AMERIKA/HAITI - “Die Kirche leidet, aber es gibt Hoffnung”

Mittwoch, 20 März 2024 ortskirchen   schwestern   gewalt   erdbeben  

Port-au-Prince (Fides) - "Schwierig", so beschreibt Schwester Marcella Catozza von den Franziskanerinnen in Busto Arsizio, die seit 20 Jahren in Haiti arbeitet, die Situation der Kirche in dem karibischen Land, das von der Gewalt krimineller Banden heimgesucht wird.
„Die Situation der Kirche ist genauso schwierig wie die allgemeine Realität in Haiti. Die Kirche spiegelt also die Realität des Landes wider", sagt Schwester Marcella. „Schwierig, weil die Verbindungen schwierig sind, weil es schwierig ist, sich zu treffen und zusammenzuarbeiten. Jeder ist ein wenig isoliert. Jeder ist auf sich allein gestellt und versucht, Kontakte zu knüpfen, wo er kann", erklärt die Ordensfrau, die in einem der Elendsviertel von Port-au-Prince lebt und arbeitet (vgl. Fides 26/2/2024).
Eine Kirche, die seit geraumer Zeit leide, betont Schwester Marcella: "Vor kurzem wurde Bischof Dumas Anse-à-Veau Miragoâne Opfer eines Sprengstoffattentats (vgl. Fides 11/3/2024), aber davor war es das Erdbeben, das die Kirche schwer getroffen hat, mit dem Tod des Erzbischofs, des Vikars, des Kanzlers und des Sekretärs der Erzdiözese von Port-au-Prince. Priesterseminare wurden zerstört und ganze Gemeinden verloren ihre Seminaristen. So hat die Kirche in Haiti gelitten und leidet weiter".
In Haiti ist auch heute noch das Phänomen des Voodoo weit verbreitet. "Man sagt, dass in Haiti achtzig Prozent der Einwohner Katholiken sind und hundert Prozent dem Voodoo folgen", sagt Schwester Marcella. "Der religiöse Synkretismus ist sehr stark ausgeprägt, selbst bei gläubigen Katholiken, so dass die traditionelle Voodoo-Kultur überall präsent ist. Bevor man zum Arzt geht, geht man zum Beispiel zum Medizinmann, bei dem man aber auch sterben kann, weil er gefährliche Praktiken durchführt". "Das Christentum hat den Kern der haitianischen Kultur, im Sinne der Lebensweise der Menschen, nicht erreicht. Solange wir das nicht erreicht haben, können wir uns an eine Form halten: Die Kirchen in Haiti sind voll, und wenn man sonntags nicht zwei Stunden vor Beginn der Messe kommt, muss man seinen Stuhl von zu Hause mitbringen und auf dem Parkplatz der Kirche bleiben, um an der Messe teilzunehmen. Es ist kein Problem der Zahl der Gläubigen, es ist ein Problem der Glaubensbildung", sagt die Ordensfrau.
"Voodoo und der katholische Glaube verlaufen auf zwei verschiedenen Wegen, aber sie koexistieren in denselben Menschen, die vielleicht glühende Katholiken sind, die mehrere Rosenkränze am Tag beten und dann Voodoo praktizieren, weil sie sagen, dass das zu ihrer Kultur gehört", erklärt Schwester Marcella.
Trotz der gemeinsamen Kultur, so die Ordensfrau, "fällt es den Haitianern schwer, sich als ein einheitliches Volk zu erkennen“. "Ihre Einheit rührt immer daher, dass sie gegen etwas sind", erklärt Schwester Marcella. "Sie haben sich nie zusammengeschlossen, um etwas aufzubauen, sondern um dagegen zu sein. Gegen die Weißen, gegen die Franzosen, jetzt gegen den Premierminister. Die Haitianer kämpfen darum, eine Identität als Volk zu finden, weil sie diese nie hatten".
Schwester Marcella, die sich derzeit nicht in Haiti aufhält, sieht dennoch ein Licht der Hoffnung. "Nach jahrelanger Arbeit haben die Menschen, die mit uns zusammenarbeiten, endlich erkannt, dass wir dazu da sind, etwas aufzubauen. Nach 20 Jahren sind etwa 80 Personen bei uns beschäftigt, Erzieher, Lehrer und Dienstleistungspersonal, die einen Kindergarten, eine Grundschule und ein Heim für 150 Kinder betreiben, von denen 40 behindert sind. Ich bin die erste, der darüber staunt, wie sie sich selbst in der Lage zeigen, auch ohne meine Anwesenheit weiterzumachen“. Erst als ‚der weiße Mann‘ wegging, kam ihre wahre Menschlichkeit zum Vorschein: Sie empfinden diese Arbeit als ihre eigene, sie riskieren ihr Leben, um zur Arbeit zu gehen, weil sie Straßen überqueren müssen, die Schauplatz von Schießereien und Bandenkontrollen sind, die einen erschießen können, nur weil sie Lust dazu haben. Lassen Sie mich nur ein Beispiel nennen: Der Leiter des Wohnheims kann nicht mehr den normalen Weg nehmen, weil die Gangster ihn nicht passieren lassen. Also hat er einen alternativen Weg gefunden, der durch einen Fluss mit Abwässern führt. In seinem Rucksack hat er Ersatzkleidung dabei, so dass er sich, wenn er aus der Kanalisation kommt, mit Meerwasser wäscht (wir sind am Meer), seine Kleidung anzieht und zur Arbeit kommt. Ein Mensch tut das nicht wegen seines Gehalts, sondern weil all diese Kinder, die jetzt in Not sind, von ihm abhängen".
(L.M.) (Fides 20/3/2024)


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