Kuching (Agenzia Fides) – Simon Peter Poh Hoon Seng, Erzbischof von Kuching in Ostmalaysia, zählt zu den einflussreichsten und meistgehörten Stimmen in den Kirchen Asiens, wenn es um Mission, Inkulturation und interreligiösen Dialog geht.
Er ist aufgewachsen in einer buddhistisch-taoistischen Familie und als Teenager durch seine Erfahrungen an einer Missionsschule zum Katholizismus konvertiert und lebte über zwanzig Jahren lang in engen Kontakt mit den indigenen Gemeinschaften Borneos, deren Sprachen er spricht. Als Präsident des Büros für Evangelisierung der Föderation Asiatischer Bischofskonferenzen (FABC) setzt er sich heute für eine kontinentale Vision der Mission ein, die lokale Kulturen bewahrt, „andere Religionen“ wertschätzt und die Botschaft des Evangeliums in den alltäglichen Beziehungen „zuflüstert“.
Erzbischof Simon Poh, Ihre Erzdiözese Kuching liegt im Herzen des „indigenen Malaysia“. Was sind die spezifischen Merkmale dieser kirchlichen Realität?
Malaysia weist zwei deutlich unterschiedliche regionale Realitäten auf. Der eine Teil liegt auf der hochentwickelten und überwiegend muslimischen Festlandhalbinsel mit Großstädten wie Kuala Lumpur, Penang und Johor Bahru. Jenseits des Südchinesischen Meeres, auf der Insel Borneo, erstrecken sich die dünn besiedelten Regionen Sabah und Sarawak. Im Bundesstaat Sarawak, wo ich lebe, ist die Hälfte der Bevölkerung indigener Abstammung, und die Mehrheit ist christlich. In der Erzdiözese Kuching, in der ich tätig war, gibt es zwölf Pfarreien, sieben davon in ländlichen Gebieten, und fast 300 Dorfgemeinden mit katholischen Kapellen. Priester können die Dörfer nur einmal im Monat besuchen und die Messe feiern, während die geistlichen und seelsorgerischen Aufgaben in ihren jeweiligen Dörfern von lokalen Gebetsleitern übernommen werden. Es handelt sich um lebendige christliche Dorfgemeinschaften, die jedoch aufgrund der Globalisierung mit der Landflucht in die Großstädte konfrontiert sind, wobie die älteren Menschen in den Dörfern zurückbleiben.
Sie betonen die Bedeutung von Inkulturation. Wie genau schützten die Missionare die lokalen Kulturen?
Anders als oft angenommen, zerstörten die Mill-Hill-Missionare aus Großbritannien, die nach Sarawak kamen, nicht die lokale Kultur. In meiner Zeit als junger Priester in den 1980er-Jahren hatte ich das Privileg, mit den letzten älteren Missionaren zusammenzuarbeiten. Ich lernte ihren missionarischen Ansatz sehr zu schätzen: Sie lernten Sprachen, studierten die Landwirtschaft und die Rituale. Gebetbücher für die Sonntagsliturgie und Segenssprüche wurden nach und nach in den lokalen Sprachen verfasst. Indem sie die Bibel, Gebete und liturgische Texte in die einheimischen Sprachen übersetzten, insbesondere in die drei Bidayuh-Dialekte, die Iban-Sprache und viele andere lokale Sprachen, gaben sie diesen Menschen die Möglichkeit, ihren Glauben in ihrer eigenen Sprache zu feiern. Sprache ist die Seele eines Volkes: Indem sie sie in den Mittelpunkt der Liturgie stellten, trugen sie dazu bei, die Identität der Gemeinschaften zu bewahren. Sie integrierten auch Elemente des traditionellen Lebens: Gebete vor der Feldarbeit, vor der Aussaat, für Regen, für die Ernte, die Segnung von Werkzeugen und neuem Saatgut, Gebete beim Hausbau. Ohne den Begriff „Inkulturation“ zu verwenden, praktizierten sie diese bereits. So hat der Glaube die Kultur nicht ausgelöscht, sondern sie vielmehr bereichert, indem er Gastfreundschaft, ein Bewusstsein für das Heilige und die zentrale Bedeutung der Familie hervorhob. Und die Kultur verlieh dem katholischen Glauben als Teil des täglichen Lebens einen lokalen Ausdruck.
Sie haben sich aktiv an Audio-Bibelprojekten beteiligt. Erzählen Sie uns davon…
Diese indigenen Gemeinschaften pflegen eine starke mündliche Tradition mit zahlreichen Geschichten und Bräuchen, die überliefert werden. Viele Ältere, heute in ihren Sechzigern oder Siebzigern, haben nie richtig lesen gelernt. Und genau diese Großeltern sind es, die zum Katholizismus konvertiert sind und den Glauben an ihre Enkelkinder weitergegeben haben und sie nehmen seit Jahrzehnten an den sonntäglichen Gottesdiensten teil und hören Woche für Woche das Evangelium. Uns wurde bewusst, dass das Wort Gottes, solange es nur in schriftlicher Form in der Bibel vorliegt, sie nicht wirklich erreicht. Deshalb haben wir das Projekt „Audiobibel“ ins Leben gerufen und arbeiten mit verschiedenen christlichen Gruppen (wie beispielsweise „Faith Comes By Hearing Inc.“ in den USA) zusammen, um die Heilige Schrift, insbesondere die Evangelien, aufzunehmen und als Hörbuch zugänglich zu machen.
