| EINLEITUNG
1. Die Hirten der Herde wissen, daß sie bei der Ausübung
ihres Bischofsamtes auf eine besondere göttliche Gnade
zählen können. Wie im Pontificale Romanum angegeben,
wiederholt der Hauptzelebrant der Bischofsweihe nach der
Anrufung um die Ausgießung des Geistes, der führt
und leitet, während des feierlichen Weihegebetes die
Worte, die schon in dem alten Text der Traditio Apostolica
stehen: »Du, Vater, kennst die Herzen und hast deinen
Diener zum Bischofsamt berufen. Gib ihm die Gnade, dein
heiliges Volk zu leiten« .1 So wird der Wille des
Herrn Jesus Christus, des ewigen Hirten, weiter erfüllt:
Er sandte die Apostel aus, wie er selbst gesandt war vom
Vater (vgl. Joh 20, 21), und wollte, daß deren Nachfolger,
also die Bischöfe, in seiner Kirche bis zur Vollendung
der Weltzeit Hirten sein sollten (vgl. Apg 20, 28; 1 Petr
5, 2).2
Das Bild vom Guten Hirten, das schon in der frühesten
christlichen Kunst ein sehr beliebtes Motiv war, stand den
Bischöfen, die vom 30. September bis zum 27. Oktober
2001 zur X. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode
aus aller Welt zusammengekommen waren, deutlich vor Augen.
Am Grab des Apostels Petrus haben sie mit mir zusammen über
die Gestalt des Bischofs als Diener des Evangeliums Jesu
Christi für die Hoffnung der Welt nachgedacht. Alle
waren übereinstimmend der Meinung, daß die Gestalt
Jesu als Guter Hirt das bevorzugte Vorbild darstellt, auf
das man ständig Bezug nehmen muß. Denn als Hirt,
der dieses Namens würdig ist, kann niemand angesehen
werden, »nisi per caritatem efficiatur unum cum Christo«
.3 Das ist der eigentliche Grund, weshalb »das Idealbild
des Bischofs, auf den die Kirche weiterhin zählt, das
des Hirten ist, der, in der Heiligkeit des Lebens Christus
gleichgestaltet, sich hochherzig für die ihm anvertraute
Kirche einsetzt und gleichzeitig die Sorge für alle
Kirchen auf der ganzen Erde im Herzen trägt (vgl. 2
Kor 11, 28)« .4
Die Zehnte Versammlung der Bischofssynode
2. Wir wollen dem Herrn nun dafür danken, daß
er uns die Gabe gewährt hat, noch ein weiteres Mal
eine Versammlung der Bischofssynode abzuhalten und dabei
eine wirklich tiefe Erfahrung des Kircheseins zu machen.
Die X. Ordentliche Vollversammlung der Bischofssynode, die
in dem noch anhaltenden Klima des Großen Jubiläums
des Jahres Zweitausend am Beginn des dritten christlichen
Jahrtausends abgehalten wurde, stand am Ende einer langen
Reihe anderer Versammlungen: Das waren zum einen die Sonderversammlungen,
die alle miteinander verbunden waren durch die Blickrichtung
auf die Evangelisierung in den verschiedenen Kontinenten
– von Afrika bis Amerika, Asien, Ozeanien und Europa.
Zum anderen waren es die ordentlichen Versammlungen, deren
letzte ihre Betrachtungen dem unermeßlichen Reichtum
widmete, den die im Volk Gottes vom Geist geweckten Berufungen
in der Kirche darstellen. Aus dieser Perspektive hat die
Beschäftigung mit dem besonderen Amt der Bischöfe
das Bild jener Ekklesiologie der Gemeinschaft und Sendung
vervollständigt, die man immer vor Augen haben soll.
In diesem Zusammenhang haben die Arbeiten der Synode ständig
Bezug genommen auf die vom Zweiten Vatikanischen Konzil
– besonders im dritten Kapitel der dogmatischen Konstitution
über die Kirche Lumen gentium und im Dekret über
die Hirtenaufgabe der Bischöfe Christus Dominus –
vorgelegte Lehre über das Bischofsamt und den Dienst
des Bischofs. Von dieser erhellenden Lehre, welche die überlieferten
theologischen und rechtlichen Elemente zusammenfaßt
und weiterentfaltet, konnte mein Vorgänger seligen
Angedenkens, Paul VI., mit Recht sagen: »Die bischöfliche
Autorität ist, so scheint Uns, gestärkt aus dem
Konzil hervorgegangen: in ihrer göttlichen Einsetzung
geltend gemacht, in ihrer unersetzbaren Amtsfunktion bestätigt,
in ihren pastoralen Gewalten des Lehrens, Heiligens und
Leitens bekräftigt, durch die kollegiale Gemeinschaft
in ihrer Ausdehnung auf die Gesamtkirche geehrt, in ihrer
hierarchischen Stellung präzise festgelegt, in der
brüderlichen Mitverantwortung mit den anderen Bischöfen
für die allgemeinen und besonderen Bedürfnisse
der Kirche bestärkt und im Geist untergeordneter Einheit
und solidarischer Zusammenarbeit mit dem Haupt der Kirche,
dem konstitutiven Zentrum des Bischofskollegiums, enger
verbunden« .5
Zugleich haben die Synodenväter, entsprechend dem vorgegebenen
Thema, ihr Amt im Licht der theologalen Hoffnung neu überdacht.
Auch diese Aufgabe gehört, wie sogleich deutlich wurde,
in einzigartiger Weise zum Auftrag des Hirten, der in der
Kirche vor allem der Träger des österlichen und
eschatologischen Zeugnisses ist.
Eine auf Christus gegründete Hoffnung
3. In der Tat ist es Aufgabe jedes Bischofs, ausgehend von
der Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi, der
Welt die Hoffnung zu verkünden: die Hoffnung »nicht
nur in bezug auf die vorletzten Dinge, sondern auch und
vor allem die eschatologische Hoffnung, die den Reichtum
der Herrlichkeit Gottes erwartet (vgl. Eph 1, 18), die über
alles hinausgeht, was dem Menschen je in den Sinn gekommen
ist (vgl. 1 Kor 2, 9), und mit der die Leiden der gegenwärtigen
Zeit nicht zu vergleichen sind (vgl. Röm 8, 18)«
.6 Die Perspektive der theologalen Hoffnung muß, zusammen
mit jener des Glaubens und der Liebe, das Hirtenamt des
Bischofs von Grund auf formen.
Ihm obliegt im besonderen die Aufgabe, Prophet, Zeuge und
Diener der Hoffnung zu sein. Er hat die Pflicht, Vertrauen
zu stiften und jedem die Gründe für die christliche
Hoffnung zu erklären (vgl. 1 Petr 3, 15). Der Bischof
ist vor allem dort Prophet, Zeuge und Diener dieser Hoffnung,
wo der Druck einer vom Immanenzdenken beherrschten Kultur,
die jede Öffnung gegenüber der Transzendenz ablehnt,
sehr stark ist. Wo die Hoffnung fehlt, wird der Glaube selbst
in Frage gestellt. Auch die Liebe schwindet, wenn diese
Tugend versiegt. Die Hoffnung ist tatsächlich, besonders
in Zeiten wachsender Ungläubigkeit und Gleichgültigkeit,
eine starke Stütze für den Glauben und ein wirksamer
Ansporn für die Liebe. Sie schöpft ihre Kraft
aus der Gewißheit vom universalen Heilswillen Gottes
(vgl. 1 Tim 2, 4) und der ständigen Gegenwart des Herrn
Jesus, des Immanuel, der immer bei uns ist bis zum Ende
der Welt (vgl. Mt 28, 20).
Nur durch das Licht und den Trost aus dem Evangelium schafft
es ein Bischof, die eigene Hoffnung lebendig zu erhalten
(vgl. Röm 15, 4) und sie in allen zu nähren, die
seiner Hirtensorge anvertraut sind. Er soll also Nachahmer
der Jungfrau Maria, der Mater spei, sein, die an die Erfüllung
der Worte des Herrn geglaubt hat (vgl. Lk 1, 45). Indem
er sich auf das Wort Gottes stützt und sich fest an
die Hoffnung klammert, die wie ein sicherer und fester Anker
ist, der in den Himmel hineinreicht (vgl. Hebr 6, 18- 20),
ist der Bischof in der Mitte seiner Kirche wachsamer Hüter,
mutiger Prophet, glaubwürdiger Zeuge und treuer Diener
Christi, der »Hoffnung auf Herrlichkeit« (vgl.
Kol 1, 27), dank dem »der Tod nicht mehr sein wird,
keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal« (Offb
21, 4).
Die Hoffnung angesichts des Scheiterns der Hoffnungen
4. Alle werden sich daran erinnern, daß die Sitzungen
der Bischofssynode in höchst dramatischen Tagen stattfanden.
Die Synodenväter standen innerlich noch unter dem Eindruck
der schrecklichen Ereignisse vom 11. September 2001, die
den Tod unzähliger unschuldiger Opfer zur Folge hatten
und in der Welt neue, sehr ernste Situationen der Unsicherheit
und Angst um die menschliche Zivilisation selbst und um
das friedliche Zusammenleben der Nationen auslösten.
So zeichneten sich zusätzlich zu den bereits bestehenden
Konfliktsituationen weitere Horizonte von Krieg und Tod
ab, die den dringenden Bedarf deutlich machten, den Friedensfürsten
anzurufen, damit die Herzen der Menschen wieder zu Versöhnung,
Solidarität und Frieden bereit würden.7
Zugleich mit dem Gebet erhob die Synodenversammlung ihre
Stimme, um jede Form von Gewalt zu verurteilen und auf deren
tiefste Wurzeln hinzuweisen, die in der Sünde des Menschen
liegen. Angesichts des Scheiterns der auf materialistische,
immanentistische und ökonomische Ideologien gegründeten
menschlichen Hoffnungen, die sich einbilden, alles nach
den Bedingungen der Effizienz und der Macht- und Marktverhältnisse
bemessen zu können, haben die Synodenväter wieder
die Überzeugung bekräftigt, daß allein das
Licht des Auferstandenen und der Impuls des Heiligen Geistes
dem Menschen helfen, seine Erwartungen auf die Hoffnung
zu stützen, die nicht zugrunde gehen läßt.
Darum erklärten sie: »Wir dürfen uns nicht
durch die verschiedenen Verneinungen des lebendigen Gottes
einschüchtern lassen, die mehr oder weniger offen die
christliche Hoffnung zu untergraben oder lächerlich
zu machen suchen. Wir bekennen in der Freude des Geistes:
Christus ist wahrhaft auferstanden! In seiner verklärten
Menschheit hat er allen, die die Gnade der Bekehrung annehmen,
das ewige Leben erschlossen« .8
Die Gewißheit dieses Glaubensbekenntnisses muß
so stark sein, daß sie die Hoffnung eines Bischofs
von Tag zu Tag mehr festigt, indem sie ihn darauf vertrauen
läßt, daß Gottes barmherzige Güte
niemals aufhören wird, Heilswege zu errichten und sie
der Freiheit jedes Menschen zu öffnen. Es ist die Hoffnung,
die ihn dazu ermutigt, in der Umgebung, wo er sein Amt ausübt,
die Zeichen des Lebens zu erkennen, die imstande sind, die
schädlichen und tödlichen Keime auszumerzen. Die
Hoffnung ist es auch, die ihn dabei unterstützt, sogar
die Konflikte in Wachstumschancen umzuwandeln, indem er
sie der Versöhnung öffnet. Es wird auch die Hoffnung
auf Jesus, den Guten Hirten, sein, die sein Herz mit Mitleid
erfüllt und ihn veranlaßt, sich dem Schmerz jedes
leidenden Menschen zuzuneigen, um seine Wunden zu lindern,
wobei er immer die Zuversicht bewahrt, daß das verlorene
Schaf wiedergefunden werden kann. Auf diese Weise wird der
Bischof immer leuchtender zum Zeichen Christi, des Hirten
und Bräutigams der Kirche. Indem er als Vater, Bruder
und Freund jedes Menschen handelt, wird er für einen
jeden lebendiges Bild Christi, unserer Hoffnung,9 sein,
in dem sich alle Verheißungen Gottes erfüllen
und alle Erwartungen der Schöpfung zur Vollendung gebracht
werden.
