| EINLEITUNG
Botschaft der Freude für Europa
1. Die Kirche in Europa hat ihre zum zweiten Mal zu einer
Synode versammelten Bischöfe mit innerer Teilnahme
begleitet, als diese über das Thema »Jesus Christus,
der in seiner Kirche lebt – Quelle der Hoffnung für
Europa« nachdachten.
Jenes Leitwort möchte auch ich allen Christen Europas
am Beginn des dritten Jahrtausends zurufen, indem ich zusammen
mit meinen Brüdern im Bischofsamt die Worte aus dem
Ersten Brief des heiligen Petrus aufgreife: »Fürchtet
euch nicht, [...] laßt euch nicht erschrecken, sondern
haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn heilig! Seid
stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach
der Hoffnung fragt, die euch erfüllt« (3, 14-15).1
Diese Botschaft erklang immer wieder während des Großen
Jubiläums des Jahres 2000, mit dem die unmittelbar
zuvor stattfindende Synode gleichsam als dessen offene Tür
in engem Zusammenhang stand.2 Das Jubiläum war »ein
einziger, ununterbrochener Lobgesang auf die Dreifaltigkeit«
, ein authentischer »Weg der Versöhnung«
und ein »Zeichen echter Hoffnung für alle, die
auf Christus und seine Kirche blicken« .3 Als Erbe
hat es uns die Freude über die lebendig machende Begegnung
mit Christus hinterlassen – »derselbe gestern,
heute und in Ewigkeit« (Hebr 13, 8) – und uns
damit den Herrn Jesus wieder als einziges, unvergängliches
Fundament der wahren Hoffnung vor Augen gestellt.
Eine zweite Synode für Europa
2. Die Vertiefung des Themas Hoffnung stellte von Anfang
an den Hauptzweck der Zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode
für Europa dar. Als letzte in der Reihe der in Vorbereitung
auf das Große Jubiläum des Jahres 2000 abgehaltenen
Synoden mit kontinentalem Charakter 4 hatte sie zum Ziel,
die Situation der Kirche in Europa zu analysieren und Hinweise
zur Förderung einer neuen Verkündigung des Evangeliums
zu geben, wie ich bei der von mir am 23. Juni 1996 am Ende
der Eucharistiefeier im Berliner Olympiastadion bekanntgemachten
Einberufung der Synode betonte.5
Die Synodenversammlung konnte nicht umhin, das wiederaufzunehmen,
zu überprüfen und weiterzuentwickeln, was bei
der vorhergehenden Europasynode behandelt worden war, die
1991, unmittelbar nach dem Fall der Mauern, zum Thema »Seien
wir Zeugen Christi, der uns befreit hat« stattgefunden
hatte. Auf dieser Ersten Sonderversammlung hatte sich die
Dringlichkeit und Notwendigkeit der »Neuevangelisierung«
klar abgezeichnet, in dem Bewußtsein, daß »Europa
heute nicht schlechthin auf sein vorgegebenes christliches
Erbe hinweisen kann: Es muß vielmehr in die Lage versetzt
werden, erneut über die Zukunft Europas zu entscheiden,
in der Begeg- nung mit der Person und Botschaft Jesu Christi«
.6
Im Abstand von neun Jahren ist die Überzeugung, daß
»es die dringende Aufgabe der Kirche ist, den Männern
und Frauen Europas die befreiende Botschaft des Evangeliums
neu anzubieten« ,7 mit ihrer stimulierenden Kraft
wieder deutlich zutage getreten. Das für die neuerliche
Synodenversammlung gewählte Thema griff aus dem Blickwinkel
der Hoffnung dieselbe Herausforderung wieder auf. Es ging
also darum, diese Botschaft der Hoffnung einem Europa zu
verkünden, das sie verloren zu haben schien.8
Die Erfahrung der Synode
3. Die Synodenversammlung vom 1. bis 23. Oktober 1999 hat
sich als eine außergewöhnliche Gelegenheit der
Begegnung, des Zuhörens und des Austausches erwiesen.
Das gegenseitige Kennenlernen von Bischöfen aus verschiedenen
Teilen Europas und die Verbundenheit dieser mit dem Nachfolger
Petri wurden vertieft, und wir konnten uns alle zusammen
gegenseitig aufbauen, vor allem dank der Zeugnisse derer,
die unter den vergangenen totalitären Regimen wegen
ihres Glaubens harte und langdauernde Verfolgungen ertragen
haben.9 Beseelt vom Wunsch, einen brüderlichen »Austausch
von Gaben« zu vollziehen, und gegenseitig bereichert
durch die Vielfalt der Erfahrungen jedes einzelnen, haben
wir wieder einmal Augenblicke der Gemeinschaft im Glauben
und in der Liebe erlebt.10
Daraus ist der Wille erwachsen, den Ruf anzunehmen, den
der Heilige Geist an die Kirchen in Europa richtet, um sie
angesichts der neuen Herausforderungen in die Pflicht zu
nehmen.11 Die Teilnehmer an dem synodalen Treffen haben
sich – wenngleich mit liebevollem Blick – nicht
gescheut, die aktuelle Situation des Kontinents zu betrachten
und deren Licht- und Schattenseiten aufzudecken. Einhellig
ergab sich das Bewußtsein, daß die Situation
von schwerwiegenden Ungewißheiten auf kultureller,
anthropologischer, ethischer und geistlich-religiöser
Ebene gekennzeichnet ist. Ebenso klar war ein wachsender
Wille festzustellen, sich mit dieser Situation auseinanderzusetzen
und sie zu interpretieren, um zu sehen, welche Aufgaben
die Kirche erwarten: Daraus sind »brauchbare Orientierungen«
hervorgegangen, »um durch eine markantere, durch ein
konsequentes Lebenszeugnis gestärkte Verkündigung
das Antlitz Christi immer mehr sichtbar zu machen«
.12
4. Die mit einem am Evangelium orientierten Unterscheidungsvermögen
gelebte synodale Erfahrung ließ das Bewußtsein
der Einheit reifen, die die verschiedenen Teile Europas
verbindet, ohne die aus den historischen Begebenheiten herrührenden
Unterschiede zu leugnen. Es ist eine Einheit, die aufgrund
ihrer Verwurzelung in der gemeinsamen christlichen Inspiration
die unterschiedlichen kulturellen Traditionen zusammenzuführen
vermag und die auf gesellschaftlich-sozialer wie auf kirchlicher
Ebene einen fortgesetzten Weg gegenseitigen Kennenlernens
verlangt, das sich einem größeren Austausch der
Werte der einzelnen öffnet.
Im Laufe der Synode wurde nach und nach ein starkes Streben
nach Hoffnung offenkundig. Auch wenn die Synodenväter
die Analysen der für den Kontinent charakteristischen
Komplexität durchaus ernst nahmen, haben sie erfaßt,
daß die vielleicht größte Dringlichkeit,
die im Osten wie im Westen den Kontinent durchzieht, in
einem wachsenden Bedürfnis nach Hoffnung besteht, um
dem Leben und der Geschichte einen Sinn geben und gemeinsam
weitergehen zu können. Alle Überlegungen der Synode
waren darauf ausgerichtet, auf dieses Bedürfnis vom
Geheimnis Christi und vom trinitarischen Geheimnis her eine
Antwort zu geben. Die Synode wollte die Gestalt des in seiner
Kirche lebenden Jesus neu vor Augen führen: Er offenbart
den Gott der Liebe, der die Gemeinschaft der drei göttlichen
Personen ist.
Das Bild der Geheimen Offenbarung
5. Ich freue mich, durch das vorliegende nachsynodale Schreiben
die Früchte dieser Zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode
für Europa mit der Kirche in Europa teilen zu können.
Auf diese Weise möchte ich dem Wunsch nachkommen, der
zum Abschluß der synodalen Versammlung zum Ausdruck
kam, als die Bischöfe mir die Texte ihrer Überlegungen
mit der Bitte überreichten, der pilgernden Kirche in
Europa ein Dokument über eben dieses Thema der Synode
zu schenken.13
»Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den
Gemeinden sagt« (Offb 2, 7). Bei der Verkündigung
des Evangeliums der Hoffnung an Europa werde ich mich von
der Apokalypse oder Geheimen Offenbarung leiten lassen,
der »prophetischen Offenbarung« , die der gläubigen
Gemeinde den verborgenen, tiefen Sinn dessen, was geschehen
muß (vgl. Offb 1, 1), erschließt. Die Geheime
Offenbarung konfrontiert uns mit einem Wort, das an die
christlichen Gemeinden gerichtet ist, damit sie ihre Einbindung
in die Geschichte, mit ihren Fragen und ihren Leiden, im
Lichte des endgültigen Sieges des geopferten und auferstandenen
Lammes zu deuten und zu leben verstehen. Zugleich stehen
wir einem Wort gegenüber, das uns verpflichtet, in
unserem Leben der immer wiederkehrenden Versuchung zu entsagen,
die Stadt der Menschen ohne Gott oder gegen ihn aufzubauen.
Wenn nämlich das einträte, würde gerade das
menschliche Zusammenleben früher oder später eine
nicht wiedergutzumachende Niederlage erleiden.
Die Geheime Offenbarung enthält eine Ermutigung an
die Gläubigen: Jenseits allen äußeren Anscheins
und auch wenn die Wirkungen noch nicht zu sehen sind, ist
der Sieg Christi bereits eingetreten und endgültig.
Daraus ergibt sich die Grundeinstellung, den menschlichen
Wechselfällen mit einer Haltung tiefer Zuversicht zu
begegnen, die aus dem Glauben an den in der Geschichte gegenwärtigen
und wirkenden Auferstandenen entspringt.
I. KAPITEL
JESUS CHRISTUS IST UNSERE HOFFNUNG
»Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der
Letzte
und der Lebendige« (Offb 1, 17-18)
Der Auferstandene ist immer bei uns
6. In einer Zeit der Verfolgung, der Bedrängnis und
der Erschütterung für die Kirche, wie sie der
Verfasser der Geheimen Offenbarung erlebte (vgl. 1, 9),
ist das Wort, das er in der Vision vernimmt, ein Wort der
Hoffnung: »Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste
und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch nun
lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel
zum Tod und zur Unterwelt« (Offb 1, 17-18). Wir werden
also mit dem Evangelium, mit der »frohen Botschaft«
konfrontiert, die Jesus Christus selbst ist. Er ist der
Erste und der Letzte: In ihm findet die ganze Geschichte
Anfang, Sinn, Richtung und Vollendung; in ihm und mit ihm,
in seinem Tod und seiner Auferstehung, ist bereits alles
gesagt worden. Er ist der Lebendige: Er war tot, doch nun
lebt er in alle Ewigkeit. Er ist das Lamm, das aufrecht
vor dem Thron Gottes steht (vgl. Offb 5, 6): Es ist geschlachtet,
weil es sein Blut für uns am Holz des Kreuzes vergossen
hat; es steht aufrecht, weil es für immer in das Leben
zurückgekehrt ist und uns so die grenzenlose Allmacht
der Liebe des Vaters hat erkennen lassen. Er hält in
seiner Rechten die sieben Sterne (vgl. Offb 1, 16), das
heißt, die verfolgte Kirche Gottes im Kampf gegen
das Böse und gegen die Sünde, die aber ebenso
das Recht hat, froh und siegreich zu sein, weil sie in der
Hand dessen ist, der das Böse schon besiegt hat. Er
geht mitten unter den sieben goldenen Leuchtern einher (vgl.
