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Die Religionen im neuen Irak |
Vatikanstadt (Fidesdienst) – Angesichts der im Irak herrschenden
dramatischen Lage und der zunehmenden Bedeutung die die verschiedenen
islamischen Religionsführer vor einen solchen Hintergrund haben
veröffentlicht der Fidesdienst ein Dossier, das in gewisser Weise
an ein bereits im März 2003 veröffentlichtes Dossier zum
Thema „Der Irak und die Religionen“ anschließt,
das einen historischen Überblick zur Situation und über
die religiöse Zusammensetzung im Irak enthielt. In dem vorliegenden
Dossier zum Thema „Die Religionen im neuen Irak“ beschreibt
die Situation der Religionen und liefert eine Übersicht über
die Religionen im neuen Irak, ein Jahr nach dem Sturz Saddams, dabei
wird vor allem das gesellschaftliche und religiöse Szenarium
in der Nachkriegszeit und das Entstehen neuer radikaler Gruppen beleuchtet
und Perspektiven, Rolle und Gewicht der religiösen Gemeinschaften
beim Aufbau eines neuen Irak in Erwägung gezogen werden.
Inhalt
ASIEN/IRAK – „Es wird den Extremisten
nicht gelingen, die Beziehungen zwischen den Religionen im Irak
zu verändern“, so Pfarrer Nizar Semaan zum Fidesdienst
ASIEN/IRAK – Muslimische Truppen
im Irak unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen: Vorschlag
der Organisation der Islamischen Konferenz zur Stabilisierung des
Landes stößt auf Zustimmung
ASIEN/IRAK – Gute Beziehungen zwischen
den Religionsgemeinschaften, unterschiedslose humanitäre Hilfen
aus Kirchen und Moscheen: So arbeitet der Interreligiöse Rat
des Irak für das Land
ASIEN/IRAK – „Iraker aller
Religionsgemeinschaften sind ein geeintes Volk. Es ist falsch, auf
Moscheen zu schießen“. Professor Justo Lacunza, Rektor
des Päpstlichen Institutes für arabische Studien und Islamkunde
im Gespräch mit dem Fidesdienst.
ASIEN/IRAK – Ein Jahr nach dem Sturz
Saddams: Religionsgemeinschaften zwischen traditionellen Religionsführern
und dem Einfluss neuer radikaler Gruppen: Schiiten / Sunniten /
Kurden / Assyrer / Katholiken
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ASIEN/IRAK - „Es wird den Extremisten nicht gelingen,
die Beziehungen zwischen den Religionen im Irak zu verändern“,
so Pfarrer Nizar Semaan zum Fidesdienst
Vatikanstadt (Fidesdienst) – „Die Situation der Religionen
im Irak hat sich ein Jahr nach Ende des Krieges nicht wesentlich
verändert. Es sind radikale Gruppen und gewalttätige Banden
entstanden, denen Extremisten sowohl aus den Reihen der Sunniten
als auch aus derer der Schiiten angehören, doch auf offizieller
Ebene sind die Beziehungen zwischen den Religionsführern gut,
sie haben unter dem herrschenden Klima der Verwirrung und des Krieges
nicht gelitten“, erklärt der in Mossul tätige irakische
Pfarrer Nizar Semaan im Gespräch mit dem Fidesdienst zur Situation
der Religionsgemeinschaften im Irak, ein Jahr nach dem Sturz Saddam
Hussein und dem offiziellen Ende des Irakkriegs.
„Es muss jedoch gesagt werden“, so der katholische Pfarrer
weiter, „dass diese gewalttätigen Gruppen nicht den wahren
Geist der irakischen Gläubigen vertreten, ganz gleich welcher
Glaubensgemeinschaft diese angehören. Trotz ihrer Aktivitäten
ist es ihnen nicht gelungen, die Beziehungen zwischen den Religionen
maßgeblich zu beeinträchtigen. Sie versuchen dabei die
Unterschiede hervorzuheben, die Gemüter aufzuheizen und Spannungen
zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften, aber auch unter
den Muslimen, Schiiten und Sunniten oder innerhalb der schiitischen
Glaubensgemeinschaft selbst, zu provozieren. Doch die islamischen
Religionsführer und die Religionsführer der anderen Konfessionen
haben sich niemals gewaltsam oder beleidigend geäußert.
Auf offizieller Ebene findet weiterhin eine freundschaftliche Debatte
statt und die Beziehungen sind gut: dies ist sehr wichtig.“
Pfarrer Semaan erklärt, „dass diese Gruppen, die zum
Teil auch aus dem Ausland kommen oder von dort unterstützt
werden, zur Destabilisierung des Landes beitragen und Chaos schaffen
wollen, um dann die eigenen politischen Interessen zu verfolgen,
in dem sie auf die religiöse Karte setzen“.
„Doch auch die islamischen Religionsführer“, so
der Priester, „haben nicht den Mut, Attentate, Entführungen
oder Massaker ausdrücklich zu verurteilen. Dies gehört
zur islamischen Logik, die besagt, dass man den Islam selbst nicht
verurteilen darf, wenn er sich mit einem Fremden konfrontiert. Es
hat jedoch in den vergangenen Tagen eine sehe schöne Geste
einiger sunnitischer Religionsführer gegeben, die in einem
offenen Brief feststellten, dass Entführungen inakzeptabel
sind, doch dies ist nur ein kleiner Fortschritt. Wenn der Islam
dieser gewaltsamen Gesten und Entführungen nicht klar verurteilt,
dann verliert er an Glaubwürdigkeit gegenüber der westlichen
Welt. Das Schweigen ermutigt radikale Gruppen zu weitern Schritten
so dass sie sich als die wahren Wächter des Islam betrachten.“
Und während die islamischen Religionsführer schweigen,
so Pfarrer Semaan „gibt es in den Moscheen schiitische und
sunnitische Prediger, die zu Hass und Gewalt aufrufen. In einem
solchen Kontext können Worte die Gemüter erhitzen und
wenn man die Nichtmuslime als „Ungläubige“ bezeichnet
(obschon dies ein Ausdruck der islamischen Theologie ist), dann
macht dies die Situation nur noch schlimmer und schafft Bedingungen,
von denen die radikalen Bewegungen profitieren“.
Mit Bezug auf die christliche Glaubensgemeinschaft erklärt
der Priester: „Christliche Gläubige haben weiterhin gute
Beziehungen zu ihren Mitbürgern. Es wurden zwar vereinzelt
Drohungen gegen sie ausgesprochen, doch sie haben der Gewalt nicht
nachgegeben. Es sollte auch daran erinnert werden, dass die Christen
mit dem irakischen Volk eine lange gemeinsame Vergangenheit haben,
die stets von einem friedlichen Zusammenleben gekennzeichnet war.
