EUROPA/SPAGNA - Leiter der Caritasstelle der DiözeseTeneriffa zur Migration: “Wir dürfen uns nicht an das Leid gewöhnen”

Freitag, 29 Mai 2026

Santa Cruz de Tenerife (Fides) – Der bevorstehende Besuch des Heiligen Vaters auf den Kanarischen Inseln am 11. und 12. Juni steht im Zeichen der Migration über den Atlantik. Diese zählt zu den gefährlichsten und tödlichsten Routen der Welt und führt Tausende von Menschen nach Überfahrten, die von Leid und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft geprägt sind, auf die Kanarischen Inseln. Laut den aktuellsten Daten erreichten im Jahr 2024 rund 24.000 Menschen die Kanarischen Inseln, während seit 2020 über 19.000 auf dieser Route ihr Leben verloren haben.
Fides interviewte Juan Pedro Rivero González, Leiter der Caritasstelle der Diözese Teneriffa, Professor für Theologie und Kirchengeschichte sowie Pfarrer im Bistum Santa Cruz de Tenerife, der sagt, die Realität der Migration stelle „das kollektive Gewissen zutiefst auf die Probe“ und zwinge dazu, sich nicht an das Leid zu gewöhnen oder das menschliche Drama auf Zahlen oder politische Debatten zu reduzieren. Durch Caritas und Pfarrgemeinden, so betont er, versucht die Kirche, in einem Land, das historisch gesehen auch Auswanderung erlebt hat, mit Nähe, Akzeptanz und Schutz der Menschenwürde zu antworten.

Die Realität der Migration ist auf den Inseln besonders deutlich sichtbar, und die Atlantikroute gehört mit über 19.000 Todesfällen seit 2020 zu den tödlichsten der Welt. Welche Herausforderungen birgt diese Situation?

Die Migration, die wir auf den Kanarischen Inseln erleben, stellt eine der größten menschlichen und moralischen Herausforderungen unserer Zeit dar. Hinter jeder Zahl verbirgt sich ein Gesicht, eine Geschichte, eine Familie und in vielen Fällen immenses Leid, geprägt von Armut, Gewalt, Perspektivlosigkeit und Verzweiflung. Die Atlantikroute ist zu einer Front des Schmerzes und des Todes geworden, die unser kollektives Gewissen zutiefst herausfordert.
Aus menschlicher Sicht besteht die größte Herausforderung darin, sich nicht an das Leid zu gewöhnen. Es besteht die Gefahr, Tragödien zu normalisieren, ankommende Menschen und Schiffbrüche zu bloßen Randnotizen zu degradieren. Doch kein Mensch darf als Mensch als illegal betrachtet oder auf ein statistisches Problem reduziert werden. Wir sprechen von Menschen mit Würde, die nach einer besseren Zukunft suchen. Und aus kirchlicher Sicht stellt uns diese Realität als Gläubige vor eine tiefgreifende Herausforderung. Das Evangelium erinnert uns immer wieder daran, dass Christus selbst im Fremden, im Armen und im Schutzlosen gegenwärtig ist.

Könnten Sie uns einen allgemeinen Überblick über die historische und aktuelle Migrationssituation auf Teneriffa geben?

Die Kanarischen Inseln waren historisch gesehen ein Auswanderungsland und jahrzehntelang auch ein Land der Aufnahme. Unser kollektives Gedächtnis ist geprägt von Generationen von Kanariern, die auf der Suche nach besseren Chancen in Amerika oder anderswohin auswandern mussten. Diese historische Erfahrung sollte uns heute helfen, Migration mit mehr Sensibilität und Menschlichkeit zu begegnen.

Welchen Menschen begegnet man am häufigsten bei der Aufnahme von Migranten?
Derzeit erreichen Menschen unterschiedlichster Herkunft unsere Inseln. Darunter sind Familien aus Lateinamerika, insbesondere aus Venezuela, Kuba und Kolumbien; junge Menschen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara; Menschen aus der Sahelzone; marokkanische Familien; unbegleitete Minderjährige sowie Migranten, die vor bewaffneten Konflikten oder extremen Gefahren fliehen. Oftmals haben sie besonders dramatische Überfahrten hinter sich, die erhebliche physische und psychische Folgen mit sich bringen.

Wie erlebt und gestaltet die örtliche Kirche die Aufnahme, und welche Art von Unterstützung wird angeboten, einschließlich geistlicher Begleitung?

