Johannes Paul I.: Die Aktualität seiner missionarischen Lehre in den sechs „volumus“ seines Pontifikats

Dienstag, 25 August 2026

Von Marie-Lucile Kubacki

Vatikanstadt (Fides) – Am 26. August 1978 wurde Albino Luciani zum Papst gewählt und nahm den Namen Johannes Paul I. an. Sein Pontifikat sollte nur 34 Tage dauern, doch bereits in seiner Radioansprache „Urbi et Orbi“ vom 27. August, einer programmatischen Ansprache, die einen Tag nach seiner Wahl ausgestrahlt wurde, umriss der neue Papst die programmatischen Leitlinien seines Pontifikats. Eine Priorität der kirchlichen Sendung ist die Evangelisierung: „Wir möchten die gesamte Kirche daran erinnern, dass ihre erste Pflicht die Evangelisierung bleibt“, erklärte der Papst und bezog sich dabei ausdrücklich auf das Apostolische Schreiben „Evangelii nuntiandi“ von Paul VI. Die Kirche, fügte er hinzu, „vom Glauben beseelt, vom Wort Gottes genährt und von der himmlischen Nahrung der Eucharistie gestärkt“, müsse „alle Wege suchen, alle Mittel ausschöpfen, um das Wort zu säen, die Botschaft zu verkünden, das Heil zu verkünden“.
In seiner Radioansprache bekundete Johannes Paul I. seinen Wunsch, das Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils und das Vermächtnis seiner Vorgänger fortzuführen und gliederte sein Programm in sechs „volumus“ („Wir wollen“): das Konzil umsetzen; die „große Disziplin“ der Kirche bewahren; die Evangelisierung an die erste Stelle setzen; das ökumenische Engagement fortsetzen; einen friedlichen und konstruktiven Dialog pflegen; alles fördern, was „den Frieden in der unruhigen Welt schützen und stärken“ kann. In der Radiobotschaft wies der Papst zusammen mit den anderen „volumus“-Punkten auf eine Kirche hin, die dazu berufen ist, „das Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils ununterbrochen weiterzuführen“.
Eine tief in der Tradition der Kirche verwurzelte und daher sehr aktuelle Betrachtung. Tatsächlich hatte er bereits in seiner Priesterausbildung jene Vision verinnerlicht, die den Kirchenvätern des ersten Jahrtausends so wichtig war: das „Mysterium lunae“ – eine Kirche, die nicht mit ihrem eigenen Licht, sondern mit dem Licht Christi leuchtet; die nicht den Kirchenmännern, sondern Christus gehört. „Fulget Ecclesia non suo sed Christi lumine“ (Die Kirche leuchtet nicht mit ihrem eigenen Licht, sondern mit dem Christi), ein Zitat, das er, wie Paul VI., von Ambrosius übernommen hatte. „Ein Bild des kirchlichen Wesens und des ihr angemessenen Handelns, das die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils maßgeblich geprägt und sich in der pastoralen Arbeit Albino Lucianis, lange vor seiner Berufung zum Bischof, als entscheidend und fruchtbar erwiesen hatte“, schreibt Stefania Falasca, Expertin für Johannes Paul I., Postulatorin des Seligsprechungsprozesses und Vizepräsidentin der Johannes-Paul-I.-Vatikan-Stiftung, in einem Artikel, der am 25. August im „L’Osservatore Romano“ erschien.
Die zentrale Bedeutung der Mission hatte bereits sein Wirken als Bischof von Vittorio Veneto und Patriarch von Venedig geprägt, wie auch in einem 2009 veröffentlichten Aufsatz von Professor Roberto Morozzo della Rocca mit dem Titel „Der missionarische Horizont von Albino Luciani“ hervorgehoben wurde.
