Zum 30. Jahrestag des Völkermords in Ruanda: Als der Bruderhass auch das Herz der Kirche zerriss

Mittwoch, 3 April 2024 ortskirchen   gewalt   krisengebiete  

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Von Stefano Lodigiani
Rom (Fides) - "Wird es jemals eine genaue Zahl für die Massaker, die Verwundeten, die Flüchtlinge, die Waisen geben, die das Drama von Ruanda auf dem afrikanischen Boden hinterlassen hat? Die Dimensionen sind die einer großen Tragödie, aber unberechenbar ist nicht nur die Zahl der Opfer. Es ist beunruhigend, sich zu fragen, inwieweit und vor allem wie lange diese Saat der Gewalt den Weg zu einer notwendigen Versöhnung noch vergiften wird“. Diese beunruhigenden Fragen stellte Kardinal Jozef Tomko, Präfekt der damaligen Kongregation für die Evangelisierung der Völker, in einem Beitrag, der von Fides und dem „L'Osservatore Romano“ im Juni 1995, am ersten Jahrestag der Ermordung des Erzbischofs von Kigali, , Vincent Nsengiyumva und der Bischöfe von Kabgayi, Thaddee Nsengiyumva, und von Byumba, Joseph Ruzindana, die am 5. Juni 1994 zusammen mit zehn Priestern ermordet wurden, die sie bei ihrem Besuch in den von der mörderischen Gewalt verwüsteten Gebieten begleitet hatten, veröffentlicht wurde. Ihre Namen reihen sich ein in eine lange Liste von Priestern, Ordensleuten, Seminaristen, Novizen und pastoralen Mitarbeitern, die in dem afrikanischen Land getötet wurden.

Vom 6. April 1994, als das Flugzeug, in dem sich die Präsidenten Ruandas und Burundis befanden, von einer Rakete über der ruandischen Hauptstadt Kigali abgeschossen wurde, bis zum 16. Juli 1994 fand in Ruanda der Völkermord an den Tutsi und den gemäßigten Hutu statt, so die gängige zeitliche Einordnung. Grundlegendes Motiv war der Rassenhass gegen die Tutsi-Minderheit, die die soziale und kulturelle Elite des Landes darstellte. Offizielle Zahlen, die damals von der ruandischen Regierung veröffentlicht wurden, sprechen von 1.174.000 Menschen, die innerhalb von 100 Tagen ihr Leben verloren und mit Macheten, Äxten, Speeren und Knüppeln getötet wurden. Andere Quellen sprechen von einer Million Toten. Die Ausrottung endete, zumindest offiziell, im Juli 1994 mit dem militärischen Sieg der Ruandischen Patriotischen Front über die Regierungstruppen der Tutsi-Diaspora. Die Spur der Gewalt und der rassistischen Rache hielt jedoch noch lange an.

Kardinal Tomko sprach in seinem Beitrag im Jahr nach der Tragödie von "mehr als zwei Millionen Menschen, d.h. fast einem Drittel der Bevölkerung, die sich derzeit jenseits der Grenzen des Landes befinden. Die in Lagern zusammengepferchten Flüchtlinge - vor allem in Zaire (heute Demokratische Republik Kongo) - sind das Bild eines doppelten Dramas: das der verweigerten Rechte und der verwehrten Würde und das eines verstümmelten Volkes". Der Präfekt des Missionsdikasteriums verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Versöhnung als "einzige Möglichkeit der Rettung, der Name der Hoffnung, auf die alle Menschen ein Recht haben. Und in einer solchen Perspektive kommt die tragende Rolle der Kirche voll zur Geltung".

"Einen besonderen Beitrag in diesem Sinne leisten die Missionare mit ihrer Arbeit. Sie gehören zu den wenigen Akteuren, die über den Parteien der Tragödie stehen, die das Land mit Blut überströmt, und die in der Lage sind, den Friedensprozess unermüdlich fortzusetzen", betonte Kardinal Tomko weiter. Wenige Monate nach dem Massaker hatten sich mehr als sechzig Missionare wieder an ihren früheren Wirkungsstätten niedergelassen, "inmitten einer von Hunger, Wunden und Krankheiten erschöpften Bevölkerung", und sie engagierten sich für das Entstehen von Verbindungen zwischen den Flüchtlingen in den Nachbarländern und den ruandischen Behörden, um ihre sichere und würdige Rückkehr zu gewährleisten.