Die Situation ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich: In Mossul
werden zum Beispiel christliche Kirchen oft bedroht, doch der muslimische
Gouverneur und andere muslimische Gläubige guten Willens haben
den Christen beruhigt und ihnen ihren Beistand versprochen. In Bagdad
haben die Menschen Angst, aber die christliche Gemeinde überlebt
im Geheimen. In den Vierteln wo die verschiedenen Religionsgemeinschaften
gemischt sind, lebt es sich besser, in der schiitischen Gegend kommt
es leichter zu Gewalt. In Bassora im Süden des Landes, wo nur
Schiiten leben ist die Situation heute relativ Ruhig (obschon es
auch hier zu Drohungen gegen Schiiten gekommen ist), auch weil die
Engländer hier gemäßigt vorgehen.
Abschließend betont Pfarrer Semaan: „Ich bin davon überzeugt,
dass die Religionen weiterhin einen Beitrag zum freien und friedlich.
Ich glaube an die Zukunft des Irak, die vor allem auf dem Weg des
harmonischen Zusammenlebens zwischen den Religionen verwirklicht
werden kann. Wir Christen werden alles tun, damit die Situation
in diesem Sinn entwickelt. Wir können dabei auf eine 1600jährige
Geschichte des Zusammenlebens zurückblicken, das mit Sicherheit
auch in Zukunft fortdauern wird. (PA) (Fidesdienst, 24/4/2004 –
59 Zeilen, 685 Worte)
ASIEN/IRAK – Muslimische
Truppen im Irak unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen: Vorschlag
der Organisation der Islamischen Konferenz zur Stabilisierung des
Landes stößt auf Zustimmung
Putrajaya (Fidesdienst) – Eine zentrale Rolle sollten der
Vereinten Nationen bei der Stabilisierung der Lage im Irak und die
Präsenz von Soldaten aus islamischen Ländern wünschten
sich Vertreter aus 57 Mitgliedsländern der Islamischen Konferenz
bei einer jüngsten Tagung in Malaysia. Die Organisation bat
die Vereinten Nationen um die Verabschiedung einer Resolution für
ein neues Mandat für Friedenseinheiten im Irak mit Unterstützung
der internationalen Staatengemeinschaft.
Nach Ansicht von Beobachtern stieß dieser Vorschlag auch in
islamischen Kreisen im Irak auf Zustimmung, weshalb er einen Ausweg
aus der gegenwärtigen im Land herrschenden dramatischen Instabilität
darstellen könnte.
Auch die verschiedenen Religionsgemeinschaften im Irak reagierten
positiv auf den Vorschlag. Pfarrer Nizar Semaan betonte gegenüber
dem Fidesdienst, dass der Vorschlag „durch die Vereinten Nationen
die ganze internationale Staatengemeinschaft zu beteiligen zur Stabilisierung
der Situation beitragen könnte“. „Hierzu sollte
gesagt werden, dass der gegenwärtige Terrorismus darauf abzielt,
den Irak in das Chaos zu stürzen: deshalb erscheint derzeit
eine militärische Präsenz, die die Ordnung und das Wachstum
auf dem Weg der Menschenrechte und der Demokratie sichert, unverzichtbar.
Die Präsenz der Vereinten Nationen mit Unterstützung von
Kontingenten aus islamischen Ländern wäre dabei von großer
Bedeutung, denn sie wurde von den Menschen im Irak positiver betrachtet.
Ein weiterer Weg wäre die Beteiligung der Iraker an den Kontroll-
und Sicherheitsmaßnahmen. Sie kennen das Territorium und die
verschiedenen Sprachen, weshalb sie auch direkt auf die Menschen
einwirken und dadurch den Frieden fördern können.“
Die Neuheit eines solchen UN-Mandats sollte nach Ansicht der Organisation
der Islamischen Konferenz die Präsenz von Soldaten aus islamischen
Ländern bei der Garantie der inneren Sicherheit und Ordnung
im Irak sein. Wichtige Länder mit islamischer Mehrheit, wie
Pakistan, Indonesien und Malaysia haben bereits die eigene Bereitschaft
zur Entsendung von Soldaten in den Irak erklärt, sollten die
Vereinten Nationen nach Bagdad zurückkehren.
In einer offiziellen Verlautbarung zu ihrer jüngsten Tagung
erklärt die Organisation, dass sie „die zentrale Bedeutung
der Vereinten Nationen für den Frieden, die Sicherheit und
die Stabilität im Irak anerkennt“ und bittet den Sicherheitsrat
deshalb um eine neue Resolution zum Erreichen dieser Ziele. In ihrem
Dokument bittet die Organisation auch um die Einhaltung des Datums
vom 30. Juni für die Übergabe der Souveränität
an die Iraker. „Die Stabilität im Irak“ heißt
es in dem Papier, „wird nur dadurch garantiert werden können,
dass das irakische Volk seine legitimen Rechte, einschließlich
des Rechts auf freie Wahlen, ausüben kann. (PA) (Fidesdienst,
24/4/2004 – 35 Zeilen, 410 Worte)
ASIEN/IRAK – Gute Beziehungen
zwischen den Religionsgemeinschaften, unterschiedslose humanitäre
Hilfen aus Kirchen und Moscheen: So arbeitet der Interreligiöse
Rat des Irak für das Land
Bagdad (Fidesdienst) – Dass die wahre Aufgabe der Kirche
darin besteht, zum Dialog, zur Versöhnung und zum Frieden beizutragen
hat Papst Johannes Paul II. schon oft wiederholt. Trotz der bestehenden
Schwierigkeiten und der Instrumentalisierung der Religionen sowie
der Präsenz von „Predigern des Hasses“ in irakischen
Moscheen gibt es auch Beispiele dafür, dass alle Religionsgemeinschaften
zum Entstehen guter Beziehungen betragen wollen. Eines dieser Beispiele
ist die Schaffung eines „Interreligiösen Rates des Irak
für den Frieden, der im August 2003 entstand und seither zahlreiche
Tagungen und Initiativen veranstaltet, die die wahre Rolle der Religionen
im Irak verdeutlichen sollen.
In dem von der „Weltkonferenz der Religionen für den
Frieden“ angeregten Rat schließen sich schiitische,
sunnitische und christliche Religionsführer zusammen, darunter
auch einige Mitglieder der irakischen Übergangsregierung.