Für den Papst ist die Verkündigung nicht allein Spezialisten oder kirchlichen Strukturen anvertraut. Johannes Paul I. spricht von „allen Kindern der Kirche“, die berufen sind, „unermüdliche Missionare des Evangeliums“ zu sein, damit es in einer Welt, die „nach Liebe und Wahrheit dürstet“, „eine neue Blüte der Heiligkeit und Erneuerung“ geben kann. Der Papst fordert die Gläubigen auf, sich weder „dem Geschmack und den Gebräuchen der Welt“ noch „dem oberflächlichen Beifall“ anzupassen, sondern bereit zu sein, Rechenschaft über die Hoffnung in ihnen abzulegen. Die Kirche, so fährt er fort, sei berufen, der Welt jene „Ergänzung der Seele“ anzubieten, die sie brauche, in einer Zeit, in der der technische Fortschritt die Erde in eine Wüste, den Menschen in einen Automaten und das brüderliche Zusammenleben in eine geplante Kollektivierung zu verwandeln drohe. An die Missionare gewandt, grüßt er „die gesamte missionarische Kirche“ und die Männer und Frauen, die „an den Außenposten der Evangelisierung“ wirken.
Einen Monat später, am 28. September 1978, präzisierte er in seiner Ansprache an eine Gruppe philippinischer Bischöfe anlässlich ihres „Ad-limina“-Besuchs seine Gedanken. „Unter den Rechten der Gläubigen ist eines der wichtigsten das Recht, das Wort Gottes in seiner ganzen Unversehrtheit und Reinheit, mit all seinen Forderungen und seiner Kraft zu empfangen“, sagte er. Den Getauften müsse das Wort Gottes „in seiner ganzen Unversehrtheit und Reinheit“ angeboten werden. Der Papst betonte, dass „eine große Herausforderung unserer Zeit die vollständige Evangelisierung aller Getauften ist“. Evangelisierung, so der Papst weiter, beinhalte die explizite Verkündigung des Namens Jesu, seiner Identität, seiner Lehre, seines Reiches und seiner Verheißungen; darunter sei „seine wichtigste Verheißung das ewige Leben“. Er erkannte die „große Berufung der Philippinen“ an, „das Licht Christi im Fernen Osten“ zu sein, berufen, den Völkern Asiens „seine Wahrheit, seine Liebe, seine Gerechtigkeit und sein Heil durch Wort und Beispiel“ zu verkünden.
Bereits nach seiner Reise nach Burundi 1966 hatte Luciani eine klare Sicht auf die Begegnung von Evangelium und Kulturen aufgezeigt. Er erkannte den entscheidenden Wert des einheimischen Klerus, der berufen ist, Kirchen zu leiten, die in der Sprache, Geschichte und Mentalität ihrer Völker verwurzelt sind, und ermahnte die Missionare, demütig in seinem Dienst zu wirken. Ideologische Gegensätze zwischen „ausländischen“ Missionaren und einheimischen Kirchen lehnte er jedoch ab: „Es gibt Arbeit für alle“, schrieb er und erinnerte an den paulinischen Grundsatz: „Dummodo Christus annuntietur“, vorausgesetzt, dass Christus verkündet wird.
In seiner Ansprache an die philippinischen Bischöfe bezeichnete er „Radio Veritas“ erneut als „ein privilegiertes Instrument“, um gemeinsam mit der gesamten Kirche zu verkünden, „dass Jesus Christus der Sohn Gottes und der Erlöser der Welt ist“. Papst Johannes Paul I. legte in der Tat großen Wert auf die Entwicklung der Kommunikationsmittel. In seiner Ansprache an Vertreter der internationalen Presse am 1. September 1978 versprach er eine „offene, ehrliche und effektive“ Zusammenarbeit mit den Medien. Er bat die Journalisten, die Kirche zunächst „in Liebe zur Wahrheit und Achtung der Menschenwürde“ darzustellen und dann „gelegentlich über unseren bescheidenen Dienst zu berichten“, „„mit Liebe zur Wahrheit und unter Achtung der Menschenwürde, denn darin liegt das Ziel jeder sozialen Kommunikation“.
Am 4. September 1978 erklärte er in einer Ansprache an die Sonderdelegationen, die anlässlich des Beginns seines Pontifikats nach Rom gekommen waren: „Wir werden uns bemühen, diesen Dienst in einfacher, klarer und verständlicher Sprache zu verrichten.“ Die Kirche, so erinnerte er die philippinischen Bischöfe, sei unumstößlich der Linderung von Armut und materieller Not verpflichtet; ihre Seelsorge bliebe jedoch unvollständig, wenn sie nicht auch die „höheren Bedürfnisse“ der Menschheit berücksichtigte.