In dem von der Kirche geknüpften Netz der Versöhnung haben die Priesterseminare, deren Leben in Ruanda besonders blühend ist, einen zweiten grundlegenden Beitrag geleistet. Um die Ortskirche herum sind also "viele engagiert, wenn es darum geht die Last, die sie zu tragen hat, zu erleichtern. Die Solidarität und die geistliche, moralische und sonstige Hilfe, die ihr zuteil wird, sind ein hervorragendes Zeichen für die Universalität, von der schon in der Apostelgeschichte die Rede ist".

Am ersten Jahrestag "der schrecklichen ruandischen Tragödie" haben die Mitglieder der ruandischen Bischofskonferenz "eine Botschaft des Mitgefühls und des Trostes" an das gesamte ruandische Volk veröffentlicht, die das Datum des 30. März 1995 trägt. "Die katholische Kirche Ruandas ist, wie das ganze Land, durch den Verlust einer großen Zahl von Töchtern und Söhnen getroffen worden. Sie teilt den Schmerz all derer, die mit allen Arten von Unglück konfrontiert wurden: Eltern, deren Kinder weggerissen wurden, um getötet zu werden, Waisen, Witwen, Verwundete, Behinderte, Vertriebene, Flüchtlinge in Lagern, Traumatisierte, mit einem Wort, alle, die mit dem Grauen in all seinen Formen konfrontiert wurden. Die Kirche teilt das Leiden all dieser Menschen: Sie macht sich ihre Tränen, ihren Schmerz, ihre Klagen und ihre Bitten zu eigen und begleitet sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten in ihren verschiedenen Situationen".

Ein Jahr nach den Massakern riefen die ruandischen Bischöfe zu einer würdigen Bestattung aller Opfer des Krieges auf und sprachen sich für die "Errichtung von Gedenkstätten zur Erinnerung an die Toten" aus. Wie immer "betet die Kirche für die Toten", versicherten sie und forderten alle auf, "sich für eine würdige Bestattung der sterblichen Überreste der Opfer einzusetzen, die sich noch auf den Hügeln befinden.... Wir bitten nachdrücklich darum, dass die Zeremonien für die Beisetzung der sterblichen Überreste der Opfer der ruandischen Tragödie frei von all den Gesten und Worten sind, die den Konflikt provoziert und verschärft haben".
Zum Abschluss der Botschaft bekräftigten die Bischöfe ihre "Verurteilung und Missbilligung der Massaker und des Völkermords, die das vergangene Jahr geprägt haben", und forderten "alle, die den Frieden lieben, auf, jedes Vorhaben zu verhindern und zu bekämpfen, das zu einer Wiederholung einer solchen Tragödie führen könnte. Dies ist ein absolutes Gesetz Gottes: Jeder will, dass sein Leben geachtet wird, deshalb achte jeder das Leben der anderen und handle entsprechend".

Der Kreuzweg des ruandischen Volkes im Herzen der Kirche

Die Tragödie des ruandischen Volkes fiel mit einem historischen Ereignis für die Kirche des Kontinents zusammen, das sie mit Freude und Hoffnung hätte erfüllen sollen: die erste Sonderversammlung für Afrika der Bischofssynode zum Thema "Die Kirche in Afrika und ihr Evangelisierungsauftrag bis zum Jahr 2000: 'Ihr werdet meine Zeugen sein' (Apg 1,8)". Sie wurde 1989 von Papst Johannes Paul II. einberufen und fand im Rahmen der kontinentalen Synoden zum Thema Evangelisierung in Vorbereitung auf das Heilige Jahr 2000 vom 10. April bis 8. Mai 1994 im Vatikan statt. Das Echo der tragischen Ereignisse, die Ruanda mit Blut überzogen hatten, hallte in besonderer Weise im Herzen der Christenheit wider, insbesonder dort, wo die Vertreter der Bischöfe des gesamten afrikanischen Kontinents um den Nachfolger Petri versammelt waren, der nicht müde wurde, zu Versöhnung und Frieden aufzurufen.