Diener des Evangeliums für die Hoffnung der Welt
5. In dieses Apostolische Schreiben nehme ich den im Verlauf
der X. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode herangereiften
Bestand an Reflexionen auf – von den ersten Lineamenta
bis zum Instrumentum Laboris, von den Beiträgen der
Synodenväter in der Aula bis zu den beiden Relationes
zur Einleitung und zur Zusammenfassung dieser Beiträge,
von der Bereicherung an Gedanken und pastoraler Erfahrung,
die sich in den circuli minores ergab, bis zu den Propositiones,
die mir zum Abschluß der Synodenarbeiten vorgelegt
wurden, damit ich für die Gesamtkirche ein eigens zum
Synodenthema »Der Bischof – Diener des Evangeliums
Jesu Christi für die Hoffnung der Welt« vorgesehenes
Dokument erstelle.10 Während ich mich also auf die
Übergabe dieses meines Apostolischen Schreibens vorbereite,
richte ich meinen brüderlichen Gruß und sende
ich den Friedenskuß an alle Bischöfe, die sich
in Gemeinschaft mit diesem Bischofsstuhl befinden, der als
erstem Petrus anvertraut wurde, damit er Garant der Einheit
sein und, wie von allen anerkannt wird, den Vorsitz in der
Liebe haben sollte.11
An euch, ehrwürdige und geliebte Brüder, wiederhole
ich die Aufforderung, die ich zu Beginn des neuen Jahrtausends
an die ganze Kirche gerichtet habe: Duc in altum! Ja, Christus
selbst ist es, der den Ruf erneut an die Nachfolger jener
Apostel richtet, die diese Aufforderung aus seinem eigenen
Mund vernahmen und im Vertrauen auf ihn zur Mission in alle
Welt aufbrachen: Duc in altum! (Lk 5, 4). Im Lichte dieser
eindringlichen Aufforderung des Herrn »können
wir das dreifache munus, das uns in der Kirche übertragen
wurde: munus docendi, sanctificandi et regendi auf neue
Weise deuten. Duc in docendo! ,,Verkünde das Wort''
– würden wir mit dem Apostel sagen –, ,,tritt
dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise
zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger
Belehrung'' (2 Tim 4, 2). Duc in sanctificando! Die Netze,
die wir unter den Menschen auswerfen sollen, sind in erster
Linie die Sakramente, deren erste Spender und Hüter
wir sind und deren Ausspendung wir zu regeln und zu fördern
haben. Sie bilden eine Art heilbringendes Netz, das vom
Bösen befreit und zur Fülle des Lebens führt.
Duc in regendo! Als Hirten und wahre Väter haben wir
die Aufgabe, mit der Unterstützung der Priester und
unserer anderen Mitarbeiter die Familie der Gläubigen
zusammenzuführen und in ihr die Liebe zu entzünden
und die brüderliche Gemeinschaft zu fördern. Obwohl
es sich um einen schwierigen und mühevollen Auftrag
handelt, soll niemand den Mut verlieren. Mit Petrus und
den ersten Jüngern erneuern auch wir vertrauensvoll
unser aufrichtiges Glaubensbekenntnis: Herr, ,,wenn du es
sagst, werde ich die Netze auswerfen'' (Lk 5, 5)! Wenn du
es sagst, Christus, wollen wir deinem Evangelium dienen
für die Hoffnung der Welt!« .12
Auf diese Weise werden die Bischöfe, wenn sie als Männer
der Hoffnung leben und in ihrem eigenen Dienstamt die Ekklesiologie
der Gemeinschaft und Sendung widerspiegeln, wirklich ein
Grund zur Hoffnung für ihre Herde sein. Wir wissen,
die Welt braucht »Hoffnung, die nicht zugrunde gehen
läßt« (Röm 5, 5). Wir wissen, daß
diese Hoffnung Christus ist. Das wissen wir und verkündigen
deshalb die Hoffnung, die aus dem Kreuz entspringt.
Ave Crux spes unica! Dieser Gruß, der in der Synodenaula
im entscheidenden Augenblick der Arbeiten der X. Vollversammlung
der Bischofssynode erschollen ist, soll stets auf unseren
Lippen erklingen, weil das Kreuz das Mysterium von Tod und
Leben ist. Das Kreuz ist für die Kirche zum »Baum
des Lebens« geworden. Deshalb verkünden wir,
daß das Leben den Tod besiegt hat.
In dieser österlichen Verkündigung ist uns eine
Schar heiliger Bischöfe vorausgegangen, die in medio
Ecclesiae beredte Zeichen des Guten Hirten gewesen sind.
Darum loben wir stets den allmächtigen und ewigen Gott
und danken ihm, weil er uns – wie wir in der heiligen
Liturgie singen – in ihrem Leben aus dem Glauben ein
Vorbild gibt, uns durch die Botschaft ihrer Predigt belehrt
und uns auf ihre Fürbitte Schutz und Hilfe gewährt.13
Das Antlitz jedes dieser heiligen Bischöfe, von den
Anfängen der Kirche bis in unsere Tage, ist –
wie ich zum Abschluß der Synodenarbeiten sagte –
gleichsam ein Mosaikstein, der zusammen mit allen anderen
in einer Art mystischem Mosaik das Antlitz Christi, des
Guten Hirten, bildet. Auf Christus also richten wir unseren
Blick und werden auch darin zum Vorbild für die Herde,
die der Hirt der Hirten uns anvertraut hat; schauen wir
auf ihn, um mit immer größerem Engagement Diener
des Evangeliums für die Hoffnung der Welt zu sein.
In der Betrachtung des Antlitzes unseres Herrn und Meisters
lassen wir uns alle – wie der Apostel Petrus in der
Stunde, in der Jesus »den Seinen seine Liebe bis zur
Vollendung erwies« (vgl. Joh 13, 1-9) – von
ihm die Füße waschen, um Anteil an ihm zu haben.
Und mit der Kraft, die wir von ihm in der heiligen Kirche
erhalten, wiederholen wir vor unseren Priestern und Diakonen,
vor allen Personen des geweihten Lebens und vor allen geliebten
gläubigen Laien mit lauter Stimme: »Wie immer
wir sein mögen, ihr sollt nicht eure Hoffnung auf uns
setzen: Wenn wir gut sind, sind wir Diener; wenn wir schlecht
sind, sind wir Diener. Wenn wir jedoch gute und treue Diener
sind, dann sind wir wirklich Diener« .14 – Diener
des Evangeliums für die Hoffnung der Welt.
ERSTES KAPITEL
MYSTERIUM UND DIENST
DES BISCHOFS
»... und wählte aus ihnen zwölf aus«
(Lk 6, 13)
6. Der Herr Jesus verkündete während seiner Erdenpilgerschaft
das Evangelium vom Reich Gottes, dessen Anbruch er selbst
einleitete, indem er allen Menschen sein Geheimnis offenbarte.15
Er berief Männer und Frauen in seine Nachfolge, und
wählte unter den Jüngern zwölf aus, »die
er bei sich haben wollte« (Mk 3, 14). Das Lukasevangelium
führt genauer aus, daß Jesus diese Wahl traf,
nachdem er eine ganze Nacht im Gebet auf einem Berg verbracht
hatte (vgl. Lk 6, 12). Was das Markusevangelium betrifft,
so scheint es diese Handlung Jesu als einen souveränen
Akt, einen konstitutiven Akt einzustufen, der denen, die
er ausgewählt hat, Identität verleiht: »Er
setzte zwölf ein« (Mk 3, 14). So enthüllt
sich das Geheimnis der Wahl der Zwölf: Es ist ein Akt
der Liebe, von Jesus frei gewollt in tiefer Einheit mit
dem Vater und dem Heiligen Geist.
Die von Jesus den Aposteln anvertraute Sendung muß
bis ans Ende der Zeiten andauern (vgl. Mt 28, 20), weil
das Evangelium, zu dessen Weitergabe sie beauftragt sind,
das Leben der Kirche zu jeder Zeit ist. Eben deshalb trugen
die Apostel für die Bestellung von Nachfolgern Sorge,
so daß, nach dem Zeugnis des hl. Irenäus, die
apostolische Überlieferung durch die Jahrhunderte hin
kundgemacht und bewahrt werden sollte.16
An der besonderen Ausgießung des Heiligen Geistes,
mit dem die Apostel vom auferstandenen Herrn beschenkt wurden
(vgl. Apg 1, 5.8; 2, 4; Joh 20, 22-23), ließen sie
ihre Mitarbeiter durch die Auflegung der Hände teilhaben
(vgl. 1 Tim 4, 14; 2 Tim 1, 6-7). Diese wiederum gaben sie
mit derselben Geste an andere weiter, und diese wieder an
andere. Auf diese Weise ist die geistliche Gabe des Anfangs
durch die Auflegung der Hände, das heißt durch
die Bischofsweihe, welche die Fülle des Weihesakramentes,
das Hohepriestertum, die Ganzheit des heiligen Dienstamtes
überträgt, bis auf uns gekommen. Durch die Bischöfe
und die Priester, die ihnen zur Seite stehen, ist also der
Herr Jesus Christus, auch wenn er zur Rechten des Vaters
sitzt, weiterhin inmitten der Gläubigen anwesend. Zu
allen Zeiten und an allen Orten verkündet er allen
Völkern Gottes Wort, spendet den Gläubigen die
Sakramente des Glaubens und lenkt und ordnet gleichzeitig
das Volk des Neuen Bundes auf seiner Pilgerschaft zur ewigen
Seligkeit. Der Gute Hirt verläßt seine Herde
nicht, sondern hütet und schützt sie immer mittels
derjenigen, die, wenn sie kraft der seinsmäßigen
Teilhabe an seinem Leben und seiner Sendung die Aufgabe
des Lehrers, Hirten und Priesters in hervorragender und
sichtbarer Weise innehaben, an seiner Stelle handeln. Bei
der Ausübung der mit dem Hirtenamt verbundenen Aufgaben
sind sie als seine Stellvertreter und Gesandte eingesetzt.17
Das trinitarische Fundament des Bischofsamtes
7. Die christologische Dimension des Hirtenamtes, wenn man
sie in ihrer Tiefgründigkeit betrachtet, führt
hin zum Verständnis des trinitarischen Fundamentes
des Amtes selbst. Das Leben Christi ist trinitarisch. Er
ist der ewige und eingeborene Sohn des Vaters und der mit
dem Heiligen Geist Gesalbte, der in die Welt gesandt worden
ist; er ist der, welcher zusammen mit dem Vater der Kirche
den Heiligen Geist sendet. Diese trinitarische Dimension,
die in der ganzen Seins- und Handlungsweise Christi offenbar
wird, formt auch das Sein und Handeln des Bischofs. Mit
Recht hatten also die Synodenväter den ausdrücklichen
Wunsch, Leben und Dienstamt des Bischofs im Licht der in
der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils enthaltenen
trinitarischen Ekklesiologie zu veranschaulichen.
