Erzbischof Nwachukwu: Nigeria muss von der „Nebelwand“ der allgemeinen Gewalt befreit werden

Dienstag, 30 Dezember 2025 gewalt   terrorismus   verfolgung   ermordete missionare   ortskirchen  

Von Gianni Valente

Rom (Fides) – Im Jahr 2025 war Nigeria das Land mit der höchsten Zahl (5) an getöteten katholischen Missionaren und Pastoralarbeitern. In dem afrikanischen Land wird die katholische Gemeinschaft seit langem auch von Entführungen zur Erpressung heimgesucht.
Zu den Gewalttaten und Leiden, denen nigerianische Christen ausgesetzt sind, hat Fides den Sekretär des Dikasteriums für die Evangelisierung (Sektion für die Erstevangelisierung und die neuen Teilkirchen), Erzbischof Fortunatus Nwachukwu, befragt.

Fortunatus Nwachukwu wurde in Nigha im südlichen Teil des damaligen britischen Protektorats Nigeria (heute Bundesrepublik Nigeria) geboren. Er gehört zum Volk der Igbo und ist das dritte von zwölf Geschwistern. Zwei seiner jüngeren Schwestern starben während des Biafra-Krieges (1967-1970).

Wie sehen Sie als Sohn der nigerianischen Kirche die Zahl der 2025 in Nigeria getöteten Pastoralarbeiter?

FORTUNATUS NWACHUKWU: All dies ist Anlass zu großer Traurigkeit. Und auch ein wenig zu Scham. Denn Nigeria ist eines der Länder mit einer besonders religiösen Bevölkerung. Ein Volk von Gläubigen, Christen und Muslimen. Wir alle sagen, dass wir ein friedliches Volk sind. Auch unsere muslimischen Freunde betonen immer wieder, dass der Islam eine Religion des Friedens ist. Angesichts bestimmter Ereignisse und Situationen würde ich mir wünschen, dass unsere muslimischen Freunde die Instrumentalisierung ihrer Religion für Gewalttaten anprangern und ablehnen. Wir alle müssen jede Rechtfertigung für die Instrumentalisierung der Religion für Gewalttaten bis hin zum Mord ablehnen.


Gibt es einen Aspekt in den Leidensgeschichten der nigerianischen Christen, der Sie besonders beeindruckt?

NWACHUKWU: Die Betroffenen wollen keine Helden sein, sie sind keine Menschen, die sich besonderen Risiken aussetzen. Die Gewalt trifft sie in ihrem normalen Alltag, während sie damit beschäftigt sind, das zu tun, was sie tun müssen: Seminaristen, die in Seminaren leben, oder Schüler und Schülerinnen, die in der Schule entführt werden. Und diejenigen, die sie verteidigen und beschützen sollten, tun nichts.

Gibt es klare Verantwortlichkeiten angesichts der zunehmenden Gewalt?

NWACHUKWU: Die Regierung sollte als Erste Scham für uns Nigerianer empfinden. Und viele beklagen die Untätigkeit der Regierung angesichts der Geschehnisse. Wie kann es sein, dass eine bewaffnete Gruppe 300 Kinder, 300 Jugendliche, aus einer Schule entführt, trotz der heutigen technologischen Kontrollmöglichkeiten? Handelt es sich nur um Inkompetenz? Oder fehlt es an Reaktionsbereitschaft? Und die fehlende Reaktion ist ein weiterer Grund zur Scham. Sogar ein General wurde von bewaffneten Gruppen gefangen genommen, die dann das Video seiner Hinrichtung verbreiteten. Man will auch die Armee demütigen, im größten Land des Kontinents.

Die USA haben Nigeria im November unter Bezugnahme auf das Leiden der Christen in die Liste der Länder von „besonderem Interesse“ („Particular Concern“) aufgenommen. Wie sehen Sie die Kontroversen, die sich um diese Entscheidung ranken?

NWACHUKWU: Ich finde diese Debatten langweilig, und sie können sogar Enttäuschung hervorrufen, weil sie so viel Interesse und Energie auf sich ziehen. Warum sollten wir uns in diese abstrakten Kontroversen über die Streitigkeiten um Nigeria hineinziehen lassen und Zeit damit verbringen, darüber zu diskutieren, ob in diesem Land Verfolgung stattfindet oder nicht, anstatt dieselbe Energie in Maßnahmen zu investieren, um die Gewalt gegen Unschuldige zu beseitigen, die die Ursache dieser Kontroversen ist?