Am 9. April 1994 rief Papst Johannes Paul II. in einer ersten Botschaft an die katholische Gemeinde Ruandas dazu auf, "nicht den Gefühlen des Hasses und der Rache nachzugeben, sondern mutig den Dialog und die Vergebung zu praktizieren". "In dieser tragischen Phase des Lebens eurer Nation", schrieb der Papst, "sollt ihr Baumeister der Liebe und des Friedens sein“.

Im feierlichen Rahmen der Eröffnungsmesse der Afrikasynode, die am Sonntag, dem 10. April 1994, im Petersdom gefeiert wurde und an der die Bischöfe Ruandas natürlich nicht teilnahmen, brachte der Papst seine tiefe Sorge um das afrikanische Land zum Ausdruck, das "seit langem von Spannungen und blutigen Kämpfen gequält wird". In seiner Predigt erinnerte er insbesondere "an das ruandische Volk und die Kirche, die in diesen Tagen von einer beeindruckenden Tragödie heimgesucht werden, die auch mit der dramatischen Ermordung der Präsidenten von Ruanda und Burundi verbunden ist. Mit Ihnen, liebe Bischöfe, teile ich das Leid angesichts dieser neuen katastrophalen Welle der Gewalt und des Todes, die dieses geliebte Land überrollt und das Blut von Priestern, Nonnen und Katecheten, die Opfer eines absurden Hasses geworden sind, in beeindruckendem Ausmaß fließen lässt". Im Namen der 315 Teilnehmer der Synode und "in geistlicher Verbundenheit mit den Bischöfen Ruandas, die heute nicht bei uns sein können", appellierte der Papst, der Gewalt Einhalt zu gebieten. "Mit euch erhebe ich meine Stimme, um allen zu sagen: Genug der Gewalt! Genug mit diesen Tragödien! Genug mit diesen brudermörderischen Massakern".

Auch nach dem des Regina-Coeli-Gebet an jenem Sonntag erinnerte Papst Johannes Paul II. an das afrikanische Land: "Die tragischen Nachrichten aus Ruanda lösen in unser aller Herzen großes Leid aus. Ein neues, unaussprechliches Drama, die Ermordung der Staatsoberhäupter von Ruanda und Burundi und ihres Gefolges; der ruandische Regierungschef und seine Familie abgeschlachtet; Priester, Ordensleute und Frauen getötet. Überall wurden Hass, Rache und brüderliches Blut vergossen. Im Namen Christi bitte ich Sie, legt die Waffen nieder! Macht den Preis der Erlösung nicht umsonst, öffnet eure Herzen für das Friedensgebot des Auferstandenen! Ich appelliere an alle Verantwortlichen, auch in der internationalen Gemeinschaft, nicht davon abzulassen, mit allen Mitteln zu versuchen, so viel Zerstörung und Tod aufzuhalten".

Die Arbeit der Afrikasynode, der ersten in der Geschichte der Kirche, war nicht nur durch die im „Instrumentum laboris“ vorgesehenen Studien und Debatten geprägt, sondern auch durch die tragischen Nachrichten aus Ruanda. Am 14. April feierte der Heilige Vater die Heilige Messe "für das Volk von Ruanda" und die Mitglieder der Synode lancierten einen "dringenden Appell" für Versöhnung und Friedensverhandlungen. In der Botschaft, die von den drei Präsidenten der Synode (Kardinäle Francis Arinze, Präsident des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog; Christian Wiyghan Tumi, Erzbischof von Garoua (Kamerun) und Paulos Tzadua, Erzbischof von Addis Abeba in Äthiopien) veröffentlicht wurde, erklärten die Synodenväter, sie seien "zutiefst betrübt über die tragischen Ereignisse" und appellierten "an alle an diesem Konflikt Beteiligten, ihre Waffen zum Schweigen zu bringen und den Gräueltaten und dem Töten ein Ende zu setzen". Sie forderten die Ruander auf, "gemeinsam voranzuschreiten und ihre Probleme durch Gespräche zu lösen", und baten Einzelpersonen und Organisationen innerhalb und außerhalb Afrikas, "ihren Einfluss geltend zu machen, um Vergebung, Versöhnung und Frieden in ganz Ruanda zu erreichen".

