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Predigt beim Eucharistischen Weltkongress
in Guadalajara, Mexiko, am 15. Oktober 2004
+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köl .
Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Die Kirche lebt bis zu dieser Stunde von den drei kleinen Worten,
die bei jeder heiligen Messe während der heiligen Wandlung
gesprochen werden: Er nahm, er brach und er gab das Brot. In diesen
drei Worten können wir bei der heiligen Wandlung jeder Eucharistiefeier
unsere eigene Berufung als Christen erkennen und dafür auch
die nötigen geistlichen Energien in Empfang nehmen.
1. Jesus nahm das Brot in seine Hände,
so wie er damals einen menschlichen Leib annahm aus Maria, der Jungfrau.
In dieser Geste des Nehmens hat er alle Menschen angenommen, nichts
und niemand ist dabei ausgenommen. Jeder von uns kann von sich sagen:
„Ich bin vom Herrn angenommen“. Und darum hat jeder
von uns Grund, auch sich selbst anzunehmen. Wer sich nicht angenommen
hat, der kann sich nicht hingeben. Es ist unmöglich, 10 Dollar
zu verschenken, wenn die Taschen leer sind. Vor der Hingabe steht
die Annahme. Wir können als Glieder der Kirche nur Verantwortung
für unsere Schwestern und Brüder übernehmen, weil
wir vorher durch Gott angenommen worden sind. Was Gott angenommen
hat, das lässt er nicht mehr los. Und wer von Gott angenommen
ist, der gehört sich nicht mehr selbst, sondern er gehört
dem Herrn.
Die Kirche übergibt uns zu guten Händen bei der heiligen
Kommunion den Leib des Herrn. Dieses Brot ist keine Sache, sondern
eine Person. Es ist kein „Es“, sondern es ist ein „Du“:
der Herr selbst. Wenn wir mit dem Herrn in Kontakt kommen, dürfen
wir nicht vergessen, mit wem wir es dabei zu tun haben. Die Kirche
ermahnt die Diener des Altares, die Priester, bei ihrer Weihe: „Bedenket,
was ihr tut! Ahmt nach, was ihr vollzieht!“. Wir sind vom
Herrn Angenommene: Er nahm das Brot. Er hat uns angenommen, damit
wir zu Gebenden, ja damit wir zum Brot für andere werden. Wo
ist unser Lebensraum? – In der gebenden Hand des Herrn. Und
dort sind wir immer in guten Händen und unsere Mitmenschen
auch! Auch wenn wir ihm auf die Hände treten, er lässt
uns nicht fallen.
Diese drei Worte vom Nehmen, vom Brechen und vom Geben des Brotes
werden eingeleitet mit den Worten des Verrates: „In der Nacht,
da er verraten wurde“. Wo von der höchsten Tat der Liebe
gesprochen wird, wird die gemeinste Tat des Menschen sichtbar: der
Verrat. Vor dem „Er nahm“ steht das „Er wurde
verraten“. Selbst wenn wir ihm unsere Treue aufkündigen,
zerbricht Gottes Treue nicht daran. Er nahm dich, und er hält
dich. – In seiner Hand ist dein Lebensraum. Und ich meine,
dass dies der Grund für unser unzerstörbares Vertrauen
in die Zukunft ist: Gottes Hand, die trägt. Er nahm das Brot,
er nimmt dich, du bist in guten Händen.
2. Er brach das Brot.
Der Weg vom gesprochenen Wort zum gebrochenen Brot ist nicht weit.
Das gesprochene Wort wird zum gebrochenen Brot in der Feier der
heiligen Geheimnisse. Liebe will sich verschenken. Darum teilt sie
sich aus, und darum teilt sie sich mit. Gott ist im geteilten Brot.
Als der Herr in der Herberge von Emmaus das Brot teilte, da gingen
den Jüngern die Augen auf, und sie spürten plötzlich
das brennende Herz im eigenen Leib. Im gebrochenen Brot teilt uns
Gott sein eigenes Leben zu, damit wir es durch unsere Hände
austeilen an die Hungernden der Welt. Darum unsere Bitte, dass wir
immer ein wenig Brot in der Tasche behalten mögen, damit wir
etwas zu teilen haben, sodass den Menschen die Augen aufgehen wie
damals in Emmaus und das brennende Herz zu spüren bekommen
und um so des gegenwärtigen Herrn inne zu werden im gebrochenen
Brot. Das Brot, das uns anvertraut wird in der heiligen Kommunion,
ist gebrochenes Brot, das dem Herrn das Leben gekostet hat zugunsten
der Schwestern und Brüder.