Der Rat hat sich von Anfang an gegen religiöse Gewalt ausgesprochen
und dabei betont, dass sich die verschiedenen Glaubensgemeinschaften
vor allem dafür einsetzen sollten, den vielen Menschen zu helfen,
die im Irak immer noch um das tägliche Überleben kämpfen.
Die Mitglieder des Rates bezeichneten auch den Beitrag der Religionen
und die Förderung guter Beziehungen zwischen den verschiedenen
Religionen als grundlegende Voraussetzung für den Aufbau eines
neuen friedlichen, demokratischen und toleranten Irak.
In Zusammenarbeit mit dem Rat wurden in Moscheen und Kirchen Hilfsaktionen
durchgeführt, in deren Rahmen Lebensmittel, Wasser und Medikamente
an bedürftige Menschen ohne religiöse Unterschiede verteilt
wurden. „In unseren Moscheen verteilen wir Hilfsmittel die
oft von christlichen Organisationen stammen. Gemeinsam können
wir überleben“, so Scheich Ali Houssein al Jabbouri von
der Shakir al-Adoud-Moschee in Bagdad.
Ein konkretes Beispiel für interreligiöse Solidarität
ist auch ein erst vor kurzem in Falludscha geschehenes Ereignis:
Während der Überfälle auf die sunnitische Stadt,
die im Bemühen um die Abwehr schiitischer Angriffe von amerikanischen
Truppen umstellt war, wollten die Christen den Menschen in der Stadt
helfen. Deshalb riefen die verschiedenen Gemeinden in Bagdad zur
Sammlung von Hilfsgütern auf, die sie nach Falludscha transportieren
ließen. Zusammen mit dem chaldäischen Bischof Sholomon
Warduni, begleiteten ein schiitischer und ein sunnitischer Imam
den Transport. Damit stellten sie die gemeinsamen Ziele der konkreten
Solidaritätsaktion unter Beweis. Die Menschen in Falludscha
fühlten sich auf diese Weise nicht allein gelassen.
Nach Ansicht verschiedener Beobachter können die Religionsgemeinschaften
durch ihre vielfältige Präsenz einen unersetzbaren Beitrag
zur allgemeinen Erholung der irakischen Gesellschaft leisten. Zu
den ausdrücklichen Zielen des Rates gehören deshalb:
- umgehende Maßnahmen, die den Bedürfnissen der verschiedenen
Religionsgemeinschaften entsprechen;
- Maßnahmen zur Förderung der traditionellen Toleranz
und der Religionsfreiheit im Irak;
- Maßnahmen zur Unterstützung des Aufbaus eines multireligiösen
Irak.
Diese Zeile sollen vor allem in Zusammenarbeit mit der Weltkonferenz
der Religionen für den Frieden erreicht werden, die die Initiativen
des irakischen Rates unterstützt. (PA) (Fidesdienst, 24/4/2004
– 44 Zeilen, 462 Worte)
ASIEN/IRAK – „Iraker
aller Religionsgemeinschaften sind ein geeintes Volk. Es ist falsch,
auf Moscheen zu schießen“. Professor Justo Lacunza,
Rektor des Päpstlichen Institutes für arabische Studien
und Islamkunde im Gespräch mit dem Fidesdienst.
Vatikanstadt (Fidesdienst) – „Der gemeinsame Nenner,
der heute alle Gläubigen im Irak vereint, egal ob es sich dabei
um Schiiten, Sunniten, Christen oder Kurden handelt, ist das ausgeprägte
nationalistische Empfinden. Die von Saddam Hussein befreiten Iraker
wünschen sich heute das Wiedererlangen der eigenen Würde
und die Umsetzung ihres legitimen Rechts auf Souveränität“,
so der Rektor des Päpstlichen Institutes für arabische
Studien und Islamkunde, Professor Justo Lacunza, im Gespräch
mit dem Fidesdienst. „Dabei spielen viele verschiedene Kräfte
eine Rolle“, so Prof. Lacunza, „doch der Rahmen für
das Zusammenleben wurde von der neuen Verfassung festgelegt, die
das islamische Gesetz nicht als Quelle der Inspiration für
die Rechte anerkennt. Dies ist eine Garantie, doch es müssen
auch Inhalte folgen.“
„Die gegenwärtige Situation ist sehr komplex, da der
Irak sich im Zentrum einer strategisch sehr wichtigen Region befindet,
und an Staaten unterschiedlichen politischen, kulturellen und religiösen
Charakters grenzt. Das Land befindet sich in einer Region, wo und
religiös-politische Fragen von großer Bedeutung sind,
und das wirkt sich sehr stark auf das Land aus.“, erklärt
Prof. Lacunza.
Zurzeit versuchen politische und religiöse Kräfte im Irak
nach Ansicht von Professor Lacunza, „ihren Platz für
die Zukunft zu sichern“. „Das Auftreten extremistischer
Gruppen lässt sich mit dem allgemeinen Kriegszustand erklären,
der heute im Irak herrscht: Diejenigen, die sich vor einem Jahr
für den Krieg entschieden haben, werden heute mit den Folgen
dieser Entscheidung konfrontiert, die weitere Gewalt, Hass und Rachegefühle
mit sich bringt. Die gegenwärtige Situation ist eine Folge
des mangelnden Dialogs und der unilateralen Entscheidung für
die Gewalt. Der Krieg im Irak hat auch Terroristen aus dem Ausland
angezogen, was die bereits schwierige Situation noch zusätzlich
kompliziert.“
„Die Religionsführer stehen heute vor einer schwierigen
Aufgabe: sie müssen einerseits umgehend auf die dringlichen
Forderungen der irakischen Bevölkerung und der in äußerster
Armut lebenden Familien reagieren; auf der anderen Seite sind sie
dafür verantwortlich, wie die Zukunft des Landes aussieht und
sie müssen ein gute Beziehungen zu zivilen und militärischen
Behörden und zu den anderen Religionen aufbauen. Der Beschuss
von Moscheen war angesichts des symbolischen Charakters, den sie
besitzen, ein schlimmer und unverantwortlicher Akt, denn so können
unter einem Volk, das sich bereits in seiner Identität bedroht
fühlt, antiwestliche Hassgefühle entstehen. (PA) (Fidesdienst,
24/4/2004 – 34 Zeilen, 394 Worte)
ASIEN/IRAK – Ein Jahr
nach dem Sturz Saddams: Religionsgemeinschaften zwischen traditionellen
Religionsführern und dem Einfluss neuer radikaler Gruppen
Bagdad (Fidesdienst) - Die Situation im Irak ist ein Jahr nach
dem Sturz Saddam Husseins komplex: das Entstehen neuer politischer
Gruppen, das Wiedererwachen traditioneller religiöser Bewegungen
und die Geburt neuer Formierungen, die Rückkehr im Exil lebender
Religionsführer und der Einfluss der angrenzenden Länder
lassen einen Rahmen entstehen, vor dessen Hintergrund politische
und religiöse Instanzen sich oft überschneiden und in
dessen Inneren jede Gruppe sich den eigenen Platz im zukünftigen
Irak sichern möchte.
