Silsilah
Zamboanga (Fides) – „Es ist nicht leicht, Bilanz über 60 Jahre Missionarsleben zu ziehen. Ich kann nur sagen, was in meinem Herzen ist, was der Herr mich erleben ließ. Ich kann sagen, was das Engagement und der Weg des islamisch-christlichen Dialogs für mich waren und sind: Es bedeutet, gemeinsam im Geist zu wachsen, gemeinsam den Weg zu gehen, der zu Gott führt“, so Pater Sebastiano D’Ambra, ein 84-jähriger Missionar des Päpstlichen Instituts für die Auslandsmissionen (PIME) wenige Wochen nach dem 60jährigen Jubiläum seiner Priesterweihe, das er am 25. Juni 2026 feuerte im Rückblick auf fünfzig Jahre Missionstätigkeit im Süden der Philippinen im Interview mit Fides, in dem er seinen Weg schildert, der ihn zu einem der wichtigsten Zeugen des Dialogs zwischen Christen und Muslimen auf der Insel Mindanao machte, wo er noch immer in der Stadt Zamboanga lebt.
Geboren in Aci Trezza (Sizilien) studierte er im Priesterseminar in Acireale und entschied sich für das Päpstliche Institut für Außenmission (PIME). Er wurde 1966 zum Priester geweiht und arbeitet zunächst im Bereich der missionarischen Öffentlichkeitsarbeit. Doch schon damals, erinnert er sich, hegten er und seine Mitbrüder, Pater Salvatore Carzedda und Pater Antimo Villano, einen Traum: „Es war Anfang der 1970er-Jahre, und wir wollten das beschreiten, was damals, im Klima des Zweiten Vatikanischen Konzils, die ‚neuen Wege der Mission‘ genannt wurden. Wir wollten uns nicht nur auf das Reden über Mission beschränken: Wir wollten sie leben, konkretes Zeugnis ablegen.“
Dieser Traum nahm 1977 Gestalt an, als das PIME sie auf die Philippinen entsandte und ihnen ein besonderes Aufgabenfeld der Mission anvertraute: den interreligiösen Dialog. Pater D'Ambra wurde nach Siocon auf der Insel Mindanao im südlichen Archipel versetzt. Es war eine Zeit, die vom Kriegsrecht des Regimes von Ferdinand Marcos, von bewaffneten Konflikten und der Präsenz muslimischer Rebellengruppen geprägt war: „Als wir ankamen, herrschte Gewalt. Ich versuchte, Gottes Zeichen in dieser Situation zu verstehen“, sagte er gegenüber Fides. Aus diesem Grund beschloss er, Pionierarbeit zu leisten und allein in einem muslimischen Dorf zu leben. Diese Erfahrung sollte sein Verständnis der Mission für immer verändern: „Dort ließ mich der Herr verstehen, was zur zentralen Botschaft meines gesamten Missionarslebens geworden ist: Der Dialog kommt von Gott und führt zu Gott.“
Aus dieser spirituellen Intuition entstand die „Silsilah“-Bewegung, ein arabisches Wort für „Kette“. Eine Kette, die, wie der Missionar erklärt, nicht einfach nur die Verbindung zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen symbolisiert: „Im Allgemeinen versteht man unter Dialog mit Muslimen Zusammenarbeit in bestimmten Bereichen. Für uns ist er etwas viel Tieferes: eine spirituelle Kette, die Christen und Muslime mit Gott vereint. Aus dieser Beziehung erwächst die Geschwisterlichkeit unter uns.“
Der Weg der Bewegung war jedoch nicht ohne Schwierigkeiten, Hindernisse und Prüfungen. 1981 verlor einer seiner philippinischen Mitarbeiter bei einem Anschlag sein Leben. Seine Vorgesetzten baten ihn, Mindanao vorübergehend zu verlassen und nach Rom zurückzukehren. „Es war eine Zeit der Gnade“, erinnert er sich. In der italienischen Hauptstadt besuchte er das PISAI (Päpstliches Institut für Arabische und Islamische Studien) und vertiefte seine Studien des Arabischen und des Islam. „Ich konnte meine Reflexionen über die spirituelle Dimension und die Grundlagen des interreligiösen Dialogs festigen“, bemerkt er.