Sehr alt ist die Überlieferung, die den Bischof als
Abbild des himmlischen Vaters darstellt, der – wie
der heilige Ignatius von Antiochien schrieb – so etwas
wie der unsichtbare Bischof, der Bischof aller ist. Jeder
Bischof nimmt folglich den Platz des Vaters Jesu Christi
ein, so daß er wegen dieser Vertretung von allen geachtet
werden muß.18 Im Zusammenhang mit dieser symbolischen
Struktur kann der Bischofsstuhl, der besonders in der Tradition
der Ostkirche an die väterliche Autorität Gottes
erinnert, nur vom Bischof besetzt werden. Aus dieser selben
Struktur ergibt sich für jeden Bischof die Pflicht,
sich mit väterlicher Liebe des heiligen Gottesvolkes
anzunehmen und es zusammen mit den Priestern, den Mitarbeitern
des Bischofs in seinem Dienst, und mit den Diakonen auf
dem Weg des Heiles zu führen.19 Umgekehrt sollen die
Gläubigen, wie ein alter Text mahnt, die Bischöfe
lieben, die nach Gott ihre Väter und Mütter sind.20
Daher wird gemäß einem in einigen Kulturen verbreiteten
Brauch die Hand des Bischofs wie die Hand des liebevollen
Vaters und Spenders des Lebens geküßt.
Christus ist das ursprüngliche Abbild des Vaters und
die Kundmachung seiner barmherzigen Anwesenheit unter den
Menschen. Der Bischof, der in der Person und im Namen Christi
selbst handelt, wird in der ihm anvertrauten Kirche zum
lebendigen Zeichen des Herrn Jesus, des Hirten und Bräutigams,
Lehrers und Hohenpriesters der Kirche.21 Hier liegt die
Quelle des Hirtenamtes, durch das, wie es das vom Pontificale
Romanum vorgeschlagene Homilieschema empfiehlt, die drei
Funktionen der Belehrung, Heiligung und Leitung des Gottesvolkes
mit den charakteristischen Eigenschaften des Guten Hirten
ausgeübt werden müssen: Liebe, Kennen der Herde,
Sorge um alle, barmherziges Handeln gegenüber den Armen,
den Fremden, den Notleidenden, Suche nach den verlorenen
Schafen, um sie in den einen Schafstall zurückzubringen.
Da schließlich die Salbung mit dem Heiligen Geist
den Bischof Christus gleichgestaltet, befähigt sie
ihn dazu, in seinem Leben das Geheimnis Christi zugunsten
der Kirche fortzuführen. Wegen dieser trinitarischen
Kennzeichnung seines Wesens ist jeder Bischof in seinem
Dienst verpflichtet, liebevoll über die ganze Herde
zu wachen, in deren Mitte er vom Geist gestellt wurde, um
die Kirche Gottes zu führen: im Namen des Vaters, dessen
Bild er vergegenwärtigt; im Namen Jesu Christi, seines
Sohnes, von dem er zum Lehrer, Priester und Hirten eingesetzt
worden ist; im Namen des Heiligen Geistes, der der Kirche
Leben verleiht und mit seiner Kraft die menschliche Schwachheit
stärkt.22
Kollegialer Charakter des Bischofsamtes
8. »... er setzte zwölf ein« (Mk 3, 14).
Mit diesem Hinweis auf das Evangelium leitet die dogmatische
Konstitution Lumen gentium die Lehre über den kollegialen
Charakter des Kreises der Zwölf ein, die eingesetzt
wurden »nach Art eines Kollegiums oder eines festen
Kreises, an dessen Spitze er den aus ihrer Mitte erwählten
Petrus stellte« .23 In gleicher Weise sind der Papst
als Nachfolger des seligen Petrus als Bischof von Rom und
alle Bischöfe in ihrer Gesamtheit als Nachfolger der
Apostel untereinander nach Art eines Kollegiums verbunden.24
Die kollegiale Einheit zwischen den Bischöfen gründet
zugleich auf der Bischofsweihe und auf der hierarchischen
Gemeinschaft; daher berührt sie die Tiefe des Seins
eines jeden Bischofs und gehört zur Struktur der Kirche,
wie sie dem Willen Jesu Christi entspricht. In die Fülle
des Bischofsamtes wird man nämlich versetzt kraft der
Bischofsweihe und durch die hierarchische Gemeinschaft mit
dem Haupt des Kollegiums und mit den Gliedern, das heißt
mit dem Kollegium, das immer als eine Einheit mit seinem
Haupt zu verstehen ist. Das ist das Wesen der Eingliederung
in das Bischofskollegium,25 und darum müssen auch die
drei bei der Bischofsweihe empfangenen Ämter –
das Amt des Heiligens, des Lehrens und des Leitens –
in der hierarchischen Gemeinschaft ausgeübt werden,
was allerdings wegen ihrer verschiedenen unmittelbaren Zielsetzungen
in unterschiedlicher Weise geschieht.26
Das ist der sogenannte affectus collegialis, jene »kollegiale
Gesinnung« oder affektive Kollegialität, aus
der die Sorge der Bischöfe für die anderen Teilkirchen
und für die Universalkirche entspringt.27 Wenn man
also sagen muß, daß ein Bischof nie allein steht,
da er immer durch den Sohn im Heiligen Geist mit dem Vater
verbunden ist, muß man außerdem hinzufügen,
daß er auch deshalb nie allein steht, weil er immer
und ständig mit seinen Brüdern im Bischofsamt
und mit demjenigen verbunden ist, den der Herr als Nachfolger
des Petrus erwählt hat.
Diese kollegiale Gesinnung verwirklicht und äußert
sich den unterschiedlichen Stufen entsprechend in verschiedenen,
auch institutionalisierten Formen, wie zum Beispiel der
Bischofssynode, den Partikularkonzilien, den Bischofskonferenzen,
der Römischen Kurie, den Ad limina-Besuchen, der Zusammenarbeit
in der Mission usw. Voll und ganz verwirklicht und äußert
sich die kollegiale Gesinnung jedoch nur in der kollegialen
Handlung im engen Sinn, das heißt in der Handlung
aller Bischöfe zusammen mit ihrem Haupt, mit dem sie
die volle und höchste Gewalt über die Gesamtkirche
ausüben.28
Dieser kollegiale Charakter des apostolischen Dienstes entspricht
dem Willen Christi selbst. Die kollegiale Gesinnung oder
affektive Kollegialität (collegialitas affectiva) besteht
somit unter den Bischöfen als communio episcoporum
immer, sie äußert sich aber nur in einigen Handlungen
als effektive Kollegialität (collegialitas effectiva).
Die verschiedenen Weisen der Umsetzung der affektiven Kollegialität
in effektive Kollegialität sind menschlicher Natur,
konkretisieren aber in unterschiedlichen Graden die von
Gott her kommende Notwendigkeit, daß sich der Episkopat
in kollegialer Form zum Ausdruck bringt.29 Auf den Ökumenischen
Konzilien wird dann die höchste Gewalt des Kollegiums
über die Gesamtkirche in feierlicher Form ausgeübt.30
Die kollegiale Dimension verleiht dem Episkopat den Charakter
der Universalität. Man kann somit eine Parallelität
zwischen der einen und allumfassenden, also ungeteilten
Kirche und dem einen und ungeteilten, also allumfassenden
Episkopat feststellen. Prinzip und Fundament dieser Einheit
sowohl der Kirche wie des Kollegiums der Bischöfe ist
der Papst. Denn wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt,
stellt das Kollegium,»insofern es aus vielen zusammengesetzt
ist, die Vielfalt und Universalität des Gottesvolkes,
insofern es unter einem Haupt versammelt ist, die Einheit
der Herde Christi dar« .31 Darum ist»die Einheit
des Episkopats eines der konstitutiven Elemente der Einheit
der Kirche« .32
Die Gesamtkirche ist weder die Summe der Teilkirchen, noch
eine Föderation von Teilkirchen und auch nicht das
Ergebnis ihrer Gemeinschaft, denn nach den Aussagen der
frühen Kirchenväter und der Liturgie geht sie
in ihrem wesentlichen Mysterium der eigentlichen Schöpfung
voraus.33 Im Lichte dieser Lehre wird man hinzufügen
können, daß die Beziehung eines wechselseitigen
Ineinander-Vorhandenseins, die zwischen der Gesamtkirche
und der Teilkirche gilt – weshalb die Teilkirchen
»nach dem Bild der Gesamtkirche gestaltet sind und
in ihnen und aus ihnen die eine und einzige katholische
Kirche besteht« 34 – sich in der Beziehung zwischen
dem Bischofskollegium in seiner Gesamtheit und dem einzelnen
Bischof wiederholt. Darum »ist das Bischofskollegium
nicht als die Summe der den Teilkirchen vorstehenden Bischöfe,
noch als Ergebnis ihrer Gemeinschaft zu verstehen, sondern
ist als wesentliches Element der Gesamtkirche eine Wirklichkeit,
die dem Auftrag, einer Teilkirche vorzustehen, vorgeordnet
ist« .35
Im Licht der Aussage des Konzils können wir diese Parallelität
zwischen der Gesamtkirche und dem Kollegium der Bischöfe
besser verstehen: »So bildeten die Apostel die Keime
des neuen Israel und zugleich den Ursprung der heiligen
Hierarchie« .36 Bei den Aposteln war, insofern man
sie nicht einzeln, sondern als Kollegium betrachtet, die
Struktur der Kirche, die in ihrer Universalität und
Einheit in ihnen gegründet war, und des Kollegiums
der Bischöfe, der Nachfolger der Apostel, als Zeichen
dieser Universalität und Einheit, bereits vorgebildet.37
Somit »ergibt sich die Gewalt des Bischofskollegiums
über die ganze Kirche nicht aus der Summe der Gewalten
der einzelnen Bischöfe über ihre Teilkirchen;
sie ist eine vorgeordnete Wirklichkeit, an der die einzelnen
Bischöfe teilhaben, die nur kollegial über die
ganze Kirche entscheiden können« .38 An dieser
Lehr- und Leitungsgewalt haben die Bischöfe unmittelbar
und solidarisch teil, weil sie Glieder des Bischofskollegiums
sind, in dem das Apostelkollegium real fortbesteht.39
Wie die Gesamtkirche eine und unteilbar ist, so ist auch
das Bischofskollegium ein »unteilbares theologisches
Subjekt«, und daher ist auch die höchste, volle
und universale Gewalt, deren Subjekt das Kollegium ebenso
wie der Papst persönlich ist, eine und unteilbar. Eben
weil das Bischofskollegium eine Wirklichkeit ist, die dem
Amt, einer Teilkirche vorzustehen, vorgeordnet ist, gibt
es viele Bischöfe, die zwar eigentliche bischöfliche
Aufgaben erfüllen, aber doch keiner Teilkirche vorstehen.40
Jeder Bischof vertritt – immer in Einheit mit allen
Brüdern im Bischofsamt und mit dem Papst – Christus,
das Haupt und den Hirten der Kirche: nicht nur in eigener
und spezifischer Weise, wenn er das Hirtenamt einer Teilkirche
erhält, sondern auch, wenn er mit dem Diözesanbischof
in der Leitung seiner Kirche zusammenarbeitet 41 oder am
allgemeinen Hirtenamt des Papstes bei der Leitung der Gesamtkirche
teilhat. Infolge der Tatsache, daß die Kirche im Laufe
ihrer Geschichte außer dem eigentlichen Vorsitz einer
Teilkirche auch andere Formen der Ausübung des Bischofsamtes,
wie das der Weihbischöfe oder der Vertreter des Papstes
in den Behörden des Heiligen Stuhls oder in den päpstlichen
Gesandtschaften anerkannt hat, läßt sie auch
heute, nach Maßgabe des Rechts, solche Formen zu,
wenn sie sich als notwendig erweisen.42
Missionarischer Charakter
und Einheitlichkeit des bischöflichen Dienstamtes
9. Das Lukasevangelium (vgl. 6, 13) berichtet, daß
Jesus den Zwölf den Namen Apostel gab, was wörtlich
Ausgesandte, Beauftragte bedeutet. Im Markusevangelium lesen
wir zudem, daß Jesus die Zwölf einsetzte, »weil
er sie dann aussenden wollte, damit sie predigten«
(3, 14). Das bedeutet, daß sowohl die Erwählung
als auch die Einsetzung der Zwölf als Apostel auf die
Mission ausgerichtet sind. Ihre erste Aussendung (vgl. Mt
10, 5; Mk 6, 7; Lk 9, 1-2) findet ihre Erfüllung in
dem Auftrag, mit dem sie Jesus nach der Auferstehung zum
Zeitpunkt seiner Himmelfahrt betraut. Es sind Worte, die
nichts von ihrer Aktualität verloren haben: »Mir
ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum
geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen
Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des
Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu
befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich
bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt
28, 18-20). Dieser Missionsauftrag an die Apostel hat am
Tag der pfingstlichen Ausgießung des Heiligen Geistes
seine feierliche Bestätigung erhalten.