Die örtliche Kirche möchte Nähe und umfassende Begleitung anbieten. Oft begegnen wir Menschen muslimischen oder anderen Glaubens, was tiefen Respekt und Dialogbereitschaft erfordert. Die Kirche fragt nicht in erster Linie nach der Religionszugehörigkeit der Betroffenen, sondern nach ihren Bedürfnissen und ihrer Würde.
Eine stille, aber unschätzbare Arbeit wird durch Pfarreien, Ordensgemeinschaften, die Diözesanstelle der Caritas und zahlreiche Freiwillige geleistet. Die Mitarbeitenden der kirchlichen Einrichtungen, die sich dieser Situation annehmen, werden Gelegenheit haben, Papst Leo XIV. auf der Plaza del Cristo in La Laguna zu begegnen.

Was haben Sie persönlich durch den Kontakt mit Migranten in Ihrer kirchlichen Tätigkeit gelernt?

Es gibt andere Priester, die direkteren Kontakt zu Migranten aus Afrika haben. Wir alle pflegen jedoch eine Beziehung zu Migranten aus Lateinamerika, die unsere christlichen Gemeinden bereichert haben. Der Kontakt mit Migranten hat mir vor allem den Wert der Hoffnung und der Menschenwürde gelehrt, selbst inmitten von Leid. Viele dieser Menschen kommen nach extrem schwierigen Erfahrungen an und bewahren sich trotz allem eine große Kampfkraft, Dankbarkeit und Zuversicht für die Zukunft.

Was kann die christliche Gemeinschaft von Migranten lernen?

Die christliche Gemeinschaft kann viel von ihnen lernen: Resilienz, Opferbereitschaft, den Wert der Familie und in vielen Fällen sogar einen einfachen und tiefen Glauben. Arme und Migranten sind nicht nur Empfänger von Hilfe; sie verkünden auch durch ihr Zeugnis das Evangelium.
Die Realität der Migration lässt sich nicht allein mit Notfällen oder Grenzkontrollen erfassen. Papst Franziskus hat wiederholt betont, wie wichtig es ist, die Ursachen anzugehen, die Millionen von Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat zwingen: Armut, Gewalt, Ausbeutung von Ressourcen, Krieg oder fehlende Perspektiven. In diesem Sinne sprach er auch vom „Recht, nicht auszuwandern“, also vom Recht jedes Menschen, in Würde, Sicherheit und Hoffnung im eigenen Land zu leben, ohne zur Auswanderung gezwungen zu werden.
Wahre Hilfe bedeutet nicht nur, Menschen willkommen zu heißen, sondern auch dazu beizutragen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass niemand mehr sein Leben auf See riskieren muss, um eine bessere Zukunft zu finden. In diesem Sinne hat die Stiftung „El Buen Samaritano“ der Pfarrei Añaza in Santa Cruz de Tenerife mit dem Bau eines Hotels im Senegal begonnen, um jungen Menschen ohne Zukunftsperspektive Arbeitsplätze vor Ort zu bieten. Ich betrachte dieses Projekt als einen Paradigmenwechsel im Kampf gegen die Auswanderung.

Sie sind nicht nur Leiter der Caritasstelle, sondern auch Dozent und Pfarrer und verfügen daher über einen umfassenden Blick auf die gesellschaftliche Realität. Welchen Beitrag kann die Kirche Ihrer Ansicht nach zur gesellschaftlichen und politischen Debatte über Migration leisten?

Die Kirche kann eine zutiefst menschliche und ethische Perspektive bieten. Es ist nicht die Aufgabe der Kirche, konkrete technische oder politische Lösungen zu liefern, sondern stets die zentrale Bedeutung der Menschenwürde und die Notwendigkeit des Aufbaus einer auf Geschwisterlichkeit und nicht auf Ablehnung gegründeten Gesellschaft zu betonen.

Welche Rolle sollten öffentliche Institutionen und die Zivilgesellschaft spielen? Findet eine ausreichende Zusammenarbeit statt?

Manchmal polarisiert sich die öffentliche Debatte übermäßig, und es besteht die Gefahr, dass das Phänomen Migration für ideologische oder wahlpolitische Zwecke instrumentalisiert wird. Die Kirche ist aufgerufen, daran zu erinnern, dass hinter jeder politischen Maßnahme echte Menschen stehen. Keine Institution kann einer so komplexen Realität allein begegnen. Deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen Verwaltungen, sozialen Organisationen, Religionsgemeinschaften und Bürgern unerlässlich.
Auf den Kanarischen Inseln gibt es viele positive Beispiele für Kooperation, obwohl es natürlich immer Verbesserungspotenzial gibt. Wichtig ist, den Menschen dabei nie aus den Augen zu verlieren.

