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APRIL 2005 - IV. OSTERSONNTAG
"Zum Hinausfahren berufen"
Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt,
liebe Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt!
1. "Duc in altum!" Zu Beginn des Apostolischen
Schreibens Novo millennio ineunte habe ich an die Worte erinnert,
mit denen Jesus die ersten Jünger auffordert, ihre Netze
zu einem Fischfang auszuwerfen, der sich als äußerst
ergiebig erweisen wird. Er sagt zu Petrus: "Duc in altum"
(Lk 5,4). "Petrus und die ersten Gefährten vertrauten
dem Wort Christi und warfen ihre Netze aus" (Novo millennio
ineunte, 1).
Diese bekannte Begebenheit aus dem Evangelium bildet den
Hintergrund des kommenden Weltgebetstages für geistliche
Berufungen, der unter dem Leitwort steht: "Zum Hinausfahren
berufen." Er ist eine bevorzugte Gelegenheit, über
die Berufung nachzudenken, Jesus zu folgen und Ihm insbesondere
auf dem Weg des Priestertums und des geweihten Lebens nachzufolgen.
2. "Duc in altum!" Diese Weisung Christi ist besonders
aktuell in unserer Zeit, in der sich eine gewisse Mentalität
ausbreitet, welche die persönliche Teilnahmslosigkeit
angesichts auftretender Schwierigkeiten fördert. Die
erste Bedingung für das "Hinausfahren" besteht
darin, einen tiefen Geist des Gebets zu pflegen, der durch
das tägliche Hören des Wortes Gottes genährt
wird. Die Wahrhaftigkeit des christlichen Lebens läßt
sich an der Tiefe des Gebetes messen, einer Kunst, die wir
demütig "von den Lippen des göttlichen Meisters"
selbst ablesen müssen, wobei wir Ihn gleichsam wie die
ersten Jünger bitten sollen: 'Herr, lehre uns beten.'
(Lk 11,1). Im Gebet entwickelt sich jener Dialog mit Christus,
der uns zu seinen engsten Vertrauten macht: Bleibt in mir,
dann bleibe ich in euch (Joh 15,4)" (Novo millennio ineunte,
32).
Diese Verbindung mit Christus im Gebet läßt uns
seine Gegenwart auch in den Augenblicken vermeintlichen Scheiterns
erkennen, wenn alle Mühen unnütz erscheinen. Dies
ist den Aposteln selbst widerfahren, als sie nach einer arbeitsreichen
Nacht ausriefen: "Meister, wir haben […] nichts
gefangen" (Lk 5,5). Besonders in diesen Momenten müssen
wir das Herz dem Strom der Gnade öffnen und dem Wort
Christi gestatten, uns mit aller Kraft zu durchdringen: "Duc
in altum!" (vgl. Novo millennio ineunte, 38).
3. Wer sein Herz für Christus öffnet, wird nicht
nur das Geheimnis seines eigenen Daseins verstehen, sondern
auch das seiner eigenen Berufung, und er wird wunderbare Früchte
der Gnade heranreifen lassen. Die erste unter ihnen ist das
Wachsen in der Heiligkeit auf einem geistlichen Weg, der mit
dem Geschenk der Taufe beginnt und bis zur völligen Entfaltung
der vollkommenen Liebe führt (vgl. ebd., 30). Wenn der
Christ das Evangelium ohne Abstriche lebt, wird er immer mehr
dazu fähig, wie Christus selbst zu lieben und seine Mahnung
zu beherzigen: "Ihr sollt also vollkommen sein, wie es
auch euer himmlischer Vater ist" (Mt 5,48). Er strebt
danach, innerhalb der Gemeinschaft der Kirche mit den Brüdern
in Einheit verbunden zu bleiben und stellt sich in den Dienst
an der Neuevangelisierung, um die großartige Wahrheit
der heilbringenden Liebe Gottes zu verkünden und zu bezeugen.
4. Liebe Heranwachsende und Jugendliche, vor allem Euch gegenüber
möchte ich die Einladung Christi wiederholen, "hinauszufahren".
Ihr befindet Euch in Situationen, in denen Ihr wichtige Entscheidungen
für Eure Zukunft zu treffen habt. In meinem Herzen bewahre
ich die zahlreichen Gelegenheiten, bei denen ich in den vergangenen
Jahren jungen Menschen begegnet bin, die heute erwachsen sind
und vielleicht Eltern von einigen unter Euch – oder
Priester, Ordensmänner und -frauen, Eure Erzieher im
Glauben. Ich habe sie fröhlich gesehen, wie junge Menschen
es sein sollen, aber auch nachdenklich, da sie vom Wunsch
beseelt sind, ihrem Leben einen umfassenden "Sinn"
zu geben. Immer tiefer habe ich erkannt, daß im Denken
der neuen Generationen das Streben nach geistigen Werten stark
ausgeprägt und ihre Sehnsucht nach Heiligkeit sehr aufrichtig
ist. Die jungen Menschen brauchen Christus, aber sie wissen
auch, daß Christus nicht ohne sie auskommen wollte.
