DER PAPST IN LATEINAMERIKA - Kardinal Barreto: Die Kontinuität zwischen Papst Franziskus und Leo XIV. ist „ein Geschenk des Heiligen Geistes“

Freitag, 30 Oktober 2026

VaticanMedia

von Marie-Lucile Kubacki

Huancayo (Fides) – Der emeritierte Erzbischof von Huancayo und Jesuit, Kardinal Pedro Barreto Jimeno, der von Anfang an am Synodenprozess zum Amazonasgebiet beteiligt war, hat an der Seite von Papst Franziskus die Gründung des Panamazonischen kirchlichen Netzwerks (REPAM) und der Kirchlichen Konferenz des Amazonasgebiets (CEAMA) aus nächster Nähe begleitet.
Weniger als zwei Wochen vor dem Besuch von Leo XIV. in Peru beschreibt der peruanische Kardinal ein Land, das von Gewalt und Misstrauen gegenüber den politischen Institutionen geprägt ist. Und er gibt einen Ausblick darauf, was die peruanische Kirche und Gesellschaft vom Besuch des Bischofs von Rom erwarten können.

Sie erwarten den Besuch des Papstes. Haben Sie besondere Hoffnungen und Erwartungen für die Kirche und das Land im Herzen?


PEDRO BARRETO JEMENO: Der apostolische Besuch von Leo XIV. hat bei der peruanischen Bevölkerung große Begeisterung ausgelöst, denn er ist eine bekannte und beliebte Persönlichkeit. Seine ersten Jahre als Augustinerpriester verbrachte er im Norden Perus, in der Diözese Chulucanas und in der Erzdiözese Trujillo. Nach zwölf Jahren als Generalprior der Augustiner ernannte Papst Franziskus ihn zum Bischof von Chiclayo, wo er von 2015 bis 2022 tätig war, und anschließend zum Präfekten des Dikasteriums für die Bischöfe, ein Amt, das er bis zu seiner Wahl zum Papst ausübte.

Peru folgt im lateinamerikanischen und amazonischen Kontext den Spuren des Zweiten Vatikanischen Konzils, und wir erkennen uns – mit Leo XIV. – auf dem Weg einer synodalen Kirche wieder, die zuhört, unterscheidet und heute das Evangelium Jesu Christi verkündet. Aus all diesen Gründen hat seine Anwesenheit in Peru als Hirte der katholischen Kirche eine ganz besondere Bedeutung: Er kehrt in seine Heimat zurück. Er kehrt in das Land zurück, das ihn aufgenommen hat und das eins mit ihm geworden ist. Es hat uns bewegt, als er sich am Tag seiner Wahl von der Loggia des Petersdoms aus auf Spanisch an seine „geliebte Diözese Chiclayo in Peru“ wandte, „wo ein gläubiges Volk seinen Bischof begleitet, seinen Glauben geteilt und so viel gegeben hat, um weiterhin eine Kirche zu sein, die Jesus Christus treu ist“.
Aus diesen Gründen bekräftige ich, dass sein Besuch in Peru „eine Welle der Liebe, der Hoffnung und der Erneuerung“ sein wird.


Inwiefern kann seiner Meinung nach seine bisherige pastorale Erfahrung die Art und Weise beeinflussen, wie er dem peruanischen Volk während der Reise begegnet?

BARRETO JEMENO: Papst Leo hat eine tiefe Verbundenheit mit Peru, mit seinen Völkern und seinen Gemeinschaften. Er kennt die Küste, die Anden und den Amazonas. Dennoch wird er ein Land vorfinden, das zunehmend „müde und erschöpft“ ist, in dem die Menschen „wie Schafe ohne Hirten“ umherirren, wie es im Matthäusevangelium heißt.


Woher kommt diese große Erschöpfung?


BARRETO JEMENO: Viele Peruaner und Peruanerinnen leben in Unsicherheit, sie fühlen sich schutzlos und im Stich gelassen angesichts von Institutionen, die nicht in der Lage sind, wirksam auf Gewalt, Unsicherheit, das Vordringen der organisierten Kriminalität und die Straflosigkeit zu reagieren. Die Zahl der Erpressungsfälle in Peru ist von 1.640 im Jahr 2021 auf 14.206 im Jahr 2025 gestiegen. Und allein zwischen Januar und Juli 2026 hat die Staatsanwaltschaft 13.892 Anzeigen registriert. Die Verschärfung der Konflikte, die soziale, politische und religiöse Polarisierung, die Zunahme von Gewalt, organisierter Kriminalität, Korruption und Ungleichheiten, die Situation der Jugendlichen und die Herausforderungen, denen wir innerhalb unserer eigenen Kirche gegenüberstehen, schwächen unser demokratisches Zusammenleben und das Vertrauen in die Institutionen. Wir sind ein Land ohne Hoffnung, ohne Perspektiven, die uns mobilisieren könnten.


