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Vinko Kardinal Puljic, Vorsitzender der Bischofskonferenz von Bosnien-Herzegowina
"Eine vergessene Situation" - Interview mit Vinko Kardinal Puljic, Vorsitzender der Bischofskonferenz von Bosnien-Herzegowina, zu den Perspektiven des Landes einen Monat nach der Wahl
Sarajevo (Fidesdienst) - Am 5. Oktober wurde in Bosnien-Herzegowina gewählt: als Gewinner gingen aus dieser Wahl die nationalistischen Parteien des Landes hervor. Einen Monat nach dem Wahltermin, der im Vorfeld viel internationales Interesse geweckt hatte und nun schon fast wieder vergessen zu sein scheint, erläutert uns Vinko Kardinal Puljic, Erzbischof von Sarajevo und Vorsitzender der Bischofskonferenz von Bosnien Herzegowina die Perspektiven des Landes und das Engagement der Katholischen Kirche.
Fidesdienst: Nach Ansicht verschiedener Beobachter hat das Ergebnis der Wahlen vom 5. Oktober, d.h. der Sieg der nationalistischen Parteien, die Hoffnung der internationalen Staatengemeinschaft hinsichtlich einer Konsolidierung des Stabilisierungsprozesses in Bosnien-Herzegowina zunichte gemacht. Wie beurteilen Sie diese Schlussfolgerungen?
Kardinal Puljic: Ich glaube, dass das Urteil nicht so hart ausfallen darf, obschon die Wünsche der internationalen Staatengemeinschaft gewiss nicht erfüllt wurden. Im Grunde haben jedoch gerade die Vertreter der internationalen Staatengemeinschaft zu diesem Wahlausgang beigetragen. Die Stimmabgabe war eine Reaktion der Menschen auf das anmaßende Vorgehen der internationalen Staatengemeinschaft, von dem sich die Menschen zum Teil zutiefst verletzt fühlten. Die Einwohner unseres Landes fühlen sich verletzt, weil sie sich als unreif behandelt fühlen und die Politiker haben den Eindruck, dass sie ihren Aufgaben nicht gewachsen sind. Mir ihrer Stimme haben die Wähler auch auf die bisher regierende Koalition reagiert, die ohne tatsächliche Unterstützung der Bevölkerung sondern nur mit Hilfe der Internationalen Staatengemeinschaft regierte.
Es muss auch berücksichtigt werden, dass das schrittweise Abheilen der durch den Krieg verursachten Wunden und der Aufbau eines Versöhnungsprozesses sowie die Wiederherstellung von Vertrauen Zeit in Anspruch nehmen. Die internationale Staatengemeinschaft war hingegen der Ansicht, dass durch eine rasche Zusammenkunft von Religionen und Ethnien die Stabilität in Bosnien-Herzegowina wiederhergestellt werden könnte. Gleichzeitig sollten Gesetze verabschiedet werden, die die Gleichberichtigung zwischen den einzelnen Staatsbürgern und den verschiedenen Volksgruppen in ganz Bosnien-Herzegowina garantieren, damit jeder die eigene Verantwortung übernehmen kann. Gegenwärtig werden zwar Gesetze und Verordnungen verabschiedet, wobei jedoch nicht klar ist, wer für die Verabschiedung und die Einhaltung Verantwortung trägt.

Fidesdienst: Sind Sie also auch der Ansicht, dass die aus den Wahlen hervorgegangene nationalistische Strömung den Friedensprozess und die Annäherung an Europa beeinträchtigen werden?
Kardinal Puljic: Sollten die Maßnahmen der internationalen Staatengemeinschaft für alle und in allen Einzelheiten gleich sein, dann wird auch der Friedensprozess vorankommen. Sollten wie bisher unterschiedliche Normen gelten, dann wird sich der Individualismus ausbreiten und der Prozess wird zum Stillstand kommen. Dazu müsste sich vor allem die Einstellung der Mächtigen dieser Welt ändern, die gegenüber den Schwächeren diese Macht einsetzen und gegenüber den Starken mit Diplomatie vorgehen.

Fidesdienst: Ist die Hoffnung auf ein vereintes, multiethnisches und trotz der religiösen Unterschiede tolerantes auf Europa ausgerichtetes Bosnien-Herzegowina noch reell?
Kardinal Puljic: Für Bosnien-Herzegowina gibt es keine Alternative: trotz aller Unterschiede muss es Gleichberechtigung geben. Der sicherste Weg in den Beziehungen zwischen Religionen und Volksgruppen ist der Dialog, die Berücksichtigung der Unterschiede und die Herstellung von Vertrauen und Toleranz. Würde ein anderer Weg eingeschlagen, dann würde man den Stärkeren Recht geben. Dies ist ausschlaggebend für ein vereintes Europa.