Aber kann man behaupten, dass Christen in Nigeria verfolgt werden?

NWACHUKWU: In Bezug auf diese Angelegenheit gibt es einige objektive Daten, die zu berücksichtigen sind: In Nigeria ist ein totaler Zusammenbruch der Sicherheit zu verzeichnen, der alle betrifft. Diese allgemeine Unsicherheit ist wie eine Art Nebelwand, ein „Smoke Screen“, der verhindert, dass man klar erkennen kann, ob bestimmte Gruppen besonders heftig angegriffen werden.

Auch für mich waren die Gewalttaten bis vor einem Jahr größtenteils auf Konflikte zwischen sozialen oder ethnischen Gruppen zurückzuführen, wie beispielsweise zwischen Fulani-Hirten und Bauern. Aber nach den Informationen, die ich im letzten Jahr sammeln konnte, deuten viele Anzeichen darauf hin, dass es Gruppen gibt, die systematisch christliche Gemeinschaften ins Visier nehmen. Viele Daten können verwendet werden, um die Darstellung derjenigen zu untermauern, die von einer Verfolgung der Christen sprechen.

Was sind das für welche?

NWACHUKWU: Die Häufigkeit der Entführungen und Angriffe auf Christen scheint Teil eines systematischen Plans zu sein. Und wenn man die Sicherheitskräfte um Hilfe bittet, kommt diese Hilfe, wenn es um Christen geht, entweder gar nicht oder zu spät. Alles deutet darauf hin, dass es eine Absicht gibt, christliche Opfer anzugreifen.

Wie lässt sich diese Absicht überprüfen?

NWACHUKWU: Man müsste zumindest teilweise die „Nebelwand” der allgemeinen Gewalt lichten, um überprüfen zu können, ob es Gruppen gibt, die direkt und gezielt betroffen sind, und ob diese Nebelwand nicht verursacht wurde, um Christen zu treffen und dabei die eigenen Absichten zu verschleiern. Aus diesem Grund wird die Kontroverse über Nigeria als Land der Christenverfolgung noch lange andauern. Und die Regierung sollte sich nicht auf sterile Selbstverteidigungsmaßnahmen beschränken, sondern die Frage der Sicherheit in die Hand nehmen, um diejenigen zu widerlegen, die von Verfolgung oder sogar Völkermord an Christen in Nigeria sprechen. So war beispielsweise auch nach der Massenentführung von 300 jungen Schülern und Schülerinnen die Reaktion der Regierung völlig fragwürdig.

Gibt es denn eine klare Grenze zwischen Konflikten sozialer oder ethnischer Natur und Gewalt aufgrund von Sektenzugehörigkeit und Religion?

NWACHUKWU: Die Situation verändert sich. Früher überwogen Faktoren sozialer Art wie der Konflikt zwischen nomadischen Hirten und Bauern. Jetzt wird deutlich, dass es unter den Fulani nicht nur Hirten gibt. Es ist offensichtlich, dass diese Gruppe infiltriert wurde, es gibt diejenigen, die keine Tiere hüten, sondern sich mit Motorrädern und anderen Verkehrsmitteln fortbewegen und automatische Sturmgewehre mit sich führen. Diese überfallen nun Dörfer, Schulen und Seminare. Und auch der Konflikt zwischen Hirten und Bauern ist zu einer „Nebelwand” geworden, hinter dem sich andere Dinge abspielen. Und ich sehe darin noch ein weiteres Risiko: die Dämonisierung der Fulani.

Wozu kann diese Dämonisierung führen?

NWACHUKWU: Jetzt werden die Fulani für alle zu Teufeln. Alle haben Angst. Niemand spricht über die guten Fulani, die es auch unter Unternehmern und Akademikern gibt. Wenn man von den Fulani spricht, denken alle an Terrorismus. In dieser Situation reicht ein Funke, und der Hass aller kann sich gegen sie entladen. Die Gruppen, die sich infiltrieren ließen, setzen alle Fulani dieser Gefahr aus, nicht nur in Nigeria, sondern in der gesamten Sahelzone.

