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Die Kirchen des hl. Apostels Thomas,
Missionar im Orient: Die Chaldäische Kirche im Irak und
die Syromalabarische Kirche in Indien |
Inhalt
42-72 n. Chr.: Der hl. Apostel Thomas , Völkermissionar bis
in den Fernen Osten
Irak
- Die Chaldäische Kirche: Geschichte
- Reichtum des Chaldäischen Ritus
- Die Chaldäische Kirche: Organisation und Struktur
- Begegnung zwischen den Missionaren des lateinischen Ritus und
den Gläubigen der Chaldäischen Kirche
Iran – Die Chaldäische Glaubensgemeinschaft
im Iran und im Mittleren Osten
Diaspora: Die Chaldäische Kirche weltweit
Indien
- Das Zusammentreffen der Portugiesen mit der durch die Mission
des hl. Thomas entstandenen Kirche
- Die Ankunft des hl. Franz-Xaver, Soldat Gottes und großer
Missionar des Orients im 16. Jahrhundert
- Die „Begegnung“ zwischen dem hl. Apostel Thomas und
dem hl. Franz Xaver
- Der Syromalabarische Ritus
- Das wertvolle Engagement der syromalabarischen Kirche für
das kulturelle Wachstum
- Die Syromalabarische Kirche: Organisation und Struktur
Zeugnisse
- Interview mit Antonios Mina,
verantwortlich für die Chaldäische Kirche bei der Kongregation
für die Orientalischen Kirchen.
- Interview mit Philip Najim, Prokurator der Chaldäischen Kirche
beim Heiligen Stuhl
42-72 n. Chr.: Der Apostel Thomas als Missionar unter den Völkern
bis zum Fernen Osten
Das Christentum hat im Orient antike Wurzeln. Die christlichen
Kirchen in diesem Teil der Welt, der vom Irak bis nach Indien reicht
bezeichnen sich als „Töchter des hl. Thomas“. Tatsächlich
begann alles damit, das der Apostel Thomas (griechische Übersetzung
aus dem Aramäischen: Toma=Zwilling) nach dem Tod und der Auferstehung
Jesu Jerusalem im Jahr 40 n. Chr. verließ und in den Jahren
von 42 bis 49 die Völker des Nahen Ostens evangelisierte, die
jene Länder bewohnten wo sich heute der Iran, der Irak, Afghanistan
und Belutschistan befinden. Doch der hl. Thomas, von jenem Eifer
ergriffen, der allen Aposteln Jesu eigen war, hielt nicht inne:
er reiste weiter nach Indien um die Frohbotschaft des Evangeliums
auch den noch weiter entfernten Völkern zu verkünden.
So kam es, dass der Apostel den christlichen Glauben in den Jahren
von 53 bis 60 erstmals entlang der südwestlichen Küste
Indiens(damals Malabar, dem heutigen Unionsstaat Kerala) auch den
dort wohnenden Völkern verkündete, die das Evangelium
mit Begeisterung und Freude aufnahmen. Später reiste der hl.
Thomas weiter bis zur südöstlichen Küste Indien,
wo er für seinen Glauben an Christus mit dem Leben bezahlen
musste. Die Verkündigung des Apostels wurde mit dem Martyrium
besiegelt: auf einer seiner Missionsreisen, auf denen er die Frohbotschaft
unter Menschen verkündete, die Jesus noch nicht kannten wurde
er im heutigen Madras von einem Speer tödlich getroffen. Der
Überlieferung nach starb der hl. Thomas zwischen 68 und 72
n.Chr.
Der Apostel Thomas wird auch als „Leiter und Lehrer der indischen
Kirche“ bezeichnet, die von ihm „gegründet und
getragen“ wurde. Seither werden diese Christen als „Thomaschristen“
bezeichnet, sie wohnen auch heute noch an der Küste von Malabar
im heutigen indischen Unionsstaat Kerala und betrachten den hl.
Thomas als ihren spirituellen Vater. Nach Ansicht von verschieden
Historikern soll der hl. Apostel das Evangelium sogar in China verkündet
haben, doch dafür gibt es keine dokumentierten Beweise.
Aus der Verkündigung des hl. Apostels Thomas ist zum einen
die chaldäsiche Kirche entstanden, deren Mitglieder heute größtenteils
im Irak leben, und zum anderen die syromalabarische Kirche, die
vor allem im Südwesten Indiens ihre Blütezeit erlebt hat.
