Fidesdienst: Nach Ansicht
verschiedener Beobachter hat das Ergebnis der Wahlen vom 5. Oktober,
d.h. der Sieg der nationalistischen Parteien, die Hoffnung der
internationalen Staatengemeinschaft hinsichtlich einer Konsolidierung
des Stabilisierungsprozesses in Bosnien-Herzegowina zunichte gemacht.
Wie beurteilen Sie diese Schlussfolgerungen?
Kardinal Puljic: Ich glaube, dass das Urteil nicht so hart
ausfallen darf, obschon die Wünsche der internationalen Staatengemeinschaft
gewiss nicht erfüllt wurden. Im Grunde haben jedoch gerade
die Vertreter der internationalen Staatengemeinschaft zu diesem
Wahlausgang beigetragen. Die Stimmabgabe war eine Reaktion der
Menschen auf das anmaßende Vorgehen der internationalen
Staatengemeinschaft, von dem sich die Menschen zum Teil zutiefst
verletzt fühlten. Die Einwohner unseres Landes fühlen
sich verletzt, weil sie sich als unreif behandelt fühlen
und die Politiker haben den Eindruck, dass sie ihren Aufgaben
nicht gewachsen sind. Mir ihrer Stimme haben die Wähler auch
auf die bisher regierende Koalition reagiert, die ohne tatsächliche
Unterstützung der Bevölkerung sondern nur mit Hilfe
der Internationalen Staatengemeinschaft regierte.
Es muss auch berücksichtigt werden, dass das schrittweise
Abheilen der durch den Krieg verursachten Wunden und der Aufbau
eines Versöhnungsprozesses sowie die Wiederherstellung von
Vertrauen Zeit in Anspruch nehmen. Die internationale Staatengemeinschaft
war hingegen der Ansicht, dass durch eine rasche Zusammenkunft
von Religionen und Ethnien die Stabilität in Bosnien-Herzegowina
wiederhergestellt werden könnte. Gleichzeitig sollten Gesetze
verabschiedet werden, die die Gleichberichtigung zwischen den
einzelnen Staatsbürgern und den verschiedenen Volksgruppen
in ganz Bosnien-Herzegowina garantieren, damit jeder die eigene
Verantwortung übernehmen kann. Gegenwärtig werden zwar
Gesetze und Verordnungen verabschiedet, wobei jedoch nicht klar
ist, wer für die Verabschiedung und die Einhaltung Verantwortung
trägt.
Fidesdienst: Sind Sie also auch der Ansicht,
dass die aus den Wahlen hervorgegangene nationalistische Strömung
den Friedensprozess und die Annäherung an Europa beeinträchtigen
werden?
Kardinal Puljic: Sollten die Maßnahmen der internationalen
Staatengemeinschaft für alle und in allen Einzelheiten
gleich sein, dann wird auch der Friedensprozess vorankommen.
Sollten wie bisher unterschiedliche Normen gelten, dann wird
sich der Individualismus ausbreiten und der Prozess wird zum
Stillstand kommen. Dazu müsste sich vor allem die Einstellung
der Mächtigen dieser Welt ändern, die gegenüber
den Schwächeren diese Macht einsetzen und gegenüber
den Starken mit Diplomatie vorgehen.
Fidesdienst: Ist die Hoffnung auf ein
vereintes, multiethnisches und trotz der religiösen Unterschiede
tolerantes auf Europa ausgerichtetes Bosnien-Herzegowina noch
reell?
Kardinal Puljic: Für Bosnien-Herzegowina gibt es keine
Alternative: trotz aller Unterschiede muss es Gleichberechtigung
geben. Der sicherste Weg in den Beziehungen zwischen Religionen
und Volksgruppen ist der Dialog, die Berücksichtigung der
Unterschiede und die Herstellung von Vertrauen und Toleranz.
Würde ein anderer Weg eingeschlagen, dann würde man
den Stärkeren Recht geben. Dies ist ausschlaggebend für
ein vereintes Europa.
Fidesdienst: Wie wird die Katholische
Kirche handeln, damit das was bisher geschehen ist sich nicht
wiederholt und damit Bosnien-Herzegowina den Weg zum Frieden
und zum Zusammenleben findet?