Im soeben zitierten Text aus dem Matthäusevangelium
ist das ganze Hirtenamt als ein entsprechend der dreifachen
Aufgabe des Lehrens, des Heiligens und des Leitens gegliedertes
erkennbar. Wir sehen darin ein Spiegelbild der dreifachen
Dimension des Dienstes und der Sendung Christi. Tatsächlich
nehmen wir als Christen und – auf qualitativ neue
Weise – als Priester teil an der Sendung unseres Meisters,
der Prophet, Priester und König ist, und sind aufgerufen,
in der Kirche und vor der Welt von ihm ein eigenes Zeugnis
abzulegen.
Diese drei Aufgaben (triplex munus) und die daraus abgeleiteten
Gewalten sind auf der Handlungsebene Ausdruck des Hirtenamtes
(munus pastorale), das jeder Bischof durch die Bischofsweihe
empfängt. Dieselbe Liebe Christi, die ihm bei der Weihe
zuteil wird, nimmt in der Verkündigung des Evangeliums
der Hoffnung an alle Menschen (vgl. Lk 4, 16-19), in der
Spendung der Sakramente an jeden, der das Heil empfängt,
und in der Führung des heiligen Volkes zum ewigen Leben
konkrete Gestalt an. Es handelt sich in der Tat um Aufgaben,
die eng miteinander verbunden sind, die sich gegenseitig
erklären, bedingen und erhellen.43
Gerade deshalb gilt: Wenn der Bischof das Volk Gottes lehrt,
heiligt und leitet er es gleichzeitig; während er heiligt,
lehrt und leitet er auch; wenn er leitet, lehrt und heiligt
er. Der heilige Augustinus definiert die Ganzheit dieses
bischöflichen Dienstes als amoris officium.44 Das schenkt
die Gewißheit, daß die Hirtenliebe Jesu Christi
in der Kirche niemals versiegen wird.
»... er rief die zu sich, die er erwählt hatte«
(Mk 3, 13)
10. Eine große Menschenmenge folgte Jesus, als er
beschloß, auf den Berg zu steigen und die Apostel
zu sich zu rufen. Der Jünger waren viele, aber nur
zwölf von ihnen wählte er für das besondere
Apostelamt aus (vgl. Mk 3, 13-19). In der Synodenaula war
häufig das Wort des heiligen Augustinus zu hören:
»Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ«
.45
Der Bischof, ein Geschenk des Geistes an die Kirche, ist
zuallererst und wie jeder andere Christ Sohn und Glied der
Kirche. Von dieser heiligen Mutter hat er im Sakrament der
Taufe die Gabe des göttlichen Lebens und die erste
Unterweisung im Glauben empfangen. Mit allen anderen Gläubigen
teilt er die unübertreffliche Würde der Gotteskindschaft,
die er in der Gemeinschaft und im Geist dankbarer Brüderlichkeit
zu leben hat. Andererseits hat der Bischof kraft der Fülle
des Weihesakramentes gegenüber den Gläubigen das
Amt des Lehrens, des Heiligens und des Leitens und ist dazu
beauftragt, im Namen und in der Person Christi zu handeln.
Es handelt sich offensichtlich um zwei Beziehungen, die
nicht einfach nebeneinander, sondern – so wie sie
einander zugeordnet sind – in einem wechselseitigen,
innigen Verhältnis stehen, denn beide schöpfen
aus dem Reichtum Christi, des einzigen Hohenpriesters. Der
Bischof wird gerade deshalb zum »Vater« , weil
er ganz »Sohn« der Kirche ist. Damit wird wiederum
die Beziehung zwischen dem allgemeinen Priestertum der Gläubigen
und dem Amtspriestertum vorgelegt: zwei Formen der Teilhabe
an dem einen Priestertum Christi, in dem zwei Dimensionen
vorhanden sind, die sich im höchsten Akt des Kreuzesopfers
verbinden.
Das wirkt sich auf die Beziehung aus, die in der Kirche
zwischen dem allgemeinen Priestertum und dem Amtspriestertum
besteht. Der Umstand, daß sie, obgleich sie sich dem
Wesen nach unterscheiden, einander zugeordnet sind,46 schafft
eine Wechselseitigkeit, die zum harmonischen Aufbau des
Lebens der Kirche als Ort des geschichtlichen Vollzugs des
von Christus gewirkten Heils beiträgt. Diese Wechselseitigkeit
findet sich gerade in der Person des Bischofs wieder, der
ein Getaufter ist und bleibt, aber in das Hohepriestertum
eingesetzt wurde. Diese innerste Wirklichkeit des Bischofs
ist die Grundlage dafür, daß er »mitten
unter« den anderen Gläubigen ist und ihnen »gegenüber«
steht.
Daran erinnert das Zweite Vatikanische Konzil in einem sehr
schönen Text: »Wenn also in der Kirche nicht
alle denselben Weg gehen, so sind doch alle zur Heiligkeit
berufen und haben den gleichen Glauben erlangt in Gottes
Gerechtigkeit (vgl. 2 Petr 1, 1). Wenn auch einige nach
Gottes Willen als Lehrer, Ausspender der Geheimnisse und
Hirten für die anderen bestellt sind, so waltet doch
unter allen eine wahre Gleichheit in der allen Gläubigen
gemeinsamen Würde und Tätigkeit zum Aufbau des
Leibes Christi. Der Unterschied, den der Herr zwischen den
geweihten Amtsträgern und dem übrigen Gottesvolk
gesetzt hat, schließt eine Verbindung ein, da ja die
Hirten und die anderen Gläubigen in enger Beziehung
miteinander verbunden sind. Die Hirten der Kirche sollen
nach dem Beispiel des Herrn einander und den übrigen
Gläubigen dienen, diese aber sollen voll Eifer mit
den Hirten und Lehrern eng zusammenarbeiten« .47
Das bei der Weihe empfangene Hirtenamt, das den Bischof
den anderen Gläubigen »gegenüber«
stellt, drückt sich in seinem »Sein-für«
die anderen Gläubigen aus, das ihn nicht aus seinem
»Sein-mit« ihnen herausreißt. Das gilt
sowohl für seine persönliche Heiligung, die er
in der Ausübung seines Amtes suchen und verwirklichen
muß, als auch für den Stil der tatsächlichen
Ausführung des Dienstamtes in allen seinen Aufgaben.
Die Wechselbeziehung, die zwischen dem allgemeinen Priestertum
der Gläubigen und dem Amtspriestertum besteht und die
sich im Bischofsamt wiederfindet, zeigt sich in einer Art
»Kreislauf« zwischen den beiden Formen des Priestertums:
Kreislauf zwischen dem Glaubenszeugnis aller Gläubigen
und dem authentischen Glaubenszeugnis des Bischofs in seinen
lehramtlichen Akten; Kreislauf zwischen dem heiligen Leben
der Gläubigen und den Mitteln zur Heiligung, die ihnen
der Bischof bietet; Kreislauf, schließlich, zwischen
der persönlichen Verantwortung des Bischofs für
das Wohl der ihm anvertrauten Kirche und der Mitverantwortung
aller Gläubigen für das Wohl derselben Kirche.
ZWEITES KAPITEL
DAS GEISTLICHE LEBEN DES BISCHOFS
»Er setzte zwölf ein, die er bei sich haben wollte«
(Mk 3, 14)
11. Durch denselben Akt seiner Liebe, mit dem er aus freien
Stücken die Apostel einsetzt, beruft Jesus die Zwölf
dazu, sein Leben zu teilen. Daher ist auch dieses Teilen,
das Seelen- und Willensgemeinschaft mit ihm bedeutet, eine
auf ihre Mitwirkung an seiner Sendung bezogene Forderung.
Man darf die Funktionen des Bischofs nicht auf eine rein
organisatorische Aufgabe reduzieren. Um dieser Gefahr vorzubeugen,
haben sowohl die Dokumente zur Vorbereitung der Synode als
auch viele Wortmeldungen der Synodenväter in der Aula
auf dem bestanden, was im persönlichen Leben des Bischofs
und in der Ausübung des ihm aufgetragenen Dienstes
die Wirklichkeit des Bischofsamtes als Fülle des Weihesakramentes
in seinen theologischen, christologischen und pneumatologischen
Grundlagen ausmacht.
Der objektiven Heiligung, die man durch Christus im Sakrament
mit der Spendung des Geistes erfährt, muß die
subjektive Heiligkeit entsprechen, in welcher der Bischof
mit Hilfe der Gnade durch die Ausübung des Dienstamtes
immer weitere Fortschritte machen muß. Die von der
Weihe als Gleichgestaltung mit Christus bewirkte seinsmäßige
Umwandlung verlangt einen Lebensstil, der das »Bei-ihm-sein«
deutlich zu erkennen geben soll. Wiederholt wurde daher
in der Synodenaula die Hirtenliebe als Frucht sowohl des
vom Sakrament eingeprägten Charakters wie der dem Sakrament
eigenen Gnade nachdrücklich betont. Die Liebe, so ist
gesagt worden, ist gleichsam die Seele des bischöflichen
Dienstes, der in einer Dynamik pastoraler Pro-Existenz steht,
aus der heraus er dazu angespornt wird, wie Christus, der
Gute Hirte, in täglicher Selbsthingabe für den
Vater und für die anderen zu leben.