Am offensichtlichsten war die Entwicklung der schiitischen Muslime:
durch Massenkundgebungen und eine kapillare Organisation an der
Basis versuchen die Schiiten, nach der brutalen Unterdrückung
durch das Saddam-Regime ihre eigenen Identität wieder zu festigen.
Als in der Mehrheit lebende Konfession (63% der Iraker sind Schiiten)
geben die Schiiten zu verstehen, dass sie ein Mitspracherecht bei
der Planung des neuen Irak fordern. Dabei gibt es jedoch auch Probleme,
die nicht einfach zu lösen sind.
Zu diesen Problemen gehört das Modell einer theokratischen
Nation, das die Schiiten vor Augen haben, wobei sie auf die Notwendigkeit
eines muslimischen Staates hinweisen, während einige schiitische
Religionsführer den umgehenden Rückzug der Koalitionstruppen
aus dem irakischen Territorium verlangen. In den Reihen der schiitischen
Glaubensgemeinschaft haben sich im vergangenen Jahre einige junge
radikale Religionsführer hervorgetan, die den eher moderaten
traditionellen Klerus, der vorwiegend aus Religionsvertretern besteht,
die bis vor kurzem im Exil gelebt haben, herausfordern. Eine weitere
offene Frage ist das Ausmaß des schiitischen Nachbarlandes
Iran und der libanesischen Hisbollah-Kämpfer.
Auf der anderen Seite hat die sunnitische Glaubensgemeinschaft,
der 34% der Iraker angehören, unter dem Sturz des Saddam-Regimes
gelitten, denn zu den Zeiten der Baath-Partei wurde sie als Macht
habende Gruppe betrachtet. Nach einer mühsamen Neuorganisierung
nach Ende der kriegerischen Handlungen wurde die sunnitische Glaubensgemeinschaft
mit dem Aufstieg des schiitischen Islam nach den Jahren der Unterdrückung
unterm Saddam konfrontiert. Im Laufe des Prozesses der Neuorganisierung
konnten wahabitische Elemente und Gruppen, die die antiwestliche
Ideologie der Al-Quaida vertreten einschleichen.
Nach Ansicht verschiedener Beobachter soll diese antiwestliche Ideologie,
die die Präsenz ausländischer Truppen im Irak ablehnt,
zu einem zunehmenden Zusammenwachsen zwischen Schiiten und Sunniten
geführt haben, zwischen denen eigentlich eine historische Spaltung
besteht. Glaubwürdiger scheint jedoch die Annahme, dass ein
„vorübergehendes Bündnis“ zwischen den beiden
Zeigen der Anhänger des Propheten geschlossen wurde oder vielmehr
zwischen einigen sunnitischen und schiitischen Gruppen und zwar
zur Verfolgung gemeinsamer Ziele, vor allem zum Wiedererlangen der
direkten politischen Souveränität über das Land.
Auch die im Wesentlichen in zwei Flügel gespaltene Gruppe der
vorwiegend sunnitischen Kurden wollen sich trotz der internen Spaltung
an der Regierung des Landes teilnehmen. Die Kurden schließen
sich zum einen in der Demokratischen Partei Kurdistan (PDK) unter
Leitung von Massoud Brzani und zum andern in der Patriotischen Union
Kurdistan (PUK) unter Jalal Talabani zusammen. Die Anführer
beider Gruppen gehören dem Irakischen Regierungsrat an und
verfügen über eine jeweils eigene Soldaten, die so genannten
Peshmerga.
Vor einem solchen Hintergrund betont auch die christliche Glaubensgemeinschaft
mit ihren verschiedenen Konfessionen ihre Solidarität mit dem
irakischen Volk und den Willen zum Aufbau geschwisterlicher Beziehungen
zu den anderen religiösen Gemeinschaften und zur Teilnahme
am Aufbau eines neuen Irak. Erwähnenswert ist auch die Tatsache,
das das vorwiegend durch die Caritas Irak abgewickelte christliche
Engagement im sozialen Bereich zur Unterstützung armer irakischer
Familien oft auch nichtchristlichen Familien zugute kommt.
Schiiten
Zu den bekanntesten schiitischen Gruppierungen gehört die
1950 gegründete Daawa-Bewegung, die älteste islamische
Bewegung im Irak. Nachdem mehrere Anführer dieser Gruppe unter
Saddam ermordet worden waren, wurde die Bewegung ganz aufgelöst
und unterdrückt, was dazu führte, dass viele Schiiten
im Untergrund lebten. Unter Leitung von Scheich Mohaammed Nasseri,
der nach Ende des Krieges aus dem Exil im Iran zurückgekehrt
war, sitzen heute zwei Vertreter der Daawa-Bewegung im irakerischen
Regierungsrat. Nasseri hatte mehrmals geäußert, dass
die Zeit der Besatzung durch die Koalition nicht länger als
sechs Monate dauern sollte.
Eine weitere schiitische Bewegung, die im Laufe des vergangenen
Jahres von sich hören gemacht hat ist der Oberste Revolutionsrat
des Irak (SCIRI) unter Muhammad Baqr al-Hakim, der jedoch bereits
im August 2003 bei einem Attentat in Nadschaf ermordet wurde. Hakim,
der im Land tausenden von Anhängern hatte, war ebenfalls aus
dem Exil zurückgekehrt, in das er von Saddam verbannt worden
war. Vor seinem Tod hatte er dem Regierungsrat seine Unterstützung
zugesagt und diesen unter den schiitischen Gläubigen bekannt
gemacht. Seinen Platz an der Spitze der Bewegung übernahm sein
Bruder Abdel Aziz, der enge Verbindungen mit dem Iran unterhält
und für seine Bewegung einen Sitz im Regierungsrat erhalten
hat. Dem bewaffneten Flügel des Revolutionsrates, den so genannten
Badr-Brigaden, gehören rund 10.000 Männer an.