Offb 2, 1): Er ist in seiner betenden Kirche gegenwärtig
und am Wirken. Er ist auch »der, der kommt »
(Offb 1, 4) durch die Sendung und das Wirken der Kirche
die ganze Menschheitsgeschichte hindurch; er kommt als eschatologischer
Schnitter am Ende der Zeiten, um alles zur Vollendung zu
führen (vgl. Offb 14, 15-16; 22, 20).
I. Herausforderungen und Zeichen
der Hoffnung für die Kirche in Europa
Die Trübung der Hoffnung
7. Dieses Wort richtet sich heute auch an die Kirchen in
Europa, die oft durch eine Trübung der Hoffnung auf
die Probe gestellt sind. Die Zeit, in der wir leben, vermittelt
mit den ihr eigenen Herausforderungen in der Tat den Anschein
des Verlorenseins. Viele Männer und Frauen scheinen
desorientiert, unsicher und ohne Hoffnung zu sein, und nicht
wenige Christen teilen diesen Gemütszustand. Zahlreiche
besorgniserregende Zeichen zeigen sich zu Beginn des dritten
Jahrtausends bedrohlich am Horizont des europäischen
Kontinents, der »zwar sehr reich ist an außerordentlichen
Glaubenszeugnissen und sich im Rahmen eines zweifellos freieren
und einmütigeren Zusammenlebens befindet, trotzdem
aber die ganze Zerrüttung spürt, die die ältere
und jüngere Geschichte im tiefsten Inneren seiner Völker
verursacht hat, was oft zu Enttäuschungen führt«
.14
Unter den vielen, auch anläßlich der Synode
ausführlich erwähnten Aspekten 15 möchte
ich den Verlust des christlichen Gedächtnisses und
Erbes anführen, der begleitet ist von einer Art praktischem
Agnostizismus und religiöser Gleichgültigkeit,
weshalb viele Europäer den Eindruck erwekken, als lebten
sie ohne geistigen Hintergrund und wie Erben, welche die
ihnen von der Geschichte übergebene Erbschaft verschleudert
haben. Daher ist es nicht allzu verwunderlich, wenn versucht
wird, Europa ein Gesicht zu geben, indem man unter Ausschluß
seines religiösen Erbes und besonders seiner tief christlichen
Seele das Fundament legt für die Rechte der Völker,
die Europa bilden, ohne sie auf den Stamm aufzupfropfen,
der vom Lebenssaft des Christentums durchströmt wird.
Auf dem europäischen Kontinent fehlt es gewiß
nicht an namhaften Symbolen für die Präsenz des
Christentums, doch mit der langsam voranschreitenden Überhandnahme
des Säkularismus laufen sie Gefahr, zu einem bloßen
Relikt der Vergangenheit zu werden. Vielen gelingt es nicht
mehr, die Botschaft des Evangeliums in die Alltagserfahrung
einzubeziehen. In einem gesellschaftlichen und kulturellen
Umfeld, wo dem christlichen Lebensentwurf ständig Trotz
und Bedrohung begegnen, wird es immer schwieriger, seinen
Glauben an Jesus zu leben. In vielen öffentlichen Bereichen
ist es einfacher, sich als Agnostiker denn als Gläubigen
zu bezeichnen; man hat den Eindruck, daß sich Nichtglauben
von selbst versteht, während Glauben einer gesellschaftlichen
Legitimation bedarf, die weder selbstverständlich ist,
noch vorausgesetzt wird.
8. Mit diesem Verlust des christlichen Gedächtnisses
geht eine Art Zukunftsangst einher. Das gemeinhin verbreitete
Bild von der Zukunft stellt sich oft als blaß und
ungewiß heraus. Man hat eher Angst vor der Zukunft,
als daß man sie herbeiwünschte. Besorgniserregende
Anzeichen dafür sind unter anderem die innere Leere,
die viele Menschen peinigt, und der Verlust des Lebenssinnes.
Zu den Zeichen und Auswirkungen dieser Existenzangst sind
insbesondere der dramatische Geburtenrückgang und die
Abnahme der Priester- und Ordensberufe zu zählen sowie
die Schwierigkeit, wenn nicht sogar die Weigerung, endgültige
Lebensentscheidungen auch bezüglich der Ehe zu treffen.
Wir erleben eine verbreitete Zersplitterung des Daseins;
es überwiegt ein Gefühl der Vereinsamung; Spaltungen
und Gegensätze nehmen zu. Unter anderen Symptomen dieses
Zustandes erfährt das heutige Europa das ernste Phänomen
einer Krise der Familie und des Schwindens einer Konzeption
von Familie überhaupt, die Fortdauer oder das Wiederaufflammen
ethnischer Konflikte, das Wiederaufleben gewisser rassistischer
Verhaltensweisen, die interreligiösen Spannungen, die
Egozentrik, die Einzelne und Gruppen in sich verschließt,
die Zunahme einer allgemeinen sittlichen Gleichgültigkeit
und einer krampfhaften Sorge um die eigenen Interessen und
Privilegien. In den Augen vieler läuft die zunehmende
Globalisierung Gefahr, statt zu einer größeren
Einheit der Menschheit zu führen, einer Logik zu folgen,
die die Schwächsten ausgrenzt und die Zahl der Armen
auf der Erde vermehrt.
Im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Individualismus
ist eine zunehmende Schwächung der Solidarität
zwischen den Menschen festzustellen: Während die Hilfseinrichtungen
lobenswerte Arbeit leisten, beobachtet man ein Abnehmen
des Solidaritätsgefühls, so daß sich viele
Menschen, auch wenn es ihnen nicht am materiell Notwendigen
fehlt, immer einsamer und sich selbst überlassen fühlen,
ohne das Netz einer gefühlsmäßigen Unterstützung.
9. Der Verlust der Hoffnung hat seinen Grund in dem Versuch,
eine Anthropologie ohne Gott und ohne Christus durchzusetzen.
Diese Denkart hat dazu geführt, den Menschen »als
absoluten Mittelpunkt allen Seins zu betrachten, indem man
ihn fälschlicherweise den Platz Gottes einnehmen ließ
und dabei vergaß, daß nicht der Mensch Gott
erschafft, sondern Gott den Menschen erschafft.
Das Vergessen Gottes hat zum Niedergang des Menschen geführt.
[...] Es wundert daher nicht, daß in diesem Kontext
ein großer Freiraum für die Entwicklung des Nihilismus
im philosophischen Bereich, des Relativismus im erkenntnistheoretischen
und moralischen Bereich, des Pragmatismus und sogar des
zynischen Hedonismus in der Gestaltung des Alltagslebens
entstanden ist« .16 Die europäische Kultur erweckt
den Eindruck einer »schweigenden Apostasie »
seitens des satten Menschen, der lebt, als ob es Gott nicht
gäbe.
Vor diesem Horizont nehmen die auch in letzter Zeit wieder
auftauchenden Versuche Gestalt an, die europäische
Kultur losgekoppelt vom Beitrag des Christentums zu präsentieren,
das ihre historische Entwicklung und ihre universale Verbreitung
geprägt hat. Wir sehen uns dem Erscheinen einer neuen,
großenteils von den Massenmedien beeinflußten
Kultur gegenüber, deren Merkmale und Inhalte oft im
Gegensatz zum Evangelium und zur Würde der menschlichen
Person stehen. Zu dieser Kultur gehört auch ein immer
weiter verbreiteter religiöser Agnostizismus, verbunden
mit einem tieferen moralischen und rechtlichen Relativismus,
der seine Wurzeln im Verlust der Wahrheit vom Menschen als
Fundament der unveräußerlichen Rechte eines jeden
hat. Die Zeichen eines Schwindens der Hoffnung äußern
sich mitunter durch erschreckende Formen dessen, was man
als eine »Kultur des Todes« bezeichnen kann.17
Die ununterdrückbare Sehnsucht nach Hoffnung
10. Aber – so haben die Synodenväter unterstrichen
– »der Mensch kann nicht ohne Hoffnung leben:
sein Leben wäre der Bedeutungslosigkeit verschrieben
und würde unerträglich« .18 Im Bedürfnis
nach Hoffnung meinen viele, in kurzlebigen und brüchigen
Realitäten Frieden finden zu können. Und so wird
die auf einen der Transzendenz verschlossenen innerweltlichen
Raum eingeengte Hoffnung zum Beispiel mit dem von Wissenschaft
und Technik versprochenen Paradies identifiziert oder mit
verschiedenen Formen des Messianismus, mit dem vom Konsumismus
vermittelten Glück hedonistischer Natur oder mit jenem
imaginären, von Drogen künstlich ausgelösten
Glücksgefühl, mit manchen Formen des Chiliasmus,
mit der Faszination orientalischer Philosophien, mit der
Suche nach Formen esoterischer Spiritualität und mit
den verschiedenen Strömungen von New Age.19
Das alles erweist sich freilich als zutiefst illusorisch
und ungeeignet, jenen Durst nach Glückseligkeit zu
stillen, den das Herz des Menschen in seinem Inneren weiterhin
verspürt. Und so bleiben und verschärfen sich
die besorgniserregenden Zeichen des Schwindens der Hoffnung,
die sich manchmal auch in Formen von Aggressivität
und Gewalt äußern.20
Zeichen der Hoffnung
11. Kein Mensch kann ohne Zukunftsperspektiven leben. Schon
gar nicht die Kirche, die von der Erwartung des Reiches
lebt, das kommt und das bereits in dieser Welt gegenwärtig
ist. Es wäre ungerecht, die Zeichen für den Einfluß
des Evangeliums Christi auf das Leben der Gesellschaft nicht
wahrzunehmen. Die Synodenväter haben sie aufgespürt
und hervorgehoben.
Unter diesen Zeichen müssen genannt werden: die Wiedererlangung
der Freiheit der Kirche im Osten Europas mit den neuen Möglichkeiten
für das pastorale Wirken, die sich ihr erschlossen
haben; der Umstand, daß sich die Kirche auf ihre geistliche
Sendung konzentriert und sich bemüht, den Vorrang der
Evangelisierung auch in den Beziehungen zur realen sozialen
und politischen Welt zu leben; die gewachsene Bewußtwerdung
der besonderen Sendung aller Getauften in der Vielfältigkeit
und Komplementarität der Gaben und Aufgaben; die erhöhte
Präsenz der Frau in den Strukturen und Aufgabenbereichen
der christlichen Gemeinschaft.