Vor allem in der Ausübung seines Amtes, die sich an
der Nachahmung der Liebe des Guten Hirten inspiriert, ist
der Bischof gerufen, heilig zu werden und zu heiligen. Als
einigendes Prinzip dient ihm hierbei die Betrachtung des
Antlitzes Christi und die Verkündigung des Evangeliums
vom Heil.48 Daher schöpft seine Spiritualität
Orientierung und Anregung nicht nur aus dem Sakrament der
Taufe und der Firmung, sondern gerade auch aus der Bischofsweihe,
die ihn dazu verpflichtet, seinen Dienst als Verkündiger
des Evangeliums, als Liturge und als Leiter der Gemeinschaft
im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zu leben. Die
Spiritualität des Bischofs wird also auch eine kirchliche
Spiritualität sein; denn alles in seinem Leben ist
auf den liebevollen Aufbau der heiligen Kirche ausgerichtet.
Dies verlangt im Bischof eine dienstbereite Haltung, die
von seelischer Stärke, apostolischem Mut und vertrauensvoller
Hingabe an das innere Wirken des Geistes geprägt ist.
Er wird sich daher bemühen, einen Lebensstil anzunehmen,
der die kénosis des dienenden, armen und demütigen
Christus nachahmt. Auf diese Weise soll die Ausübung
seines Hirtenamtes ein kohärentes Spiegelbild Jesu,
des Gottesknechtes, sein und ihn dazu anhalten, wie dieser
allen – vom Größten bis zum Geringsten
– nahe zu sein. In einer gewissen Wechselseitigkeit
heiligt also die treue und liebevolle Ausübung des
Dienstes den Bischof und gleicht ihn auf subjektiver Ebene
immer mehr dem ontologischen Reichtum der Heiligkeit an,
den das Sakrament in ihn gelegt hat.
Die persönliche Heiligkeit des Bischofs bleibt jedoch
niemals auf einer rein subjektiven Ebene stehen, weil sie
in ihrer Wirkung immer den seiner pastoralen Sorge anvertrauten
Gläubigen zum Vorteil gereicht. In der praktischen
Übung der Liebe, die der Inhalt des empfangenen Hirtenamtes
ist, wird der Bischof zum Zeichen Christi und gewinnt jenes
moralische Ansehen, das die Ausübung der rechtlichen
Autorität braucht, um auf die Umwelt wirksam Einfluß
ausüben zu können. Wenn sich nämlich das
Bischofsamt nicht auf das Zeugnis der Heiligkeit stützt,
die in der pastoralen Liebe, in der Demut und in der Einfachheit
des Lebens zum Ausdruck kommt, wird es schließlich
zu einer nahezu reinen Funktionsrolle verkürzt und
verliert unvermeidlich an Glaubwürdigkeit beim Klerus
und bei den Gläubigen.
Berufung zur Heiligkeit in der Kirche unserer Zeit
12. Ein biblisches Bild scheint besonders geeignet, um die
Gestalt des Bischofs als Freund Gottes, als Hirte und Leiter
des Volkes zu beleuchten. Es ist die Gestalt des Mose. Durch
den Blick auf ihn kann sich der Bischof inspirieren lassen:
in seinem Sein und Handeln als vom Herrn erwählter
und gesandter Hirte, der seinem Volk auf dem Weg in das
verheißene Land mutig vorangeht, der das Wort und
Gesetz des lebendigen Gottes getreu auslegt, als Mittler
des Bundes, der glühend und vertrauensvoll im Gebet
für sein Volk eintritt. Wie Mose, der nach dem Gespräch
mit Gott auf dem heiligen Berg mit strahlendem Gesicht in
die Mitte seines Volkes zurückkehrte (vgl. Ex 34, 29-30),
so wird auch der Bischof die Zeichen dafür, daß
er Vater, Bruder und Freund ist, nur dann unter seine Brüder
tragen können, wenn er in die dichte und lichterfüllte
Wolke des Geheimnisses des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes eingetreten ist. Vom Licht der Dreifaltigkeit erleuchtet,
wird er Zeichen der barmherzigen Güte des Vaters, ein
lebendiges Abbild der Liebe des Sohnes, ein offen erkennbarer
Mann des Geistes sein, der geweiht und gesandt ist, das
Volk Gottes auf seiner Pilgerschaft durch die Zeit hin zur
Ewigkeit zu führen.
Die Synodenväter haben die Bedeutung des geistlichen
Bemühens im Leben, im Dienst und auf dem Weg des Bischofs
mit aller Klarheit herausgestellt. Ich selbst habe auf diese
Vordringlichkeit im Einklang mit den Erfordernissen des
Lebens der Kirche und mit dem Anruf des Heiligen Geistes
hingewiesen, der in diesen Jahren allen den Primat der Gnade,
das verbreitete Bedürfnis nach Spiritualität und
die Dringlichkeit des Zeugnisgebens für die Heiligkeit
in Erinnerung gerufen hat.
Der Verweis auf die Spiritualität entspringt aus der
Bezugnahme auf das Wirken des Heiligen Geistes in der Heilsgeschichte.
Seine Gegenwart ist aktiv und dynamisch, prophetisch und
missionarisch. Die Gabe der Fülle des Heiligen Geistes,
die der Bischof bei der Bischofsweihe empfängt, ist
eine wertvolle und eindringliche Ermahnung, seinem Wirken
in der kirchlichen Gemeinschaft und in der weltweiten Sendung
nachzukommen.
Die unmittelbar nach der Feier des Großen Jubiläums
des Jahres 2000 abgehaltene Synodenversammlung hat sich
den Vorsatz eines heiligen Lebens, das ich selbst der ganzen
Kirche empfohlen habe, von Anfang an zu eigen gemacht: »Die
Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt
Heiligkeit... Nach dem Jubiläum beginnt wieder der
gewöhnliche Weg, doch der Hinweis auf die Heiligkeit
bleibt mehr denn je ein dringendes Desiderat der Pastoral«
.49 Die begeisterte und großzügige Annahme meines
Appells, die Berufung zur Heiligkeit an die erste Stelle
zu setzen, bildete die Atmosphäre, in der die Synodenarbeit
ablief, und das Klima, das die Beiträge und Überlegungen
der Synodenväter in gewisser Weise auf einen einheitlichen
Nenner gebracht hat. Sie vernahmen in ihren Herzen den Widerhall
der Mahnung des heiligen Gregor von Nazianz: »Zuerst
sich läutern und dann [andere] läutern, zuerst
sich von der Weisheit belehren lassen und dann andere lehren,
zuerst Licht werden und dann erleuchten, zuerst sich Gott
nähern und dann andere hinführen, zuerst sich
heiligen und dann heiligen« .50
Aus diesem Grund kam von der Synodenversammlung mehrmals
die Aufforderung, das spezifisch »Bischöfliche«
des Weges der Heiligkeit eines Bischofs klar und deutlich
zu bestimmen. Es wird immer eine mit dem Volk und für
das Volk gelebte Heiligkeit sein, in einem Miteinander,
das zum Ansporn und zur gegenseitigen Auferbauung in der
Liebe wird. Und dabei handelt es sich nicht um belanglose
oder nebensächliche Ansprüche. Denn tatsächlich
begünstigt gerade das geistliche Leben des Bischofs
die Fruchtbarkeit seines seelsorglichen Wirkens. Bildet
etwa nicht die beständige Meditation des Mysteriums
Christi, die leidenschaftliche Betrachtung seines Antlitzes
und die großzügige Nachahmung des Lebens des
Guten Hirten das Fundament jeder wirksamen Seelsorge? Wenn
es stimmt, daß unsere Zeit in ständiger Bewegung
ist und geradezu in Unruhe mit der deutlichen Gefahr des
»Machens um des Machens willen« versetzt wird,
dann muß der Bischof als erster durch das Beispiel
seines Lebens zeigen, daß es gilt, den Vorrang des
»Seins« vor dem »Machen« und noch
mehr den Vorrang der Gnade wiederherzustellen, der in der
christlichen Lebensvorstellung auch für eine »Planung«
des pastoralen Dienstes wesentlich ist.51
Der geistliche Weg des Bischofs
13. Ein Bischof kann sich wirklich nur dann für einen
Diener an der Gemeinschaft und an der Hoffnung für
das heilige Volk Gottes halten, wenn er seinen Weg in der
Gegenwart des Herrn geht. Es ist nämlich nicht möglich,
den Menschen zu dienen, ohne vorher »Diener Gottes«
zu sein. Und Diener Gottes kann man nur sein, wenn man ein
»Mann Gottes« ist. Deshalb habe ich in der Predigt
zur Eröffnung der Synode gesagt: »Der Bischof
muß ein Mann Gottes sein; seine Existenz und sein
Amt stehen gänzlich unter der göttlichen Herrschaft
und schöpfen Licht und Kraft aus dem erhabensten Geheimnis
Gottes« .52
Die Berufung zur Heiligkeit ist für den Bischof in
das sakramentale Geschehen, das am Beginn seines Amtes steht,
nämlich die Bischofsweihe, mit eingeschlossen. Das
antike Euchologion des Serapion faßt die rituelle
Anrufung bei der Konsekration in die Worte: »Gott
der Wahrheit, mach diesen [deinen Diener] zu einem lebendigen
Bischof, einem heiligen Bischof in der Nachfolge der heiligen
Apostel« .53 Da jedoch die Bischofsweihe nicht die
Vollkommenheit der Tugenden einflößt, »ist
der Bischof aufgerufen, seinen Weg der Heiligung mit größerer
Intensität fortzusetzen, um das Format Christi, des
vollkommenen Menschen, zu erreichen« .54
Die christologische und trinitarische Natur selbst seines
Geheimnisses und Amtes macht für den Bischof einen
Weg der Heiligkeit erforderlich, der in einem beständigen
Fortschreiten zu einer immer tieferen spirituellen und apostolischen
Reife besteht, die vom Vorrang der pastoralen Liebe gekennzeichnet
ist. Ein Weg, der offensichtlich zusammen mit dem Volk beschritten
wird, im Rahmen eines größeren Plans, der, wie
das Leben der Kirche selbst, zugleich persönlich und
gemeinschaftlich ist. Auf diesem Weg jedoch wird der Bischof
in inniger Gemeinschaft mit Christus und in gewissenhafter
Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist zum Zeugen,
Vorbild, Förderer und Wegbereiter. So drückt es
auch das Kirchenrecht aus: »Eingedenk seiner Verpflichtung,
selbst ein Beispiel der Heiligkeit zu geben in Liebe, Demut
und Einfachheit des Lebens, hat der Diözesanbischof
alles daranzusetzen, die Heiligkeit der Gläubigen entsprechend
der je eigenen Berufung des einzelnen zu fördern; da
er der vornehmliche Ausspender der Geheimnisse Gottes ist,
hat er ständig darauf hinzuarbeiten, daß die
seiner Sorge anvertrauten Gläubigen durch die Feier
der Sakramente in der Gnade wachsen und so das österliche
Geheimnis erkennen und leben« .55
Der geistliche Weg des Bischofs hat wie der jedes Christgläubigen
seine Wurzel natürlich in der sakramentalen Gnade der
Taufe und Firmung. Diese Gnade verbindet ihn mit allen Gläubigen,
da – wie das Zweite Vatikanische Konzil feststellt
– »alle Christgläubigen jeglichen Standes
oder Ranges zur Fülle des christlichen Lebens und zur
vollkommenen Liebe berufen sind« .56 In diesem Fall
gilt besonders die bekannte Aussage des heiligen Augustinus,
die voll Realismus und übernatürlicher Weisheit
ist: »Schreckt mich, was ich für euch bin, so
tröstet mich, was ich mit euch bin. Für euch bin
ich Bischof, mit euch Christ. Das eine ist der Name des
Amtes, das ich übernahm, das andere der Name der Gnade,
die ich empfing; das eine bedeutet Gefahr, das andere Heil«
.57 Doch dank der pastoralen Liebe wird das Amt zum Dienst,
und die Gefahr verwandelt sich in Gelegenheit zu Wachstum
und Reifung. Das Bischofsamt ist nicht nur Quelle der Heiligkeit
für die anderen, sondern es ist bereits Anlaß
zur Heiligung für den, der das eigene Herz und das
eigene Leben zu einem Kanal der Liebe Gottes werden läßt.