Kardinal Puljic: Das Handeln der Katholische Kirche hat
sie nie geändert, sie hat seit jeher gleiche Recht für
jeden Menschen und für alle Volksgruppen gefordert und
in diesem Land Rechte und Freiheiten für jede Kirche und
religiöse Glaubensgemeinschaft erbeten. Gewiss, manche
versuchen diese eindeutige Position der Kirche zu manipulieren
oder sogar zu leugnen. Ein großes Problem besteht für
die Kirche darin, dass es schwierig ist, die eigenen Positionen
bekannt zu machen, wenn man von den Medien ausgeschlossen bleibt.
Deshalb reagiert man auf die Frustration der Menschen oft mit
Anschuldigungen gegen die Kirche, die stets für alles verantwortlich
gemacht wird.
Fidesdienst: Die Arbeitslosenrate soll
in Bosnien-Herzegowina bei 40% liegen, ist dies einer der Gründe
für die gegenwärtige Entwicklung oder liegt es daran,
dass die bisherige Regierungskoalition nicht in der Lage war,
ein Wertemodell anzubieten, dem die verschiedenen Strömungen
zustimmen konnten?
Kardinal Puljic: Die Arbeitslosigkeit ist zweifelsohne
ein großes Problem. Außerdem ist es nicht einfach
in der Öffentlichkeit die Prinzipien eines zivilen Zusammenlebens
wiederherzustellen, die durch Kommunismus und Krieg zerstört
wurden. Es wird auch zu wenig in Projekte investiert, die den
Menschen Hoffnung geben könnten. Die Vertreter der internationalen
Staatengemeinschaft behaupten zwar, dass sie große Geldsummen
in Bosnien investieren und zweifelsohne sind wir für alles,
was sie für die Zukunft dieses Landes getan haben, zu Dank
verpflichtet. Wären diese Gelder gut verwaltet worden,
hätte man viel mehr damit machen können, man hätten
den Menschen vor allem Hoffnung geben können. Denn dies
ist ein weiteres großes Problem! Die Massenmedien verbreiten
Pessimismus. Die alltägliche Politik tötet Optimismus
und Hoffnung. Es scheint mir als ob man manchmal absichtlich
für Verwirrung sorgt, wobei jedoch nicht klar ist, wer
dafür verantwortlich ist.
Fidesdienst: Manche vermuten, dass die
gegenwärtige Krise von außen verursacht wurde oder
sind Ihrer Ansicht nach ein weiteres Mal im Land herrschende
integralistische Widersprüche verantwortlich?
Kardinal Puljic: Es gibt bestimmt zahlreiche interne
Probleme, die durch eine Anhäufung historischer Probleme
entstanden sind, für die es nie eine Lösung gab und
die sich deshalb festfressen konnten. Eine solche Situation
ist ein guter Nährboden auf dem auch Interessen wachsen
können, die von außen kommen und von denen in der
Öffentlichkeit nicht die Rede ist. Ich bin als Kardinal
nicht in der Lage über solche Dinge zu sprechen, doch Unklarheiten
und undurchsichtige politische Manöver sollten nicht verschwiegen
werden. Man darf trotzdem nicht alles nur schwarz oder weiß
sehen. Auf diese Weise möchten wir allen unseren aufrichtigen
Dank aussprechen, denen tatsächlich die Kleinen und die
Schutzlosen am Herzen liegen und die alles tun, was sie nur
können, um diesen zu helfen. Doch wir sehen trotzdem, dass
es oft auch eine Kehrseite der Medaille gibt.
Fidesdienst: Eine letzte Frage, vielleicht
die wichtigste: Zusammenleben und Vergeben, in wieweit ist man
sich der erneuernden Kraft des Vergebens bewusst?
Kardinal Puljic: Es handelt sich dabei um einen unumgänglichen
Prozess, der auf Gerechtigkeit und auf Wahrheit gründet.
Diese Themen liegen vor allem auch den Muslimen am Herzen. Auf
einer solchen Grundlage kann der Prozess des Vergebens, der
Versöhnung und der Wiederherstellung des Vertrauens beginnen.
Was jeder Einzelne aufgrund des eigenen Gewissens und des eigenen
Glaubens tut, das muss auf allen Ebenen gleichermaßen
geschehen. Dabei geht es um Toleranz und Vertrauen zwischen
den Religionen, doch es muss auch ein internationales Vertrauen
in diese Religionen geben. Weshalb sollten in einem Staat der
Atheismus oder die Agnostizismus den Religionen vorgezogen werden?
(Fidesdienst 15/11/2002)