Audiobibeln in den Bidayuh- und Iban-Dialekten ermöglichen es diesen älteren Gläubigen nun, die Heilige Schrift in ihrer „Herzenssprache“, d.h. in der im Dorf gesprochenen Muttersprache, mit vertrauten Bildern, Rhythmen und Betonungen zu hören. Diese neue Perspektive verändert alles: Die Bibel ist nicht länger ein ferner Text, der nur sonntags in der Kirche gehört wird. Das Evangelium wird zu einer Stimme, die aus ihrer eigenen Kultur spricht, sodass sie bekräftigen können: „Jetzt kenne ich meinen Gott. Jesus spricht zu mir in der Sprache meines Herzens.“
Es ist ein Projekt, an dem meine Priester und ich persönlich beteiligt waren, sowohl bei der Übersetzung als auch bei den Aufnahmen. Wir arbeiteten mit bestehenden biblischen Texten und mussten dabei dem Wort treu bleiben und gleichzeitig den Erzählstil der indigenen Völker respektieren. Daher war es notwendig, glaubwürdige Stimmen aus den Gemeinden selbst zu finden, die diese Texte vorlesen konnten: bekannte und vertrauenswürdige Stimmen. Wenn die Ältesten das Wort Gottes von jemandem aus ihrem Dorf in ihrem eigenen Dialekt verkündet hören, sind sie tief bewegt und erkennen, dass Jesus unter ihnen lebt.
Wie kommt es dazu?
Hier sehen wir ein sehr fruchtbares Zusammenwirken von Exegese, Katechese und seelsorgerlicher Zugänglichkeit. Dies ist keine Notlösung für Analphabeten; im Gegenteil, es ist ein äußerst wirksamer Weg, den Reichtum der Heiligen Schrift in Kontexten zu vermitteln, die von mündlicher Weitergabe, Entchristlichung oder Analphabetismus geprägt sind. Bibelgruppen können sich um ein Audiogerät oder ein Telefon versammeln, eine Passage anhören, eine Pause der Stille einlegen und sich dann spontan über das Gehörte austauschen. Für viele eröffnet das Hören des Wortes in ihrer Muttersprache ein tieferes Verständnis und Gebet als ein Text in einer anderen Sprache wie Englisch oder Malaiisch. Gleichzeitig schützen diese Audiobibeln die Sprache und tragen zur Weitergabe und Bewahrung der Kultur bei. Jedes Mal, wenn die Gemeinde zum Gebet mit der Audiobibel zusammenkommt, erweckt sie ihre Sprache zum Leben; es zeigt jungen Menschen, dass sie es verdient, gesprochen zu werden und dass sie das Wort Gottes vermitteln kann. In einer Zeit, in der Kinder und Enkelkinder leicht auf als „nützlicher“ geltende Sprachen wie Englisch, Malaiisch oder Mandarin umsteigen, ist dies eine sehr starke Botschaft: Die indigene Sprache eignet sich nicht nur für informelle Gespräche, sondern vermag auch Glauben, Theologie und liturgische Gebete auszudrücken. Dies stärkt die Identität und Würde indigener Völker. Wir sind heute dankbar für die Weitsicht der ersten Missionare, die bereits erkannten, dass das Evangelium nur dann wirklich Wurzeln schlagen kann, wenn es die Sprache und Kultur der Völker einbezieht.
Diese Hinwendung zu Land und Kultur findet auch in einem von „Laudato si'“ inspirierten Projekt Ausdruck. Worum geht es dabei?
In indigenen Kulturen sind Land und Identität eng miteinander verbunden. Die Globalisierung treibt jedoch junge Menschen, die zunächst in Missionsschulen und später in staatlichen Schulen ausgebildet wurden, dazu, ihre Dörfer zu verlassen und in den Städten Arbeit zu suchen. Nur ihre Großeltern, die Bauern mit umfassendem Wissen über das Land, bleiben in den Dörfern zurück: Sie wissen, wo es Nahrung gibt, welche Pflanzen Heilwirkung haben, wie man die Jahreszeiten deutet und leben von ihren Ernten. Doch ihre Enkelkinder, die in der Stadt geboren wurden, kennen das Land ihrer Vorfahren nicht mehr.