Die Synodenväter haben einige Anforderungen dieses
Weges zusammengefaßt. Vor allem haben sie an den Tauf-
und Firmungscharakter erinnert, der von Beginn der christlichen
Existenz an durch die theologalen Tugenden dazu befähigt,
an Gott zu glauben, auf ihn zu hoffen und ihn zu lieben.
Der Heilige Geist gießt seinerseits seine Gaben ein
und fördert so das Wachsen im Guten durch die Übung
der sittlichen Tugenden, die dem geistlichen Leben auch
menschliche Konkretheit verleihen.58 Kraft der empfangenen
Taufe hat der Bischof wie jeder Christ an der Spiritualität
teil, die in der Eingliederung in Christus wurzelt und in
seiner dem Evangelium gemäßen Nachfolge sichtbar
wird. Darum teilt er die Berufung aller Gläubigen zur
Heiligkeit. Er muß also ein tiefes Gebets- und Glaubensleben
pflegen und sein ganzes Vertrauen auf Gott setzen, indem
er in gelehrigem Gehorsam gegenüber den Ratschlägen
des Heiligen Geistes sein Zeugnis für das Evangelium
ablegt und der Jungfrau Maria, der vollkommenen Lehrmeisterin
des geistlichen Lebens, eine besondere, kindliche Verehrung
erweist.59
Die Spiritualität des Bischofs wird also eine Spiritualität
der Gemeinschaft sein, die im Einklang mit allen Getauften
gelebt wird, die zusammen mit ihm Kinder des einen Vaters
im Himmel und der einen Mutter auf Erden, der heiligen Kirche,
sind. Er muß, wie alle, die an Christus glauben, sein
geistliches Leben dadurch stärken, daß er sich
von dem lebendigen und wirksamen Wort des Evangeliums und
vom Brot des Lebens der heiligen Eucharistie, der Speise
des ewigen Lebens, nährt. Wegen der menschlichen Schwachheit
ist auch der Bischof gerufen, häufig und in regelmäßigen
Abständen das Sakrament der Buße in Anspruch
zu nehmen, um die Gabe jener Barmherzigkeit zu erhalten,
deren Verwalter er gleichfalls geworden ist. Im Bewußtsein
der eigenen menschlichen Schwäche und der eigenen Sünden
erlebt also jeder Bischof, zusammen mit seinen Priestern,
zuallererst für sich selbst das Sakrament der Versöhnung
als ein tiefes Bedürfnis und eine immer neu erwartete
Gnade, um seinem Bemühen um Heiligung bei der Ausübung
des Dienstamtes wieder Schwung zu verleihen. Auf diese Weise
bringt er auch sichtbar das Geheimnis einer Kirche zum Ausdruck,
die in sich heilig ist, die aber auch aus Sündern besteht,
die der Vergebung bedürfen.
Wie alle Priester – und natürlich in besonderer
Gemeinschaft mit den Diözesanpriestern – wird
sich der Bischof um einen ganz spezifischen Weg der Spiritualität
bemühen. Er ist nämlich auch aufgrund des neuen
Titels, der aus der Weihe herrührt, zur Heiligkeit
berufen. Der Bischof lebt deshalb von Glaube, Hoffnung und
Liebe, weil er Diener des Wortes des Herrn, der Heiligung
und des geistlichen Fortschritts des Gottesvolkes ist. Er
muß heilig sein, weil er der Kirche durch das Amt
des Lehrens, der Heiligung und der Leitung dienen soll.
Als solcher muß er auch die Kirche tief und intensiv
lieben. Jeder Bischof ist Christus gleichgestaltet, um die
Kirche mit der Liebe des Bräutigams Christus zu lieben
und in der Kirche Diener ihrer Einheit zu sein, das heißt,
um aus der Kirche »ein von der Einheit des Vaters,
des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeintes Volk«
60 zu machen.
Wie die Synodenväter wiederholt hervorgehoben haben,
erfährt die besondere Spiritualität des Bischofs
eine weitere Bereicherung durch den der Fülle des Priestertums
innewohnenden Zufluß der Gnade, die ihm im Augenblick
der Weihe übertragen wird. Als Hirt der Herde und Diener
des Evangeliums Jesu Christi in der Hoffnung muß der
Bischof die Person Christi, des obersten Hirten, widerspiegeln
und sie in sich selber gleichsam durchscheinen lassen. Im
Pontificale Romanum wird er auf diese Pflicht ausdrücklich
hingewiesen: »Die Mitra sei ein Zeichen deines Amtes.
Der Glanz der Heiligkeit sei dein Schmuck. Und wenn der
Hirt aller Hirten erscheint, wirst du den nie verwelkenden
Kranz der Herrlichkeit empfangen« .61
Dazu braucht der Bischof ständig die Gnade Gottes,
damit sie seine menschliche Natur stärke und vollkommen
mache. Er kann mit dem Apostel Paulus sagen: »Unsere
Befähigung stammt von Gott. Er hat uns fähig gemacht,
Diener des Neuen Bundes zu sein« (2 Kor 3, 5-6). Man
muß darum hervorheben: Der apostolische Dienst ist
eine Quelle der Spiritualität für den Bischof,
der daraus die geistlichen Fähigkeiten schöpfen
soll, die ihn in der Heiligkeit wachsen lassen und ihm ermöglichen,
in dem seiner Hirtensorge anvertrauten Volk Gottes das Wirken
des Heiligen Geistes zu entdecken.62
Der geistliche Weg des Bischofs fällt aus dieser Sicht
mit der pastoralen Liebe zusammen, die mit Recht als die
Seele seines Apostolats gelten muß, wie das auch beim
Priester und Diakon der Fall ist. Es handelt sich nicht
nur um eine existentia, sondern auch um eine pro-existentia,
das heißt um ein Leben, das sich an dem höchsten,
vom Herrn Christus selbst dargestellten Vorbild inspiriert
und sich daher völlig in der Anbetung des Vaters und
im Dienst an den Brüdern verausgabt. Mit Recht sagt
in diesem Zusammenhang das Zweite Vatikanische Konzil, daß
die Bischöfe nach dem Bild Christi »heilig und
freudig, demütig und kraftvoll ihr Amt ausüben«
müssen, »das auch für sie, wenn sie es so
erfüllen, das hervorragende Mittel der Heiligung ist«
.63 Kein Bischof kann darüber hinwegsehen, daß
die Vollendung der Heiligkeit der gekreuzigte Christus in
seiner äußersten Hingabe an den Vater und die
Brüder und Schwestern im Heiligen Geist ist. Deshalb
wird die Gleichgestaltung mit Christus und die Teilhabe
an seinen Leiden (vgl. 1 Petr 4, 13) zum Königsweg
der Heiligkeit des Bischofs inmitten seines Volkes.
Maria, Mutter der Hoffnung und Lehrmeisterin des geistlichen
Lebens
14. Eine Stütze des geistlichen Lebens wird auch für
den Bischof die mütterliche Gegenwart der Jungfrau
Maria sein, der Mater spei et spes nostra, wie die Kirche
sie anruft. Für Maria wird der Bischof daher eine echte
und kindliche Verehrung hegen und sich dabei aufgerufen
fühlen, sich ihr fiat zu eigen zu machen sowie jeden
Tag den Akt wieder zu beleben und zu verwirklichen, mit
dem Jesus dem Jünger Maria zu Füßen des
Kreuzes anvertraut hat und seiner Mutter den Lieblingsjünger
(vgl. Joh 19, 26-27). Ebenso ist der Bischof aufgerufen,
sich im einmütigen und beharrlichen Gebet der Jünger
und Apostel des Sohnes mit seiner Mutter in der Vorbereitung
auf Pfingsten wie in einem Spiegelbild wiederzufinden. In
diesem Bild der entstehenden Kirche kommt die unauflösbare
Verbindung zwischen Maria und den Nachfolgern der Apostel
zum Ausdruck (vgl. Apg 1, 14).
Die heilige Muttergottes wird also für den Bischof
Lehrmeisterin im Hören und in der umgehenden Ausführung
des Wortes Gottes sein, in der treuen Jüngerschaft
gegenüber dem einzigen Meister, in der Festigkeit des
Glaubens, in der vertrauensvollen Hoffnung und in der glühenden
Liebe. Wie Maria, »Denkmal« der Fleischwerdung
des Wortes in der ersten Christengemeinde, wird der Bischof,
in Gemeinschaft mit allen anderen Bischöfen, in Einheit
und unter der Autorität des Nachfolgers Petri, Hüter
und Vermittler der lebendigen Tradition der Kirche sein.
Die gesunde Marienverehrung des Bischofs wird immer Bezug
auf die Liturgie nehmen, wo die Jungfrau in der Feier der
Heilsmysterien in besonderer Weise präsent und für
die ganze Kirche mustergültiges Vorbild im Hören
und im Gebet, in der Hingabe und in der geistlichen Mutterschaft
ist. Ja, es wird die Aufgabe des Bischofs sein, sicherzustellen,
daß die Liturgie immer »als ,,beispielhafte
Form'', Quelle der Inspiration, fester Bezugspunkt und letztes
Ziel der Marienverehrung des Gottesvolkes« 64 erscheint.
Von diesem Prinzip ausgehend wird auch der Bischof seine
persönliche und gemeinschaftliche Marienverehrung durch
die von der Kirche approbierten und empfohlenen frommen
Übungen nähren, besonders durch das Beten des
Rosenkranzes, der eine Kurzfassung des Evangeliums darstellt.