Zu den radikalen schiitischen Gruppen gehört die Bewegung
unter Moktada al-Sadr, 32 Jahre, dessen Vater von den Baath-Partei
während der Jahre der Diktatur ermordet worden war. Al-Sadr
lehnt die traditionellen schiitischen Anführer ab. Sein Basislager
hat er in Nadschaf aufgeschlagen, von wo aus er die „amerikanischen
Besatzer“ bekämpft. Al-Sadr, der von den Behörden
der Koalition verfolgt wird, forderte in seinen Ansprachen stets
islamische Gesetze und appellierte dabei an den irakischen Nationalstolz,
wobei er sich als Gegenfigur zum wichtigsten Schiitenführer
im Irak, dem Großajatholla Ali Al-Sistani darstellte. Sadr
verfügt über etwa 10.000 Milizionäre und zahlreiche
Anhänger vor allem im schiitischen Stadtviertel Bagdads, dass
auch Sadr-City genannt wird. Den Koalitionstruppen drohte er mit
dem Einssatz von Selbstmordattentätern, sollten sie in die
heiligen schiitischen Städte Nadschaf und Kerbala eindringen.
Nach Ansicht von Beobachtern wird al-Sadr vom Rest der schiitischen
Glaubengemeinschaft abgelehnt.
Der wichtigste geistliche Anführer ist neben anderen Führungskräften
der 78jährige Ali Al Sistani, der vielleicht auch mit Blick
auf die Verfolgungen unter dem alten Regime den Koalitionskräften
gut gesinnt zu sein scheint. Al Sistani hat viele Jahre im Gefängnis
verbracht, weil er sich weigerte ins Exil zu gehen. Während
des Krieges befürwortete er die Intervention der Koalition.
Heute konkurrieren zahlreiche junge schiitische Anführer auf
der Suche nach einem Platz in der schiitischen Gemeinschaft mit
ihm. Obschon er Vorbehalte hinsichtlich des jüngsten Verfassungsentwurfs
für den Irak geäußert hatte, vermied er stets Kritik
an der Arbeit des Regierungsrates, in dem auch einige seiner Sympathisanten
vertreten sind. Sistani befürwortet die Trennung zwischen Staat
und Religion und lehnt den Einsatz von Waffen ab, doch er fordert
die Einhaltung der Fristen bei der Übergabe der Macht an die
Iraker, nicht zuletzt auch weil unter den Schiiten die Unzufriedenheit
hinsichtlich der Tätigkeit Politik der Koalition zunimmt. Nach
Aussage vieler Beobachter nimmt er dabei eine „abwartende“
Haltung ein: er möchte nicht in Konflikt mit der amerikanischen
Regierung geraten, die das Land von der Diktatur Saddams befreit
hat, aber er wartet die Machtübergabe ab, um die numerische
Überlegenheit der Schiiten in der neuen politischen Szene im
Irak, im Rahmen einer gewählten Regierung zu nutzen.
Sunniten
Unter den Sunniten hat sich vor allem die Gruppe um den islamischen
Theologen Mohsen Abdel Hamid hervorgetan, der Mitglied des irakischen
Regierungsrates ist. Hamid ist Anführer der Islamischen Partei
des Irak und gehört zu der Strömung der Islamischen Brüder.
Aufgrund seiner gemäßigten Position kam es zum Streit
mit dem als Professor für Islamkunde an der Universität
in Bagdad unterrichtenden Ahmad el Kebeisey, der zu den Predigern
beim Freitagsgebet in der Hanifa-Moschee im sunnitischen Stadtteil
Bagdads gehört. Der Imam hatte bereits mehrmals anti-amerikanische
Hassgefühle geschürt und zum Protest gegen die Koalitionstruppen
aufgefordert.
Die anhaltenden Gefechte und Entführungen im Irak haben zum
Entstehen neuer Gruppen im Irak geführt, darunter die Vereinigung
des sunnitischen Klerus, die bekannt wurde, nachdem sie bei den
Verhandlungen um den Waffenstillstand zwischen den sunnitischen
Einheiten und den amerikanischen Truppen in Falludscha vermittelt
und zur Freilassung von sieben entführten chinesischen Staatsbürgern
beigetragen hatte.
Scheich Harith al Dhari, einer der Anführer dieser Vereinigung
erklärte, dass „die Organisation zwar religiös aber
auch sozial und politisch sei und im Interesse des Landes handle.
Die Vereinigung entstand durch das Vakuum in den sunnitischen Reihen
in der Zeit nach dem Krieg. Die Vereinigung ist auch nationalistisch
geprägt und es gehören ihr wichtige Ulama der Abi Haanifa-
und der Abd al Kadr-Moscheen in Bagdad an, was sie zu einer ziemlich
einflussreichen Institution macht. Obschon sie im Regierungsrat
nicht vertreten ist, wird dieser von ihr unterstützt, wobei
die sie erklärte, man identifiziere sich mit den Positionen
der Islamischen Partei des Irak. Die Vereinigung unterhält
auch Verbindungen zur kurdischen Gemeinschaft und bemüht sich
nach eigenen Aussagen um gute Beziehungen zu den Schiiten.
Kurden
Bei den im Wesentlichen in zwei Gruppen gespaltenen Kurden handelt
es sich mehrheitlich um sunnitische Muslime. Die Kurden streben
trotz ihrer inneren Spaltung eine Beteiligung an einer zukünftigen
Regierung des Irak an. Die Kurden schließen sich zum einen
in der Demokratischen Partei des Kurdistan (PUK) unter Massoud Barzani
und in der Patriotischen Union des Kurdistan (PUK) unter Jalal Talabani
zusammen. Beide sind derzeit im irakischen Regierungsrat vertreten
und verfügen jeweils über autonome militärische Einheiten.
Die im Norden des Irak wohnenden rund vier Millionen Kurden haben
sich nach der Besatzung des Kurdistan durch islamische Truppen während
der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts zum Isalm bekehrt. Vor
dem Islam gab es unter den Kurden zahlreiche Zoroastrer, doch den
Kurden waren auch die anderen monotheistischen Religionen bekannt,
und es gab unter ihnen auch jüdische (seit dem 6. Jahrhundert)
und christliche (seit dem 2. Jahrhundert) Gemeinden. Heute gibt
es nur noch sehr wenige Juden, doch immer noch zahlreiche Christen.
