Papst Leo XIV., der heilige Augustinus und die zwei Städte

Freitag, 9 Januar 2026 papst leo xiv.   diplomatie   geopolitik   kriege   theologie   heiliger stuhl   heilige  

VaticanMedia

Von Gianni Valente

Vatikanstadt (Fides) – In seiner traditionellen Neujahrsansprache vor dem beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Corps hat Papst Leo XIV. den aktuellen Zustand der Welt durch den Filter des „Gottesstaates“ (De Civitate Dei) betrachtet, dem Werk, das der heilige Augustinus „unter dem Eindruck der tragischen Ereignissen der Plünderung Roms im Jahr 410 n. Chr.“ verfasst hat, indem er die geopolitischen Umwälzungen der Gegenwart und die aktuellen Beziehungen zwischen der Kirche und der Welt mit den Augen des „Doctor Gratiae”, des Kirchenvaters, zu betrachtete.
Der heilige Bischof von Hippo – so Papst Leo XIV. in seiner Ansprache an die Botschafter, die sich in der Segnungshalle versammelt hatten – „interpretiert die Ereignisse und die geschichtliche Wirklichkeit nach dem Modell der zwei Städte: die Stadt Gottes, die ewig ist und sich durch die bedingungslose Liebe zu Gott (amor Dei) auszeichnet, mit der die Nächstenliebe, insbesondere gegenüber den Armen verbunden ist; und der irdischen Stadt, die ein vorübergehender Aufenthaltsort ist, an dem die Menschen bis zu ihrem Tod leben”.
Die Stadt Gottes hat in dieser Welt keine andere Aufgabe, als ihre Hoffnung auf den Namen des Herrn zu setzen. Während die Stadt der Menschen vom Besitz der Dinge dieser Welt lebt, lebt die andere Stadt in der Hoffnung auf Gott. Sie entsteht, lebt und wandelt in der Geschichte durch die Anziehungskraft der Gnade, während „die irdische Stadt auf selbstsüchtiger Liebe (amor sui), auf das Streben nach weltlicher Macht und Ruhm ausgerichtet ist, die ins Verderben führen“.
Für Augustinus „koexistieren die beiden Städte bis zum Ende der Zeiten“. Die Bürger der beiden Städte leben zusammen in dieser Welt.
Die Stadt Gottes ist für Augustinus keine befestigte Stadt, die sich der Welt entgegenstellt. Es findet ein ständiger Übergang zwischen den beiden Städten statt. Wer Bürger einer der beiden Städte ist, kann jederzeit Bürger der anderen werden.
Gerade die Erfahrung, zu einer „anderen Stadt“ zu gehören, kann Christen dabei helfen, die guten Dinge und Güter der „Stadt der Menschen“ realistisch zu erkennen, ebenso wie die Gewalt und Korruption, die potenziell mit jeder Macht verbunden sind. Vor allem mit den Mächten, die am meisten versuchen, sich mit den Masken des spirituell-ethischen Idealismus zu verhüllen.
So fand der christliche Realismus des großen Vaters der westlichen Kirche heute in verschiedenen Passagen der Rede des Bischofs von Rom, der dem Augustinerorden angehört, Widerhall.

Ein realistischer Blick

Papst Leo XIV. erwähnte insbesondere die besorgniserregende Schwäche des „Multilateralismus“ auf internationaler Ebene, da „eine Diplomatie, die den Dialog fördert und den Konsens aller sucht, durch eine Diplomatie der Stärke, durch einzelne Staaten oder Gruppen von Verbündeten ersetzt wird. Krieg ist wieder in Mode gekommen, und eine kriegerische Stimmung breitet sich aus“.
Der Papst hat festgestellt, dass „insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen ausschließt, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist“.