Dieser Aufruf der Synodenversammlung wurde als Antwort auf den Brief der ruandischen Bischöfe verfasst, die aufgrund der tragischen Situation in ihrem Land nicht an der Synode teilnehmen konnten. In dem Brief, der vom Generalsekretär der Synode, Kardinal Jan Pieter Schotte, CICM, verlesen wurde, bedauern und verurteilen die ruandischen Bischöfe "die mörderische Gewalt, die im Land herrscht", "bitten um Solidarität und Gebet und hoffen, dass die verfeindeten Parteien Friedensverhandlungen aufnehmen".

In der langen Schlussbotschaft der Afrikasynode, die am 6. Mai 1994 veröffentlicht wurde, wurde die Realität einer "Synode der Auferstehung, Synode der Hoffnung" betont. In einer Zeit der Geschichte, in der "so viel Bruderhass unsere Völker auseinanderreißt", wollten die Bischöfe, die an der Synode teilgenommen hatten, "ein Wort der Hoffnung und des Trostes" aussprechen. "Der Schrei der Völker von Ruanda, Sudan, Angola, Liberia, Sierra Leone, Somalia und der zentralen Region Afrikas durchdringt unsere Herzen", schrieben sie. Nach einer Würdigung der heroischen Anstrengungen der Missionare mehrerer Generationen erklärte die Botschaft den Beginn einer neuen Phase in der Geschichte der Evangelisierung des afrikanischen Kontinents. "In Dankbarkeit für das empfangene Geschenk des Glaubens und von großer Freude beseelt, wenden wir uns dem Jahr 2000 zu, das sich am Horizont abzeichnet", heißt es am Ende der Botschaft: "Wir sind voller Hoffnung und entschlossen, die Frohe Botschaft des Heils in Jesus Christus weiterzugeben“.

Am Sonntag, dem 15. Mai 1994, sprach Papst Johannes Paul II. das Regina-Coeli-Gebet vom Gemelli-Krankenhaus aus, in das er nach einem Sturz eingeliefert worden war, und erinnerte erneut an das Leid des ruandischen Volkes: "Ich fühle mich verpflichtet, auch heute noch an die Gewalt zu erinnern, deren Opfer das Volk von Ruanda ist. Es handelt sich um einen wahren Völkermord, für den leider auch die Katholiken verantwortlich sind. Tag für Tag bin ich in der Nähe dieses leidenden Volkes, und ich möchte noch einmal an das Gewissen all derer appellieren, die diese Massaker planen und durchführen. Sie führen das Land an den Rand des Abgrunds. Alle werden sich für ihre Verbrechen vor der Geschichte und vor allem vor Gott verantworten müssen. Kein Blutvergießen mehr! Gott erwartet von allen Ruandern mit der Hilfe befreundeter Länder den Mut zur Vergebung und zur Geschwisterlichkeit".

Die Union der Ordensoberen hat zum Abschluss der Versammlung, die vom 25. bis 28. Mai 1994 in Ariccia bei Rom stattfand, eine Botschaft veröffentlicht, in der die Oberen "sehr besorgt sind über die Situation unserer Mitbrüder in Ruanda und über diejenigen, die die Qualen der erzwungenen Abwesenheit von ihrem geliebten Land erleiden". "Diese Krise, die das Volk heimgesucht hat, berührt auch das Leben der Kirche zutiefst", heißt es in dem Text, der die Solidarität mit dem Volk, der Kirche und ihren Hirten sowie mit allen Mitbrüdern, Ordensleuten und Frauen in dem afrikanischen Land ausdrückt. "Die Gewalt macht uns traurig, aber wir freuen uns auch über die vielen Taten des Heldentums, des Mutes und des christlichen Zeugnisses, die von vielen Menschen und unseren zahlreichen Mitbrüdern gezeigt wurden. Das Zeugnis und das Blut der Märtyrer werden sicherlich der Grundstein für eine neue christliche Präsenz in diesen Ländern sein". Die Generaloberen forderten dazu auf, über die Ursachen dieser dramatischen Situation nachzudenken und gleichzeitig entschlossen zu handeln: "Jeder von uns hat in dieser Zeit eine Rolle zu spielen. Die Bemühungen um die Wiederherstellung des Friedens und die Linderung des Leids der Opfer dieses Konflikts erfordern die aktive Beteiligung aller".

