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Rom (Fidesdienst) - Pater Piero Gheddo, Leiter der historischen
Abteilung des Päpstlichen Institutes für die Außenmissionen
(PIME), hat vor kurzem Singapur und Indonesien besucht. Im Gespräch
mit dem Fidesdienst beschreibt er die komplexe Situation vor Ort
und das Engagement der Kirche in der Gesellschaft in diesen Ländern.
Dabei gelingt es ihm über die üblichen Kriterien hinaus
Situationen und Aspekte zu erfassen, die oft vernachlässigt
werden, weshalb seine Analyse sich nicht mit festgefahrenen Schemen
zufrieden gibt: "Es wird behauptet, dass die indonesische
Bevölkerung zu 88-89% muslimisch sei, doch dann sieht man
vor Ort, dass der Anteil der Muslime höchsten 50-55% ausmacht
Der Staat garantiert allen Religionen seinen Schutz und
die Christen werden für die Ausgeglichenheit und die Weltoffenheit,
die sie vertreten, ebenso geschätzt wie für den Beitrag,
den sie zur Entwicklung im Bereich des Bildungs- und Gesundheitswesens
leisten."
Welche Gründe haben Sie zu dieser Reise bewegt?
In Indonesien habe ich die Xaverianer Missionare aus der italienischen
Provinz Parma besucht und danach habe ich mich bei den Patres
der Päpstlichen Außenmissionen von Paris (MEP) in Singapur
aufgehalten. Meine Aufgabe besteht heute darin, die Geschichte
des PIME und seiner Missionare zu schreiben, die vorwiegend in
Asien tätig sind. Doch ich werde auch weiterhin journalistisch
tätig sein. Seit Januar 2003 erscheint meine Rubrik "Armagheddo"
in der Missionszeitschrift "Mondo e Missione", die ich
von 1959 bis 1994 als Direktor geleitet habe.
Welche Eindrücke konnten Sie auf Ihrer Reise sammeln?
Ich bin nun zum zwanzigsten Mal nach Afrika gereist und habe immer
denselben Eindruck: dieser Kontinent ist riesengroß und
von einer unendlichen Vielfalt. Wenn man Afrika oder Lateinamerika
drei oder vier Länder besucht, scheint man den gesamten Kontinent
zu kennen. In Asien kann man zwanzig verschiedene Länder
besuchen und versteht dann erst, dass man den Kontinent, auf dem
61-62% aller Menschen leben und der die größten Kulturen
und Religionen, die es seit Urzeiten gibt, beherbergt, immer noch
nicht kennt.
Was haben Sie über die Länder erfahren, die Sie
auf Ihrer jüngsten Reise besucht haben?
Singapur ist eine sehr moderne, sauber, geordnete Stadt, die sich
auf höchstem technischen und wirtschaftlichen Niveau befindet.
Es handelt sich um eine kleine Insel, auf der rund vier Millionen
mit einem gehobenen Lebensstandard zusammenleben: rund drei Millionen
sind Einheimische (75% Chinesen) und etwa 1 Million ausländische
Arbeitnehmer (aus den Philippinen, Indonesien, Malaysia, Bangladesch
und Indien). Die Kirche hat eine solide Basis, es gibt rund 300.000
einheimische Katholiken (dazu kommt rund eine halbe Million ausländischer
Katholiken) und es gibt viele Bekehrungen, vor allem unter den
Chinesen: die Sonntagsgottesdienste sind sehr gut besucht und
die Laien sind sehr engagiert. Leider mangelt es an Priesteramtskandidaten.
Indonesien ist ein faszinierendes Land, das sich von allen anderen
asiatischen Ländern unterscheidet, es sozusagen ist eine
Welt für sich. Man spürt den Einfluss aus Indien, Malaysia,
China und Ozeanien und die Modernisierung, die vom christliche
Westen hierher gebracht wurde. Doch das Volk ist eine Mischung
unzähliger Rassen, Sprachen (250!), Religionen, Bräuche,
so dass für alles was man über Indonesien sagen mag
auch das genaue Gegenteil zutrifft. Es wird zum Beispiel im Allgemeinen
behauptet, dass 88-89% der Bevölkerung muslimisch ist, doch
dann sieht man vor Ort, dass die Muslime nicht mehr als 50-55%
ausmachen; viele bekennen sich nur zum Islam, weil man bei Erreichen
der Volljährigkeit in allen amtlichen Dokumenten die Zugehörigkeit
zu einer der staatlich anerkannten Religionen (Islam, Hinduismus,
Buddhismus, Protestantismus oder Katholizismus) angeben muss.
Deshalb sind auch Anhänger traditioneller Naturreligionen
für den Staat Muslime. Auf Java gibt es zum Beispiel eine
Bewegung, die die offizielle Anerkennung der Naturreligion der
am meisten bevölkerten Insel mit ihren Riten und Kultstätten
fordert.
Wie viele Katholiken gibt es in Indonesien?