In der Biografie „Io sono la polvere” (Eine Biographie anhand von Dokumenten) zeigt der Lebensweg Johannes Pauls I. auch, wie er sich bereits als Patriarch von Venedig mit dem Verhältnis von Evangelisierung und menschlicher Entwicklung auseinandergesetzt und den Vorrang der christlichen Botschaft hervorgehoben hatte, ohne sie von der Verantwortung für die konkreten Bedürfnisse der Menschen zu trennen.
Im „Osservatore Romano“ erinnert Stefania Falasca daran, dass Johannes Paul I. wiederholte, der Papst und der Heilige Stuhl besäßen keine „Wunderlösungen für die großen Probleme der Welt“, könnten aber „doch etwas sehr Wertvolles anbieten: einen Geist, der hilft, diese Probleme zu lösen und sie in ihrer wesentlichen Dimension zu erfassen, nämlich der Offenheit für die Werte der universalen Nächstenliebe“. Für Johannes Paul I. war die Unterstützung des Aufbaus eines möglichen Friedens, der untrennbar mit der eigentlichen Sendung der Kirche verbunden ist, das Leitprinzip seines gesamten, kurzen Pontifikats.
Die Neuinterpretation der sechs „volumus“-Aussagen und ihrer Bedeutung steht im Mittelpunkt einer internationalen Konferenz „Johannes Paul I.: Iustitia et Pax. Schutz und Förderung des Friedens in dieser unruhigen Welt“, die am 13. Oktober 2026 an der Päpstlichen Universität Gregoriana stattfindet.
Die Stiftung, die zur Bewahrung und Förderung des dokumentarischen Erbes von Johannes Paul I. gegründet wurde, dient heute als internationale Anlaufstelle für Studien und Forschungen, die sich mit den Quellen zu seinem Lehramt und seinem kirchlichen Wirken auseinandersetzen. Die heute zugänglichen Archivquellen, das Ergebnis umfassender, über ein Jahrzehnt für das Seligsprechungsverfahren für Albino Luciani-Johannes Paul I. geförderter und seit 2020 von der Johannes-Paul-I.-Vatikan-Stiftung gesammelter Forschung, „haben ein neues Kapitel in der Geschichtsschreibung aufgeschlagen“, schreibt Stefania Falasca im „Osservatore Romano“. Sie ermöglichen es, so Falasca weiter, „die Entstehung eines Projekts päpstlicher Leitung“ zu beleuchten und die Lehren und das Andenken an Johannes Paul I. präziser zu vermitteln. „Durch die von der Stiftung in Zusammenarbeit mit der Päpstlichen Universität Gregoriana geförderten Studientage, die den Quellen des Lehramtes von Johannes Paul I. gewidmet sind, hat die Stiftung ihre wissenschaftliche Tätigkeit fortgesetzt und sich dabei insbesondere auf die sechs „volumus“ des päpstlichen Programms von Papst Johannes Paul I. konzentriert. Jedem dieser „volumus“ ist im Laufe der Jahre eine Studientagung gewidmet“, erklärt die Vizepräsidentin der Stiftung.
An der von der Johannes-Paul-I.-Vatikan-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Päpstlichen Universität Gregoriana und dem Päpstlichen Komitee für Geschichtswissenschaften veranstaltet Tagung wird auch Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, Präsidenten der Stiftung, teilnehmen. „Die Erforschung des Pontifikats von Papst Luciani als entscheidenden Schritt in der Ausübung des Petrusamtes mit weitreichenden Folgen für das Leben der Kirche trägt nicht nur dazu bei, das Bild Johannes Pauls I. vollständig zu rekonstruieren, sondern auch die Herausforderungen zu verstehen, denen sich die Kirche stellen musste und muss“, betont Stefania Falasca und weist damit auf die Perspektive hin, aus der das Vermächtnis des venezianischen Papstes neu interpretiert werden kann.
(Fides 25/8/2026)


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