| LASS
DICH NICHT VOM BÖSEN BESIEGEN, SONDERN BESIEGE DAS BÖSE
DURCH DAS GUTE!
1. Zu Beginn des neuen Jahres richte ich mein Wort wieder
an die Verantwortlichen der Nationen sowie an alle Männer
und Frauen guten Willens, die spüren, wie notwendig es
ist, in der Welt dauerhaft Frieden zu schaffen. Als Thema
des Weltfriedenstages 2005 habe ich die Aufforderung des heiligen
Paulus im Römerbrief gewählt: »Laß dich
nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse
durch das Gute!« (12, 21). Das Böse besiegt man
nicht durch das Böse: Schlägt man diesen Weg ein,
dann läßt man sich, anstatt das Böse zu besiegen,
in Wirklichkeit vom Bösen besiegen.
Der große Apostel zeigt eine Perspektive auf, die eine
Grundwahrheit herausstellt: Der Friede ist das Ergebnis eines
langen und harten Kampfes, der gewonnen wird, wenn das Böse
durch das Gute besiegt wird. Angesichts der dramatischen Schauplätze
von gewaltgeprägten Bruderkriegen, die in verschiedenen
Teilen der Welt herrschen, angesichts der daraus erwachsenden
unaussprechlichen Leiden und Ungerechtigkeiten besteht die
einzig wahrhaft konstruktive Entscheidung darin, das Böse
zu verabscheuen und am Guten festzuhalten (vgl. Röm 12,
9), wie gleichfalls der heilige Paulus rät.
Der Friede ist ein Gut, das durch das Gute gefördert
werden muß: Er ist ein Gut für die einzelnen Menschen,
für die Familien, für die Nationen der Erde und
für die gesamte Menschheit; er ist jedoch ein Gut, das
durch Entscheidungen und Akte zum Guten gehütet und gepflegt
werden muß. Da begreift man die tiefe Wahrheit eines
anderen paulinischen Grundsatzes: »Vergeltet niemand
Böses mit Bösem!« (Röm 12, 17). Der einzige
Weg, um aus dem Teufelskreis des Bösen durch das Böse
herauszukommen, liegt in der Annahme des Apostelwortes: »Laß
dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse
durch das Gute!« (Röm 12, 21).
Das Böse, das Gute und die Liebe
2. Von ihren Anfängen an hat die Menschheit die tragische
Erfahrung des Bösen gemacht und versucht, seine Wurzeln
zu erfassen und seine Ursachen zu erklären. Das Böse
ist keine anonyme Macht, die kraft deterministischer und unpersönlicher
Mechanismen in der Welt am Werk ist. Das Böse nimmt seinen
Lauf über die menschliche Freiheit. Genau diese Eigenschaft,
die den Menschen von den anderen Lebewesen auf der Erde unterscheidet,
steht im Mittelpunkt des Dramas des Bösen und geht ständig
mit ihm einher. Das Böse hat immer ein Gesicht und einen
Namen: das Gesicht und den Namen von Männern und Frauen,
die es aus freien Stücken wählen. Die Heilige Schrift
lehrt, daß am Anfang der Geschichte Adam und Eva sich
gegen Gott auflehnten und Abel von seinem Bruder Kain erschlagen
wurde (vgl. Gen 3-4). Das waren die ersten Fehlentscheidungen,
auf die im Laufe der Jahrhunderte zahllose weitere folgten.
Jede von ihnen hat eine wesentliche moralische Qualität,
die klare Verantwortlichkeiten seitens des Menschen mit sich
bringt und die grundlegenden Beziehungen des Menschen zu Gott,
zu den anderen und zur Schöpfung einschließt.
Wenn man nach seinen tieferen Bestandteilen sucht, wird man
feststellen, daß das Böse letztlich bedeutet, sich
tragischerweise der Notwendigkeit der Liebe zu entziehen.(1)
Das sittlich Gute hingegen erwächst aus der Liebe, zeigt
sich als Liebe und richtet sich an der Liebe aus. Dies ist
in besonderer Weise dem Christen einsichtig, der weiß,
daß ihn die Teilhabe an dem einen mystischen Leib Christi
in eine besondere Beziehung nicht nur zum Herrn, sondern auch
zu den Brüdern stellt. Die Logik der christlichen Liebe,
die im Evangelium den Herzschlag des sittlich Guten bestimmt,
drängt, konsequent zu Ende gedacht, sogar zur Feindesliebe:
»Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn
er Durst hat, gib ihm zu trinken« (Röm 12, 20).