Deshalb haben wir, inspiriert von der Enzyklika „Enzyklika Laudato si'“ von Papst Franziskus, ein Resilienzprojekt ins Leben gerufen. Ziel ist es, diese jungen Menschen zurück ins Dorf zu bringen, damit sie das Land ihrer Großeltern wieder berühren und sich mit ihm verbinden können: Sie verbringen einige Tage im Dorf, pflanzen Obstbäume, teilen den Alltag und lauschen den Geschichten der Älteren. Das Ziel ist zweifach: das Wissen über das Land weiterzugeben, bevor es verloren geht, und zu verhindern, dass das Land von Generationen verkauft wird, die in die Stadt gezogen sind und keine Verbindung mehr zu ihrem angestammten Land haben. Wenn das Land eines Dorfes verschwindet, zerfällt die Gemeinschaft, die Kultur bricht zusammen und mit ihr die örtliche Kirche. Wir hoffen, dass junge Menschen dank dieser Wiederanbindung dazu zurückkehren, das Land mit modernen Werkzeugen und neuen Anbaumethoden zu bewirtschaften und zu nutzen.
Ihre persönliche Geschichte ist von dieser Begegnung zwischen Kulturen und Glauben geprägt. Wie sind Sie zur Taufe gekommen?
Ich stamme aus einer buddhistisch-taoistischen Familie. Meine Eltern besuchten Missionsschulen, und ich auch, bei den irischen Brüdern. Dort hörte ich als Kind zum ersten Mal von einem „Himmlischen Vater“, den wir nicht sehen, der uns aber liebt. Ich erinnere mich an das Bild eines kleinen Jungen, der einen Hang hinunterging und nach einem Schaf suchte: Dieses Bild begleitete mich jahrelang, bis ich verstand, dass es Jesus, der Gute Hirte, war, der nach dem verlorenen Schaf suchte.
Man könnte sagen, dass mir das Evangelium auch eher „zugeflüstert“ als laut verkündet wurde. Es geschah durch die Teilnahme am Katechismusunterricht (obwohl ich nicht katholisch bin), das Zeugnis und die Fürsorge der Lehrer und das Leben der Schulgemeinschaft unter der Leitung der Brüder der christlichen Schulen (La-Salle-Brüder). Nach und nach wuchs der Same, der mit sieben Jahren in mein Herz gepflanzt worden war. Mit sechzehn bat ich mit dem Segen meiner Eltern um die Taufe. Auch meine Mutter war durch eine Kollegin zum Glauben gekommen, die ihren Glauben in alltäglichen Freundschaften gelebt hatte: Sie hatte ihr die Gute Nachricht ebenfalls „zugeflüstert“. So wurde unsere ganze Familie im selben Jahr, 1979, getauft. Diese Erfahrung hat mich sehr sensibel für eine Form der Mission gemacht, die durch Nähe, Bildung, die Qualität von Beziehungen, Freundschaft und diskretes Zeugnis wirkt, nicht durch große Reden.
In der Arbeit und den Botschaften der FABC haben Sie eindrückliche Ausdrücke wie „benachbarten Religionen“ und „das Evangelium zuflüstern“ verwendet. Was meinen Sie mit diesen Ausdrücken?
In Asien, wo es viele Glaubensrichtungen und Religionen gibt, sprach man üblicherweise von „anderen Religionen“ oder „nichtchristlichen Religionen“. Doch in Malaysia, wo ich unter hinduistischen, buddhistischen, muslimischen, sikhischen und taoistischen Nachbarn lebte, machte ich andere Erfahrungen. Ich erinnere mich, dass meine Mutter als Kind unserem indischen Nachbarn die Hausschlüssel übergab, wenn wir ins Dorf zurückkehrten. Nach der Schule besuchten wir uns gegenseitig und halfen einander.
Aus dieser Erfahrung entstand anlässlich des 50jährigen Jubiläums der FABC-Generalkonferenz der Ausdruck „benachbarte Religionen“. Dies verändert unsere Sicht auf Religionen und eröffnet die Möglichkeit des Dialogs durch Freundschaft. Daraus ergibt sich auch eine neue Art, Jesus zu verkünden: nicht durch Aufzwingen oder Argumentieren, sondern indem wir das Evangelium im persönlichen Gespräch, in authentischen Beziehungen, weitergeben.
Wenn ein Kollege oder Freund leidet, ist es bereits ein Akt der Nächstenliebe, einfach da zu sein und zu sagen: „Ich werde für dich zu Jesus beten.“ So wurde meinen Eltern und mir das Evangelium „zugeflüstert“. Da ich in Asien lebe, wo Christen eine Minderheit sind, glaube ich, dass Christen auf diese Weise „die Geschichte Jesu in Asien erzählen“ können. Wir bemühen uns aufrichtig, gute Nachbarn zu sein, in Freundschaft, im Respekt vor Kulturen und Glaubensrichtungen, im Dialog und in enger Verbundenheit, aufmerksam für Bedürfnisse und im Dienst an der Gesellschaft. Ich glaube, dass diese asiatische Erfahrung mit ihren „benachbarten Religionen“ und dem „Zuflüstern des Evangeliums“ einen wichtigen Beitrag zur Mission der weltweiten Kirche leisten kann.
(Fides 12/6/2026)