Nachdem er von der Ermordung von drei Bischöfen und 20 Priestern und Ordensleuten in Ruanda erfahren hatte, sandte Papst Johannes Paul II. am 9. Juni 1994 eine neue Botschaft an das ruandische Volk, in der er sich "zutiefst erschüttert über die Nachrichten, die mich aus eurem Heimatland erreichen" zeigte. "Die dramatische Situation, in der sich Ruanda aufgrund des schrecklichen Konflikts befindet, der das Land zerreißt, drängt mich dazu, Gott, den Vater der Barmherzigkeit, und Christus, der sein Leben für die Menschheit gegeben hat, anzuflehen, die Versöhnung dieses gemarterten Volkes zu ermöglichen und die Opfer mit Freundlichkeit aufzunehmen". Der Papst appellierte an das gesamte ruandische Volk und an die führenden Politiker der Nationen, "sofort alles zu tun, damit die Wege der Eintracht und des Wiederaufbaus des so schwer getroffenen Landes geöffnet werden können... Hirten und Gläubige in Ruanda, ruandisches Volk, ihr sollt wissen, dass ich euch jeden Tag nahe bin".

Zum Abschluss des außerordentlichen Konsistoriums vom 13. und 14. Juni 1994 verabschiedeten die Kardinäle einstimmig einen neuen Appell für Ruanda, in dem sie ihre Betroffenheit "über das unsagbare Grauen, das das ruandische Volk erlebt" zum Ausdruck brachten. "Im Namen Gottes bitten wir alle am Konflikt Beteiligten, die Waffen niederzulegen und sich dem Werk der Versöhnung zu widmen.... Die große Tragödie von Ruanda unterstreicht, wie dringend notwendig es ist, dass die Nationen der Welt die Modalitäten der humanitären Intervention rechtlich klären... Das Fehlen solcher Rechtsnormen wird die Nationen der Welt weiterhin machtlos machen angesichts von Tragödien wie der, die jetzt das Leben vieler unschuldiger Menschen in Ruanda bedroht."

Auf Initiative der Kongregation für die Evangelisierung der Völker und mit Zustimmung des Papstes stand Kardinal Jozef Tomko, Präfekt des Missionsdirektoriums, am 15. Juni 1994 im Petersdom einer Heiligen Messe "für den Frieden in Ruanda und zum Gedenken an die Opfer" vor. Die Konzelebranten waren 39 Kardinäle, 24 Erzbischöfe und Bischöfe sowie 200 Priester. Zahlreiche Ordensmänner und -frauen, viele afrikanischer Herkunft, waren anwesend, ebenso wie eine große Zahl von Gläubigen, die sich dem Gebet anschlossen. In seiner Predigt blickte Kardinal Tomko auf die Situation in Ruanda, die er als "apokalyptisch" bezeichnete: "Jeden Tag erreichen neue Nachrichten und unmenschliche Bilder von schrecklichen Massakern, die von allen Seiten an der Zivilbevölkerung, einschließlich der älteren Menschen, Frauen und Kinder, verübt werden, die Welt durch Fernsehen, Radio und Presse“. In ruandischen Kirche seien drei Bischöfe getötet worden, ein weiterer erhole sich in einem Nachbarland von seinen Wunden, so der Kardinal. Ruanda habe auch 25 Prozent seiner Priester und Hunderte von Ordensfrauen verloren, ganz zu schweigen von den aufgelösten Gläubigen, den fliehenden oder getrennten Familien und den zwei Millionen Flüchtlingen. "Keine Massaker mehr! Kein Blutvergießen mehr! Die heutige Situation fordert das Gewissen der Menschheit heraus, aus humanitären Gründen zu intervenieren", betonte der Kardinal eindringlich und rief in seinem Schlusswort zu Versöhnung und Liebe als "Losung und dauerhafte Lösung für jeden Konflikt und insbesondere für den Konflikt in Ruanda" auf.