Wer mit seinen Fingern Goldbronze berührt, dessen Finger werden
selbst golden. Wer das geteilte eucharistische Brot berührt,
dessen Leben muss teilbar werden: mitteilbar, austeilbar, zuteilbar.
„Gedenke, was du tust! Ahme nach, was du vollziehst!“,
gilt jedem Mitfeiernden in der heiligen Messe. Der Leib, der uns
in der heiligen Kommunion überreicht wird, ist der zerteilte
Christusleib. Liebe will sich verschenken. Darum teilt sie sich.
Sorgen wir dafür, dass wir immer ein wenig Liebe im Herzen
und ein wenig Brot in der Tasche haben, damit wir etwas zum Teilen,
zum Brechen haben, um die Menschen der Gegenwart des Herrn gewiss
werden zu lassen.
Das Teilen ist schon immer ein Erkennungszeichen der Christen gewesen.
In früheren Zeiten, als es das Passbild noch nicht gab, verwandte
man ein Keramiktellerchen dafür. Wenn zwei Freunde voneinander
Abschied nahmen für längere Zeit, dann teilten sie den
kleinen Keramikteller in zwei Hälften. Jeder der beiden nahm
eine Hälfte mit sich. Und wenn man sich nach vielen, vielen
Jahren wieder sah, dann zeigte jeder seinen Teil vor und hielt ihn
mit dem Teil des Anderen zusammen. Und wenn er ein Ganzes ergab,
dann gingen ihnen die Augen auf und sie wussten, dass sie zusammen
gehörten. Er brach das Brot, um es auszuteilen und sich in
ihm dem Anderen mitzuteilen. Die christliche Existenz ist geteilte
Existenz. Gott ist im gebrochenen Brot.
3. Das dritte Wort, von dem die Kirche lebt,
heißt: Er gab.
Der Herr verausgabt sich bis zum Letzten. Wer gibt, wird arm. Aber
wer gibt, wird auch selig. Jesus hat das selbst gesagt: „Geben
ist seliger als Nehmen“ (Apg 20,35), weil es nämlich
göttlicher ist. Darum ist im Evangelium Armut und Seligkeit
koexistent. Armseligkeit ist einer der vielen Namen Gottes. Gott
lebt wie ein Bettler von der Gabe, die er gibt. Der Bettler lebt
von der Gabe, die er nimmt. Würde man Gott das Geben untersagen,
hörte er auf, Gott zu sein. Wer durch die heilige Kommunion
Geschmack am Lebensstil Gottes gefunden hat, dessen Hand wird sich
immer öffnen zum Geben. Er bekommt dann Anteil an seiner Armut
und an seiner Seligkeit. Eigentlich lautet einer der schönsten
Titel, den man einem Christen geben kann, dass er ein „armseliger“
Nachfolger Jesu ist.
Die Kirche lebt wie Gott von der Gabe, die sie gibt. Und darum ist
sie selig wie der Geber aller guten Gaben, wie Christus. Beim Austeilen
der heiligen Kommunion dürfen wir diese Geste Gottes nachahmen.
Die Kirche ist nie reicher, als wenn sie mit der gefüllten
Opferschale an die Kommunionbank tritt, um den Leib des Herrn auszuteilen.
Und die Kirche ist nie reicher, als wenn dann die Kommunikanten
ihre Hände und Taschen öffnen, um ihr tägliches Brot
mit den Hungernden zu teilen. Würde man der Kirche das Geben
verbieten, dann hörte sie auf, die Kirche Christi zu sein.
Würde ein Christ seine Hände zum Teilen nicht mehr öffnen,
dann hörte er auf, ein Jünger Jesu zu sein. Was wäre
ein Bischof ohne Frauen und Männer, die ihm ihre Hände
und Herzen zum Geben leihen? – Er wäre ein armer Mann
und eine Karikatur, denn die Kirche ist zum Geben da.
In der Hitlerzeit wurde ein Kruzifix am Wegesrand geschändet,
indem man dem Heiland die Arme und Hände abschlug. Der fromme
Pfarrer hing dann den Christustorso in die Kirche und schrieb darunter:
„Nun habe ich keine anderen Hände mehr als die euren!“
Bei jeder heiligen Messe werden wir zur Erneuerung unseres Noviziates
als Christen eingeladen, indem der Priester bei der heiligen Wandlung
sagt: Er nahm das Brot, er brach das Brot, und er gab das Brot.
– Du bist genommen, du bist austeilbar, und du bist selbst
zum Geben da. Die Mitfeier der heiligen Messe drängt uns zum
Aufbruch hin zu den hungernden Menschen. Sie hungern nach Gott,
und sie hungern nach Brot. Und Gott ist im gebrochenen Brot.
Amen.
+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köl .
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