Fidesdienst: Wie wird die Katholische Kirche handeln, damit das was bisher geschehen ist sich nicht wiederholt und damit Bosnien-Herzegowina den Weg zum Frieden und zum Zusammenleben findet?
Kardinal Puljic: Das Handeln der Katholische Kirche hat sie nie geändert, sie hat seit jeher gleiche Recht für jeden Menschen und für alle Volksgruppen gefordert und in diesem Land Rechte und Freiheiten für jede Kirche und religiöse Glaubensgemeinschaft erbeten. Gewiss, manche versuchen diese eindeutige Position der Kirche zu manipulieren oder sogar zu leugnen. Ein großes Problem besteht für die Kirche darin, dass es schwierig ist, die eigenen Positionen bekannt zu machen, wenn man von den Medien ausgeschlossen bleibt. Deshalb reagiert man auf die Frustration der Menschen oft mit Anschuldigungen gegen die Kirche, die stets für alles verantwortlich gemacht wird.

Fidesdienst: Die Arbeitslosenrate soll in Bosnien-Herzegowina bei 40% liegen, ist dies einer der Gründe für die gegenwärtige Entwicklung oder liegt es daran, dass die bisherige Regierungskoalition nicht in der Lage war, ein Wertemodell anzubieten, dem die verschiedenen Strömungen zustimmen konnten?
Kardinal Puljic: Die Arbeitslosigkeit ist zweifelsohne ein großes Problem. Außerdem ist es nicht einfach in der Öffentlichkeit die Prinzipien eines zivilen Zusammenlebens wiederherzustellen, die durch Kommunismus und Krieg zerstört wurden. Es wird auch zu wenig in Projekte investiert, die den Menschen Hoffnung geben könnten. Die Vertreter der internationalen Staatengemeinschaft behaupten zwar, dass sie große Geldsummen in Bosnien investieren und zweifelsohne sind wir für alles, was sie für die Zukunft dieses Landes getan haben, zu Dank verpflichtet. Wären diese Gelder gut verwaltet worden, hätte man viel mehr damit machen können, man hätten den Menschen vor allem Hoffnung geben können. Denn dies ist ein weiteres großes Problem! Die Massenmedien verbreiten Pessimismus. Die alltägliche Politik tötet Optimismus und Hoffnung. Es scheint mir als ob man manchmal absichtlich für Verwirrung sorgt, wobei jedoch nicht klar ist, wer dafür verantwortlich ist.

Fidesdienst: Manche vermuten, dass die gegenwärtige Krise von außen verursacht wurde oder sind Ihrer Ansicht nach ein weiteres Mal im Land herrschende integralistische Widersprüche verantwortlich?
Kardinal Puljic: Es gibt bestimmt zahlreiche interne Probleme, die durch eine Anhäufung historischer Probleme entstanden sind, für die es nie eine Lösung gab und die sich deshalb festfressen konnten. Eine solche Situation ist ein guter Nährboden auf dem auch Interessen wachsen können, die von außen kommen und von denen in der Öffentlichkeit nicht die Rede ist. Ich bin als Kardinal nicht in der Lage über solche Dinge zu sprechen, doch Unklarheiten und undurchsichtige politische Manöver sollten nicht verschwiegen werden. Man darf trotzdem nicht alles nur schwarz oder weiß sehen. Auf diese Weise möchten wir allen unseren aufrichtigen Dank aussprechen, denen tatsächlich die Kleinen und die Schutzlosen am Herzen liegen und die alles tun, was sie nur können, um diesen zu helfen. Doch wir sehen trotzdem, dass es oft auch eine Kehrseite der Medaille gibt.

Fidesdienst: Eine letzte Frage, vielleicht die wichtigste: Zusammenleben und Vergeben, in wieweit ist man sich der erneuernden Kraft des Vergebens bewusst?
Kardinal Puljic: Es handelt sich dabei um einen unumgänglichen Prozess, der auf Gerechtigkeit und auf Wahrheit gründet. Diese Themen liegen vor allem auch den Muslimen am Herzen. Auf einer solchen Grundlage kann der Prozess des Vergebens, der Versöhnung und der Wiederherstellung des Vertrauens beginnen. Was jeder Einzelne aufgrund des eigenen Gewissens und des eigenen Glaubens tut, das muss auf allen Ebenen gleichermaßen geschehen. Dabei geht es um Toleranz und Vertrauen zwischen den Religionen, doch es muss auch ein internationales Vertrauen in diese Religionen geben. Weshalb sollten in einem Staat der Atheismus oder die Agnostizismus den Religionen vorgezogen werden? (Fidesdienst 15/11/2002)

 

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