Im Lauf der Jahrhunderte hat die chaldäsiche Kirche, ähnlich
wie die anderen orientalischen Kirchen durch ihre seelsorgerische
Tätigkeit das eigene Überleben zu sichern und dabei versucht
der islamischen Eroberung zu widerstehen und das Licht des christlichen
Glaubens in einem mehrheitlich islamisch(Irak, Iran, Mittlerer Osten)
oder hinduistisch (Indien) geprägten Kontext zu bewahren. Gegenwärtig
konzentriert sich die Missionstätigkeit der Chaldäischen
Kirche vor allem auf die Diasporagemeinden, wo die geistliche Begleitung
und die Katechese vor allem unter jungen Menschen oft auch mit Hilfe
und Mitteln der Gemeinden des lateinischen Ritus gesichert werden
sollen.
IRAK
Irak – Die Chaldäische Kirche: Geschichte
Auf seinen Missionsreisen hinterließ der Apostel Thomas vor
seiner Weiterreise nach Indien zwei Gefährten und Jünger
in Mesopotamien: Mar Addai und Mar Mari. Aus der Verkündigung
des Apostels und seiner beiden Gefährten entstand eine Kirche,
die sich in der Zeit vom 1. bis zum 4. Jahrhundert durch das Entstehen
zahlreicher Gemeinden und Klöster in jener Gegend ausbreitete,
wo sich das heutige Syrien befindet und die bis zum Irak und zum
Iran reicht. Bei den Konzilen von Seleukia im Jahr 410 und Markbata
im Jahr 424 wurden diese Kirchen für autonom erklärt.
Sie hatten die Möglichkeit einen eigenen Patriarchen zu wählen,
der den Namen „Katholikos“ tragen sollte.
Gegen Mitte des 15. Jahrhunderts erlebte die assyrische Kirche eine
Zeit des Verfalls und der Schließung: es entstand die Tradition
einer erblichen Folge des Patriarchen mit dem Ergebnis, dass die
Kirche von einer einzigen Familie beherrscht wurde und zum Teil
ungebildete Minderjährige den Sitz des Patriarchen einnahmen.
Doch als 1552 ein Ebensolcher zum Patriarchen gewählt wurde,
weigerte sich eine Gruppe assyrischer Bischöfe diesen anzuerkennen,
vielmehr wollten sie die große monasitschen Tradition des
Orients wieder beleben: sie wählten den Mönch Yuhannan
Sulaka zu ihrem Patriarchen und entsandten ihn nach Rom, wo er um
die Anerkennung durch die katholische Kirche bitten sollte. Zu Beginn
des Jahres 1553 ernannte Papst Julius III. ihn zum „Patriarchen
der Chaldäer“ und verlieh ihm den Namen Simon VIII. Er
wurde am 9. April 1553 in der Petersbasilika vom Papst zum Bischof
geweiht. Dies ist das „offizielle“ Geburtsdatum der
chaldäischen Kirche. Der neue Patriarch kehrte noch 1553 in
seine Heimat zurück, wo er eine Reihe von Reformen einleitete
und durchführte und dabei auf en Widerstand des Patriarchen
der assyrischen Glaubensgemeinschaft stieß. Simon wurde 1555
festgenommen, gefoltert und hingerichtet. Über 200 Jahre lang
gab es Spannungen zwischen Gemeinden die die Gemeinschaft mit der
römischen Kirche befürworteten und solchen, die diese
ablehnten. Die Situation stabilisierte sich, nachdem Papst Pius
VIII. Den Metropoliten John Hormizdas als Oberhaupt aller chaldäischen
Katholiken bestätigte und ihm den Titel „Patriarch von
Babylon der Chaldäer“ verlieh mit Sitz in Mossul im nördlichen
Irak verlieh. Erst nach dem Zweiten Welt wurde der Sitz des Patriarchen
1950 nach Bagdad verlegt, nachdem viele chaldäischen Katholiken
aus dem Norden des Irak in die Hauptstadt gezogen waren.
Unterdessen haben sich die Beziehungen zwischen der chaldäischen
und der assyrischen Glaubensgemeinschaft gebessert: ihren Höhepunkt
hatte die neue Ära des Dialogs und der guten Beziehungen in
der Unterzeichnung einer gemeinsamen christologischen Erklärung
durch Papst und Johannes Paul II. und Seiner Heiligkeit Mar Dinkha
IV. in Rom im November 1994. Im August 1997 haben der Heilige Synod
der chaldäischen und der assyrischen Kirche eine Kommission
für den Dialog eingerichtet, die eine pastorale Zusammenarbeit
auf allen Ebenen fördern soll.
Vom 16. bis 24. Oktober 2002 fierte die Chaldäische Kirche
ihre Synode: chaldäische Bischöfe aus der ganzen Welt
tagten gemeinsam unter Vorsitz von Patriarch Bidawid. Die Synodenversammlung
beschloss die Gründung von zwei neuen Gremien: einer Kommission
für die Beziehungen zwischen der chaldäischen und der
assyrischen Kirche und eine Kommission für die Reformierung
der Liturgie.