Vom 23. bis 29. Juni 1994 schickte Papst Johannes Paul II. Kardinal Roger Etchegaray, den Präsidenten der Päpstlichen Räte "Gerechtigkeit und Frieden" und "Cor Unum", zu einer Mission der Solidarität und des Friedens nach Ruanda. Der Kardinal besuchte die am stärksten vom Krieg gezeichneten Diözesen und die Orte, an denen die Bischöfe ermordet wurden, und traf bei verschiedenen Gelegenheiten mit dem Interimspräsidenten der Republik und dem Führer der Ruandischen Patriotischen Front zusammen. Beiden verlas er eine Botschaft an das ruandische Volk, in der es heißt: „Nun, nachdem der tiefste Punkt des Schreckens erreicht wurde, kann nichts von deiner Armut mehr verborgen bleiben. Verliere nicht den Mut, kehre mit deinem Herzen um und nütze dies schreckliche Lektion deiner Gesichte, die vielleicht auch deine letzte Möglichkeit ist, zu verstehen wie weit die Umkehr gehen muss ... Es reicht nicht zu sagen: ich möchte den Frieden, man muss Frieden schließen und den Preis dafür bezahlen, der in Ruanda sehr hoch ist... Nach vielen schrecklichen Massakern (so drückt sich der Papst aus), von denen sogar eure Kirchen nicht verschont blieben, die zu Orten des Massakers an Unschuldigen wurden, nach der Zerstörung eurer Häuser, eurer Schulen und Gemeindezentren ist euer Herz um so mehr verwundet ... Ich bin gekommen um im Namen von Papst Johannes Paul II. eine geschwächte, gespaltete, durch den Mord an drei Bischöfen und unzähligen Priestern und Schwestern geköpfte Kirche zu trösten ... Eines Tages werdet ihr Gerechtigkeit jener Worte erkennen, die die Kirche über die Jahrhunderte weiterleben lassen: ‚Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Christen’. Ruandisches Volk, du bist von Gott berufen, ein neues Kapitel deiner Geschichte zu schreiben, das von allen deinen Brüdern geschrieben wird, die durch gegenseitige Vergebung glänzen. Glaube daran, es wird deine Ehre als Christ und Mensch stärken“.

Vom 2. bis 4. September 1994 trafen sich die ruandischen Bischöfe in Butare, um unter anderem die Wiederaufnahme der Aktivitäten in den Pfarreien und anderen Bereichen des Apostolats zu prüfen. In Anwesenheit von Vertretern des Heiligen Stuhls in Ruanda und von Delegierten der Kirchen Burundis und der Demokratischen Republik Kongo (damals Zaire), die eine große Zahl von Flüchtlingen aus Ruanda aufgenommen hatten, trafen die Bischöfe mit einem Vertreter der neuen Regierung in Kigali zusammen, um Garantien für die Sicherheit der in der Seelsorge Tätigen im Hinblick auf die Wiederaufnahme ihrer Arbeit zu erbitten. In einer Botschaft an die Priester, Ordensleute und Seminaristen, die vor der Tragödie der vorherigen Wochen ins Ausland geflohen waren, schrieben sie: "Im Bewusstsein der immensen Arbeit des moralischen und geistlichen Wiederaufbaus, die in unserem Land auf uns wartet, und in Anbetracht der Entwicklung der Situation laden wir alle ein, in ihr Heimatland zurückzukehren. Auch wenn die Sicherheitsbedingungen nicht hundertprozentig garantiert werden können, haben wir die moralische Verpflichtung, das wachsame Auge des Volkes zu sein, um es vor Willkür zu bewahren...Unsere Anwesenheit ist notwendig, um die Kirche wieder auf die Beine zu bringen und ihr zu ermöglichen, ihre unersetzliche Rolle als Licht und Sauerteig in der Gesellschaft zu spielen".
(Fides 3/4/2024)


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