Die Bekehrung der kurdischen Bevölkerung zum Islam rührte
nicht so sehr von der Begeisterung für die geistlichen Lehren
der arabischen Besatzer her sondern entsprach vielmehr dem Wunsch
der Ungerechtigkeit des Feudalsystems zu entkommen und eine Gesellschaft
aufzubauen, die auf Gleichheit, Brüderlichkeit und Solidarität
gründete. Im 12. Jahrhundert wurden die Kurden in das Osmanische
Reich eingegliedert. Beim Zusammenbruch des Reiches entstand im
Jahr 1918 die so genannte Kurden-Frage. An der Grenze des ehemaligen
Osmanischen Reichs entstand zunächst eine britische Mandatsregierung
und später undurchlässige Staatgrenzen (Türkei, Syrien,
Irak, Iran), die ein Zusammenleben der kurdischen Volksgruppe als
nationale Einheit unmöglich machten. Auf diese Weise waren
die Kurden, die während der Zeit des Osmanischen Reichs die
Funktion der so genannten „Grenzwächter“ übernommen
hatten, später als Hindernis für die Homogenisierung der
verschiedenen Länder betrachtet.
Heute ist die kurdische Kultur im Wesentlichen vom Islam geprägt:
dementsprechend werden das soziale, kulturelle und politische Leben
organisiert, und moralische und gesellschaftliche Werte bei der
Erziehung in den Familien bestimmt. Religionsvertreter nehmen in
den kurdischen Gemeinden oft wichtige Rollen ein. Oft gehören
die Mullah zu den Gebildeten der Dorfgemeinschaft. Religionsführer
spielten auch eine wichtige Rolle in der modernen kurdischen Befreiungsbewegung,
wie zum Beispiel Mullah Mustafa Barzani (1931-1978). Dieses Phänomen
legte auch den Grundstein für die nationale Bewegung und bestimmte
die ideologischen und politischen Aspekte des Kampfes der Kurden
für einen eigenen Staat und für die Anerkennung der Kurden
in muslimischen Ländern wie der Türkei, Syrien, Irak und
Iran. Nach dem Tod von Barzani ging die zeit der religiösen
Führungskräfte zu Ende und es waren Laien, die fortan
Führungspositionen übernahmen.
Wegen ihrer Forderungen nach Autonomie (oder manchmal auch Sezessionsbestrebungen)
wurden die Kurden unter Saddam Hussein verfolgt. Nach der Einrichtung
der No-fly-Zone durch die Vereinten Nationen im Jahr 1991 wurde
Kurdistan unter internationalen Schutz gestellt, was den Kurden
das Erlangen einer gewissen Autonomie ermöglichte.
Assyrer
Auch die christlichen Assyrer hoffen nach dem Sturz des Saddam-Regimes
darauf, dass sie zukünftig ihrer religiöse und kulturelle
Identität im Irak wieder frei praktizieren können. Einer
ihrer Vertreter, Younadem Kana, ist der einzige Christ im Regierungsrat.
Die christlichen Assyrer im Irak sind Anhänger der Assyrischen
Kirche des Ostens und zusammen mit der mit Rom unierten chaldäischen
Kirche Nachfahren der Kirche von Antiochia und dem Gesamten Osten,
die sich auch als Kirchen des heiligen Thomas betrachten, der im
1. Jahrhundert in den Gebieten predigte, in denen diese Kirchen
entstanden. Die Assyrer wurden nach Machtantritt der Baath-Partei
unter Saddam Hussein verfolgt und besitzen erst jetzt wieder eine
gewissen Freiheit, was die verschiedenen Ausdrucksformen ihrer Kultur,
ihrer Bräuche und ihres Kultes anbelangt.
Die Assyrische Kirche des Ostens ist eine selbständige (autokephale)
nicht mit Rom aber auch nicht mit den Orthodoxen Kirchen unierte
Kirche. Das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Assyrer, die
vor allem durch das Predigen von den Jüngern des Apostels Thomas
, Mar Addai und Mar Mari, vom 1. bis zum 4. Jahrhundert nach Christus
entstand, liegt großenteils im mesopotamischen Raum und im
armeno-kurdischen Bergland im heutigen Syrien, Irak und Iran. Die
Assyrische Kirche des Ostens wurde nach den Konzilen in Seleukia
(410) und in Markabata (424) unabhängig und wählt ihren
Patriarchen mit dem Titel „Katholikos“.
Mitte des 15. Jahrhunderts erlebte die assyrische Kirche eine Zeit
der Verschließung und der Krise. Als Papst Julius III. 1553
den „chaldäischen Patriarchen“ Simon VIII. ernannte
spalteten sich die assyrische und die chaldäische Kirche. Eine
Spaltung die bis heute anhält.
Doch seit der historischen Spaltung haben sich die Beziehungen zwischen
Chaldäern und Assyrern wieder verbessert. Eine neue Ära
des Dialogs und der guten Beziehungen begann nach der Unterzeichnung
der gemeinsamen christologischen Erklärung durch den Papst
und den Patriarchen Mar Dinkha IV. in Rom im November 1994. Im August
1997 hatte der Heilige Synod der Chaldäischen Kirche und der
Assyrischen Kirchen eine Dialogkommission eingerichtet, die sich
mit der pastoralen Zusammenarbeite auf den verschiedenen Ebenen
befassen soll.
Eine Zeit des besonderen Leidens begann für die Assyrer mit
den Verfolgungen nach der Unabhängigkeit des Irak (1932) im
Jahr 1933. Sie wurde als Feinde der Regierung betrachtet und Opfer
von Massakern irakischer Soldaten. Im Gedenken an diese Vorkommnisse
feiern die Assyrer den 7. August als Tag des „assyrischen
Martyriums“. Heute leben rund 70.000 Assyrer im Nordirak,
wo sie ihre eigene kulturelle, linguistische und religiöse
Identität bewahren konnten. Seit den 70er Jahren darf in assyrischen
Grundschulen Syrisch (eine Spätform des Aramäischen) unterrichtet
werden, nachdem die Regierung in Bagdad Assyrern und Turkmenen eigene
Kultur- und Verwaltungsrechte zuerkannte.
Katholiken
„Alle irakischen Christen beten dafür und engagieren
sich dafür, dass das Zusammenleben zwischen den Glaubensgemeinschaften
im Irak, das seit 1600 Jahren andauert, weiterhin möglich bleibt“,
erklärte der syrische Erzbischof von Bagdad, Athanase Matti
Shaba Mattoka in einem Interview zur Lage der Christen im neuen
Szenarium des Irak. „Wir sind davon überzeugt, dass der
Dialog der einzige Ausweg aus der Gewalt ist.“, fügte
er hinzu.