Erfahren in diesem Gebet, in dessen Mittelpunkt die Betrachtung
der Heilsereignisse des Lebens Christi steht, mit dem seine
heilige Mutter aufs engste verbunden war, ist jeder Bischof
eingeladen, ein eifriger Förderer auch dieser Gebetsform
zu sein.65
Sich dem Wort anvertrauen
15. Die Versammlung der Bischofssynode hat auf einige Mittel
hingewiesen, die notwendig sind, um das eigene geistliche
Leben zu nähren und voranschreiten zu lassen.66 Dazu
gehört an erster Stelle das Lesen und die Betrachtung
des Wortes Gottes. Jeder Bischof soll sich immer »Gott
und dem Wort seiner Gnade« anvertrauen, »das
die Kraft hat, aufzubauen und das Erbe in der Gemeinschaft
der Geheiligten zu verleihen« (Apg 20, 32). Deshalb
muß der Bischof, noch bevor er Vermittler des Wortes
ist, zusammen mit seinen Priestern und wie jeder Gläubige,
ja wie die Kirche selbst,67 Hörer des Wortes sein.
Er muß gleichsam »innerhalb« des Wortes
sein, um sich von ihm wie von einem Mutterschoß behüten
und nähren zu lassen. Mit dem heiligen Ignatius von
Antiochien wiederholt auch der Bischof: »Ich vertraue
mich dem Evangelium an wie dem Fleisch Christi« .68
Jeder Bischof soll sich daher immer jene bekannte Mahnung
des heiligen Hieronymus vergegenwärtigen, die auch
vom Zweiten Vatikanischen Konzil aufgegriffen wurde: »Die
Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen«
.69 Es gibt in der Tat keinen Primat der Heiligkeit ohne
das Hören auf das Wort Gottes, das Leitbild und Nahrung
der Heiligkeit ist.
Sich dem Wort Gottes anzuvertrauen und es zu bewahren wie
die Jungfrau Maria, die Virgo audiens,70 schließt
den Gebrauch einiger Hilfen ein, die die Tradition und die
geistliche Erfahrung der Kirche stets angeraten haben. Es
handelt sich zuallererst um die häufige persönliche
Lektüre und das aufmerksame und eifrige Studium der
Heiligen Schrift. Ein Bischof wäre nach außen
hin ein vergeblicher Prediger des Wortes, würde er
es nicht vorher von innen hören.71 Ohne den häufigen
Kontakt mit der Heiligen Schrift wäre ein Bischof ein
wenig glaubwürdiger Diener der Hoffnung, wenn es zutrifft,
daß wir, wie der heilige Paulus sagt, »durch
Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben«
(Röm 15, 4). Es ist also noch immer gültig, was
Origenes schrieb: »Das sind die beiden Tätigkeiten
des Bischofs: entweder von Gott lernen durch das Lesen und
häufige Meditieren der göttlichen Schriften oder
das Volk lehren. Er soll jedoch das lehren, was er selber
von Gott gelernt hat« .72
Die Synode hat an die Bedeutung der lectio und der meditatio
des Wortes Gottes im Leben der Hirten und in ihrem Amt im
Dienst an der Gemeinschaft erinnert. Wie ich im Apostolischen
Schreiben Novo millennio ineunte dargelegt habe, »ist
es notwendig, daß das Hören des Wortes in der
alten und noch immer gültigen Tradition der lectio
divina zu einer lebendigen Begegnung wird, die uns im biblischen
Text das lebendige Wort erfassen läßt, das Fragen
an uns stellt, Orientierung gibt und unser Dasein gestaltet«
.73 Während der Meditation und der lectio öffnet
sich das Herz, welches das Wort schon empfangen hat, der
kontemplativen Betrachtung des Handelns Gottes und –
als Folge davon – der Umkehr der Gedanken und des
Lebens zu ihm, einer Umkehr, die von der flehenden Bitte
um seine Vergebung und seine Gnade begleitet ist.
Sich nähren von der Eucharistie
16. Wie das Ostergeheimnis im Zentrum des Lebens und der
Sendung des Guten Hirten steht, so steht auch die Eucharistie
im Zentrum des Lebens und der Sendung des Bischofs, wie
eines jeden Priesters.
In der täglichen Feier der heiligen Messe bringt er
sich selbst zusammen mit Christus dar. Wenn dann diese Meßfeier
in der Kathedrale oder in den anderen Kirchen, besonders
den Pfarrkirchen, mit der aktiven Teilnahme der Gläubigen
stattfindet, erscheint der Bischof unter den Augen aller
als der, der er ist, nämlich als Sacerdos et Pontifex,
da er in der Person Christi und in der Vollmacht seines
Geistes handelt, und als der hiereus, der heilige Priester,
dem es obliegt, die heiligen Geheimnisse des Altars zu vollziehen,
die er durch die Predigt verkündet und erklärt.74
Die Liebe des Bischofs zur Heiligen Eucharistie kommt auch
zum Ausdruck, wenn er im Laufe des Tages einen ausreichend
großen Teil seiner Zeit der Anbetung vor dem Tabernakel
widmet. Hier öffnet der Bischof dem Herrn sein Herz,
damit es ganz von der Liebe durchdrungen und gestaltet werde,
die am Kreuz von dem großen Hirten der Schafe verströmt
wurde, der für sie sein Blut vergossen und sein Leben
hingegeben hat. Zu ihm erhebt er auch sein Gebet, wobei
er ständig für die ihm anvertrauten Schafe Fürbitte
hält.
Das Gebet und die Stundenliturgie
17. Ein zweites von den Synodenvätern empfohlenes Mittel
ist das Gebet und ganz besonders jenes, das mit der Feier
der Stundenliturgie zum Herrn emporgesandt wird. Das Stundengebet
ist in besonderer Weise und immer Gebet der christlichen
Gemeinschaft im Namen Christi und unter der Leitung des
Geistes.
Das Gebet ist in sich für einen Bischof eine besondere
Pflicht, ebenso für all jene, die »das Geschenk
der Berufung zu einem Leben besonderer Weihe empfangen haben:
Das Gebet macht sie auf Grund seines Wesens bereiter für
die kontemplative Erfahrung« .75 Der Bischof selbst
darf nicht vergessen, daß er Nachfolger jener Apostel
ist, die vor allem deshalb von Christus eingesetzt wurden,
»weil er sie bei sich haben wollte« (Mk 3, 14),
und die zu Beginn ihrer Sendung eine feierliche Erklärung
abgaben, die ein Lebensprogramm ist: »Wir aber wollen
beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben« (Apg 6,
4). Es wird dem Bischof also nur dann gelingen, ein Lehrmeister
im Beten zu sein, wenn er auf seine persönliche Erfahrung
des Dialogs mit Gott zählen kann. Er muß sich
in jedem Augenblick mit den Worten des Psalmisten an Gott
wenden können: »Ich warte auf dein Wort«
(Ps 119, 114). Gerade aus dem Gebet wird er jene Hoffnung
schöpfen können, mit der er die Gläubigen
gleichsam anstecken soll. Das Gebet ist nämlich der
bevorzugte Platz, an dem sich die Hoffnung zum Ausdruck
bringt und Nahrung findet, da es – nach einem Wort
des heiligen Thomas von Aquin – das »Sprachrohr
der Hoffnung« 76 ist.
Das persönliche Gebet des Bischofs soll in ganz besonderer
Weise ein typisch »apostolisches« Gebet sein,
das heißt ein Gebet, das dem Vater als Fürbitte
für alle Anliegen des ihm anvertrauten Volkes vorgelegt
wird. Im Pontificale Romanum lautet vor der Auflegung der
Hände die letzte in der Reihe der Pflichten des zum
Bischofsamt Erwählten: »Bist du bereit, für
das Heil des Volkes unablässig zum allmächtigen
Gott zu beten und das hohepriesterliche Amt untadelig auszuüben?«
77 Ganz besonders betet der Bischof um die Heiligkeit seiner
Priester, um Berufungen zum Priesteramt und zum Ordensleben,
auf daß das Feuer des missionarischen und apostolischen
Einsatzes in der Kirche immer stärker brenne.
Hinsichtlich des Stundengebetes, das den gesamten Tagesablauf
durch das Lob Gottes heiligen und ihm Orientierung geben
soll, kann man die großartigen Formulierungen des
Zweiten Vatikanischen Konzils nicht unbeachtet lassen: »Wenn
nun die Priester und andere kraft kirchlicher Ordnung Beauftragte
oder die Christgläubigen, die zusammen mit dem Priester
in einer approbierten Form beten, diesen wunderbaren Lobgesang
recht vollziehen, dann ist dies wahrhaft die Stimme der
Braut, die zum Bräutigam spricht, ja es ist das Gebet,
das Christus vereint mit seinem Leibe an seinen Vater richtet.
Alle, die das vollbringen, erfüllen eine der Kirche
obliegende Pflicht und haben zugleich Anteil an der höchsten
Ehre der Braut Christi; denn indem sie Gott das Lob darbringen,
stehen sie im Namen der Mutter Kirche vor dem Throne Gottes«
.78 Mein Vorgänger seligen Angedenkens, Papst Paul
VI., schrieb über das Stundengebet, daß es ein
»Gebet der Ortskirche« sei, in dem »das
wahre Wesen der betenden Kirche« zum Ausdruck komme.79
In der consecratio temporis, die das Stundengebet vollzieht,
erfüllt sich jene laus perennis, die Vorwegnahme und
vorausdeutende Darstellung der himmlischen Liturgie sowie
Band der Vereinigung mit den Engeln und den Heiligen ist,
die den Namen Gottes in Ewigkeit preisen. Ein Bischof erweist
und verwirklicht sich also in dem Maße als Mann der
Hoffnung, wie er sich in die eschatologische Dynamik des
Gebetes der Psalmen einbringt. In den Psalmen erklingt die
Vox sponsae, die Stimme der Braut, die den Bräutigam
anruft.
Jeder Bischof betet daher mit seinem Volk und für sein
Volk. Er erfährt jedoch auch Erbauung und Hilfe durch
das Gebet seiner Gläubigen, der Priester und Diakone,
der Personen des geweihten Lebens und der Laien eines jeden
Alters. In ihrer Mitte ist der Bischof Erzieher zum Gebet
und Förderer des Gebetes. Er vermittelt nicht nur das,
was er in seinen Betrachtungen erwogen hat, sondern eröffnet
den Christen den Weg der Kontemplation. Der bekannte Leitsatz
vom contemplata aliis tradere wird auf diese Weise zu einem
contemplationem aliis tradere.
Der Weg der evangelischen Räte und der Seligpreisungen
18. Allen seinen Jüngern, besonders denjenigen, die
ihm schon während ihres irdischen Lebens nach Art der
Apostel aus nächster Nähe folgen wollen, zeigt
der Herr den Weg der evangelischen Räte. Sie sind ein
Geschenk der Dreifaltigkeit an die Kirche und darüber
hinaus im Glaubenden ein Abglanz des trinitarischen Lebens.80
Dies sind sie auf besondere Weise im Bischof, der als Nachfolger
der Apostel gerufen ist, Christus auf dem Weg der Vollkommenheit
der Liebe nachzufolgen. Dafür ist er geweiht, wie Jesus
geweiht ist. Sein Leben bedeutet radikale Abhängigkeit
von Jesus und vor der Kirche und der Welt völlige Transparenz
auf Jesus hin. Im Leben des Bischofs muß das Leben
Jesu aufscheinen und somit sein Gehorsam gegenüber
dem Vater bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz (vgl. Phil 2,
8), seine keusche und jungfäuliche Liebe, seine Armut,
die absolute Freiheit von den weltlichen Gütern darstellt.
