In Brasilien könnten die Wahlen am 4. Oktober die Zukunft des Landes bestimmen

Freitag, 9 Oktober 2026 wahlen   geopolitik   internationale politik   politik  

von Cosimo Graziani

Brasília (Fides) – Der erste Wahlgang der Präsidentschaftswahlen in Brasilien am 4. Oktober hat die Prognosen der Analysten bestätigt. Die beiden Hauptkandidaten – Flavio Bolsonaro von der Liberalen Partei und der amtierende Präsident Lula von der Arbeiterpartei – der erste aus dem rechten, der zweite aus dem linken Lager – werden am 25. Oktober in die Stichwahl gehen.

Im ersten Wahlgang erzielte Bolsonaro 47 % der Stimmen, Lula 45 %, doch der Abstand in Stimmen betrug nur etwas mehr als zwei Millionen. Ein Vorsprung, der im Vorfeld erwartet worden war, allerdings mit vertauschten Rollen, wobei Lula als Favorit galt. Nun hat der entscheidende Wahlkampf für die Stichwahl begonnen – Wochen, in denen die beiden Kandidaten unterschiedliche Ziele verfolgen, um die für den Sieg notwendigen Stimmen zu gewinnen.
Bolsonaro muss die Stimmen der anderen rechten Kandidaten für sich gewinnen, die insgesamt 7 % der Stimmen auf sich vereinigten, während Lula den enormen Anteil der Nichtwähler ansprechen muss, der bei dieser Wahl 21 % der Wahlberechtigten ausmachte – der höchste Wert seit 28 Jahren.

Es wurde nicht nur über den Präsidenten der Republik abgestimmt. Es wurden auch 54 der 81 Sitze im Senat und alle Mitglieder der Abgeordnetenkammer neu besetzt. Gerade diese Wahlen stellen den eigentlichen politischen Wendepunkt des Landes dar. Tatsächlich ging die Liberale Partei in beiden Fällen als stärkste Kraft hervor und errang 29 Sitze im Senat sowie 121 in der Abgeordnetenkammer, während die Arbeiterpartei in der Abgeordnetenkammer mit 88 Sitzen den zweiten Platz belegte und im Senat mit nur neun Sitzen sogar nur den dritten Platz erreichte.

Im zersplitterten politischen Umfeld Brasiliens hat die Stellung als stärkste Partei – insbesondere wenn es sich um die Partei des Präsidenten oder eines Kandidaten handelt, der in die Stichwahl gekommen ist – einen starken Einfluss auf die politische Ausrichtung der Legislaturperiode. In diesem Sinne hat sich das politische Umfeld Brasiliens, unabhängig vom Ergebnis am 25. Oktober, erneut nach rechts verschoben. Natürlich muss berücksichtigt werden, wer Präsident wird, doch angesichts der Ergebnisse haben Analysten zwei Prognosen aufgestellt: Im Falle eines Sieges von Lula eine problematische Legislaturperiode mit einer starken Opposition, die dem Präsidenten ernsthafte Probleme bereiten wird; im Falle eines Sieges von Bolsonaro eine Rückkehr zu einer wirtschaftspolitischen Ausrichtung, wie beispielsweise der Ausbeutung der Ressourcen des Amazonas-Regenwaldes, sowie einen entsprechenden Einfluss auf die zukünftige politische Landschaft Brasiliens.

Ein Aspekt, der sicherlich von den Ergebnissen beeinflusst werden wird, ist die Zusammensetzung des Obersten Bundesgerichts. Der künftige Präsident muss drei neue Richter ernennen, um diejenigen zu ersetzen, deren Amtszeit aufgrund des Erreichens der Altersgrenze abläuft, sowie einen weiteren, um eine freie Stelle zu besetzen. Dies entspricht einem Viertel der elf Mitglieder, aus denen sich das Gericht zusammensetzt. Der Senat hat das Vorrecht, Mitglieder des Gerichts zu entlassen, was den Ausgang der Stichwahl noch entscheidender macht. Im Falle eines Sieges von Lula würde ein System der gegenseitigen Kontrolle entstehen, durch das eine mögliche Entscheidung des Senats durch eine Entscheidung des Präsidenten hinsichtlich der Ernennungen ausgeglichen werden könnte; während bei einem Sieg von Bolsonaro die Möglichkeit besteht, dass der Senat beschließen könnte, einige Mitglieder des Gerichts ihres Amtes zu entheben – der erste Kandidat ist Alexandre de Moraes, der einer der Hauptankläger von Bolsonaros Vater war –, was der Liberalen Partei die Möglichkeit geben würde, das Gericht noch stärker nach ihren politischen Positionen zu gestalten.

Ein weiterer wichtiger Faktor dieser Wahlen ist die internationale Resonanz. Zunächst einmal auf regionaler Ebene, wo ein Sieg von Flavio Bolsonaro ganz Lateinamerika einen endgültigen pro-amerikanischen und pro-Trump-Kurs geben würde, sodass nur noch Mexiko als großes Land übrig bliebe, das noch von einer linken Partei geführt wird. Hinzu kommen die Auswirkungen auf die Weltpolitik: Sollte Brasilien einen neuen Präsidenten bekommen, würden alle Parteien weltweit, die der Liberalen Partei ideologisch nahestehen, einen politischen Schub erhalten, den sie nutzen könnten. Davon würden vor allem die europäischen Parteien profitieren, kurz vor einem für den Kontinent entscheidenden Wahljahr, das mit den vorgezogenen Wahlen in Spanien Ende November beginnt und mit Wahlen in Frankreich, Italien und Polen fortgesetzt wird.

(Fides, 9/10/2026)

von Cosimo Graziani


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