Was wird der Papst angesichts eines so von Schatten geprägten Szenarios sagen können?


BARRETO JEMENO: Die Anwesenheit und die Botschaft von Leo XIV. werden das peruanische Volk und die Institutionen ermutigen, einen Raum für einen „unbewaffneten und entwaffnenden“ Dialog zu schaffen, der die Würde jedes Menschen achtet und das Gemeinwohl anstrebt. In diesem Sinne werden wir eine anspruchsvolle Botschaft erhalten, die Gemeinschaft, Teilhabe und Handeln zugunsten von Gerechtigkeit und Frieden ermöglicht und dabei die Ärmsten und Ausgegrenzten der Gesellschaft in den Mittelpunkt stellt.


Sie haben mit Papst Franziskus beim synodalen Weg des Amazonasgebiets zusammengearbeitet. Was halten Sie heute für wesentlich, um diesen Weg fortzusetzen?

BARRETO JEMENO: Die beiden kirchlichen Gremien, die REPAM und die CEAMA, sind ein authentischer Ausdruck der Option für die Armen, die die Kirche aus Treue zum Evangelium einnimmt. Jesus selbst nennt als Zeichen für die Gegenwart des Reiches Gottes unter uns die Tatsache, dass „den Armen das Evangelium verkündet wird“. Die Präsenz von Missionaren der katholischen Kirche im Amazonasgebiet reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück, begann im Jahr 1540 und dauert bis heute an. Die Kirche übernimmt die Verantwortung, die indigenen Völker bei der Verkündigung des Evangeliums zu begleiten und ihre ganzheitliche menschliche Entwicklung zu fördern. Um die apostolische Wirksamkeit zu steigern, gründete Franziskus bereits am 13. September 2014 die REPAM, deren Auftrag es ist, die Völker des Amazonasgebiets ausgehend von ihren Kulturen und ihren Territorien zu begleiten – durch ein Netzwerk, das die pastoralen Maßnahmen in der Region koordiniert. Die am 29. Juni 2020 gegründete CEAMA zielt als kirchliches Gremium darauf ab, die Prioritäten unter den pastoralen Zielen und Strategien der neuen Wege der Evangelisierung der Kirche im Amazonasgebiet festzulegen.


Woher rührt die Sorge von Papst Franziskus um den Amazonas?


BARRETO JEMENO: Zunächst einmal wählt Franziskus einen Ort aus: den Amazonas, wo indigene Völker mit einer großen Vielfalt an Kulturen und Sprachen leben, die historisch gesehen Verfolgung und Tod erlitten haben. Zudem ist das Einzugsgebiet des Amazonas (7,4 Millionen km²) als lebendiges Ökosystem „eine der Lungen der Welt, die wir bewahren müssen“, wie es in der Enzyklika „Laudato Si’“ heißt. Zweitens leitet Papst Franziskus einen Prozess des Zuhörens, der Unterscheidung und des koordinierten pastoralen Handelns ein, der aus der synodalen Spiritualität hervorgeht. So wird der Weg der Erneuerung der Kirche beschritten. Zu diesem Zweck hat er im Oktober 2019 in Rom eine Sonderversammlung für Amazonien einberufen, die mit dem Schlussdokument abgeschlossen wurde. Papst Bergoglio hat uns zudem das Apostolische Schreiben „Querida Amazonia“ vom 12. Februar 2020 geschenkt. Mit dieser synodalen Erfahrung leistet die Kirche im Amazonasgebiet ihren Beitrag zum synodalen Prozess der Weltkirche. Dies ist das wichtigste Vermächtnis von Papst Franziskus, das Leo XIV. fortsetzt und vertieft.

Welchen Eindruck haben Sie davon gewonnen, wie Leo XIV. den Erneuerungsprozess der Kirche im Amazonasgebiet aufnimmt?

BARRETO JEMENO: Diese Frage veranlasst mich, ein Geschenk des Heiligen Geistes an die Kirche hervorzuheben: die Neuerungen und die Kontinuität in der Nachfolge zweier Bischöfe von Rom. Ich hatte die Gelegenheit, beide persönlich kennenzulernen. Es sind zwei Päpste, die sich in Persönlichkeit und Charakter unterscheiden, aber in den wesentlichen Punkten standhaft und entschlossen sind: der Nachfolge Christi, der Erneuerung des Lebens und der Sendung der Kirche.