Auf diese Weise können die Bischöfe durch ihr
Beispiel nicht nur jene leiten, die in der Kirche zur Nachfolge
Christi im geweihten Leben berufen sind, sondern auch die
Priester, denen die Radikalität der Heiligkeit entsprechend
dem Geist der evangelischen Räte ebenso nahegelegt
wird. Diese Radikalität betrifft im übrigen alle
Gläubigen, auch die Laien, weil »sie ein grundlegender
und unverzichtbarer Anspruch ist, der aus dem Anruf Christi
erwächst, ihm aufgrund der vom Geist bewirkten innigen
Verbundenheit mit ihm zu folgen und ihn nachzuahmen«
.81
Schließlich sollen die Gläubigen im Antlitz des
Bischofs jene Eigenschaften betrachten können, die
Geschenk der Gnade sind und in den Seligpreisungen gleichsam
das Selbstbildnis Christi darstellen: den Ausdruck der Armut,
der Milde und der Leidenschaft für die Gerechtigkeit;
das barmherzige Angesicht des Vaters und des friedlichen
und Frieden stiftenden Menschen; das Antlitz der Reinheit
dessen, der unablässig und ausschließlich auf
Gott schaut. Die Gläubigen sollen in ihrem Bischof
auch das Angesicht dessen sehen können, der das Mitleid
Jesu mit den Betrübten nachlebt; und manchmal –
wie es in der Geschichte und noch heute vorkommt –
das von innerer Kraft und Freude erfüllte Angesicht
dessen, der um der Wahrheit des Evangeliums willen verfolgt
wird.
Die Tugend des Gehorsams
19. Durch die Aneignung dieser sehr menschlichen Züge
Jesu wird der Bischof auch zum Vorbild und Förderer
einer Spiritualität der Gemeinschaft. Diese ist darauf
angelegt, mit Wachsamkeit und Sorgfalt die Kirche so aufzubauen,
daß alles, Worte und Werke, im Zeichen kindlicher,
in Christus und im Heiligen Geist vollzogener Fügsamkeit
unter dem liebevollen Plan des Vaters geschehe. Als Lehrer
der Heiligkeit und als Diener der Heiligung seines Volkes
ist der Bischof in der Tat gerufen, den Willen des Vaters
treu zu erfüllen. Der Gehorsam des Bischofs muß
so gelebt werden, daß er als Vorbild – anders
könnte es ja gar nicht sein – den Gehorsam Christi
selbst hat, der mehrmals bekräftigt hat, vom Himmel
herabgekommen zu sein, nicht um seinen Willen zu tun, sondern
den Willen dessen, der ihn gesandt hat (vgl. Joh 6, 38;
8, 29; Phil 2, 7-8).
Unterwegs auf den Spuren Christi gehorcht der Bischof dem
Evangelium und der Tradition der Kirche; er versteht, die
Zeichen der Zeit zu deuten und die Stimme des Heiligen Geistes
im petrinischen Amt und in der Kollegialität der Bischöfe
zu erkennen. Im Apostolischen Schreiben Pastores dabo vobis
habe ich den apostolischen, gemeinschaftlichen und pastoralen
Charakter des priesterlichen Gehorsams beleuchtet.82 Diese
Eigenschaften finden sich ganz offensichtlich in noch markanterer
Weise im Gehorsam des Bischofs. Die Fülle des Weihesakraments,
die er empfangen hat, stellt ihn in der Tat in eine besondere
Beziehung zum Nachfolger Petri, zu den Mitgliedern des Bischofskollegiums
und zu seiner Teilkirche selbst. Er muß sich in die
Pflicht genommen fühlen, diese Beziehungen zum Papst
und zu den Mitbrüdern im Bischofsamt in einem engen
Band der Einheit und Zusammenarbeit intensiv zu leben. Auf
diese Weise antwortet er auf den göttlichen Plan, der
die Apostel um Petrus untrennbar vereinen wollte. Diese
hierarchische Gemeinschaft des Bischofs mit dem Papst bestärkt
seine Fähigkeit, kraft des empfangenen Weiheamtes Jesus
Christus, das unsichtbare Haupt der ganzen Kirche, zu vergegenwärtigen.
Dem apostolischen Aspekt des Gehorsams kann sich jener gemeinschaftliche
nur anschließen, insofern das Bischofsamt von seiner
Natur her »eins und ungeteilt« 83 ist. Aufgrund
dieser Gemeinschaftlichkeit ist der Bischof berufen, seinen
Gehorsam unter Überwindung jeder individualistischen
Versuchung und unter Annahme der Bürde der Sorge um
das Wohl der ganzen Kirche innerhalb der Sendung des Bischofskollegiums
zu leben.
Als Vorbild im Hören soll der Bischof gleichfalls aufmerksam
sein, durch Gebet und Unterscheidung den Willen Gottes in
dem, was der Geist der Kirche sagt, zu erfassen. In Ausübung
seiner Autorität im Sinne des Evangeliums muß
er mit seinen Mitarbeitern und den Gläubigen in Dialog
zu treten wissen, um das gegenseitige Einvernehmen wirksam
wachsen zu lassen.84 Dies wird ihm erlauben, auf seelsorgliche
Weise die Würde und Verantwortung jedes einzelnen Gliedes
des Volkes Gottes zu schätzen, indem er mit Ausgeglichenheit
und Gelassenheit den Unternehmungsgeist eines jeden fördert.
Denn die Gläubigen müssen unterstützt werden
im Wachstum eines verantwortlichen Gehorsams, der sie auf
pastoraler Ebene aktiv werden läßt.85 In diese
Hinsicht hat die Aufforderung des heiligen Ignatius von
Antiochien an Polykarp bleibende Gültigkeit: »Nichts
geschehe ohne deine Zustimmung, du aber unternimm nichts
ohne Gott« .86
Der Geist und die Praxis der Armut des Bischofs
20. Im Zeichen kollegialen Einklangs haben die Synodenväter
den Appell aufgegriffen, den ich im Eröffnungsgottesdienst
an die Synode gerichtet habe, nämlich die Seligpreisung
der Armut im Evangelium als eine der unabdingbaren Voraussetzungen
für eine fruchtbare Erfüllung des bischöflichen
Dienstes in der heutigen Situation anzuerkennen. Auch bei
dieser Gelegenheit wurde in der Versammlung der Bischöfe
die Gestalt des Herrn Christus klar hervorgehoben, »der
das Werk der Erlösung in Armut und Verfolgung vollbrachte«
und der auch die Kirche, an erster Stelle mit ihren Bischöfen,
einlädt, »den gleichen Weg einzuschlagen, um
die Früchte des Heils den Menschen mitzuteilen«
.87
Daher muß der Bischof, der authentischer Zeuge und
Diener des Evangeliums der Hoffnung sein will, ein vir pauper
sein. Das verlangt sein Zeugnis für den armen Christus,
zu dem er verpflichtet ist; das verlangt auch die Sorge
der Kirche für die Armen, denen Vorzug gebührt.
Die Entscheidung des Bischofs, sein Dienstamt in Armut zu
leben, trägt entscheidend dazu bei, aus der Kirche
das »Zuhause der Armen« zu machen.
Diese Entscheidung versetzt den Bischof außerdem in
eine Lage innerer Freiheit bei der Ausübung seines
Amtes, die ihm erlaubt, die Früchte des Heils wirksam
zu vermitteln. Die bischöfliche Autorität muß
mit einer unermüdlichen Hochherzigkeit und mit einer
unerschöpflichen Freigebigkeit geübt werden. Das
verlangt von seiten des Bischofs ein volles Vertrauen in
die Vorsehung des himmlischen Vaters, eine großzügige
Gütergemeinschaft, einen enthaltsamen Lebensstil und
eine dauernde persönliche Umkehr. Nur auf diesem Weg
wird er fähig sein, an den Ängsten und Schmerzen
des Gottesvolkes teilzunehmen, das er nicht nur leiten und
nähren soll, sondern mit dem er solidarisch sein muß,
indem er mit ihm die Probleme teilt und zur Stärkung
der Hoffnung beiträgt.
Er wird diesen Dienst mit Effizienz erfüllen, wenn
er ein einfaches, nüchternes und zugleich aktives und
weitherziges Leben führt und diejenigen, die in unserer
Gesellschaft an letzter Stelle stehen, nicht ausgrenzt,
sondern in die Mitte der christlichen Gemeinde stellt.88
Gleichsam ohne es sich bewußt zu werden, wird er die
»Phantasie der Liebe« fördern, die eher
die Fähigkeit, brüderliches Teilen zu leben, hervorheben
wird als die Effizienz der geleisteten Hilfe. Denn, wie
die Apostelgeschichte ausführlich bezeugt, entfachte
in der Kirche zur Zeit der Apostel die Armut der einen die
Solidarität der anderen, mit dem überraschenden
Ergebnis, daß »es keinen unter ihnen gab, der
Not litt« (4, 34). Die Kirche ist der Welt, die von
Problemen des Hungers und der Ungleichheiten unter den Völkern
belagert wird, diese Prophetie schuldig. In dieser Perspektive
des Teilens und der Einfachheit verwaltet der Bischof die
Güter der Kirche wie ein »bonus pater familias«
und wacht darüber, daß sie gemäß der
eigentlichen Ziele der Kirche eingesetzt werden: Gottesdienst,
Unterhalt der Amtsträger, Apostolatswerke, karitative
Initiativen für Arme.
Procurator pauperum ist seit jeher ein Titel der Hirten
der Kirche gewesen und soll das konkret auch heute sein,
um die Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus gegenwärtig
und beredt zu machen als Grundlage der Hoffnung aller, besonders
aber derjenigen, die allein von Gott ein würdigeres
Leben und eine bessere Zukunft erwarten können. Angeregt
und ermahnt durch das Beispiel der Hirten sollen die ganze
Kirche und die Teilkirchen jene »vorrangige Option
für die Armen« wahrmachen, die ich als Programm
für das dritte Jahrtausend empfohlen habe.89
In Keuschheit einer Kirche dienen, die Christi Reinheit
widerspiegelt
21. »Trag diesen Ring als Zeichen deiner Treue. Denn
in unverbrüchlicher Treue sollst du die Braut Christi,
die heilige Kirche, vor jedem Schaden bewahren« .90
Mit diesen Worten, die bei der Bischofsweihe gesprochen
werden, wird der Bischof aufgefordert, sich der Verpflichtung,
die er übernimmt, bewußt zu werden, nämlich
an sich die jungfräuliche Liebe Christi für alle
seine Gläubigen widerzuspiegeln. Er ist vor allem aufgerufen,
zwischen den Gläubigen gegenseitige Beziehungen zu
wecken, die von jener Achtung und Wertschätzung inspiriert
sind, wie sie sich für eine Familie geziemen, wo die
Liebe entsprechend der Mahnung des Apostels Petrus gedeiht:
»Darum hört nicht auf, einander von Herzen zu
lieben. Ihr seid neu geboren worden, nicht aus vergänglichem,
sondern aus unvergänglichem Samen: aus Gottes Wort,
das lebt und das bleibt« (1 Petr 1, 22-23).
Während er mit seinem Beispiel und seinem Wort die
Christen auffordert, sich selbst als lebendiges und heiliges
Opfer darzubringen, das Gott gefällt (vgl. Röm
12, 1), erinnert er alle daran, daß »die Gestalt
dieser Welt vergeht« (1 Kor 7, 31), und daß
es daher notwendig ist, in »E |