In der Zeit nach dem Sturz von Saddam Hussein haben die Christen
versucht, sich eine eigene Position im politischen und gesellschaftlichen
Leben zu schaffen, wobei sie sich für einen pluralistischen
laizistischen Staat einsetzen, der alle religiösen Minderheiten
mit Respekt begegnet. Die Christen begrüßten die Verabschiedung
der neuen Verfassung des Eriak im März dieses Jahres, die der
in der Diözese Ninive tätige Pfarrer Nizar Semaan, als
„ positivern Schritt vor allem für die Einheit des Landes
aber auch für das Entstehen eines neuen Irak, eines zivilen
Irak, der seine Minderheiten respektiert“ bezeichnete.
„Die Vision von einem laizistischen Irak mit religiösen
Werten war stärker, denn Laizität bedeutet nicht Religionslosigkeit“,
so Pfarrer Nizar Semaan. „Diese Verfassung kann eine solide
Grundalge für die Demokratie in meinem Land sein, in dem die
Achtung für jeden Menschen unabhängig von seiner religiösen
und ethnischen Zugehörigkeit vorrangige Bedeutung hat“,
fügt der katholische Priester hinzu, „Für uns Christen
ist dabei am wichtigsten, dass diese Verfassung nicht auf islamischen
Gesetzen gründet.“, betont er.
„Ich glaube, dass diese Verfassung ein Vorbild für alle
im Nahen Osten sein könnte. Die Iraker sollten stolz darauf
sein, dass sie eine solche Verfassung haben, die die Grundlagen
für ein ziviles Zusammenleben schafft obwohl es verschiedene
Volksgruppen und Religionen gibt. Im neuen Irak gibt es heute keine
Bürger ersten und zweiten Grades mehr, sondern alle haben dieselben
Rechte und Pflichten. Als Christen hoffen wir, dass wir unseren
Glauben sicher und frei leben können. Wir möchten aktiv
am Aufbau eines neuen Irak teilnehmen“, bekräftigt der
katholische Pfarrer.
Die neue Verfassung scheint im Wesentlichen den Forderungen der
Christen zu entsprechen, die im Herbst vergangenen Jahres von den
Bischöfen des chaldäischen Ritus (dem die meisten Christen
im Irak angehören) zum Ausdruck gebracht worden waren. In einem
Brief an den Regierungsrat hatten sie gefordert, dass den Christen
im Irak alle religiösen, gesellschaftlichen, bürgerlichen
und politischen Rechte garantiert werden sollten. Die chaldäische
Bevölkerung, so die Bischöfe damals, ist nach den Arabern
und Kurden die drittgrößte Volksgruppe im Land: ihre
Präsenz war im Berufsleben, sowie in Gesellschaft und Verwaltung
im Irak immer wichtig. Aus diesem Grund forderten die Bischöfe
die Anerkennung der Rolle der chaldäischen Gemeinschaft beim
Aufbau eines neuen Irak. „Wir möchten unsere Solidarität
gegenüber allen irakischen, arabischen, kurdischen und turkmenischen
Bürgern und mit allen ethnischen und religiösen Gruppen
zum Ausdruckbringen, die in friedlicher Geschwisterlichkeit mit
den assyrischen, syrischen, armenischen und lateinischen Christen
zusammenarbeiten, wenn es um den Aufbau eines neuen demokratischen,
freien und wohlhabenden Irak geht.
Trotz dieser positiven Ausgangssituation war es infolge von späteren
Spannungen im Land erneut zu Drohungen gegen die christliche Glaubensgemeinschaft
gekommen, die in verschiedenen irakischen Städten und insbesondere
in Mossul von extremistischen Gruppen ausgesprochen worden waren.
Die politischen Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten, so Fidesquellen,
eröffneten den Christen keine sicheren Perspektiven. Christliche
Familien verließen daraufhin auch die Hauptstadt Bagdad und
siedelten in die nördlichen Landesteile um, wo sie sich sicherer
fühlten.
Die Christen legen großen Wert darauf, als vollwertige Iraker
betrachtet zu werden: Christen leben in dieser Region, die vom Irak
bis nach Indien reicht, bereits seit der zeit des Apostels Paulus,
der nach der Auferstehung Christi im Jahr 40 nach Christus unter
den Völkern des Nahen Ostens predigte.
Die heutigen Christen sind Nachfahren dieser Völker, die sich
auch unter der arabischen Besatzung im VII. Jahrhundert nicht zum
Islam bekehren ließen. 70% der irakischen Christen sind Anhänger
der chaldäischen Kirche. Insgesamt leben im Irak rund 800.000
Christen, die damit rund 3% der der Bevölkerung ausmachen.
Dabei handelt es sich je zur Hälfte um Katholiken und Orthodoxe.
Protestanten gibt es im Irak erst seit wenigen Jahren.
Die Katholiken im Irak gehören vier verschiedenen Riten an:
- Die chaldäische Glaubensgemeinschaft
Die meisten irakischen Christen sind Chaldäer. Sitz des Patriarchats
ist Bagdad. Nach dem Tod des Patriarchen S.S. Raphael I. Bidawid
wurde der bisherige Weihbischof Emmanuel Karim Delly, 76 Jahre,
zu dessen Nachfolger im Amt des chaldäischen Patriarchen ernannt.
Kurz nach seiner Ernennung am 3. Dezember 2003 hatte der neue Patriarch
in einem Interview mit dem Fidesdienst gesagt: „Heute leben
wir alle unter schwierigen Bedingungen und wünschen uns Frieden
und Ruhe. Deshalb müssen die Sicherheitsbedingungen umgehend
wieder hergestellt werden, den sie sind Voraussetzung für die
Rückkehr zu einem normalen Leben“. „Die Gewalt,
die im Irak zu Blutvergießen führt“, so Bischof
Delly weiter, „muss ausdrücklich verurteilt werden.“
In einem mehrheitlich muslimischen Umfeld, lebt eine sehr lebendige
chaldäische Glaubensgemeinschaft, die sich vor allem der Katechese
und der Erziehung widmet: in Bagdad gibt es ein Patriarchalseminar
und vor kurzem wurde dort auch das Kolleg von Babylonien gegründet,
das als Patriarchalkolleg mit der Päpstlichen Urbaniana-Universität
unter Leitung der Kongregation für die Evangelisierung der
Völker assoziiert ist. Dieses Kolleg bietet Kurse für
Philosophie und Theologie an, die von Priesteramtskandidaten und
Laien besucht werden können.