Die »Grammatik« des allgemeinen Sittengesetzes
3. Wenn man den Blick auf die aktuelle Situation der Welt
richtet, muß man eine erschreckende Ausweitung vielfältiger
gesellschaftlicher und politischer Phänomene des Bösen
feststellen: von der sozialen Unordnung bis zur Anarchie und
zum Krieg, von der Ungerechtigkeit bis zur Gewalt gegen den
anderen und zu seiner Unterdrückung. Um zwischen dem
Aufruf zum Guten und den Lockungen des Bösen, die einander
entgegenstehen, den eigenen Weg zu finden, muß die Menschheitsfamilie
das gemeinsame Erbe sittlicher Werte, das sie von Gott selber
als Geschenk empfangen hat, dringend beherzigen. Deshalb richtet
der heilige Paulus an alle, die entschlossen sind, das Böse
durch das Gute zu besiegen, die Aufforderung, die noble und
uneigennützige Haltung der Hochherzigkeit und des Friedens
zu pflegen (vgl. Röm 12, 17- 21).
Als ich vor zehn Jahren vor der Vollversammlung der Vereinten
Nationen von dem gemeinsamen Bemühen im Dienst des Friedens
sprach, habe ich auf die »Grammatik« des allgemeinen
Sittengesetzes(2) Bezug genommen, auf die die Kirche in ihren
zahlreichen Stellungnahmen zu diesem Thema verweist. Indem
es gemeinsame Werte und Grundsätze vorgibt, verbindet
dieses Gesetz die Menschen selbst bei aller Verschiedenheit
ihrer Kulturen miteinander und ist unabänderlich: »In
der Flut der Vorstellungen und der Sitten bleibt es bestehen
und unterstützt ihren Fortschritt ... Selbst wenn man
es einschließlich seiner Grundsätze bestreitet,
kann man es weder zerstören noch aus dem Herzen des Menschen
reißen. Es taucht im Leben der einzelnen Menschen und
der Gesellschaften immer wieder auf«.(3)
4. Diese gemeinsame Grammatik des Sittengesetzes verpflichtet
dazu, sich stets verantwortungsvoll dafür einzusetzen,
daß das Leben der Menschen und der Völker respektiert
und gefördert wird. In ihrem Licht müssen die Übel
sozialer und politischer Art, von denen die Welt geplagt wird,
vor allem die von Gewaltausbrüchen verursachten, mit
Nachdruck angeprangert werden. Wie sollte man in diesem Zusammenhang
nicht an den geliebten afrikanischen Kon- tinent denken, auf
dem Konflikte andauern, die bereits Millionen Opfer gefordert
haben und weiterhin fordern? Wie könnten wir die gefährliche
Lage in Palästina, dem Land Jesu, unerwähnt lassen,
in dem es nicht gelingt, in Wahrheit und Gerechtigkeit die
Fäden der gegenseitigen Verständigung fest zu knüpfen,
die von einem Konflikt zerrissen wurden, der Tag für
Tag durch Attentate und Racheakte auf besorgniserregende Weise
angeheizt wird? Und was ist zum tragischen Phänomen terroristischer
Gewalt zu sagen, welche die ganze Welt in eine Zukunft voll
Angst und Schrekken zu treiben scheint? Muß man schließlich
nicht voller Bitterkeit feststellen, daß das Drama im
Irak leider weiterhin andauert und alle in eine ungewisse
und unsichere Situation hineinführt?
Um das Gut des Friedens zu erlangen, muß vollen Bewußtseins
festgehalten werden, daß Gewalt ein inakzeptables Übel
ist und niemals Probleme löst. »Gewalt ist eine
Lüge, denn sie verstößt gegen die Wahrheit
unseres Glaubens, gegen die Wahrheit unserer Menschlichkeit.
Gewalt zerstört das, was sie zu verteidigen vorgibt:
die Würde, das Leben, die Freiheit der Menschen«.(4)
Unerläßlich ist daher die Förderung einer
echten Erziehungsarbeit zur Schulung des Gewissens, die alle,
vor allem die jungen Generationen, zum Guten heranbilden soll,
indem sie sie für den Weitblick eines unverkürzten
und solidarischen Humanismus öffnet, den die Kirche befürwortet
und wünscht. Auf dieser Grundlage ist es möglich,
eine soziale, wirtschaftliche und politische Ordnung ins Leben
zu rufen, die der Würde, der Freiheit und den Grundrechten
jedes Menschen Rechnung trägt.
Das Gut des Friedens und das Gemeinwohl
5. Um den Frieden dadurch zu fördern, daß man
das Böse durch das Gute besiegt, muß man ein besonderes
Augenmerk auf das Gemeinwohl(5) und seine soziale und politische
Ausprägung richten. Wenn man auf allen Ebenen das Gemeinwohl
pflegt, fördert man in der Tat den Frieden. Vermag etwa
der Mensch sich selbst voll zu verwirklichen, indem er von
seiner sozialen Natur, das heißt von seinem Sein »mit«
und »für« die anderen absieht? Das Gemeinwohl
betrifft ihn unmittelbar. Es betrifft unmittelbar sämtliche
Ausdrucksformen der menschlichen Soziabilität: die Familie,
Gruppen und Vereine, Städte und Regionen, Staaten, die
Verbindungen der Völker und Nationen. Alle sind in irgendeiner
Weise am Einsatz für das Gemeinwohl beteiligt, am ständigen
Bemühen um das Wohl des anderen, so als ginge es um das
eigene. Diese Verantwortung obliegt im besonderen den politischen
Autoritäten auf allen Ebenen ihrer Zuständigkeit.
Denn sie haben den Auftrag, jene Gesamtheit an sozialen Voraussetzungen
zu schaffen, die dem Menschen die ganzheitliche Entfaltung
seiner Person erlauben und diese auch begünstigen.(6)
Das Gemeinwohl verlangt daher die Achtung und Förderung
der Person und ihrer Grundrechte sowie auch die Achtung und
Förderung der Rechte der Nationen in umfassender Hinsicht.
Dazu sagt das Zweite Vatikanische Konzil: »Aus der immer
engeren und allmählich die ganze Welt erfassenden gegenseitigen
Abhängigkeit ergibt sich als Folge, daß das Gemeinwohl
... heute mehr und mehr einen weltweiten Umfang annimmt und
deshalb auch Rechte und Pflichten in sich begreift, die die
ganze Menschheit betreffen. Jede Gruppe muß den Bedürfnissen
und berechtigten Ansprüchen anderer Gruppen, ja dem Gemeinwohl
der ganzen Menschheitsfamilie Rechnung tragen«.(7) Das
Wohl der ganzen Menschheit, gerade auch ihrer künftigen
Generationen, erfordert eine echte internationale Zusammenarbeit,
zu der jedes Land seinen Beitrag leisten muß.(8)
Ausgesprochen verkürzende Sichtweisen der mensch- lichen
Wirklichkeit wandeln jedoch das Gemeinwohl in einen bloßen
sozioökonomischen Wohlstand um, dem jede transzendente
Ausrichtung fehlt, und höhlen damit den Existenzgrund
des Gemeinwohls zutiefst aus. Das Gemeinwohl hingegen besitzt
auch eine transzendente Dimension, weil Gott die letzte Zielbestimmung
seiner Geschöpfe ist.(9) Die Christen wissen zudem, daß
Jesus Christus volle Klarheit über die Verwirklichung
des wahren Gemeinwohls der Menschheit geschaffen hat. Auf
Christus läuft die Geschichte zu und findet in ihm ihren
Höhepunkt: dank ihm, durch ihn und im Hinblick auf ihn
kann jede menschliche Wirklichkeit zu ihrer vollen Erfüllung
in Gott geführt werden.
Das Gut des Friedens und die Nutzung der Güter
der Erde
6. Da das Gut des Friedens eng mit der Entwicklung aller
Völker verknüpft ist, bleibt es unerläßlich,
den ethischen Auflagen der Nutzung der Güter der Erde
Rechnung zu tragen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat zu
Recht in Erinnerung gerufen: »Gott hat die Erde mit
allem, was sie enthält, zum Nutzen aller Menschen und
Völker bestimmt; darum müssen diese geschaffenen
Güter in einem billigen Verhältnis allen zustatten
kommen; dabei hat die Gerechtigkeit die Führung, Hand
in Hand geht mit ihr die Liebe«.(10)
Die Zugehörigkeit zur Menschheitsfamilie verleiht jedem
Menschen eine Art Weltbürgerschaft, die ihn zum Träger
von Rechten und Pflichten macht, da die Menschen durch eine
gemeinsame Herkunft und eine gemeinsame letzte Bestimmung
verbunden sind. Schon die Empfängnis eines Kindes genügt,
damit es zum Träger von Rechten wird, Aufmerksamkeit
und Pflege verdient und daß jemand die Pflicht hat,
sich darum zu kümmern. Die Verurteilung des Rassismus,
der Schutz von Minderheiten, die Hilfe für Flüchtlinge
und Asylanten, das Mobilisieren der internationalen Solidarität
gegenüber allen Notleidenden sind nur konsequente Anwendungen
des Prinzips der Weltbürgerschaft.
7. Das Gut des Friedens muß heute in engem Bezug zu
den neuen Gütern gesehen werden, die aus der wissenschaftlichen
Erkenntnis und dem technologischen Fortschritt entstanden
sind. Auch sie müssen in Anwendung des Prinzips von der
universalen Bestimmung der Güter der Erde in den Dienst
der vordringlichen Bedürfnisse des Menschen gestellt
werden. Angemessene Initiativen auf internationaler Ebene
können das Prinzip von der universalen Bestimmung der
Güter dadurch voll umsetzen, daß sie für alle
— einzelne und Nationen — die Grundvoraussetzungen
für eine Teilnahme an der Entwicklung sicherstellen.
Das wird möglich, wenn die Barrieren und Monopole durchbrochen
werden, welche so viele Völker am Rande der Entwicklung
belassen.(11)
Das Gut des Friedens wird einen besseren Schutz genießen,
wenn sich die Völkergemeinschaft mit größerem
Verantwortungsbewußtsein jener Güter annimmt, die
gemeinhin als öffentliche Güter gelten. Es sind
jene Güter, die alle Bürger automatisch in Anspruch
nehmen, ohne diesbezüglich eigens eine Wahl getroffen
zu haben. Dazu gehört alles, was auf nationaler Ebene
durch Güter wie zum Beispiel das Rechtswesen, das Verteidigungssystem,
das Straßen- oder Schienennetz geleistet wird. In der
heutigen Welt, die gänzlich vom Phänomen der Globalisierung
überrollt wird, gibt es in immer größerer
Zahl öffentliche Güter, die globalen Charakter annehmen
und in der Folge auch von Tag zu Tag das gemeinsame Interesse
an ihnen zunehmen lassen. Man denke nur an den Kampf gegen
die Armut, an die Suche nach Frieden und Sicherheit, an die
Besorgnis aufgrund des Klimawandels, an die Kontrolle der
Ausbreitung von Krankheiten. Diesen Interessen muß die
internationale Gemeinschaft mit einem immer umfangreicheren
geeigneten Netz rechtlicher Vereinbarungen zur Regelung der
Nutznießung der öffentlichen Güter entsprechen,
wobei sie sich von den universalen Grundsätzen der Gerechtigkeit
und der Solidarität inspirieren läßt.
8. Das Prinzip, demzufolge die Güter für alle bestimmt
sind, erlaubt es zudem, sich in richtiger Weise der Herausforderung
der Armut zu stellen. Dabei muß vor allem den Situationen
des Elends Rechnung getragen werden, in denen noch immer über
eine Milliarde Menschen lebt. Die internationale Gemeinschaft
hat sich zu Beginn des neuen Jahrtausends als vorrangiges
Ziel die Halbierung der Zahl dieser Menschen bis zum Jahr
2015 gesetzt. Die Kirche unterstützt und ermutigt dieses
Engagement und fordert die an Christus Glaubenden dazu auf,
ganz konkret und in jedem Umfeld eine vorrangige Liebe für
die Armen zu bekunden.(12)
Das Drama der Armut erscheint noch immer eng verknüpft
mit dem Problem der Auslandsverschuldung der armen Länder.
Trotz der bisher erreichten bedeutenden Fortschritte hat dieses
Problem noch keine angemessene Lösung gefunden. Fünfzehn
Jahre sind vergangen, seitdem ich die Aufmerksamkeit der öffentlichen
Meinung auf die Tatsache gelenkt habe, daß die Auslandsverschuldung
der armen Länder »eng mit einer Reihe anderer Probleme
zusammenhängt, wie den Auslandsinvestitionen, dem richtigen
Funktionieren der größeren internationalen Organisationen,
den Rohstoffpreisen usw.«(13) Die in jüngster Zeit
für den Schuldenerlaß angelaufenen Mechanismen,
die sich hauptsächlich auf die Bedürfnisse der Armen
konzentrieren, haben die Qualität des Wirtschaftswachstums
zweifellos verbessert. Quantitativ erweist sich dieses Wachstum
besonders im Hinblick auf die Erreichung der zu Beginn des
Jahrtausends gesetzten Ziele allerdings aufgrund einer Reihe
von Faktoren als noch unzureichend. Die armen Länder
bleiben in einem Teufelskreis gefangen: Die niedrigen Einkünfte
und das langsame Wachstum schränken die Vermögensbildung
ein, ihrerseits sind wiederum die schwachen Investitionen
und die unwirksame Verwendung des Ersparten dem Wachstum nicht
förderlich.
9. Wie Papst Paul VI. sagte und ich selbst bekräftigt
habe, besteht das einzig wirksame Mittel, das den Staaten
erlaubt, das dramatische Problem der Armut anzugehen, in der
Bereitstellung der notwendigen Mittel an diese Länder,
und zwar durch öffentliche und private Finanzierungen
von außen, die zu annehmbaren Bedingungen im Rahmen
internationaler Handelsbeziehungen gewährt werden, die
auf Fairness beruhen.(14) Es bedarf dringend einer moralischen
und wirtschaftlichen Mobilisierung, die einerseits die zugunsten
der armen Länder getroffener Vereinbarungen respektiert,
die andererseits aber bereit ist, jene Vereinbarungen zu revidieren,
die sich in der Praxis als zu große Belastung für
gewisse Länder herausgestellt haben. Aus dieser Sicht
erscheint es wünschenswert und notwendig, neuen Schwung
in die Entwicklungshilfe der öffentlichen Hand zu bringen
und ungeachtet der Schwierigkeiten, die dieser Weg bereiten
kann, die Vorschläge neuer Finanzierungsformen für
die Entwicklung zu untersuchen.(15) Einige Regierungen erwägen
bereits sorgfältig vielversprechende Maßnahmen,
die in diese Richtung gehen, bedeutende Initiativen, die in
wirklich teilhabender Weise und unter Beachtung des Subsidiaritätsprinzips
vorangebracht werden sollen. Notwendig ist auch die Kontrolle
darüber, daß die Handhabung der für die Entwicklung
der armen Länder bestimmten wirtschaftlichen und finanziellen
Mittel sowohl von seiten der Geber wie der Empfänger
nach den strengen Kriterien einer guten Verwaltung erfolgt.
Die Kirche fördert diese Anstrengungen und bietet ihre
Unterstützung an. Als Beispiel möge die Erwähnung
des wertvollen Beitrags genügen, der von den zahlreichen
katholischen Hilfs- und Entwicklungsorganisationen geleistet
wird.
10. Am Ende des großen Jubiläums des Jahres 2000
habe ich im Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte
auf die Dringlichkeit einer neuen Phantasie der Liebe hingewiesen,(16)
um das Evangelium der Hoffnung in der Welt zu verbreiten.
Das wird besonders offenkundig, wenn man an die vielen und
heiklen Probleme herangeht, die der Entwicklung des afrikanischen
Kontinents im Wege stehen: Man denke an die unzähligen
bewaffneten Konflikte, an die pandemischen Krankheiten, deren
Gefährlichkeit durch die elenden Lebensverhältnisse
noch erhöht wird, an die politische Instabilität,
die mit der weit verbreiteten sozialen Unsicherheit einhergeht.
Das sind dramatische Wirklichkeiten, die auf einen radikal
neuen Weg für Afrika hindrängen: Es müssen
neue Formen der Solidarität auf bilateraler und multilateraler
Ebene entstehen durch einen entschlosseneren Einsatz aller
und im vollen Bewußtsein, daß das Wohl der afrikanischen
Völker eine unverzichtbare Voraussetzung für die
Erreichung des universalen Gemeinwohls darstellt.
Mögen die afrikanischen Völker ihr Schicksal und
ihre kulturelle, zivile, soziale und wirtschaftliche Entwicklung
als Protagonisten selbst in die Hand nehmen können! Möge
Afrika nicht länger bloß Objekt für Hilfeleistungen
sein, sondern zum verantwortungsvollen Subjekt eines überzeugten
und produktiven Austausches werden! Um diese Ziele zu erreichen,
bedarf es einer neuen politischen Kultur besonders im Bereich
der internationalen Zusammenarbeit. Noch einmal möchte
ich betonen, daß die unterbliebene Erfüllung wiederholter
Versprechungen staatlicher Entwicklungshilfe und das noch
immer offene Problem der drückenden internationalen Verschuldung
der afrikanischen Länder und eine fehlende besondere
Berücksichtigung dieser Länder in den internationalen
Handelsbeziehungen, große Hindernisse für den Frieden
darstellen und daher dringend angegangen und überwunden
werden müssen. Das Bewußtsein der Interdependenz
zwischen den reichen und den armen Ländern, nach der
»die Entwicklung entweder allen Teilen der Welt gemeinsam
zugute kommt oder einen Prozeß der Rezession auch in
jenen Gegenden erleidet, die bisher einen ständigen Fortschritt
zu verzeichnen hatten«,(17) erweist sich für die
Verwirklichung des Friedens in der Welt vormals nie so ausschlaggebend
und entscheidend wie heute.
Universalität des Bösen und christliche
Hoffnung
11. Angesichts der vielen Dramen, die die Welt heimsuchen,
bekennen die Christen mit demütigem Vertrauen, daß
allein Gott dem Menschen und den Völkern die Überwindung
des Bösen ermöglicht, um das Gute zu erlangen. Durch
seinen Tod und seine Auferstehung hat uns Christus erlöst
und »um einen teuren Preis« erkauft (1 Kor 6,
20; 7, 23) und damit das Heil für alle erwirkt. Mit seiner
Hilfe ist es deshalb allen möglich, das Böse durch
das Gute zu besiegen.
Gestützt auf die Gewißheit, daß das Böse
nicht siegen wird, hegt der Christ eine ungebrochene Hoffnung,
die ihn in der Förderung der Gerechtigkeit und des Friedens
bestärkt. Trotz der persönlichen und sozialen Sünden,
die das menschliche Handeln kennzeichnen, verleiht die Hoffnung,
verbunden mit einem festen Vertrauen auf die Möglichkeit,
eine bessere Welt zu bauen, dem Einsatz für Gerechtigkeit
und Frieden immer wieder neuen Schwung.
Auch wenn die »geheime Macht der Gesetzwidrigkeiten«
(2 Thess 2, 7) in der Welt gegenwärtig und am Werk ist,
darf nicht vergessen werden, daß der erlöste Mensch
genügend Kräfte besitzt, um ihr entgegenzuwirken.
Nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und von Christus, »der
sich gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt hat«,(18)
erlöst, kann er aktiv am Triumph des Guten mitwirken.
Das Wirken des Geistes des Herrn »erfüllt den Erdkreis«
(Weish 1, 7). Die Christen, besonders die gläubigen Laien,
»sollen diese Hoffnung aber nicht im Inneren des Herzens
verbergen, sondern in ständiger Bekehrung und im Kampf
,,gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die Geister
des Bösen’’ (Eph 6, 12) auch durch die Strukturen
des Weltlebens ausdrücken«.(19)
12. Kein Mann, keine Frau guten Willens kann sich der Verpflichtung
entziehen, für die Besiegung des Bösen durch das
Gute zu kämpfen. Es ist ein Kampf, den man nur mit den
Waffen der Liebe wirksam kämpft. Wenn das Gute das Böse
besiegt, herrscht die Liebe, und wo die Liebe herrscht, herrscht
Friede. Dies ist die Lehre des Evangeliums, die das Zweite
Vatikanische Konzil erneut vorgelegt hat: »Das Grundgesetz
der menschlichen Vervollkommnung und deshalb auch der Umwandlung
der Welt ist das neue Gebot der Liebe«.(20)
Das gilt auch im sozialen und politischen Bereich. In diesem
Zusammenhang schrieb Papst Leo XIII., daß alle, denen
die Pflicht obliegt, für das Gut des Friedens in den
Beziehungen zwischen den Völkern zu sorgen, »die
Liebe, Herrin und Königin aller Tugenden«,(21)
in sich nähren und in den anderen entzünden müssen.