Eine Völkergemeinschaft
12. Blicken wir auf Europa als bürgerliches Gemeinwesen,
so fehlt es nicht an Zeichen, die Anlaß geben zur
Hoffnung: In ihnen können wir, wenngleich in den Widersprüchlichkeiten
der Geschichte, mit dem Blick des Glaubens die Gegenwart
des Geistes Gottes erfassen, der das Gesicht der Erde erneuert.
Die Synodenväter haben zum Abschluß ihrer Arbeiten
diese Zeichen so beschrieben: »Mit Freude stellen
wir die zunehmende Öffnung der Völker aufeinander
hin fest, die Versöhnung zwischen Nationen, die lange
Zeit verfeindet waren, die fortschreitende Ausdehnung des
Einigungsprozesses auf die Länder Osteuropas. Es wachsen
Anerkennung, Zusammenarbeit und Austausch aller Art, so
daß nach und nach eine europäische Kultur, ja
ein europäisches Bewußtsein entsteht, das hoffentlich,
besonders bei den Jugendlichen, das Gefühl der Brüderlichkeit
und den Willen zum Teilen wachsen läßt. Als positiv
vermerken wir, daß dieser ganze Prozeß sich
nach demokratischen Spielregeln auf friedliche Weise und
in einem Geist der Freiheit vollzieht, der die berechtigte
Vielfalt achtet und zur Geltung bringt und so den Prozeß
der Einigung Europas vorantreibt und unterstützt. Wir
begrüßen mit Genugtuung alles, was getan wurde,
um die Bedingungen und Modalitäten zur Achtung der
Menschenrechte präzise darzulegen. Im Zusammenhang
mit der legitimen wirtschaftlichen und politischen Einheit
Europas erkennen wir schließlich einerseits die Zeichen
der Hoffnung, die aus der Bedeutung erwachsen, die dem Recht
und der Lebensqualität zuerkannt wird; auf der anderen
Seite aber wünschen wir uns lebhaft, daß in einer
schöpferischen Treue zur humanistischen und christlichen
Tradition unseres Kontinents der Vorrang der ethischen und
geistlichen Werte garantiert werde« .21
Märtyrer und Glaubenszeugen
13. Aber ich möchte die Aufmerksamkeit besonders auf
einige Zeichen lenken, die im eigentlich kirchlichen Leben
sichtbar geworden sind. Vor allem will ich mit den Synodenvätern
jenes großartige Hoffnungszeichen, das von so vielen
Zeugen des christlichen Glaubens im letzten Jahrhundert
in Ost und West gesetzt worden ist, allen wieder vor Augen
stellen, auf daß es niemals in Vergessenheit gerate.
Sie haben es in Situationen der Feindseligkeit und Verfolgung
vermocht, sich das Evangelium zu eigen zu machen, oft bis
zum Blutvergießen als äußerster Bewährung.
Diese Zeugen, besonders jene unter ihnen, die das Martyrium
auf sich genommen haben, sind ein beredtes, großartiges
Zeugnis, das verlangt, von uns betrachtet und nachgeahmt
zu werden. Sie beweisen uns die Lebenskraft der Kirche;
sie erscheinen wie ein Licht für die Kirche und für
die Menschheit, weil sie in der Finsternis das Licht Christi
zum Leuchten gebracht haben; als Angehörige verschiedener
christlicher Konfessionen sind sie auch ein leuchtendes
Hoffnungszeichen für den ökumenischen Weg, da
wir gewiß sein dürfen, daß ihr Blut »auch
Lebenssaft der Einheit für die Kirche ist« .22
Noch radikaler sagen sie uns, daß das Martyrium die
höchste Inkarnation des Evangeliums der Hoffnung ist:
»Die Märtyrer verkünden nämlich dieses
Evangelium und legen dafür Zeugnis ab durch die Hingabe
ihres Lebens bis zum Blutvergießen, denn sie sind
sicher, daß sie ohne Christus nicht leben können,
und bereit, für ihn zu sterben in der Überzeugung,
daß Jesus der Herr und der Erlöser des Menschen
ist und daß folglich der Mensch nur in ihm die wahre
Fülle des Lebens findet. Auf diese Weise sind sie bereit,
der Mahnung des Apostels Petrus entsprechend, jedem Rede
und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die
sie erfüllt (vgl. 1 Petr 3, 15). Darüber hinaus
,,zelebrieren'' die Märtyrer das ,,Evangelium der Hoffnung'',
denn die Hingabe ihres Lebens ist die radikalste und erhabenste
Manifestation jenes lebendigen und heiligen Opfers, das
Gott gefällt und das der wahre Gottesdienst ist (vgl.
Röm 12, 1) – Ursprung, Seele und Höhepunkt
jeder christlichen Gottesdienstfeier. Und schließlich
dienen sie dem ,,Evangelium der Hoffnung'', weil sie durch
ihr Martyrium in höchstem Grad die Liebe und den Dienst
am Menschen ausdrücken, insofern sie zeigen, daß
der Gehorsam gegenüber dem Gesetz des Evangeliums ein
moralisches Leben und ein soziales Zusammenleben bewirkt,
das die Würde und die Freiheit jeder Person hochschätzt
und fördert« .23
Die Heiligkeit vieler
14. Frucht der vom Evangelium bewirkten Umkehr ist die
Heiligkeit vieler Männer und Frauen unserer Zeit. Das
gilt nicht nur für diejenigen, die von der Kirche offiziell
zu Heiligen erklärt worden sind, sondern auch für
jene, die mit Bescheidenheit im Alltag ihres Daseins von
ihrer Treue zu Christus Zeugnis gegeben haben. Wie sollte
man nicht an die unzähligen Söhne und Töchter
der Kirche denken, die im Laufe der Geschichte des europäischen
Kontinents in der Verborgenheit des Familien- und Berufslebens
eine hochherzige und glaubwürdige Heiligkeit gelebt
haben? »Sie alle haben, als ,,lebendige Steine'' mit
Christus, dem ,,Eckstein'', verbunden, Europa als geistiges
und moralisches Bauwerk errichtet und den Nachkommen das
kostbarste Erbe hinterlassen. Jesus, der Herr, hatte es
versprochen: ,,Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich
vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere
vollbringen, denn ich gehe zum Vater'' (Joh 14, 12). Die
Heiligen sind der lebendige Beweis dafür, daß
dieses Versprechen in Erfüllung geht, und sie machen
Mut zu glauben, daß das auch in den schwierigsten
Stunden der Geschichte möglich ist« .24
Die Pfarrei und die kirchlichen Bewegungen
15. Das Evangelium bringt weiter seine Früchte in
den Pfarrgemeinden, unter den Personen des geweihten Lebens,
in den Laienverbänden, in den Gebets- und Apostolatsgruppen,
in verschiedenen Jugendgemeinschaften sowie auch durch das
Auftreten und die Verbreitung neuer Bewegungen und kirchlicher
Körperschaften. In jedem von ihnen vermag nämlich
der Heilige Geist eine neue Hingabe an das Evangelium, großzügige
Dienstbereitschaft und ein christliches Leben hervorzurufen,
das von evangelischer Radikalität und von missionarischem
Schwung gekennzeichnet ist.
In Europa, und zwar in den postkommunistischen Ländern
ebenso wie im Westen, kommt der Pfarrei, obschon sie ständiger
Erneuerung bedarf,25 weiterhin eine eigene unverzichtbare
Aufgabe zu, die sie immer noch wahrnimmt und die im pastoralen
und kirchlichen Bereich von grosser Aktualität ist.
Sie ist nach wie vor in der Lage, den Gläubigen den
Raum für eine wirklich christliche Lebensführung
zu bieten, und – sowohl in der für die modernen
Großstädte spezifischen Atmosphäre der Zersplitterung
und Anonymität als auch in den dünnbesiedelten
ländlichen Gebieten – ein Ort echter Humanisierung
und Sozialisation zu sein.26
16. Während ich meine große Wertschätzung
für die Präsenz und das Wirken der verschiedenen
apostolischen Vereinigungen und Organisationen und im besonderen
der Katholischen Aktion zum Ausdruck bringe, möchte
ich gemeinsam mit den Synodenvätern gleichzeitig den
besonderen Beitrag hervorheben, den – zusammen mit
den anderen kirchlichen Vereinigungen und niemals abgesondert
von ihnen – die neuen kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften
leisten können. Letztere helfen nämlich »den
Christen, radikaler nach dem Evangelium zu leben; sie sind
eine Wiege verschiedener Berufungen und bringen neue Formen
gottgeweihten Lebens hervor. Sie fördern vor allem
die Berufung der Laien und führen dazu, daß sie
in den verschiedenen Lebensbereichen zum Ausdruck kommt.
Sie begünstigen die Heiligkeit des Volkes; sie können
Botschaft und Aufforderung für diejenigen sein, die
sonst der Kirche nicht begegnen. Häufig unterstützen
sie den ökumenischen Weg und eröffnen Möglichkeiten
für den interreligiösen Dialog; sie sind ein Gegenmittel
gegen die Ausbreitung der Sekten; sie sind sehr behilflich
dabei, in der Kirche Lebendigkeit und Freude zu verbreiten«
.27
Der ökumenische Weg
17. Wir danken dem Herrn für das große und tröstliche
Zeichen der Hoffnung, das in den Fortschritten zutage tritt,
die auf dem ökumenischen Weg im Hinblick auf die Wahrheit,
die Liebe und die Versöhnung erreicht werden konnten.
Es handelt sich um eine der großen Gaben des Heiligen
Geistes für einen Kontinent wie den europäischen,
von dem die schweren Spaltungen zwischen den Christen im
zweiten Jahrtausend ausgegangen sind und der noch immer
sehr unter deren Folgen leidet.
Tief bewegt erinnere ich mich an einige Momente großer
Eindringlichkeit während der Arbeiten der Synode und
an die auch von den als Delegierte anwesenden Brüdern
aus anderen Konfessionen zum Ausdruck gebrachte, einmütige
Überzeugung, daß dieser Weg – trotz der
noch andauernden und der neu entstehenden Probleme –
nicht unterbrochen werden dürfe, sondern mit erneuertem
Eifer, mit äußerster Entschlossenheit und mit
der demütigen Bereitschaft aller zur gegenseitigen
Vergebung weitergehen müsse. Gerne mache ich mir die
Worte der Synodenväter zu eigen, da »der Fortschritt
im ökumenischen Dialog, der sein tiefstes Fundament
im Wort Gottes selbst hat, ein Zeichen großer Hoffnung
für die heutige Kirche darstellt: Die wachsende Einheit
zwischen den Christen stellt in der Tat eine gegenseitige
Bereicherung für alle dar« .28 Es gilt, »mit
Freude auf die Fortschritte zu blicken, die im Dialog sowohl
mit den Brüdern der orthodoxen Kirchen als auch mit
den Mitgliedern der aus der Reformation hervorgegangenen
kirchlichen Gemeinschaften bis jetzt erreicht worden sind,
und in ihnen ein Zeichen für das Wirken des Geistes
zu erkennen, für das wir den Herrn loben und ihm danken
wollen« .29
II. Zurückkehren zu Christus,
der Quelle aller Hoffnung
Unseren Glauben bekennen
18. Aus der Synodenversammlung hat sich die eindeutige
und begeisterte Gewißheit ergeben, daß die Kirche
Europa das kostbarste Gut anzubieten hat, das ihm niemand
anderer zu geben vermag: den Glauben an Jesus Christus,
Quelle der Hoffnung, die nicht enttäuscht,30 eine Gabe,
die der geistigen und kulturellen Einheit der europäischen
Völker zugrundeliegt und die noch heute und in Zukunft
einen wesentlichen Beitrag zu ihrer Entwicklung und Integration
darstellen kann. Ja, nach zweitausend Jahren stellt sich
die Kirche am Beginn des dritten Jahrtausends mit der immer
gleichen Botschaft vor, die ihren einzigen Schatz bildet:
Jesus Christus ist der Herr; in ihm und in keinem anderen
ist das Heil (vgl. Apg 4, 12). Die Quelle der Hoffnung für
Europa und für die ganze Welt ist Christus, »und
die Kirche ist der Kanal, durch den die Gnadenflut aus dem
durchbohrten Herzen des Erlösers strömt und sich
ausbreitet« .31
Aufgrund dieses Glaubensbekenntnisses entspringt in unserem
Herzen und sprudelt von unseren Lippen »ein freudiges
Bekenntnis unserer Hoffnung: Du, Herr, auferstanden und
lebendig, bist die immer neue Hoffnung der Kirche und der
Menschheit; du bist die einzige wahre Hoffnung des Menschen
und der Geschichte; du bist unter uns ,,die Hoffnung auf
Herrlichkeit'' (Kol 1, 27) schon in diesem unserem Leben
und über den Tod hinaus. In dir und mit dir können
wir die Wahrheit finden, erhält unser Dasein einen
Sinn, wird Gemeinschaft möglich, kann die Vielfalt
zum Reichtum werden, ist die Macht des Reiches Gottes in
der Geschichte am Werk und hilft beim Aufbau der Stadt des
Menschen, verleiht die Liebe den Anstrengungen der Menschen
bleibenden Wert, kann der Schmerz heilsam werden, wird das
Leben den Tod besiegen und die Schöpfung teilhaben
an der Herrlichkeit der Kinder Gottes« .32
Jesus Christus unsere Hoffnung
19. Jesus Christus ist unsere Hoffnung, weil er, das ewige
Wort Gottes, das von Ewigkeit her am Herzen des Vaters ruht
(vgl. Joh 1, 18), uns so geliebt hat, daß er in allem,
mit Ausnahme der Sünde, unsere menschliche Natur angenommen
hat und unseres Lebens teilhaftig wurde, um uns zu retten.
Das Bekenntnis dieser Wahrheit bildet den Kern unseres Glaubens.
Der Verlust der Wahrheit über Jesus Christus oder ihr
Unverständnis verhindern das Eindringen in das eigentliche
Geheimnis der Liebe Gottes und der trinitarischen Gemeinschaft.33
Jesus Christus ist unsere Hoffnung, weil er das Geheimnis
der Dreifaltigkeit offenbart. Dieses ist die Mitte des christlichen
Glaubens, der noch immer, so wie er es bisher getan hat,
einen bedeutenden Beitrag zum Aufbau von Strukturen leisten
kann, die dadurch, daß sie sich an den großen
Werten des Evangeliums inspirieren bzw. sich mit ihnen auseinandersetzen,
das Leben, die Geschichte und die Kultur der verschiedenen
Völker des Kontinents fördern sollen.
Vielfältige ideelle Wurzeln haben mit ihrer Vitalität
zur Anerkennung des Wertes der Person und ihrer unveräußerlichen
Würde, des unantastbaren Charakters des menschlichen
Lebens und der zentralen Rolle der Familie, der Bedeutung
der Bildung und der Meinungsfreiheit, der Redefreiheit und
der Religionsfreiheit ebenso beigetragen wie zum Rechtsschutz
der Einzelnen und der Gruppen, zur Förderung der Solidarität
und des Gemeinwohls und zur Anerkennung der Würde der
Arbeit. Diese Wurzeln haben die Unterordnung der politischen
Macht unter das Gesetz und unter die Achtung der Rechte
der Person und der Völker begünstigt. Hier gilt
es, an den Geist des antiken Griechenland und der römischen
Welt, an die Beiträge der keltischen, germanischen,
slawischen, finnisch-ugrischen Völker, der jüdischen
Kultur und der islamischen Welt zu erinnern. Man muß
allerdings erkennen, daß diese Inspirationen historisch
in der jüdisch- christlichen Tradition eine Kraft gefunden
haben, die fähig war, sie untereinander in Einklang
zu bringen, sie zu konsolidieren und zu fördern. Es
handelt sich um eine Tatsache, die nicht ignoriert werden
kann; im Gegenteil, in dem Prozeß zur Errichtung des
»gemeinsamen Hauses Europa« muß anerkannt
werden, daß sich dieses Gebäude auch auf Werte
stützen muß, die in der christlichen Tradition
voll in Erscheinung treten. Das zur Kenntnis zu nehmen,
gereicht allen zum Vorteil.
Der Kirche »steht es nicht zu, sich zugunsten der
einen oder anderen institutionellen oder verfassungsmäßigen
Lösung für Europa zu äußern«
, und sie ist daher gewillt, die berechtigte Autonomie der
demokratischen Ordnung zu achten.34 Dennoch hat sie die
Aufgabe, in den Christen Europas den Glauben an die Dreifaltigkeit
zu stärken, da sie sehr wohl weiß, daß
dieser Glaube von einer echten Hoffnung für den Kontinent
kündet. Viele der oben angedeuteten großen Paradigmen,
die der europäischen Kultur zugrunde liegen, haben
ihre tiefsten Wurzeln im trinitarischen Glauben. Dieser
enthält ein außerordentliches spirituelles, kulturelles
und ethisches Potential, das unter anderem in der Lage ist,
einige der großen Fragen zu erhellen, die heute in
Europa anstehen, wie die soziale Auflösung und der
Verlust eines Bezugs, der dem Leben und der Geschichte Sinn
gäbe. Daraus folgt die Notwendigkeit einer erneuten
theologischen, spirituellen und pastoralen Vertiefung des
Geheimnisses der Dreifaltigkeit.35
20. Die Teilkirchen in Europa sind nicht einfache Körperschaften
oder Privatorganisationen. Tatsächlich wirken sie in
einem spezifischen institutionellen Rahmen, der bei voller
Achtung der legitimen Zivilordnung rechtliche Anerkennung
finden sollte. Beim Nachdenken über sich selbst müssen
die christlichen Gemeinschaften sich wiederentdecken als
Gabe, mit der Gott die auf dem Kontinent lebenden Völker
bereichert. Das ist die freudige Botschaft, die sie jedem
Menschen zu bringen gerufen sind. Bei der Vertiefung ihrer
missionarischen Dimension müssen sie ständig bezeugen,
daß Jesus Christus »der einzige und eingesetzte
Mittler des Heils für die gesamte Menschheit ist. Nur
in ihm finden die Menschheit, die Geschichte und der Kosmos
ihre endgültig positive Sinngebung und volle Verwirklichung.
Er birgt in seinem Ereignis und in seiner Person die Gründe
der Heilsendgültigkeit; er ist nicht nur ein Mittler
des Heils, sondern die Heilsquelle selbst« .36
Im Zusammenhang mit dem derzeitigen ethischen und religiösen
Pluralismus, der Europa immer mehr kennzeichnet, ist es
daher notwendig, die Wahrheit über Christus als einzigen
Mittler zwischen Gott und den Menschen und einzigen Erlöser
der Welt zu bekennen und neu vorzustellen. Daher lade ich
– wie ich es schon zum Abschluß der Synodenversammlung
getan habe – zusammen mit der ganzen Kirche meine
Brüder und Schwestern im Glauben ein, sich ständig
vertrauensvoll Christus zu öffnen und sich von ihm
erneuern zu lassen. In der Kraft des Friedens und der Liebe
verkünde ich allen Menschen guten Willens: Wer dem
Herrn begegnet, erkennt die Wahrheit, entdeckt das Leben,
findet den Weg, der zum Leben führt (vgl. Joh 14, 6;
Ps 16[15], 11). An der Lebensführung und am Zeugnis
des Wortes der Christen sollen die Bewohner Europas entdecken
können, daß Christus die Zukunft des Menschen
ist. Denn nach dem Glauben der Kirche »ist uns Menschen
kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir
gerettet werden sollen« (Apg 4, 12).37
21. Für die Gläubigen ist Jesus Christus die
Hoffnung jedes Menschen, weil er das ewige Leben schenkt.
Er ist »das Wort des Lebens« (1 Joh 1, 1), das
in die Welt gekommen ist, damit die Menschen »das
Leben haben und es in Fülle haben« (Joh 10, 10).
Er zeigt uns so, daß der wahre Sinn des menschlichen
Lebens nicht im weltlichen Horizont eingeschlossen bleibt,
sondern sich auf die Ewigkeit hin öffnet. Die Mission
jeder Teilkirche in Europa ist es, dem Durst eines jeden
Menschen nach Wahrheit und dem Verlangen nach echten Werten,
welche die auf dem Kontinent lebenden Völker beseelen
sollen, Rechnung zu tragen. Mit frischen Kräften muß
sie das Neue, das sie belebt, wieder zu Bewußtsein
bringen. Es geht darum, eine klar gegliederte
Kultur- und Missionstätigkeit in Gang zu setzen, indem
man mit überzeugenden Aktionen und Argumentationen
zeigt, daß das neue Europa notwendigerweise zu seinen
letzten Wurzeln zurückfinden muß. In diesem Zusammenhang
haben alle, die sich an den Werten des Evangeliums inspirieren,
eine wesentliche Funktion zu erfüllen, die zu dem festen
Fundament gehört, auf dem ein menschlicheres und friedlicheres,
weil alle und jeden einzelnen respektierendes Zusammenleben
aufzubauen ist.
Es ist notwendig, daß es die Teilkirchen in Europa
verstehen, der Hoffnung ihre ursprüngliche eschatologische
Komponente zurückzugeben.38 Die wahre christliche Hoffnung
ist nämlich göttlich und endzeitlich; sie ist
gegründet auf den Auferstandenen, der wiederkommen
wird als Erlöser und Richter und der uns zur Auferstehung
und zum ewigen Lohn ruft.
Jesus Christus lebt in der Kirche
22. Wenn die europäischen Völker zu Christus
zurückkehren, werden sie jene Hoffnung wiederfinden
können, die allein dem Leben Sinnfülle zu geben
vermag. Auch heute können sie ihm begegnen, denn Jesus
ist in seiner Kirche gegenwärtig, er lebt und wirkt
in ihr: Er ist in der Kirche und die Kirche ist in ihm (vgl.
Joh 15, 1ff.; Gal 3, 28; Eph 4, 15-16; Apg 9, 5). In ihr
vollbringt er kraft der Gabe des Heiligen Geistes weiter
unaufhörlich sein Heilswerk.39
Mit den Augen des Glaubens können wir die geheimnisvolle
Gegenwart Jesu in den verschiedenen Zeichen, die er uns
hinterlassen hat, wahrnehmen. Er ist vor allem gegenwärtig
in der Heiligen Schrift, die in allen Teilen von ihm spricht
(vgl. Lk 24, 27.44-47). In wirklich einzigartiger Weise
ist er jedoch unter den eucharistischen Gestalten gegenwärtig.
Diese »Präsenz wird nicht ausschlußweise
,,real'' genannt, als ob die anderen nicht ,,real'' wären,
sondern im eigentlichen Wortsinn, weil sie substantiell
ist; in ihr wird nämlich der ganze Christus –
Gott und Mensch – gegenwärtig« .40 Tatsächlich
ist in der Eucharistie »der Leib und das Blut unseres
Herrn Jesus Christus, mit seiner Seele und seiner Gottheit
– und damit der ganze vollständige Christus –
wahrhaft, wirklich und substanzhaft enthalten« .41
»Wahrhaftig ist die Eucharistie mysterium fidei, ein
Geheimnis, das unser Denken übersteigt, und das nur
im Glauben erfaßt werden kann« .42 Ebenso wirklich
ist die Gegenwart Jesu bei den anderen liturgischen Handlungen
der Kirche, die sie in seinem Namen feiert. Dazu zählen
die Sakramente – Handlungen Christi, die er unter
Zuhilfenahme der Menschen vollbringt.43
Jesus ist in der Welt auch auf andere Weise wahrhaft gegenwärtig,
besonders in seinen Jüngern, die getreu dem zweifachen
Auftrag der Liebe Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten
(vgl. Joh 4, 24) und mit dem Leben die brüderliche
Liebe bezeugen, die sie als Jünger des Herrn auszeichnet
(vgl. Mt 25, 31-46; Joh 13, 35; 15, 1-17).44
II. KAPITEL
DAS EVANGELIUM DER HOFFNUNG DER KIRCHE DES NEUEN JAHRTAUSENDS
ANVERTRAUT
»Werde wach und stärke, was noch übrig
ist,
was schon im Sterben lag« (Offb 3, 2)
I. Der Herr ruft zur Umkehr
Jesus wendet sich heute an unsere Kirchen
23. »So spricht Er, der die sieben Sterne in seiner
Rechten hält und mitten unter den sieben goldenen Leuchtern
einhergeht [...], der Erste und der Letzte, der tot war
und wieder lebendig wurde [...], der Sohn Gottes«
(Offb 2, 1.8.18). Es ist Jesus selbst, der zu seiner Kirche
spricht. Seine Botschaft ist an alle einzelnen Teilkirchen
gerichtet und betrifft ihr inneres Leben, das manchmal gekennzeichnet
ist durch das Vorhandensein von Auffassungen und Gesinnungen,
die mit der Überlieferung des Evangeliums unvereinbar
sind, oft von verschiedenen Formen der Verfolgung heimgesucht
wird und – was noch gefährlicher ist –
durch besorgniserregende Symptome der Verweltlichung, des
Verlustes des ursprünglichen Glaubens und des Kompromisses
mit dem Denken der Welt gefährdet ist. Nicht selten
haben die Gemeinden nicht mehr die frühere Liebe (vgl.
Offb 2, 4).
Es ist zu beobachten, wie sich unsere kirchlichen Gemeinschaften
mit Schwächen, Mühseligkeiten und Widersprüchen
herumschlagen. Auch sie haben es nötig, die Stimme
des Bräutigams wiederzuhören, der sie zur Umkehr
einlädt, sie anspornt, Neues zu wagen, und sie aufruft,
sich für das große Werk der »Neuevangelisierung«
einzusetzen. Die Kirche muß sich ständig dem
Urteil des Wortes Christi unterordnen und ihre menschliche
Dimension in einem Zustand der Läuterung leben, um
immer mehr und immer besser die Braut ohne Flecken und Falten
zu sein, gekleidet in strahlend reines Leinen (vgl. Eph
5, 27; Offb 19, 7-8).
Auf diese Weise ruft Jesus Christus unsere Kirchen in Europa
zur Umkehr, und mit ihrem Herrn und durch seine Gegenwart
werden sie zu Boten der Hoffnung für die Menschheit.
Die Wirkung des Evangeliums im Lauf der Geschichte
24. Europa ist weitläufig und tiefgreifend vom Christentum
durchdrungen worden. »In der Gesamtgeschichte Europas
stellt das Christentum zweifellos ein zentrales und charakteristisches
Element dar, gefestigt auf dem starken Fundament des klassischen
Erbes und der vielfältigen Beiträge, die von den
im Laufe der Jahrhunderte aufeinanderfolgenden unterschiedlichen
ethnisch-kulturellen Strömungen eingebracht wurden.
Der christliche Glaube hat die Kultur des Kontinents geformt
und sich mit seiner Geschichte so unlösbar verflochten,
daß diese gar nicht verständlich wäre, würde
man nicht auf die Ereignisse verweisen, die zunächst
die große Zeit der Evangelisierung und dann die langen
Jahrhunderte geprägt haben, in denen sich das Christentum
– wenn auch in der schmerzlichen Spaltung zwischen
Ost und West – als die Religion der Europäer
durchgesetzt hat. Auch in Neuzeit und Gegenwart, wo die
religiöse Einheit sowohl infolge weiterer Spaltungen
unter den Christen als auch wegen der Loslösungsprozesse
der Kultur vom Horizont des Glaubens mehr und mehr zerbröckelt
ist, kommt der Rolle des Glaubens immer noch eine wichtige
Bedeutung zu« .45
25. Das Interesse, das die Kirche für Europa hegt,
erwächst aus ihrer eigenen Natur und Sendung. Jahrhunderte
lang hatte die Kirche nämlich sehr enge Bindungen zu
unserem Kontinent, so daß das geistige Antlitz Europas
dank der Mühen großer Missionare, durch das Zeugnis
der Heiligen und der Märtyrer und durch das beharrliche
Wirken von Mönchen, Ordensleuten und Seelsorgern geformt
worden ist. Aus der biblischen Auffassung vom Menschen hat
Europa das Beste seiner humanistischen Kultur entnommen,
Inspirationen für seine geistigen und künstlerischen
Schöpfungen gewonnen, Rechtsnormen erarbeitet und nicht
zuletzt die Würde der Person als Quelle unveräußerlicher
Rechte gefördert.46 Auf diese Weise hat die Kirche
als Hüterin des Evangeliums zur Verbreitung und Konsolidierung
jener Werte beigetragen, die die europäische Kultur
zu einer Weltkultur gemacht haben.
All dessen eingedenk, verspürt die Kirche heute mit
neuer Verantwortung die Dringlichkeit, dieses kostbare Erbe
nicht zu vergeuden und Europa durch die Wiederbelebung der
christlichen Wurzeln, in denen es seinen Ursprung hat, bei
seinem Aufbau zu helfen.47
Ein wahres Gesicht der Kirche verwirklichen
26. Möge die gesamte Kirche in Europa spüren,
daß das Gebot und die Einladung des Herrn: Gehe in
dich, bekehre dich, »werde wach und stärke, was
noch übrig ist, was schon im Sterben lag!« (Offb
3, 2), an sie gerichtet ist. Diese Erfordernis ergibt sich
auch aus der Betrachtung der heutigen Zeit: »Die ernste
Situation der religiösen Gleichgültigkeit so vieler
Europäer; die Anwesenheit so vieler Menschen auch auf
unserem Kontinent, die Jesus Christus und seine Kirche noch
nicht kennen und die noch nicht getauft sind; die Säkularisierung,
die breite Schichten von Christen ansteckt, die so denken,
entscheiden und leben, ,,als ob Christus nicht existierte'':
Das alles löscht unsere Hoffnung nicht aus, sondern
macht sie demütiger und befähigt sie besser, allein
auf Gott zu vertrauen. Von seinem Erbarmen empfangen wir
die Gnade und die Bereitschaft zur Umkehr« .48
27. Obwohl es, wie in der im Evangelium erzählten
Episode vom Sturm auf dem See (vgl. Mk 4, 35-41; Lk 8, 22-25),
manchmal den Anschein haben mag, daß Christus schlafe
und sein Boot der Gewalt der Wellen preisgebe, ist die Kirche
in Europa aufgerufen, die innere Gewißheit zu pflegen,
daß der Herr durch die Gabe seines Geistes immer in
ihr und in der Geschichte der Menschheit gegenwärtig
und wirksam ist. Er setzt seine Sendung in die Zeit hinein
fort, indem er die Kirche zu einem Strom neuen Lebens macht,
der im Leben der Menschheit als Hoffnungszeichen für
alle fließt.
In einem Kontext, in dem es auch auf pastoraler Ebene leicht
zur Versuchung des Aktivismus kommen kann, sind die Christen
in Europa aufgefordert, weiterhin durch ein Leben in inniger
Gemeinschaft mit dem Auferstandenen eine wahre Transparenz
seiner Gegenwart zu sein. Es muß Gemeinschaften geben,
die in der Betrachtung und Nachahmung der Jungfrau Maria
als Gestalt und Vorbild der Kirche im Glauben und in der
Heiligkeit 49 den Sinngehalt des liturgischen Lebens und
der Spiritualität bewahren. Sie sollen vor allem den
Herrn loben, zu ihm beten, ihn anbeten und sein Wort hören.
Nur so können sie sein Geheimnis in sich aufnehmen,
indem sie als Glieder seiner treuen Braut völlig auf
ihn bezogen leben.
28. Angesichts der immer wiederkehrenden Anlässe zu
Spaltung und Gegensätzen müssen die verschiedenen
Teilkirchen in Europa, gestärkt auch durch ihre Bindung
an den Nachfolger Petri, sich bemühen, wirklich Ort
und Werkzeug der Gemeinschaft des ganzen Gottesvolkes im
Glauben und in der Liebe zu sein.50 Sie sollen daher ein
Klima brüderlicher Hingabe pflegen, die mit der Radikalität
des Evangeliums im Namen Jesu und in seiner Liebe gelebt
wird, und so ein Zusammenspiel freundschaftlicher Beziehungen
entwickeln in Kommunikation, Mitverantwortung, Anteilnahme,
missionarischem Bewußtsein, Aufmerksamkeit und Dienst.
Gegenseitige Achtung und Annahme und die Bereitschaft zur
Korrektur soll allem Verhalten zugrunde liegen (vgl. Röm
12, 10; 15, 7-14). Außerdem sollen sie einander dienen
und unterstützen (vgl. Gal 5, 13; 6, 2), einander vergeben
(vgl. Kol 3, 13) und sich gegenseitig aufrichten (vgl. 1
Thess 5, 11). Die Teilkirchen sollen sich um die Verwirklichung
einer Pastoral bemühen, die unter fruchtbringender
Berücksichtigung aller berechtigten Verschiedenheiten
auch eine herzliche Zusammenarbeit zwischen allen Gläubigen
und ihren Zusammenschlüssen fördert; die Mitwirkungs-
Gremien sollen sie als wertvolle gemeinschaftsbildende Instrumente
für eine einvernehmliche missionarische Tätigkeit
wieder einführen und für entsprechend vorbereitete
und qualifizierte pastorale Mitarbeiter sorgen. In dieser
Weise werden die Kirchen – beseelt von der Gemeinschaft,
die Ausdruck der Liebe Gottes sowie Fundament und Grund
der Hoffnung ist, die nicht enttäuscht (vgl. Röm
5, 5) – selbst der strahlendste Widerschein der Dreifaltigkeit
sein und ein Zeichen, das zum Glauben drängt und einlädt
(vgl. Joh 17, 21).
29. Damit die Gemeinschaft in der Kirche vollkommener gelebt
werden kann, gilt es, die Vielfalt der Charismen und Berufungen
zur Geltung zu bringen, die immer mehr auf die Einheit zustreben
und sie bereichern können (vgl. 1 Kor 12). Aus dieser
Sicht ist es auch notwendig, daß die neuen Bewegungen
und neuen kirchlichen Gemeinschaften, »indem sie jede
Versuchung, Erstgeburtsrechte geltend zu machen, und jedes
gegenseitige Unverständnis überwinden« ,
auf dem Weg einer glaubwürdigeren Gemeinschaft untereinander
und mit den anderen kirchlichen Bereichen fortschreiten
und »mit Liebe in vollem Gehorsam gegenüber den
Bischöfen leben« . Andererseits ist es ebenso
notwendig, daß die Bischöfe, »indem sie
ihnen die den Hirten eigene Väterlichkeit und Liebe
zeigen« ,51 ihre Charismen und ihre Präsenz zum
Aufbau der einen Kirche zu erkennen, auszuwerten und zu
koordinieren wissen.
Dank einer wachsenden Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen
kirchlichen Vereinigungen unter der liebevollen Leitung
der Bischöfe wird in der Tat die ganze Kirche allen
ein schöneres und glaubwürdigeres Gesicht bieten,
ein klarerer Widerschein des Antlitzes des Herrn sein und
so dazu beitragen können, wieder Hoffnung und Trost
sowohl denen zu geben, die sie suchen, als auch denen, die
sie zwar nicht suchen, sie aber doch nötig haben.
Um dem Aufruf des Evangeliums zur Umkehr nachkommen zu
können, »ist es notwendig, daß wir alle
zusammen demütig und mutig unser Gewissen erforschen,
um unsere Ängste und Irrtümer zu erkennen und
aufrichtig unsere Schwerfälligkeit, unsere Unterlassungen,
unsere Untreue und Schuld zu bekennen« .52 Weit davon
entfernt, entmutigende Verzichtshaltungen zu begünstigen,
wird die Anerkennung der eigenen Schuld im Sinne des Evangeliums
mit Sicherheit in der Gemeinde dieselbe Erfahrung hervorrufen,
die auch der einzelne Getaufte macht: die Freude einer tiefgreifenden
Befreiung und die Gnade eines Neuanfangs, die es ermöglicht,
mit noch größerer Kraft den Weg der Evangelisierung
fortzusetzen.
Voranschreiten in Richtung auf die Einheit der Christen
30. Das Evangelium der Hoffnung ist nicht zuletzt Kraft
und Aufruf zur Umkehr auch im ökumenischen Bereich.
Die Einheit der Christen entspricht dem Gebot des Herrn,
»daß alle eins seien« (vgl. Joh 17, 11),
und erweist sich heute als notwendig für eine größere
Glaubwürdigkeit bei der Evangelisierung und als Beitrag
zur Einheit Europas: Aus dieser Gewißheit heraus ist
es notwendig, allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften
»zu helfen und sie einzuladen, den ökumenischen
Weg zu verstehen als ein ,,gemeinsames Zugehen'' auf Christus«
53 und auf die von ihm gewollte sichtbare Einheit, so daß
die Einheit in der Verschiedenheit als Gabe des Heiligen
Geistes, des Stifters von Gemeinschaft, in der Kirche erstrahlt.
Um das zu verwirklichen, braucht es von seiten aller einen
geduldigen, stetigen Einsatz, der von echter Hoffnung und
zugleich von einem nüchternen Realismus beseelt ist
und der auf »die Hervorhebung dessen, was uns bereits
eint, die aufrichtige gegenseitige Wertschätzung, die
Beseitigung der Vorurteile, das wechselseitige Kennenlernen
und die gegenseitige Liebe« 54 ausgerichtet ist. Auf
dieser Linie muß das Bemühen um die Einheit,
wenn es sich denn auf solide Grundlagen stützen will,
unbedingt die leidenschaftliche Suche nach der Wahrheit
einschließen, und zwar durch einen Dialog und eine
Gegenüberstellung, die, während sie die bisher
erreichten Ergebnisse anerkennen, diese auszuwerten wissen
als Ansporn für einen weiteren Weg in der Überwindung
der Unstimmigkeiten, welche die Christenheit noch spalten.
31. Der Dialog muß mit Entschlossenheit weitergeführt
werden, ohne vor Schwierigkeiten und Mühen zu kapitulieren:
Er soll »unter verschiedenen (sowohl doktrinellen
als auch spirituellen und praktischen) Gesichtspunkten«
geführt werden, »indem man der Logik vom Austausch
der Gaben, die der Geist in jeder Kirche hervorbringt, folgt
und die Gemeinden und die einzelnen Gläubigen, vor
allem die Jugend, dazu erzieht, Gelegenheiten der Begegnung
wahrzunehmen und den richtig verstandenen Ökumenismus
zu einer normalen Dimension des kirchlichen Lebens und Wirkens
zu machen« .55
Dieser Dialog stellt eine der Hauptsorgen der Kirche dar,
vor allem in diesem Europa, das im vergangenen Jahrtausend
zu viele Spaltungen unter den Christen hat entstehen sehen
und das sich heute auf dem Weg zu seiner größeren
Einheit befindet. Wir können auf diesem Weg nicht stehenbleiben
und wir können auch nicht mehr zurück! Wir müssen
ihn fortsetzen und vertrauensvoll durchhalten, denn es ist
unmöglich, daß die gegenseitige Wertschätzung,
die Suche nach der Wahrheit, die Zusammenarbeit in der Liebe
und vor allem der Ökumenismus der Heiligkeit mit Gottes
Hilfe nicht auch ihre Früchte bringen.
32. Trotz der unvermeidlichen Schwierigkeiten lade ich
alle ein, in Liebe und Brüderlichkeit den Beitrag anzuerkennen
und zur Geltung zu bringen, den die katholischen Ostkirchen
durch ihr Dasein selbst, durch den Reichtum ihrer Überlieferung,
durch das Zeugnis ihrer »Einheit in der Verschiedenheit«
, durch die von ihnen bei der Verkündigung des Evangeliums
umgesetzte Inkulturation und durch die Vielfalt ihrer Riten
für einen realeren Aufbau der Einheit leisten können.56
Gleichzeitig möchte ich die Bischöfe und die Brüder
und Schwestern der orthodoxen Kirchen erneut dessen versichern,
daß – unter Beibehaltung der Pflicht zur Achtung
der Wahrheit, der Freiheit und der Würde jedes Menschen
– die Neuevangelisierung in keiner Weise mit Proselytismus
zu verwechseln ist.
II. Die ganze Kirche
wird in die Mission entsandt
33. Dem Evangelium der Hoffnung durch eine evangelisierende
Liebe zu dienen, ist verpflichtende Aufgabe und Verantwortung
aller. Denn welches Charisma und Amt ein jeder auch haben
mag, die Liebe ist der Hauptweg, der allen angezeigt ist
und den alle gehen können: Die ganze kirchliche Gemeinschaft
ist aufgerufen, diesen Weg auf den Spuren ihres Meisters
zurückzulegen.
Die Aufgabe der Geistlichen
34. Die Priester sind kraft ihres Amtes berufen, das Evangelium
der Hoffnung zu feiern, zu lehren und ihm auf eine besondere
Weise zu dienen. Aufgrund des Weihesakramentes, das sie
Christus, dem Haupt und Hirten, gleichgestaltet, müssen
die Bischöfe und die Priester ihr ganzes Leben und
Tun Jesus angleichen. Durch die Verkündigung des Wortes,
die Feier der Sakramente und die Leitung der christlichen
Gemeinde vergegenwärtigen sie das Mysterium Christi
und haben die Aufgabe, durch die Ausübung ihres Amtes
»die Gegenwart Christi, des einen Hohenpriesters,
dadurch fortzusetzen, daß sie seinen Lebensstil nachleben
und inmitten der ihnen anvertrauten Herde gleichsam an sich
selbst transparent werden lassen«.57
Da sie ,,in der'' Welt, aber nicht ,,von der'' Welt sind
(vgl. Joh 15-16), sind sie in der aktuellen kulturellen
und geistigen Situation des europäischen Kontinents
aufgerufen, Zeichen des Widerspruchs und der Hoffnung für
eine Gesellschaft zu sein, die an einer einseitig horizontalen
Sichtweise krankt und es nötig hat, sich dem Transzendenten
zu öffnen.
35. In diesem Zusammenhang gewinnt auch der priesterliche
Zölibat Bedeutung, als Zeichen einer vollkommen auf
den Herrn gesetzten Hoffnung. Er ist nicht eine von der
Autorität auferlegte reine kirchliche Disziplin; im
Gegenteil, er ist vor allem Gnade, unschätzbare Gabe
Gottes an die Kirche, von prophetischem Wert für die
heutige Welt, Quelle intensiven geistlichen Lebens und pastoraler
Fruchtbarkeit, Zeugnis für das eschatologische Reich,
Zeichen der Liebe Gottes für diese Welt sowie der ungeteilten
Liebe des Priesters zu Gott und zu seinem Volk.58 Wenn der
Zölibat als Antwort auf die Gabe Gottes und als Überwinden
der Versuchungen einer hedonistischen Gesellschaft gelebt
wird, fördert er nicht nur die menschliche Verwirklichung
desjenigen, der dazu berufen ist, sondern erweist sich als
ein Faktor der Reifung auch für die anderen.
Der Zölibat, der in der ganzen Kirche als die dem
Priestertum angemessene Lebensform geschätzt ist,59
von der lateinischen Kirche verpflichtend vorgeschrieben
wird 60 und bei den Ostkirchen hochangesehen ist,61 erscheint
im Kontext der jetzigen Kultur wie ein aussagekräftiges
Zeichen, das als kostbares Gut für die Kirche bewahrt
werden muß. Eine diesbezügliche Revision der
derzeitigen Disziplin würde
keine Lösung der in vielen Teilen Europas herrschenden
Krise der Priesterberufungen herbeiführen.62 Eine Verpflichtung
zum Dienst am Evangelium der Hoffnung verlangt auch, daß
in der Kirche der Zölibat in seinem vollen biblischen,
theologischen und spirituellen Reichtum vorgestellt werden
muß.
36. Wir können nicht übersehen, daß heute
die Ausübung des geistlichen Amtes auf nicht wenige
Schwierigkeiten stößt, die sowohl durch die herrschende
Kultur als auch durch die zahlenmässige Verringerung
der Priester mit einer gesteigerten pastoralen Belastung
und einer damit verbundenen Ermüdung bedingt sind.
Daher verdienen die Priester, die mit bewundernswerter Hingabe
und Treue den Dienst leben, der ihnen anvertraut worden
ist, Hochschätzung, Dankbarkeit und Nähe.63
Ihnen möchte auch ich, indem ich die von den Synodenvätern
geschriebenen Worte aufnehme, mit Vertrauen und Dankbarkeit
meine Ermutigung aussprechen: »Verliert nicht den
Mut und laßt euch nicht von Müdigkeit überwältigen;
setzt eure kostbare und unverzichtbare Arbeit fort in voller
Gemeinschaft mit uns Bischöfen, in freudiger brüderlicher
Verbundenheit mit den anderen Priestern, in herzlicher Mitverantwortlichkeit
mit denen, die ein gottgeweihtes Leben führen, und
mit allen Laien!« .64
Zusammen mit den Priestern möchte ich auch die Diakone
erwähnen, die, wenn auch in anderem Grad, an demselben
Weihesakrament teilhaben. Entsandt zum Dienst an der Kirchengemeinde,
erfüllen sie unter der Leitung des Bischofs und gemeinsam
mit seinem Presbyterium die ,,Diakonia'' der Liturgie, des
Wortes und der Nächstenliebe.65 Auf diese ihnen eigene
Weise stehen sie im Dienst am Evangelium der Hoffnung.
Das Zeugnis der Personen gottgeweihten Lebens
37. Von besonderer Aussagekraft ist das Zeugnis der Personen
gottgeweihten Lebens. In diesem Zusammenhang muß vor
allem die fundamentale Rolle anerkannt werden, die das Mönchtum
und das gottgeweihte Leben bei der Evangelisierung Europas
und beim Aufbau seiner christlichen Identität gespielt
hat.66 Diese Rolle darf heute nicht vernachlässigt
werden, in einer Zeit, in der eine »Neuevangelisierung«
des Kontinents dringend notwendig ist und der Aufbau komplexerer
Strukturen und Bindungen ihn an einen heiklen Wendepunkt
stellen. Europa braucht immer die Heiligkeit, die Prophetie,
die Evangelisierungstätigkeit und den Dienst der Ordensleute.
Hervorgehoben werden muß auch der spezifische Beitrag,
den die Säkularinstitute und die Gesellschaften apostolischen
Lebens anbieten durch ihr Bestreben, die Welt durch die
Kraft der Seligpreisungen von innen heraus umzugestalten.
38. Der spezifische Beitrag, den die Personen gottgeweihten
Lebens für das Evangelium der Hoffnung leisten können,
geht von einigen Aspekten aus, die das derzeitige kulturelle
und gesellschaftliche Gesicht Europas kennzeichnen.67 So
soll die Frage nach neuen Formen der Spiritualität,
die heute aus der Gesellschaft emporsteigt, eine Antwort
finden in der Anerkennung des absoluten Vorranges Gottes,
wie er von den gottgeweihten Personen durch die vollkommene
Selbsthingabe und durch die ständige Umkehr einer als
wahrer Gottesdienst dargebotenen Existenz gelebt wird. In
einem vom Säkularismus verseuchten und dem Konsumismus
unterjochten Umfeld wird das gottgeweihte Leben –
Geschenk des Geistes an die Kirche und für die Kirche
– zunehmend zum Zeichen der Hoffnung, und zwar in
dem Maße, in dem es die transzendente Dimension des
Daseins bezeugt. Auf der anderen Seite wird in der heutigen
multikulturellen und multireligiösen Situation nach
dem Zeugnis evangeliumsgemäßer Brüderlichkeit
verlangt, die das gottgeweihte Leben kennzeichnet und es
durch die Überwindung der Gegensätze zu einem
Ansporn zur Läuterung und zur Einbeziehung unterschiedlicher
Werte macht. Das Auftreten neuer Formen von Armut und Ausgrenzung
muß bei der Sorge um die Bedürftigsten die Kreativität
wecken, die so viele Gründer von Ordensinstituten ausgezeichnet
hat. Schließlich verlangt der Trend des Sich-Zurückziehens
auf sich selbst nach einem Gegenmittel: Es besteht in der
Verfügbarkeit der gottgeweihten Personen, trotz der
zahlenmäßigen Verringerung in manchen Instituten
das Werk der Evangelisierung in anderen Kontinenten fortzusetzen.
Die Pflege der Berufungen
39. Angesichts der Tatsache, daß dem Einsatz der
Priester und Ordensleute entscheidende Bedeutung zukommt,
kann man den beunruhigenden Mangel an Seminaristen und Anwärtern
auf das Ordensleben vor allem in Westeuropa nicht verschweigen.
Diese Situation erfordert den Einsatz aller für eine
angemessene Pastoral der Berufungen. Nur »wenn man
den jungen Menschen die Person Jesu Christi in ihrer ganzen
Fülle vorstellt, wird in ihnen eine Hoffnung entzündet,
die sie dazu antreibt, alles zu verlassen und ihm zu folgen,
um auf seinen Ruf zu antworten und vor ihren Altersgenossen
von ihm Zeugnis zu geben« .68 Die Pflege der Berufungen
ist also eine für die Zukunft des christlichen Glaubens
in Europa und, indirekt, für den geistigen Fortschritt
der europäischen Völker lebenswichtige Frage;
sie ist der einzig mögliche Weg für eine Kirche,
die das Evangelium der Hoffnung verkünden, feiern und
ihm dienen will.69
40. Um eine notwendige Berufungspastoral zu entwickeln,
ist es angebracht, den Gläubigen den Glauben der Kirche
bezüglich Wesen und Würde des Amtspriestertums
zu erklären, die Familien zu einem Leben als echte
»Hauskirchen« zu ermutigen, damit in ihnen die
verschiedenen Berufungen wahrgenommen, angenommen und begleitet
werden können, und eine Pastoraltätigkeit zu entfalten,
die vor allem den jungen Menschen hilft, Entscheidungen
für ein Leben zu treffen, das in Christus verwurzelt
und vollständig der Kirche gewidmet ist.70
In der Gewißheit, daß der Heilige Geist auch
heute am Werk ist und daß es an Zeichen für diese
Gegenwart nicht fehlt, geht es vor allem darum, die Berufungsverkündigung
auf die Bahn der ordentlichen Pastoral zu bringen. Es ist
deshalb notwendig, »vor allem in den jungen Menschen
eine tiefe Sehnsucht nach Gott anzufachen und auf diese
Weise ein günstiges Umfeld zu schaffen für die
Entstehung großherziger Antworten auf Berufungen«
. Es ist dringlich, daß eine große Gebetsbewegung
die Kirchengemeinden des europäischen Kontinents durchzieht,
weil »die veränderten historischen und kulturellen
Bedingungen es erfordern, daß die Berufungspastoral
als eines der Hauptziele der ganzen christlichen Gemeinschaft
angesehen wird« .71 Und es ist unerläßlich,
daß die Priester selbst völlig kohärent
zu ihrer wahren sakramentalen Identität leben und arbeiten.
Wenn sie nämlich von sich selbst ein mattes und glanzloses
Bild abgeben, wie könnten sie dann die jungen Menschen
dazu bringen, sie nachzuahmen?
Die Sendung der Laien
41. Unverzichtbar ist der Beitrag der gläubigen Laien
zum kirchlichen Leben: Ihr Platz in der Verkündigung
des Evangeliums der Hoffnung und ihr Dienst an ihm ist in
der Tat unersetzlich, denn »durch sie wird die Kirche
Christi in den verschiedensten Bereichen der Welt als Zeichen
und Quelle der Hoffnung und der Liebe präsent«
.72 Da sie an der Sendung der Kirche in der Welt vollkommen
teilhaben, sind sie aufgerufen zu bezeugen, wie der christliche
Glaube die einzige vollständige Antwort auf die Fragen
darstellt, die das Leben jedem Menschen und jeder Gesellschaft
stellt. Sie können die Werte des Reiches Gottes, die
Verheißung und Gewähr einer Hoffnung sind, die
nicht enttäuscht, in die Welt einbringen.
Europa hat heute wie gestern bedeutsame Erscheinungen und
leuchtende Beispiele solcher Laiengestalten vorzuweisen.
Wie die Synodenväter betont haben, muß unter
anderen jener Männer und Frauen mit Dankbarkeit gedacht
werden, die Christus und sein Evangelium durch ihren Dienst
am öffentlichen Leben und an den Verantwortlichkeiten,
die es mit sich bringt, bezeugt haben. Es ist von grundlegender
Bedeutung, »spezifische Berufungen zu wecken und zu
fördern, die dem Gemeinwohl dienen: Menschen, die nach
dem Beispiel und dem Stil der sogenannten ,,Väter Europas''
fähig sind, Baumeister der europäischen Gesellschaft
von morgen zu sein, und sie auf die soliden Fundamente des
Geistes gründen« .73
Die gleiche Wertschätzung gilt der Arbeit, die von
christlichen Laien, Männern und Frauen, oft in der
Verborgenheit des gewöhnlichen Lebens durch demütige
Dienste geleistet wird, die geeignet sind, den in Armut
Lebenden die Barmherzigkeit Gottes zu verkünden. Wir
müssen ihnen dankbar sein für ihr kühnes
Zeugnis der Liebe und Vergebung: Werte, welche die weiten
Bereiche der Politik, der gesellschaftlichen Wirklichkeit,
der Wirtschaft, der Kultur, der Ökologie, des internationalen
Lebens, der Familie, der Erziehung, der Berufswelt, der
Arbeit und des Leidens evangelisieren.74 Dazu dienen Ausbildungsgänge,
die gläubige Laien befähigen, ihren Glauben an
den weltlichen Gegebenheiten tauglich zu machen. Solche
Kurse, die sich auf eine ernsthafte praktische Ausbildung
im kirchlichen Leben, besonders auf das Studium der Soziallehre,
stützen, müssen imstande sein, ihnen nicht nur
Lehre und Anregungen zu liefern, sondern auch entsprechende
spirituelle Leitlinien, die den gelebten Einsatz als authentischen
Weg der Heiligkeit beseelen.
Die Rolle der Frau
42. Die Kirche ist sich des spezifischen Beitrags der Frau
im Dienst am Evangelium der Hoffnung bewußt. Die Geschichte
der christlichen Gemeinschaft belegt, wie die Frauen in
der Bezeugung des Evangeliums immer einen bedeutenden Platz
gehabt haben. Es muß daran erinnert werden, wieviel
sie oft stillschweigend und im Verborgenen mit dem Empfang
und der Übermittlung der Gabe Gottes geleistet haben,
sei es durch die leibliche und geistige Mutterschaft, die
Erziehungsarbeit, die Katechese, die Verwirklichung großer
Werke der Nächstenliebe, sei es durch ein Leben des
Gebetes und der Kontemplation sowie durch mystische Erfahrungen
und durch die Abfassung von Schriften, die reich sind an
evangelischer Weisheit.75
Im Licht der überreichen Zeugnisse aus der Vergangenheit
drückt die Kirche ihre Zuversicht im Hinblick auf all
das aus, was die Frauen heute auf allen Ebenen für
das Wachsen der Hoffnung tun können. Es gibt Aspekte
der heutigen europäischen Gesellschaft, die eine Herausforderung
sind für die Fähigkeit der Frauen zu liebevollem,
beharrlichem und unbedingtem Annehmen, Teilen und Gestalten.
Man denke zum Beispiel an die verbreitete wissenschaftlich-technische
Geisteshaltung, welche die emotionale Dimension und die
Funktion der Gefühle in den Schatten stellt, an den
Mangel an Großherzigkeit, an die verbreitete Furcht
davor, neuen Geschöpfen das Leben zu schenken und an
die Schwierigkeit, sich mit dem anderen auf Gegenseitigkeit
zu stellen und jemanden anzunehmen, der von einem selbst
verschieden ist. In diesem Zusammenhang erwartet sich die
Kirche von den Frauen den belebenden Beitrag einer neuen
Welle der Hoffnung.
43. Damit das verwirklicht werden kann, ist es jedoch notwendig,
daß vor allem in der Kirche die Würde der Frau
gefördert wird, da die Würde von Frau und Mann
identisch ist, beide nach Gottes Abbild und Gleichnis geschaffen
(vgl. Gen 1, 27) und reichlich mit je eigenen, spezifischen
Gaben ausgestattet sind.
Um die volle Teilnahme der Frau am Leben und an der Sendung
der Kirche zu fördern, ist zu wünschen –
wie bei der Synode unterstrichen wurde –, daß
ihre Gaben auch durch die Übernahme der kirchlichen
Funktionen, die nach dem Recht den Laien vorbehalten sind,
stärker zur Geltung gebracht werden. Entsprechend aufgewertet
werden muß auch die Sendung der Frau als Gattin und
Mutter und ihre Hingabe an das Familienleben.76
Die Kirche versäumt nicht, ihre Stimme zu erheben
und die gegen die Frauen verübten Ungerechtigkeiten
und Gewalttätigkeiten anzuklagen, wo und unter welchen
Umständen auch immer sie geschehen. Sie fordert, daß
die Gesetze zum Schutz der Frau tatsächlich zur Anwendung
kommen und daß gegen die erniedrigende Verwendung
von Frauendarstellungen in der kommerziellen Werbung und
gegen die Geißel der Prostitution wirksame Maßnahmen
ergriffen werden; sie wünscht, daß der von der
Mutter, ebenso wie der vom Vater im häuslichen Leben
geleistete Dienst auch in Form einer finanziellen Anerkennung
als Beitrag zum Gemeinwohl angesehen wird.
III. KAPITEL
DAS EVANGELIUM DER HOFFNUNG VERKÜNDIGEN
»Nimm das [...] aufgeschlagene Buch [...]
und iß es« (Offb 10, 8.9)
I. Das Geheimnis Christi verkündigen
Die Offenbarung verleiht der Geschichte Sinn
44. Die Vision der Geheimen Offenbarung spricht von »einer
Buchrolle, die innen und aussen beschrieben und mit sieben
Siegeln versiegelt war« , die sich »in der rechten
Hand dessen, der auf dem Thron saß« befand (Offb
5, 1). Dieser Text enthält den Schöpfungs- und
Heilsplan Gottes, seinen detaillierten Entwurf für
die ganze Wirklichkeit, für die Menschen, für
die Dinge, für die Ereignisse. Kein geschaffenes Wesen,
weder im Himmel noch auf der Erde, ist imstande, »das
Buch zu öffnen und es zu lesen« (Offb 5, 3),
das heißt seinen Inhalt zu verstehen. In der Verworrenheit
der menschlichen Wechselfälle vermag niemand die Richtung
und den letzten Sinn der Dinge zu benennen.
Allein Jesus Christus gelangt in den Besitz des versiegelten
Buches (vgl. Offb 5, 6-7); allein er ist »würdig,
das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen«
(Offb 5, 9). Denn allein Jesus vermag den darin enthaltenen
Plan Gottes zu enthüllen und zu verwirklichen. Der
sich selbst überlassene Mensch, mag er sich noch so
anstrengen, ist nicht imstande, der Geschichte und ihren
Ereignissen einen Sinn zu geben: Das Leben bleibt ohne Hoffnung.
Allein der Sohn Gottes ist in der Lage, die Finsternis zu
vertreiben und den Weg zu zeigen.
Das geöffnete Buch wird Johannes übergeben und
durch ihn der ganzen Kirche. Johannes wird aufgefordert,
das Buch zu nehmen und es zu essen: »Geh, nimm das
Buch, das der Engel, der auf dem Meer und auf dem Land steht,
aufgeschlagen in der Hand hält [...]. Nimm und iß
es!« (Offb 10, 8-9). Erst nachdem er es tief in sich
aufgenommen hat, wird er es in angemessener Weise den anderen
mitteilen können, zu denen er mit der Weisung gesandt
wird, »noch einmal zu weissagen über viele Völker
und Nationen mit ihren Sprachen und Königen«
(Offb 10, 11).
Notwendigkeit und Dringlichkeit der Verkündigung
45. Das der Kirche anvertraute und von ihr aufgenommene
Evangelium der Hoffnung verlangt, jeden Tag verkündet
und bezeugt zu werden. Das ist die der Kirche eigene Berufung
zu allen Zeiten und an allen Orten. Das ist auch die Sendung
der Kirche im heutigen Europa. »Evangelisieren ist
in der Tat die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche,
ihre tiefste Identität. Sie ist da, um zu evangelisieren,
das heißt zu predigen und zu unterweisen, Mittlerin
des Geschenkes der Gnade zu sein, die Sünder mit Gott
zu versöhnen, das Opfer Christi in der heiligen Messe
immer gegenwärtig zu setzen, die die Gedächtnisfeier
seines Todes und seiner glorreichen Auferstehung ist«
.77
Kirche in Europa, die »Neuevangelisierung«
ist die Aufgabe, die auf dich wartet! Sieh zu, die Begeisterung
für die Verkündigung wiederzuentdecken! Fühle
dich jetzt zu Beginn des dritten Jahrtausends durch die
flehentliche Bitte angesprochen, die bereits in den Anfängen
des ersten Jahrtausends erklungen ist, als dem Paulus in
einer Vision ein Mazedonier erschien und ihn bat: »Komm
herüber nach Mazedonien und hilf uns!« (Apg 16,
9). Wenn auch unausgesprochen oder sogar unterdrückt,
so ist dieser Hilferuf doch der tiefste und wahrhaftigste,
der aus dem Herzen der heutigen Europäer kommt, die
nach einer Hoffnung dürsten, die nicht enttäuscht.
Dir ist diese Hoffnung geschenkt worden, damit du sie zu
jeder Zeit und an jedem Ort voll Freude weitergibst. Die
Verkündigung Jesu, die das Evangelium der Hoffnung
ist, möge also dein Ruhm und deine Daseinsberechtigung
sein. Fahre fort mit neuem Eifer in demselben missionarischen
Geist, der – angefangen mit der Verkündigung
der Apostel Petrus und Paulus – in diesen zweitausend
Jahren seither so viele heilige Männer und Frauen,
authentische Verkünder des Evangeliums auf dem europäischen
Kontinent, beseelt hat!
Erstverkündigung und erneute Verkündigung
46. In verschiedenen Teilen Europas bedarf es einer Erstverkündigung
des Evangeliums; die Zahl der Nichtgetauften nimmt zu, sei
es aufgrund der beträchtlichen Anwesenheit von Einwanderern,
die anderen Religionen angehören, sei es deshalb, weil
auch Kinder aus traditionell christlichen Familien entweder
wegen der kommunistischen Herrschaft oder wegen einer weitverbreiteten
religiösen Gleichgültigkeit die Taufe nicht empfangen
haben.78 Tatsächlich ist Europa inzwischen zu jenen
traditionell christlichen Gebieten zu rechnen, in denen
außer einer Neuevangelisierung in bestimmten Fällen
eine Erstevangelisierung nötig erscheint.
Die Kirche kann sich der Pflicht einer mutigen Diagnose
nicht entziehen, welche die Einleitung geeigneter Therapien
gestattet. Auch im »alten » Kontinent gibt es
breite soziale und kulturelle Schichten, in denen eine regelrechte
Mission ad gentes notwendig wird.79
47. Überall aber ist – auch für die bereits
Getauften – eine erneute Verkündigung nötig.
Viele europäische Zeitgenossen meinen zu wissen, was
das Christentum ist, kennen es jedoch nicht wirklich. Häufig
sind sogar die wesentlichen Elemente und Grundbegriffe des
Glaubens nicht mehr bekannt. Viele Getaufte leben so, als
ob Christus nicht existierte: Man wiederholt, insbesondere
durch die kirchlichen Bräuche, die Gesten und Zeichen
des Glaubens, aber es entspricht ihnen keine tatsächliche
Annahme des Glaubensinhalts und kein Festhalten an der Person
Jesu. An die Stelle der großen Gewißheiten des
Glaubens ist bei vielen ein vages und wenig verbindliches
religiöses Gefühl getreten. Es verbreiten sich
verschiedene Formen von Agnostizismus und praktischem Atheismus,
die zur Verschärfung der Kluft zwischen Glaube und
Leben beitragen. Viele haben sich vom Geist eines innerweltlichen
Humanismus anstecken lassen, der ihren Glauben geschwächt
und sie leider oft dazu geführt hat, ihn ganz aufzugeben.
Wir erleben eine Art säkularistischer Auslegung des
christlichen Glaubens, die ihn aushöhlt und mit der
eine tiefe Krise des Gewissens und der christlichen Moralpraxis
einhergeht.80 Die großen Werte, die die europäische
Kultur weitreichend inspiriert haben, sind vom Evangelium
abgetrennt worden und haben so ihr tiefstes Wesen verloren
und Raum gelassen für nicht wenige Verirrungen.
»Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf
der Erde noch Glauben vorfinden?« (Lk 18, 8). Wird
er ihn auf dieser Erde unseres Europas alter christlicher
Tradition noch finden? Das ist eine offene Frage, die mit
aller Klarheit auf die Tiefgründigkeit und Dramatik
einer der ernstesten Herausforderungen hinweist, mit denen
sich unsere Kirchen auseinandersetzen müssen. Man kann
sagen – wie es bei der Synode unterstrichen wurde
–, daß diese Herausforderung oft nicht so sehr
darin besteht, die Neubekehrten zu taufen, sondern die Getauften
dahin zu bringen, sich zu Christus und seinem
Evangelium zu bekehren: 81 In unseren Gemeinden muß |