konkretes Beispiel für die Aufgabe der Christen angesichts einer der größten Tragödien unserer Zeit. Er rief die Herkunftsländer zu einer Gewissensprüfung auf und betonte, dass sich auch die Kirche hinterfragen lassen müsse. „Die Aufnahme von Migranten darf nicht zur Nebensache werden und darf nicht nur einigen wenigen Freiwilligen überlassen werden“, betonte er. „Wir knien vor dem Altar nieder, um Christus in der Eucharistie anzubeten, von dem wir die Kraft und den Antrieb erhalten, die Nächstenliebe zu leben; deshalb dürfen wir später nicht an den kleinen Booten und Beibooten „vorübergehen“, denn aus dem Gebet entspringt jeder Dienst und zu ihm kehrt jeder Einsatz zurück (vgl. Lk 10,31-32)“, so der Papst. Er bezog sich auch auf den „Fischerring“, der für jeden neuen Papst geschmiedet wird und die Autorität des Nachfolgers Petri symbolisiert: „Schon sein Name führt uns zum See Genesaret, wo Christus Petrus rief und zu ihm sagte: »Von jetzt an wirst du Menschen fangen« (Lk 5,10)“, so der Papst. „Die Kirche hat diesen Vers als Bild für ihre Mission verstanden. Doch hier und an Orten wie in El Hierro erhält dieser Auftrag eine wörtliche und schmerzhafte Bedeutung“. Und er formulierte abschließend den Wunsch: „Möge die Geschichte uns nicht vorwerfen, dass wir den Schmerz derer, die leiden, zu einem alltäglichen Anblick an unseren Küsten gemacht haben. Denn heute stellt uns hier am Ufer des Meeres jedes Leben, das ankommt, die Frage, was von unserer Menschlichkeit übrigbleibt. Früher oder später wird sich zeigen, ob wir diese Menschlichkeit zu bewahren wussten oder ob wir zuließen, dass die Gleichgültigkeit uns gelenkt hat“.

Mit Blick auf die Realität

In diesem Sinne berührt Don Quijotes unerschütterlicher Glaube an eine höhere Würde das christliche Herz. Er weigert sich, den Wert des Menschen an wirtschaftlicher und sozialer Leistungsfähigkeit zu messen, selbst auf die Gefahr hin, naiv, lächerlich oder antiquiert zu wirken. Doch die Nachfolger Christi sind zu einer anderen Art von „Wahnsinn“ berufen, anders als der des Ritters von La Mancha: nicht, um im Namen einer idealisierten Vergangenheit gegen Windmühlen zu kämpfen, sondern um zuzulassen, dass das Evangelium ihre Nostalgie läutert. So können sie die Realität klar erkennen, ihr begegnen und sie mutig annehmen, bewegt von etwas, das sie zu Taten führt, die nicht heroisch, sondern einfach normal und menschlich erscheinen. „Die Mission, die ich euch anvertraue, ist genau diese: Mensch zu sein. Ja, seid menschlich! Männer und Frauen aus Fleisch und Blut. Nicht Äußerlichkeiten, sondern vertrauenswürdige Gesichter“, so der Papst in seiner Ansprach an die Jugendlichen in Madrid während der Gebetsvigil. Hierin besteht die Mission heute: nicht in der Flucht vor der Welt, sondern darin, Männer und Frauen zu sein, die wie Don Quijote Heilung finden, so wie er sie nach einer Phase der Melancholie erfuhr.
Und wenn Cervantes seinen Helden genau an diesem Punkt der Geschichte sterben ließ, als gäbe es kein Leben jenseits nostalgischer Idealisierung, so kann der Christ seine Mission, oder, wie Leo XIV. es ausdrückt, seine Reise, gerade mit der Heilung beginnen – und mit der Gnade, die selbst verwundete Herzen heilt.
(Fides 13/6/2026)


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