Die beiden kannten sich und haben in den letzten zwei Jahren vor dem Tod von Papst Franziskus und der Wahl von Papst Leo XIV. eng zusammengearbeitet. Franziskus wurde in Argentinien geboren; Leo XIV. wurde in den Vereinigten Staaten von Amerika geboren und hat die peruanische Staatsbürgerschaft angenommen. Der eine ist Lateinamerikaner, der andere Panamerikaner. Beide sind entschlossen, der Menschheit die frohe Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Jesus zu verkünden. Sie stehen nicht im Wettbewerb zueinander. Sie ergänzen sich. Der eine sät das Wort Gottes, der andere sät es weiter, und Gott lässt es in der Kirche Früchte tragen. Das ist der authentischste Ausdruck der Einheit in der Vielfalt. Erinnern wir uns daran, dass die dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Lumen Gentium“ über die Kirche in Absatz 8 lehrt, dass sie zugleich Charisma und Institution ist, so wie „Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist“. Es gibt nicht zwei Kirchen. Es gibt nur eine: die geistliche, vom Heiligen Geist belebte Kirche und zugleich die sichtbare, institutionelle Kirche mit dem Papst, den Bischöfen, den Priestern, den Ordensleuten und den Laien, die kraft der Taufe das Volk Gottes bilden.

Das Reiseprogramm sieht ein Treffen des Papstes mit Missionaren und Vertretern der Völker des Amazonasgebiets in Pucallpa vor. Was wird er über den Platz der indigenen Völker in der Mission der Kirche sagen?


BARRETO JEMENO: Papst Leo wollte erneut den Boden des Amazonasgebiets betreten, diesmal in der Stadt Pucallpa, am kommenden Sonntag, dem 15. November. Das ist eine vielsagende Geste, ein Zeichen für den Willen, das fortzusetzen, was Papst Franziskus begonnen hatte. Die Kirche im Amazonasgebiet sieht darin die Kontinuität ihres Engagements, die indigenen Völker bei der Verteidigung des Lebens und der Pflege ihres Territoriums zu begleiten, das durch die Abholzung und den illegalen Bergbau bedroht ist, die stetig zunehmen. Er wird sich die Nöte und Hoffnungen der indigenen Völker anhören, insbesondere den Schmerz über die Gewalt, von der Mädchen, Kinder, Jugendliche und junge Menschen betroffen sind. Ich denke dabei an die Ereignisse in Condorcanqui im Nordosten Perus, wo indigene Mädchen der Awajún und Wampis sexuellen Missbrauch durch ihre Lehrer erlitten haben – gerade durch jene, die eigentlich die Verantwortung hatten, sie zu erziehen und zu schützen.


Woran erinnern Sie sich beim Besuch von Papst Franziskus im peruanischen Amazonasgebiet?



BARRETO JEMENO Papst Franziskus, der bei seinem Besuch in Puerto Maldonado im Januar 2018 erklärte, dass das Amazonasgebiet ein heiliges Land sei, vor dem wir wie Mose unsere Sandalen ausziehen müssten. Dort bezeichnete Papst Franziskus die indigenen Völker als heldenhafte Hüter des Amazonas-Bioms. Papst Leo XIV. wird das Engagement der Kirche bekräftigen, die indigenen Völker weiterhin bei der Verteidigung des Lebens und ihrer Würde als Menschen sowie bei der Bewahrung des Amazonasgebiets zu begleiten.


Papst Leo XIV. hat einen wichtigen Teil seiner Mission in Peru als Augustiner-Mönch verbracht. Welche Spuren hat diese Erfahrung, verbunden mit seinen Wurzeln in Illinois, Ihrer Meinung nach in seiner Vision und in der Ausübung des Petrusdienstes hinterlassen?


BARRETO JEMENO: Der apostolische Besuch von Papst Leo in Peru wird seine eigene missionarische Erfahrung bekräftigen, die er zwanzig Jahre lang in Peru gesammelt hat. Er hat dort mit seiner Nähe und der Seelenstärke, mit der er zum Aufbau einer Kirche beigetragen hat, die zuhört, unterscheidet und handelt, unauslöschliche Spuren hinterlassen. Wir hoffen, dass seine Anwesenheit unter uns einen neuen Impuls für die Evangelisierung unserer Völker gibt: eine Evangelisierung, die eine Sozialpastoral umfasst, die den Leidenden nahe ist, die auf die Stimmen der Völker an der Küste, in den Anden und im Amazonasgebiet hört und die Solidarität und die Organisation der Gemeinschaften zum Wohle aller fördert. Sein Besuch wird uns helfen, das Schweigen zu durchbrechen, die Gleichgültigkeit zu überwinden und zum Wesentlichen zurückzukehren, denn „in der Begegnung mit Jesus Christus entsteht und erneuert sich die Freude“, wie es im ersten Absatz von "Evangelii gaudium" heißt. Das ist unser Glaube, der die Hoffnung stärkt und uns dazu antreibt, die Nächstenliebe unter Brüdern und Schwestern zu leben.

Er wird all jene, die politische, wirtschaftliche und soziale Verantwortung tragen, daran erinnern, dass jede Autorität ihren Sinn im Dienst am Gemeinwohl findet. Er wird uns ermutigen, uns angesichts von Armut, Ungleichheit, Korruption, Gewalt und Ausgrenzung nicht resigniert zurückzulehnen. So werden wir gemeinsam einen „unbewaffneten und entwaffnenden“ Frieden aufbauen.

(Fides 30/10/2026)


Teilen: