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Für unsere Kleinsten
Afrika/Äthiopien - "Der Glaube kann den Weg zu Versöhnung, Respekt und zum Aufbau einer gerechteren Gesellschaft führen"

Addis Abeba (Fidesdienst) - Über den Versorgungsnotstand und die Perspektiven der Evangelisierung in Äthiopien sprach der Fidesdienst mit dem Apostolischen Nuntius in Äthiopien, Erzbischof Silvano M. Tomasi.

Gibt es neue Entwicklungen bezüglich der Versorgungslage in Äthiopien? Hat die internationale Staatengemeinschaft auf den Appell der äthiopischen Gesellschaft reagiert?

Die äthiopische Regierung hat zusammen mit den Vereinten Nationen in einem gemeinsamen Appell die Lebensmittelkrise in Äthiopien dokumenteirt. 11,3 Millionen Menschen sind auf Nothilfen angewiesen und weitere 3 Millionen werden wahrscheinlich noch dazukommen. Der derzeitige Lebensmittelbedarf liegt bei 1,4 bis 2 Millionen Tonnen. Verschiedene Stimmen bestätigen die Hungersnot in den Regionen Et Tigray, Afar, Somala, in einen Teil Oromias und der Regionen Amhara und Heraghe. Die verschiedenen Religionsführer haben bereits öffentlich mit der Bitte um Hilfe an die internationale Staatengemeinschaft gewandt. Insbesondere möchte ich auf die Appelle des Joint Ethiopian Religious Leaders Peace Committee hinweisen, in dem sich Religionsführer aus Äthiopien und Eritrea zusammen schliessen (auch in Eritrea leiden 2,3 Millionen Menschen Hunger), und des Joint Relief Partnership, in dem sich Orthodoxe, Katholiken und Protestanten zusammen schliessen, und verschiedener nationaler und internationaler Organismen hinweisen.
Die nächste Ernte ist für November oder Dezember 2003 zu erwarten. Während die gegenwärtigen Hilfslieferungen ungefähr bis Januar ausreichen, ist noch nicht klar, wie viel für das kommende Jahr zur Verfügung stehen wird. 2002 hat die Europäische Union Hilfsmittel in Höhe von 67 Millionen Euro zur Verfügung gestellt und für das Jahr 2003 weitere Hilfen in Höhe von 80 Millionen in Aussicht gestellt wurden. Auch die Vereinigten Staaten und andere Länder haben ähnliche Hilfen versprochen.
Über die momentane Notlage hinaus sollten wir uns jedoch fragen, weshalb jedes Jahr 4-5 Millionen Menschen in Äthiopien auf Lebensmittelhilfen angewiesen sind. Aus verschiedenen Untersuchungen geht sogar hervor, dass die Bevölkerung zunehmend ärmer wird. Angesichts der Tatsache, dass 85% der Menschen ihre Felder für den Eigenbedarf bewirtschaften und es zu ständig wiederkehrenden Krisensituationen kommt, scheinen neue sozialpolitische und wirtschaftliche Programme unbedingt notwendig. Grundlegenden Reformen würden jedoch Machtstrukturen berühren, die nur wenig Spielraum für die Schaffung funktionierender Märkte und Industrien bieten.

Sie haben erst vor kurzem verschiedene Missionen besucht. Können Sie uns die Lage beschreiben und die Arbeit der Missionare erläutern?

Von der gegenwärtigen Trockenzeit ist vor allem die Region Haraghe im Südosten Äthiopiens betroffen. Hier werden sich die Äthiopischen Bischöfe am 18. und 19. Dezember anlässlich der Einweihung der Büroräume des Katholischen Sekretariats treffen. Das Katholische Sekreatariat koordiniert sowohl Nothilfen als auch langfristige Entwicklungsprogramme. Im Süden des Landes habe ich auch die Region Borna besucht, wo Spiritanerpatres seit Jahren mit der einheimischen Bevölkerung zusammenarbeiten und sich dabei vor allem um die Ausbildung der Jugendlichen bemühen. Ausserdem führen sie Bewässerungsprojekte durch. Ganz besonderes engagieren sie sich im Bereich der Evangelisierung. Die ärztliche Versorgung wird in der Region ausschliesslich von den Medical Missionaries of Mary garantiert. Im Westen Äthiopiens sind in den Regionen Wellega und Benyshangul-Gumuz junge Diözeseanpriester, Fidei donum-Priester aus Kolumbien, Schwestern aus der Kongregation der Töchter von der hl. Anna, Comboni Schwestern und andere Schwestern in Schulen, Kliniken und Pastoralzentren tätig. Sie sorgen dafür, dass christliche Werte zur ganzheitlichen Entwicklung beitragen, die wirksam und dauerhaft ist.

Wie steht es um die Beziehungen zwischen den christlichen Kirchen in Äthiopien und um den interreligiösen Dialog?

In den vergangenen Jahren wurden im komplexen Spektrum der Religionen in Äthiopien Fortschritte gemacht. Die meisten der insgesamt 67 Millionen Einwohner des Landes sind Orthodoxe oder Muslime. Protestanten und Katholiken stellen nur eine Minderheit dar, die jedoch sehr lebhaft und aktiv ist. Infolge des Krieges zwischen Äthiopien und Eritrea sind zahlreiche gemeinsame Initiativen zur Förderung des Friedens entstanden. Die Gründung eines Rates der Kirchen Äthiopiens und Eritreas oder auch der verschiedenen Glaubensbekenntnisse wäre wünschenswert. In der gemarterten und oft konfliktbeladenen Situation im Horn von Afrika kann der Glaube den Weg zu Versöhnung, zum gegenseitigen Respekt und zum Aufbau einer gerechten Gesellschaft ebnen, in der die verschiedenen beteiligten Gruppen ihre jeweiligen Talente zum gemeinsamen Wohl einbringen können. Orthodoxe, katholische und protestantisch Christen treffen sich zunehmend mit Muslimen, denn man will sich gegenseitig besser kennen lernen und gemeinsam auf Notlagen reagieren. Auch an Bischofsweihen und besonderen Festen nehmen im öfter Vertreter aller Glaubensbekenntnisse teil. Der Weg ist noch weit, doch der Geist des Herrn wirkt. (Fidesdienst 12/12/2002)

 
 

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