Bei der Einführung des Themas der Verweigerung aus Gewissensgründen räumte der Bischof von Rom ein, dass „die Gewissensfreiheit zunehmend von den Staaten in Frage gestellt zu werden scheint, auch von denen, die sich auf Demokratie und zu den Menschenrechten zu gründen bekunden“.
Der Nachfolger Petri erklärte, dass „die Verfolgung von Christen nach wie vor eine der größten verbreiteten menschenrechtlichen Krisen unserer Zeit ist“; er sprach von einer „subtilen Form der religiösen Diskriminierung gegenüber Christen, die sich auch in Ländern ausbreitet, in denen sie zahlenmäßig in der Mehrheit sind, wie in Europa oder Nord- und Südamerika“, insbesondere „wenn sie sich für die Würde der Schwächsten, der Ungeborenen oder der Flüchtlinge und Migranten einsetzen oder die Familie fördern“. Er bekräftigte die Hoffnung des Heiligen Stuhls, „dass Maßnahmen, die die Staaten gegen Illegalität Menschenhandel ergreifen, nicht zu einem Vorwand werden, um die Würde von Migranten und Flüchtlingen zu verletzen“, und dass Strafgefangene niemals „auf die von ihnen begangenen Verbrechen reduziert werden“.
Der Papst warnte ausdrücklich vor „Projekten zur Finanzierung der grenzüberschreitenden Mobilität zwecks Zugangs zum sogenannten ‚Recht auf sichere Abtreibung‘“ und „dem Phänomen der Leihmutterschaft, die durch die Umwandlung der Schwangerschaft in eine verhandelbare Dienstleistung die Würde sowohl des zu einem ‚Produkt‘ degradierten Kindes als auch der Mutter verletzt, indem sie deren Leib und den Prozess der Fortpflanzung instrumentalisiert“. Diese Überlegungen ließen vermuten, so der Papst, dass es zu einem „regelrechten Kurzschluss der Menschenrechte“ kommt, wodurch „das Recht auf freie Meinungsäußerung, auf Gewissensfreiheit, auf Religionsfreiheit und auf Leben im Namen anderer sogenannter neuer Rechte eingeschränkt wird, was dazu führt, dass das System der Menschenrechte an Kraft verliert und Raum für Gewalt und Unterdrückung öffnet“.
Unter erneuter Bezugnahme auf den Gottesstaat zitiert Leo XIV., den heiligen Augustinus der bemerkt: „Der Hochmut macht sie so stumpfsinnig, diese Leute, die hinieden das höchste Gut zu Besitzen und aus sich selbst glücklich zu werden sich einbilden“, und betonte, es sei kein Zufall, dass „jeder Konflikt seinen Wurzel im Hochmut hat“. Dann wandte er seinen Blick den Konflikten und Krisen und Gewaltsituationen zu, unter denen Völker und Nationen auf der ganzen Welt leiden: die Ukraine, das Heilige Land (wobei er die Zwei-Staaten-Lösung als realistisch bezeichnete), Venezuela (mit dem Appell, „den Willen des venezolanischen Volkes zu respektieren“), Haiti, die Region der Großen Seen in Afrika und Myanmar. Er verwies auf die Gefahr des Wettlaufs „um immer ausgefeiltere Waffen zu produzieren, auch unter Einsatz künstlicher Intelligenz“. Abschließend betonte der Papst, dass „Frieden ein schwer zu erreichendes, aber mögliches Gut bleibt. Er ist, wie Augustinus sagt, unser „Endgut”, weil er ist das eigentliche Ziel der Stadt Gottes ist, nach dem wir, wenn auch unbewusst, streben und dessen Vorgeschmack wir in der irdischen Stadt kosten können”.
Doch es gebe auch in unserer Zeit „Zeichen mutiger Hoffnung“ so der Bischof von Rom und erinnerte an die Dayton-Abkommen, „die vor dreißig Jahren den blutigen Krieg in Bosnien und Herzegowina beendeten und trotz aller Schwierigkeiten und Spannungen die Möglichkeit für eine gedeihlichere und harmonischere Zukunft eröffneten“. Er verwies auf die „gemeinsame Friedenserklärung zwischen Armenien und Aserbaidschan, die im vergangenen August unterzeichnet wurde“, und ging ausdrücklich auf „die Bemühungen der vietnamesischen Behörden in den letzten Jahren, die Beziehungen zum Heiligen Stuhl und die Bedingungen zu verbessern, unter denen die Kirche in diesem Land tätig ist“ ein. All dies seien „Keime des Friedens“, so Papst Leo XIV., „die es zu pflegen gilt“.
(Agenzia Fides 9/1/2026)


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