- Wie ist die Stimmung in der örtlichen Kirche und in der Gesellschaft im Allgemeinen angesichts des bevorstehenden Besuchs von Papst Leo XIV. auf den Inseln?

Der Besuch des Heiligen Vaters wird sowohl in der kanarischen Kirche als auch in weiten Teilen der kanarischen Gesellschaft mit großer Begeisterung und Hoffnung aufgenommen. Jenseits des institutionellen oder medialen Ereignisses verstehen viele Menschen diesen Besuch als Zeichen der Nähe und Anerkennung der Realität, in der wir auf den Inseln leben.

Wie bereiten sich Pfarreien und Gemeinden auf die Ankunft des Papstes vor?

Viele Pfarreien und Gemeinden fördern Momente des Gebets, der Besinnung und der Vorbereitung, insbesondere im Hinblick auf die Realität der Migration und den ständigen Aufruf des Papstes zur universalen Geschwisterlichkeit. Ich glaube, diese Vorfreude trägt dazu bei, die kirchliche Gemeinschaft zu stärken und unser Engagement für die Evangelisierung zu erneuern. Der Papst besitzt die bemerkenswerte Gabe, Fragen aufzuwerfen, Gewissen zu bewegen und viele Menschen, die der Kirche vielleicht fernstanden, der Kirche näherzubringen.
Ich persönlich glaube, der schönste Moment des Besuchs des Heiligen Vaters wird der danach sein, wenn wir die Gelegenheit haben, seine Reden in Ruhe zu lesen und darüber nachzudenken, wie die Kraft des Evangeliums unsere kirchliche Sendung erneuert.

Der Papst wird Migranten begegnen: Welche Bedeutung hat diese Geste?

Der Papst rückt diejenigen wieder in den Mittelpunkt, die oft am sozialen und existenziellen Rand leben. Dies ist nicht nur eine formale Geste; es ist ein Zeichen an die Welt, dass Migranten nicht unsichtbar sind und ihr Leid uns nicht gleichgültig lassen darf.
Darüber hinaus ist diese Begegnung tief mit dem Kern des Evangeliums verbunden. Jesus wandte sich stets denen zu, die von der Gesellschaft abgelehnt oder ausgegrenzt wurden. Der Papst folgt dieser Logik und gibt einer Realität, die oft nur durch politische oder wirtschaftliche Kategorien analysiert wird, ein menschliches Antlitz zurück.
Für die Migranten selbst bedeutet diese Geste auch die Anerkennung ihrer Würde und ihres Wertes als Menschen.

Aus einer eher pastoralen Perspektive: Was sind die größten Herausforderungen für die Evangelisierung heute, und wie wird die missionarische Dimension der Kirche im Alltag auf den Inseln gelebt?

In einer Gesellschaft, die von Säkularisierung, Individualismus und oft religiöser Gleichgültigkeit geprägt ist, genügt es heute nicht mehr, Strukturen zu erhalten; es gilt, echte Begegnungen mit den Menschen zu ermöglichen und Räume zu schaffen, in denen sie Nähe, Sinn und Hoffnung erfahren können.
Die missionarische Dimension der Kirche auf den Kanarischen Inseln zeigt sich oft im Alltag und in einfachen Dingen: offene Pfarreien, Unterstützung für Familien, Fürsorge für Bedürftige, Bildungsprojekte, karitative Arbeit und Präsenz in verschiedenen sozialen Bereichen.

Gibt es Initiativen, die ein Zeichen der Hoffnung für die Evangelisierung darstellen?

Es gibt viele hoffnungsvolle Initiativen, die vielleicht nicht immer mediale Aufmerksamkeit erhalten, aber im Stillen Leben verändern: Projekte mit Jugendlichen, Unterstützung für Familien, Hilfe für Migranten, Gemeinschaften, die gemeinsam beten und dienen, soziales Engagement oder Evangelisierungserfahrungen in Kontexten fernab der Kirche.
Ich glaube, eines der ermutigendsten Zeichen ist die Erkenntnis, wie viele Menschen – Priester, Ordensleute und Laien – ihr Leben weiterhin mit Freude und Großzügigkeit in den Dienst anderer stellen. Dort schlägt das missionarische Herz der Kirche weiterhin stark.
Solange es eine Gemeinschaft gibt, die bereit ist, Leidende willkommen zu heißen, ihnen zuzuhören und ihnen beizustehen, wird es Hoffnung geben; und die Kanarischen Inseln sind aufgrund ihrer Geschichte und ihrer Seele dazu berufen, ein Land der Begegnung, der Menschlichkeit und der gemeinsamen Hoffnung zu sein.
(LGR) (Fides 29/05/2026)


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