Irak – Der chaldäische Ritus und seine Besonderheiten
Der Chaldäische Ritus ist einer der fünf wichtigsten
Riten der Orientalischen Kirchen, neben dem Alexandrinischen Ritus
(koptische und äthiopische Kirche), dem Antiochenischen Ritus
(maronitische und syrische Kirche), dem Armenischen Ritus und dem
Byzantinischen Ritus.
Nach dem chaldäischen Ritus leben und zelebrieren die ostsyrische,
die chaldäische und die syromalabarische Kirche.
Der chaldäische Ritus entwickelte sich unabhängig unter
der Herrschaft der Sassaniden (4. bis 7. Jahrhundert), die bis zu
den arabischen Eroberungen in Persien regierten (heute: Syrien,
Irak, Iran): deshalb wird manchmal auch die Bezeichnung „persischer
Ritus“ benutzt.
Dieser Ritus existierte in seiner gegenwärtigen Form, zumindest
was die Heilige Messe anbelangt bereits zu Beginn des 7. Jahrhunderts.
Er ist in seiner weiteren Entwicklung den grundlegenden Strukturen
treu geblieben.
Seit dem 17. Jahrhundert wurde der Ritus in Rom als „chaldäisch“
bezeichnet, während in den von den Chaldäern bewohnten
Gebieten eher die Bezeichnung „ostsyrisch“ benutzt wird.
Liturgische Sprache ist Syrisch (Aramäisch), das mit seinen
antiken Lauten und fast musikalischen Tönen fast als Ornament
betrachtet werden kann. In einigen Kirchen im Mittleren Osten wird
jedoch zunehmend Arabisch, die Umgangssprache der Bevölkerung,
beim Lesen von Gebeten, Bibelstellen und einigen liturgischen Formeln
benutzt.
Bei der Eucharistiefeier zelebrieren die versammeln Christen zwei
Feiern zusammen, wie dies zur Zeit der ersten Apostel üblich
war.
Das Wort Gottes wird vom Bema aus verkündet, d. h. einer erhöhten
Tribüne, die sich in der Mitte der Kirche befindet und symbolisch
Jerusalem darstellt, das Zentrum der Welt und der Ort an dem Jesus
gelehrt hat. Dies soll vermitteln, dass die Lesung oder die Predigt
nichts anderes ist als die Weitergabe des von Gott empfangenen Wortes,
wie dies auch auf der Kanzel in den Kirchen des lateinischen Ritus
geschieht.
Die eucharistische Weihe – auch Heiligung genannt –
findet im Heiligen der Heiligen statt, ein Symbol des Himmels, wo
dem Vater das Opfer seines Sohnes, des göttlichen Lammes in
Form von Brot und Wein dargebracht wird.
Die Kommunion findet im zwischen dem Hauptschiff und dem Heiligtum
gelegenen Gestrom, dem Symbol für das Paradies statt. Auf diese
Weise soll die Frucht, die den Menschen aus dem Paradies vertrieben
hat, durch die Frucht des Leibes der Muttergottes ersetzt werden,
die das Ewige Leben schenkt.
Auf diese Weise soll auf der einen Seite Geheimnis Christi „wieder
gegeben“ werden und auf der anderen Seite wird den Gläubigen
die Möglichkeit gegeben an der Heilsbotschaft des Erlösers
teilzuhaben: sie werden in sein Reich eingeführt wo er endgültig
in die göttliche Herrlichkeit einging.
Irak – Die Chaldäische Kirche: Organisation und
Strukturen
Auf der ganzen Welt gibt es insgesamt rund eine Million chaldäische
Gläubige. Ein Großteil von ihnen (500.000) leben im Irak,
wo sich auch der Sitz des Patriarchats befindet. Dem chaldäischen
Patriarchen von Babylonien, S. Sel. Raphael I. Bidawid, stehen zwei
Weihbischöfe zur Seite, Bischof Emmanuel-Karim Delly und der
neu ernannte Bischof Andraos Abouna, von denen der eine für
die Seelsorge verantwortlich ist und der andere im Amt des Kurienbischofs
für die Organisation zuständig ist.