Es gibt etwa sechs bis zehn Millionen Katholiken und zusammen
mit den Protestanten beträgt die Zahl der Christen etwa zwanzig
Millionen bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 210 Millionen
Menschen (von denen über 100 Millionen allein auf der Insel
Java leben). Die große Ungenauigkeit bei den Zahlenangaben
ist leicht verständlich: Christen werden oft der "Proselytenmacherei"
(d.h. Abwerben von Gläubigen) beschuldigt und dieses Zauberwort
wird bei allen Gelegenheiten benutzt. Hilft man armen oder notleidenden
Menschen, dann wird dies als Versuch der "Bekehrung"
von Muslimen betrachtet! Manchmal werden auf Kappellen oder Wohnungen
von Christen Brandanschläge oder sonstige Übergriffe
verübt. Doch ich möchte noch einmal betonen: Indonesien
ist sehr groß und die Umstände ändern sich von
einer Insel zur anderen. Die Insel Bali ist zum Beispiel ausschließlich
von Hindus bewohnt, Flores hingegen ist ganz katholisch. Ich habe
vor allem Sumatra besucht, wo die Xaverianer Missionare seit 1951
tätig sind. Sie verdienen Bewunderung für ihre Arbeit
in einem nicht einfachen Umfeld: diese Missionare sind starke,
überzeugte und herzliche Menschen, denen es gelingt, ihre
Projekte zu realisieren. Seit etwa 15 Jahren kann der Orden auch
auf einen starken Nachwuchs zählen.
Auf Sumatra wird jedoch deutlich, dass eines der Hauptprobleme
Indonesiens der Islam ist: ein Islam, der von arabischen Händlern
importiert wurde und deshalb in der Kultur und in der Mentalität
der Einheimischen nicht verwurzelt ist. Die Einwohner des Landes
sind im Allgemeinen sehr tolerant, doch seit etwa einem halben
Jahrhundert nehmen extremistische und intolerante Strömungen
zu. Es wird gesagt, dass die Regierung Ausländern, die sich
in Indonesien niederlassen wollen die Einwanderung verbietet,
weil damit die Einreise von arabischen Predigern verhindern will,
die von Erdölländern finanziert werden und extremistische
anti-westliche, anti-amerikanische und anti-christliche Ideen
verbreiten sollen.
Werden die Christen in Indonesien insgeheim verfolgt?
Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, der Staat garantiert
allen Religionen seinen Schutz und die Christen werden werden
für die Ausgeglichenheit und die Weltoffenheit, die sie vertreten,
ebenso geschätzt wie für den Beitrag, den sie zur Entwicklung
im Bereich des Bildungs- und Gesundheitswesens leisten. Sie werden
von der Regierungen als Mitglieder von Friedenskommissionen ernannt,
wenn es irgendwo zu Spannungen und Unruhen kommt. Besonders beeindruckt
in Indonesien die Tatsache, dass die Religion als Grundlage des
persönlichen, familiären, sozialen und öffentlichen
Lebens betrachtet wird. Bereits in seinen als "Pancasila"
bezeichneten Prinzipien der Staatsführung hatte Sukarno die
fünf Religionen an erster Stelle angeführt. Doch auch
noch heute ist in den Schulen die Bestehung der Examen im Fach
Religion die Voraussetzung für die Zulassung zu anderen Examen:
dies gilt von der Grundschule bis zur Universität. Jeder
muss sich zu einer Religion bekennen: Atheismus ist nicht zugelassen.
Der laizistische Staat schützt die Religionen und die Regierenden
nehmen an öffentlichen Zeremonien und Gebetsfeiern, usw.
teil.
Wie steht es um die Beziehungen zwischen der Kirche und dem
Islam?
Ich möchte noch einmal wiederholen, dass sich die Umstände
in Indonesien von Insel zu Insel ändern. Auf Sumatra, wo
der Islam eher primitiv und fundamentalistisch ist, sind Xaverianer
Missionare und Ortskirche vor allem unter den Anhängern der
Naturreligionen tätig. Schulen und Krankenhäuser befinden
sich hier in kirchlicher Trägerschaft. Im größten
Krankenhaus der Insel in Padang, das von dem Xaverianerpater Aldo
Laruffa geleitet wird, sind jedoch 90% der Patienten Muslime.
Außerdem betreuen sie die kleine christliche Glaubensgemeinschaft
(etwa 1 Million von insgesamt rund 46 Inselbewohnern) Oft bereitet
allein schon das "Christsein" Schwierigkeiten: Bekehrungen
aus dem Islam sind tabu, Christen werden im öffentlichen
Leben benachteiligt und Missionare der "Proselytenmacherei"
verdächtigt. Doch auch hier (mehr noch als auf Java) tun
die Katholiken ihr Möglichstes, wenn es darum geht einen
Dialog mit Vertretern des Islam aufzubauen. In Padang habe ich
zum Beispiel das "Pusaka"-Forschungszentrum besucht,
dessen Ziel es ist, den Dialog zu fördern: hier tauschen
sich muslimische und katholische Studenten und Dozenten aus.
Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus Ihrer Reise über
Asien?
Für uns Christen ist eine Reise nach Asien eine Übung
der Bescheidenheit. Man fühlt sich sehr klein auch wenn es
um die Stärke und die Gewissheit des eigenen Glaubens geht,
denn man kann mit eigenen Augen sehen, dass die Mission tatsächlich
ein Werk des Heiligen Geistes ist und dass wir selbst die Pläne
Gottes nicht kennen. Deshalb schließe ich mich auch dem
Papst an, der in seiner Missionsenzyklika "Redemptoris Missio"
zwei oder drei Mal wiederholt: "Die Mission ad gentes befindet
sich noch in den Anfängen", "Die Mission ad gentes
hat eben erst begonnen"! (Fidesdienst, 25/2/2003, 111 Zeilen,
1328 Worte)
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