Die schwerste Prüfung kam jedoch 1992, als Pater Salvatore Carzedda, ein Mitglied der PIME, in Zamboanga City bei einem von islamistischen Extremisten verübten Anschlag ermordet wurde. „Viele meinten, es sei besser, alles aufzugeben und diesen Weg zu verlassen. Doch nach tiefgreifender spiritueller Auseinandersetzung wählten wir ein anderes Wort: ‚Padayon‘, was so viel bedeutet wie ‚Lasst uns vorwärtsgehen‘. Wenn dieses Werk von Gott kommt, wird er es unterstützen.“
Diese Entscheidung markierte einen Wendepunkt. Die „Silsilah“-Bewegung wuchs weiter und brachte neue Initiativen hervor, wie beispielsweise das „Harmony Village“, einen Ort der Bildung, Begegnung und des friedlichen Zusammenlebens von Christen und Muslimen.
Im Laufe der Jahre wurde Pater D’Ambra auch zum Sekretär für interreligiösen Dialog der Bischofskonferenz der Philippinen berufen und trug dazu bei, die während der „Silsilah“-Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse im ganzen Land zu verbreiten. Aus dieser Bewegung ging auch eine spezifisch katholische Gemeinschaft hervor, die Emmaus-Dialogbewegung, die von den philippinischen Bischöfen unterstützt wird und Ordensleute, Laien und Familien zusammenbringt, die sich dazu berufen fühlen, den Dialog als authentische christliche Berufung zu leben.
Die letzte Errungenschaft dieser langen Reise ist das „Emmaus College of Theology“, das vor fünf Jahren eröffnet wurde. Dort absolvieren junge Menschen unterschiedlicher Herkunft ein vierjähriges Theologiestudium mit Schwerpunkt interreligiöser Dialog und erwerben einen staatlich anerkannten akademischen Grad. „Ziel ist es, weiterhin Missionare des Dialogs auszubilden. Es geht nicht nur darum, das Zusammenleben zu lernen, sondern eine Spiritualität des Dialogs umzusetzen“, erklärt er gegenüber Fides.
Heute befinden sich die muslimischen Gemeinden, die sich an der „Silsilah“-Bewegung beteiligen, vorwiegend in den ärmsten Vierteln von Zamboanga, und die Mission hat sich auch auf die Insel Basilan ausgedehnt. Viele Ordensleute und Gläubige, die „Silsilah“ kennenlernen und regelmäßig besuchen, tragen diesen Geist in die Diözesen der Philippinen und auch in andere Teile der Welt.
In seinem Rückblick auf 60 Jahre Priesteramt und 50 Jahre Mission in den Philippinen konzentriert sich Pater D'Ambra nicht auf die erreichten Ergebnisse, sondern auf Gottes treue Begleitung: „Ich danke dem Herrn, denn er hat mich immer geführt. Ich habe gelernt, dass wir in allem, was wir tun, von ihm geleitet werden. Alles, was wir sind und tun, ist ein Zeichen der Hoffnung für das Evangelium, ein Werk, seine Liebe zu verkünden.“
Demütig stellt er fest, dass die in diesen Jahrzehnten geleistete Arbeit „dazu beigetragen hat, eine spirituelle Ausrichtung auf den Dialog in den Philippinen zu etablieren“, doch vor allem möchte er einen zentralen Punkt klarstellen: „Ein Bischof sagte mir einmal: In Mindanao ist der Dialog notwendig, weil es dort Christen und Muslime gibt; in meiner Diözese hingegen ist er nutzlos, weil wir keine Muslime haben. Ich glaube, das ist der falsche Ansatz. Dialog ist keine Strategie, kein Instrument zur Gestaltung der Beziehungen zu anderen Religionen. Er bedeutet, gemeinsam im Geist zu wachsen, gemeinsam den Weg zu gehen, der zu Gott führt. Daraus entstehen Geschwisterlichkeit und friedliches Zusammenleben.“
Dies, sagt er, sei das Vermächtnis, das er an zukünftige Generationen weitergeben wolle, während sich andere darauf vorbereiten, die Bewegung anzuführen. „Ich lege dieses ganze Werk in Gottes Hände, denn es ist sein Plan. Vor Jahren schrieb ich ein Buch mit dem Titel ‚A Call to a Dream ‘, den Traum vom friedlichen Zusammenleben; und wir veröffentlichten die Sammlung ‚Dreaming together‘. Ich hoffe, dass wir mit Gottes Gnade weiterhin gemeinsam träumen können.“
(PA) (Fides 11/7/2026)