Die Pfarrgemeinde ist in der chaldäischen Kirche von ganz besonderer
Bedeutung: hier praktizieren und leben sie ihren Glauben. Aus diesem
Grund ist die seelsorgerischer Betreuung besonders wichtig, die
heute trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten eine Blütezeit
erlebt. Die Pfarreien entstanden je nach den Möglichkeiten
der Kirche, doch mit dem numerischen Wachstum der Gemeinden, sind
auch die Bedürfnisse größer geworden.
Chaldäische Gläubige engagieren sich vor allem in Werken
der Nächstenliebe und betreuen viele arme Familien, darunter
Christenn und Muslime, an die sie jeden Monat Lebensmittel, Kleidung
und andere Hilfsgüter verteilen. Die Liturgie- und Theologiesprache
der chaldäische Kirche ist eine Spätform des Aramäischen.
Da jedoch ein Großteil der Gläubigen Arabisch spricht
wird die arabische Umgangssprache der Bevölkerung zunehmend
bei Lesen von Gebeten, Bibelstellen und einigen Liturgischen Formeln
benutzt und die Heilige Messe oft zweisprachig gestaltet. Der Religionsunterricht
findet abgesehen von den Bergdörfern im Norden des Irak, wo
noch heute Aramäisch gesprochen wird, in Arabisch statt.
Im Irak gibt es auch zwei chaldäische Schwesterngemeinschaften:
die Schwestern vom: die Schwestern vom Heiligen Herzen und die Töchter
von der Makellosen Maria. In der chaldäischen Kirche gibt es
zudem Mönche, die missionarisch tätig sind: die chaldäischen
Mönche gründeten ursprünglich ihre Klöster in
der Bergregion im Norden des Irak, wo sie die kurdischen Dörfer
besuchten und dies auch heute noch tun, in Schulen als Lehrer unterrichten
und Religionsunterricht geben. Aus den Bergen kamen sie nach Mossul
und schließlich nach Bagdad, wo sich heute der Sitz des Generaloberen
befindet. Die chaldäischen Mönche haben heute 400 Klöster
im Irak und eines in Rom sowie eine Mission im Amerika.
Heute leben im Irak über 700.000 chaldäische Christen.
Etwa ebenso viele leben in chaldäsichen Diasporagemeinden auf
der ganzen Welt
- Die syrisch-antiochenische Glaubengemeinschaft
Insgesamt leben im Irak 75.000 syrisch-antiochenische Christen in
den beiden Diözesen Bagdad und Mossul. Syrisch-antiochenischer
Bischof von Bagdad ist Ahtanase Matti Shaba Matoka, während
das syrisch-antiochenische Bistum Mossul von Basile Georges Casmoussa
geleitet wird. Nachdem Jesuiten und Franziskaner von Aleppo (Syrien)
aus im Jahr 1926 mit der Missionierung begonnen hatten, unierte
sich ein Teil der syirsch-antiochenischen Kirche, die so genannten
„Jakobiten“ mit Rom, wodurch die syrisch-katholische
Kirche entstand, die jedoch die Patristik und Liturgie der Ursprungskirche
beibehielt. Im Iraks leben syrisch-katholische Gläubige sowohl
im Süden als auch im Norden: es gibt eine kleine Gemeinde in
Bassora, in Bagdad leben rund 30.000 syrisch-katholische Gläubige;
in Kirkuk und Mossul sind es insgesamt rund 45.000. Liturgiesprache
ist vor allem in den Städten Arabisch, während überwiegen
in den ländlichen Gebieten um Mossul, aber auch in Karakosh
mit seinen rund 25.000 Gläubigen weiterhin Aramäisch als
Liturgiesprache benutzt wird. Das Patriarchat der syrisch-katholischen
Kirche hat seinen Sitz in Beirut (Libanon).
- Die armenisch-katholische Glaubensgemeinschaft
Die armenischen Gemeinden im Irak stammen vor allem von den Auswanderern
und Zwangsdeportierten ab, die 1915 infolge der Massaker unter dem
Regime der Jungen Türken in das Land kamen. Die armenische
Kirche geht auf den heiligen Gregorius zurück, der den christlichen
Glauben im 3. Jahrhundert nach Armenien brachte. Die armenische
Kirche spaltete sich in einen orthodoxen (apostolische) und einen
katholische Zweig.
In Bagdad führen armenischen Schwestern eine Schule, die von
rund 800 jeweils zur Hälfte armenischen und muslimischen Schülern
besucht wird. Im Irak leben rund 2.000 armenisch-katholische Gläubige
unter Leitung von Bischof Andon Atamian. Bis zu den 90er Jahren
lebten im Irak rund 20.000 bis 30.000 armenische Gläubige (der
orthodoxen und der katholischen Kirche). Währen der letzten
zehn Jahre verließen viele das Land infolge der Armut.
- Die Katholiken des lateinischen Ritus
Seit drei Jahrhunderten arbeiten im Irak zahlreiche Missionare des
lateinischen Ritus eng mit der chaldäsichen Glaubensgemeinschaft
zusammen: Ordensleute der lateinischen Kirche sind in Bagdad und
im Norden des Landes in der Seelsorge in den chaldäischen Gemeinden
tätig, sie geben Religionsunterricht für Kinder und Jugendliche
oder spenden die Sakramente und engagieren sich nicht zuletzt auch
für die Armen. Missionare der lateinischen Kirche lernen Arabisch
und kennen Liturgie und Tradition der chaldäsichen Kirche und
integrieren sich vollständig in die einheimische Kultur.
Im Irak leben und arbeiten Redemptoristen, Dominikaner, Karmeliter,
Salesianer und chaldäische Mönche aus dem Libanon. Unter
den Schwesternorden sind folgende im Irak tätig: die Franziskaner
Missionsschwestern, Dominikanerinnen von der Darstellung der Jungfrau
von Tours (die das St. Raphael Krankenhaus in Bagdad verwalten);
Dominikanerinnen von der hl. Katharina von Siena, die Kleinen Schwestern
von Jesus und die Missionarinnen von der Nächstenliebe, die
nach dem Vorbild von Mutter Teresa von Kalkutta arbeiten und vor
allem behinderte Kinder betreuen. Die Katholiken des Lateinischen
Ritus (rund 2.500) leben größtenteils in Bagdad und werden
von Erzbischof Jean Benjamin Sleiman betreut.
(PA) (Fidesdienst, 24/4/2004 – 345 Zeilen, 3.846 Worte) |