Gelingt es den Bischöfen, angesichts der aktuellen Ereignisse eine gemeinsame Sichtweise zu entwickeln?

NWACHUKWU: Leider erschwert die „Nebelwand” der allgemeinen Gewalt auch dies. Jetzt beschuldigen alle die Fulani, aber es sind auch Banditen anderer Gruppen im Einsatz, die mit Entführungen Geld verdienen, auch im Süden. Die Situation wird immer komplizierter, und das wirkt sich auch auf die Sichtweise der Bischöfe aus, die je nach ihrem Standort unterschiedliche Überlegungen anstellen. Jedenfalls teilt die Mehrheit von ihnen, vor allem im zentralen Teil des Landes, nun die Meinung derjenigen, die behaupten, dass in Nigeria eine Verfolgung der Christen stattfindet.

Verfolgen die Gemeinden bestimmte Strategien oder Vorsichtsmaßnahmen, um mit dieser Situation umzugehen?

NWACHUKWU: Da die staatlichen Institutionen offenbar nicht in der Lage sind, die Sicherheit der Christen zu gewährleisten, benennen die katholische Kirche und die traditionellen protestantischen und reformierten Kirchen Ratschläge und Maßnahmen, wie man vorsichtiger sein und Risiken vermeiden kann. Die Pfingstgemeinden reagieren in der Regel aggressiver und machen die Regierung für die Situation verantwortlich. Unter anderem stehen an der Spitze vieler Institutionen Personen, die sich zum christlichen Glauben bekennen. Der Generalsekretär der Regierung und der Präsident der Nationalversammlung sind Katholiken. Der Chef der Armee bekennt sich zum christlichen Glauben. Die Frau des Präsidenten der Republik sagt, sie sei Pastorin... Und doch reagieren sie nicht auf das, was sie sehen.

Sie sind Bibelwissenschaftler. Wie beleuchtet das Wort Gottes die Erfahrung des Leidens bis hin zum Martyrium? Und wie hat die Tradition der Kirche ihre Märtyrer angenommen und betrachtet?

NWACHUKWU: Jesus ist nicht gekommen, um Tod und Leid zu bringen. Er verspricht seinen Jüngern das Leben, und zwar in Fülle. Um seinen Jüngern dieses Leben zu ermöglichen, hat Jesus sein Leben hingegeben. In diesem Licht müssen wir das christliche Martyrium betrachten. Ein Märtyrer ist nicht jemand, der Selbstmord begeht. Und es ist absurd, Selbstmörder als Märtyrer zu bezeichnen. Ein Märtyrer ist jemand, der die Liebe Gottes zu allen Menschen bezeugt, in Nachahmung Christi. Durch die Teilhabe an seiner Liebe.
Papst Franziskus sprach auch von Märtyrertum für diejenigen, die während der Pandemie ihr Leben riskierten, um den Menschen nahe zu sein und zu helfen.
Märtyrertum ist kein Heldentum, mit dem man prahlen kann. Es bedeutet, mit Jesus vereint zu sein und ihm zu folgen, sich von ihm leiten zu lassen. Und dabei kann es vorkommen, dass man dazu berufen wird, sein Leben zu geben.

In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember führten US-Streitkräfte einen Blitzangriff auf nigerianischem Gebiet durch, mit dem erklärten Ziel, Stellungen von Gruppen zu bombardieren, die als mit dem sogenannten Islamischen Staat verbunden gelten. Ist dies ein angemessener und gangbarer Weg, um die Probleme anzugehen?

NWACHUKWU: Ein Land kann sich in einer Lage befinden, in der es ohne Hilfe von außen nicht in der Lage ist, seine Krisen und Spaltungen zu bewältigen. Ich sehe viele muslimische Freunde, die selbst nicht wissen, wie sie auf die aktuellen Ereignisse reagieren sollen. Und die Untätigkeit der Regierung ist offensichtlich. In dieser Situation wäre eine indirekte Intervention von außen, um den Staat und die Regierung gegenüber extremistischen Gruppen zu unterstützen und dem Land dabei zu helfen, die Ursachen der allgemeinen Gewalt zu beseitigen, vielleicht nicht völlig ungerechtfertigt und unangebracht.
(Fides 30/12/2025)


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