Die Christen sollen von dieser Wahrheit überzeugte Zeugen
sein. Sie mögen verstehen, mit ihrem Leben zu beweisen,
daß die Liebe die einzige Kraft ist, die zur persönlichen
und gesellschaftlichen Vollkommenheit zu führen vermag;
die einzige dynamische Kraft, die imstande ist, die Geschichte
zum Guten und zum Frieden voranschreiten zu lassen.
In diesem Jahr, das der Eucharistie gewidmet ist, mögen
die Söhne und Töchter der Kirche im höchsten
Sakrament der Liebe die Quelle jeder wahren Gemeinschaft finden:
der Gemeinschaft mit dem Erlöser Jesus Christus und in
ihm mit jedem Menschen. Kraft des Todes und der Auferstehung
Christi, die in jeder Eucharistiefeier sakramental gegenwärtig
sind, werden wir von dem Bösen erlöst und dazu befähigt,
das Gute zu tun. Kraft des neuen Lebens, mit dem er uns beschenkt
hat, können wir uns jenseits aller Unterschiede in Sprache,
Nationalität und Kultur als Brüder erkennen. Mit
einem Wort, kraft der Teilhabe an demselben Brot und demselben
Kelch dürfen wir uns als »Familie Gottes«
begreifen und zugleich einen besonderen und wirksamen Beitrag
zum Aufbau einer Welt leisten, die auf die Werte der Gerechtigkeit,
der Freiheit und des Friedens gegründet ist.
Aus dem Vatikan, am 8. Dezember 2004
JOHANNES PAUL II.
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(1) In diesem Zusammenhang sagt Augustinus: »Demnach
wurden die zwei Staaten durch zweierlei Liebe begründet,
der irdische durch Selbstliebe, die sich bis zur Gottesverachtung
steigert, der himmlische durch Gottesliebe, die sich zur Selbstverachtung
erhebt« (De Civitate Dei, XIV, 28).
(2) Vgl. Ansprache vor den Vereinten Nationen zum 50jährigen
Bestehen der Weltorganisation in New York (5. Oktober 1995),
3: Insegnamenti XVIII/2 (1995), 732.
(3) Katechismus der Katholischen Kirche, 1958.
(4) Johannes Paul II., Homilie in Drogheda, Irland (29. September
1979), 9: AAS 71 (1979), 1081.
(5) In einer umfassenden Bedeutung versteht man unter Gemeinwohl
»die Gesamtheit jener Bedingungen des gesellschaftlichen
Lebens, die sowohl den Gruppen als auch deren einzelnen Gliedern
ein volleres und leichteres Erreichen der eigenen Vollendung
ermöglichen«: Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution
Gaudium et spes, 26.
(6) Vgl. Johannes XXIII., Enzyklika Mater et Magistra: AAS
53 (1961), 417.
(7) Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 26.
(8) Vgl. Johannes XXIII., Enzyklika Mater et Magistra: AAS
53 (1961), 421.
(9) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, 41:
AAS 83 (1991), 844.
(10) Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 69.
(11) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus,
35: AAS 83 (1991), 837.
(12) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei socialis,
42: AAS 80 (1988), 572.
(13) Ansprache an die Teilnehmer der Studienwoche der Päpstlichen
Akademie der Wissenschaften (27. Oktober 1989), 6: Insegnamenti
XII/2 (1989), 1050.
(14) Vgl. Paul VI., Enzyklika Populorum Progressio, 56-61:
AAS 59 (1967), 285-287; Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo
rei socialis, 33-34: AAS 80 (1988), 557-560.
(15) Vgl. Johannes Paul II., Botschaft an den Präsidenten
des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden:
L'Osservatore Romano, 10. Juli 2004, S.5.
(16) Vgl. Nr. 50: AAS 93 (2001), 303.
(17) Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei socialis,
17: AAS 80 (1988), 532.
(18) Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium
et spes, 22.
(19) Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution
Lumen gentium, 35.
(20) Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 38.
(21) Leo XIII., Enzyklika Rerum novarum: Acta Leonis XIII
11 (1892), 143; vgl. Benedikt XV., Enzyklika Pacem Dei: AAS
12 (1920), 215.
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