Liebe junge Männer und Frauen! Vertraut Ihm, hört
auf seine Lehren, richtet Euren Blick auf sein Antlitz, hört
beharrlich sein Wort. Laßt zu, daß er all Eurem
Suchen und Sehnen, all Euren Idealen und Herzenswünschen
Orientierung gibt.
5. Nun wende ich mich an Euch, liebe Eltern und christliche
Erzieher, sowie an Euch, liebe Priester, Personen des geweihten
Lebens und Katecheten. Gott hat Euch die besondere Aufgabe
übertragen, die Jugendlichen auf dem Weg der Heiligkeit
zu führen. Seid ihnen Vorbilder großherziger Treue
zu Christus. Ermutigt sie, ohne zu Zögern "hinauszufahren"
und spontan auf die Einladung des Herrn zu antworten. Einige
beruft er zum Familienleben, andere zum geweihten Leben oder
zum priesterlichen Dienst. Helft ihnen, ihren Weg zu erkennen
und zu echten Freunden Christi und zu seinen wahren Jüngern
zu werden. Wenn vom Glauben erfüllte Erwachsene durch
ihr Wort und Beispiel das Antlitz Christi sichtbar machen,
fällt es den Jugendlichen leichter, die anspruchsvolle,
vom Geheimnis des Kreuzes geprägte Botschaft anzunehmen.
Vergeßt zudem nicht, daß auch heute großer
Bedarf an heiligmäßigen Priestern besteht, an Seelen,
die ganz dem Dienst an Gott geweiht sind. Daher möchte
ich erneut hervorheben: "Es ist dringend notwendig, eine
breitangelegte und engmaschige Berufungspastoral zu schaffen.
Sie muß die Pfarreien, Bildungszentren und Familien
erreichen und ein aufmerksameres Nachdenken über die
wesentlichen Werte des Lebens wecken. Diese finden ihre entscheidende
Zusammenschau in der Antwort, die jeder auf den Ruf Gottes
geben soll. Dies gilt besonders dann, wenn die Antwort es
erfordert, sich selbst ganz hinzugeben und die eigenen Energien
für das Reich Gottes einzusetzen" (Novo millennio
ineunte, 46).
Vor Euch Jugendlichen wiederhole ich die Worte Jesu: "Duc
in altum!" Wenn ich von neuem auf diese seine Aufforderung
hinweise, so denke ich zugleich an die Worte, die Maria, seine
Mutter, in Kana in Galiläa an die Diener richtete: "Was
er euch sagt, das tut!" (Joh 2,5). Christus, liebe Jugendliche,
bittet Euch "hinauszufahren", und die Jungfrau Maria
ermutigt Euch, Ihm ohne Zögern nachzufolgen.
6. Unterstützt von der mütterlichen Fürsprache
der Gottesmutter, steige aus allen Teilen der Erde unser inniges
Gebet zum himmlischen Vater auf, auf daß Er "Arbeiter
für seine Ernte" (Mt 9,38) aussende. Er möge
allen Gliedern seiner Herde eifrige und heilige Priester schenken.
Getragen von diesem Bewußtsein, wenden wir uns an Christus,
den Hohenpriester, und sprechen zu Ihm mit neuer Zuversicht:
Jesus, Sohn Gottes,
in dem die Fülle der Gottheit wohnt,
Du berufst alle Getauften, "hinauszufahren"
und den Weg der Heiligkeit zu gehen.
Erwecke in den Herzen der jungen Menschen die Sehnsucht, in
der
Welt von heute Zeugen der Macht Deiner Liebe zu sein.
Erfülle sie mit Deinem Geist der Stärke und Besonnenheit,
damit sie fähig werden, die volle Wahrheit über
sich selbst und ihre
Berufung zu entdecken.
Unser Erlöser,
vom Vater gesandt, seine barmherzige Liebe zu offenbaren,
schenke
Deiner Kirche junge Menschen, die bereit sind, "hinauszufahren"
und für ihre Brüder zum Zeichen Deiner erneuernden
und
heilbringenden Gegenwart zu werden.
Heilige Jungfrau, Mutter des Erlösers,
sichere Führerin auf dem Weg zu Gott und dem Nächsten,
Du hast seine Worte im Innersten Deines Herzens bewahrt.
Stehe mit Deiner mütterlichen Fürsprache den Familien
und
kirchlichen Gemeinschaften zur Seite,
damit sie den Heranwachsenden und Jugendlichen dabei helfen,
großherzig auf den Ruf des Herrn zu antworten.
Amen.
Aus Castelgandolfo, 11. August 2004
IOANNES PAULUS II
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