Die Kirchsprengel der chaldäischen Kirche im Irak sind wie
folgt strukturiert: Metropolie und Patriarchaleparchie Bagdad, die
Eparchien (vergleichbar mit Diözesen) Alquoch, Amadia, Akra
im äußersten Norden des Irak und der Eparchie Bassorah
im äußersten Süden des Landes und den Eparchien
Arbil und Mossul im Norden. Auf den Bergen im Norden des Irak, wo
sich die meisten Eparchien der chaldäischen Kirche befinden,
handelt es sich bei den katholischen Gläubigen größtenteils
um Kurden, die dort unter schwierigsten Umständen in großer
Armut leben. Die Kurden (insgesamt rund 5 Millionen im Irak) sind
mehrheitlich Araber. Die chaldäsichen Kurden gehören zu
den ältesten christlichen Gemeinden des Orients und ihre Ursprünge
gehen auf das 2. Jahrhundert nach Christus zurück. Die christlichen
Wurzeln werden von antiken Konventen und Klöstern im Norden
des Irak dokumentiert, die zwischen dem 5. und dem 6. Jahrhundert
nach Christus entstanden sind.
In der Landesmitte, wo sich die Hauptstadt Bagdad befindet sind
Einwohner mehrheitlich Araber, die sich zum islamisch-sunnitischen
Glauben bekennen (34,5% der insgesamt 22 Millionen Einwohner des
Landes) während die Einwohner im Süden der islamisch-schiitischen
Glaubensgemeinschaft angehören, die mit 62% der Gesamtbevölkerung
die größte Glaubensgemeinschaft darstellen.
In einem mehrheitlich muslimischen Umfeld, lebt eine sehr lebendige
chaldäische Glaubensgemeinschaft, die sich vor allem der Katechese
und der Erziehung widmet: in Bagdad gibt es ein Patriarchalseminar
und vor kurzem wurde dort auch das Kolleg von Babylonien gegründet,
das als Patriarchalkolleg mit der Päpstlichen Urbaniana-Universität
unter Leitung der Kongregation für die Evangelisierung der
Völker assoziiert ist. Dieses Kolleg bietet Kurse für
Philosophie und Theologie an, die von Priesteramtskandidaten und
Laien besucht werden können.
Im Irak gibt es auch zwei chaldäische Schwesterngemeinschaften:
die Schwestern vom: die Schwestern vom Heiligen Herzen und die Töchter
von der Makellosen Maria. In der chaldäischen Kirche gibt es
zudem Mönche, die missionarisch tätig sind: die chaldäischen
Mönche gründeten ursprünglich ihre Klöster in
der Bergregion im Norden des Irak, wo sie die kurdischen Dörfer
besuchten und dies auch heute noch tun, in Schulen als Lehrer unterrichten
und Religionsunterricht geben. Aus den Bergen kamen sie nach Mossul
und schließlich nach Bagdad, wo sich heute der Sitz des Generaloberen
befindet. Die chaldäischen Mönche haben heute 400 Klöster
im Irak und eines in Rom sowie eine Mission im Amerika.
Irak – Begegnung zwischen Missionaren der lateinischen
Kirche und chaldäischen Gläubigen
Seit drei Jahrhunderten arbeiten im Irak zahlreiche Missionare
eng mit der chaldäsichen Glaubensgemeinschaft zusammen: Ordensleute
sind in Bagdad und im Norden des Landes in der Seelsorge in den
chaldäischen Gemeinden tätig, sie geben Religionsunterricht
für Kinder und Jugendliche oder feiern die Sakramente und engagieren
sich nicht zuletzt auch für die Armen. Missionare der lateinischen
Kirche lernen Arabisch und kennen Liturgie und Tradition der chaldäsichen
Kirche und integrieren sich vollständig in die einheimische
Kultur.
Im Irak leben und arbeiten Redemptoristen, Dominikaner, Karmeliter,
Salesianer und chaldäische Mönche aus dem Libanon. Unter
den Schwesternorden sind folgende im Irak tätig: die Franziskaner
Missionsschwestern, Dominikanerinnen von der Darstellung der Jungfrau
von Tours (die das St. Raphael Krankenhaus in Bagdad verwalten);
Dominikanerinnen von der hl. Katharina von Siena, die Kleinen Schwestern
von Jesus und die Missionarinnen von der Nächstenliebe, die
nach dem Vorbild von Mutter Teresa von Kalkutta arbeiten und vor
allem behinderte Kinder betreuen.
Iran – Chaldäische Gemeinden im Iran und im Mittleren
Osten
Es gibt chaldäische Gemeinden nicht nur im Irak: bereits seit
der ersten Verkündigung durch den hl. Thomas und seine Jünger
hat sich die chaldäische Kirche im ganzen Mittleren Osten verbreitet.
Von Ägypten über den Libanon bis in den Iran hat das Predigen
der Apostel die Herzen der Menschen berührt und zu Bekehrungen
geführt, so dass einheimische chaldäische Gemeinden entstanden,
die im Laufe der Jahrhunderte offiziell anerkannt wurden: heute
gibt es Eparchien (vergleichbar mit Diözesen) in Ägypten
(Kairo), Syrien (Alep), im Iran (Metropolie Teheran und Eparchien
in Urmya, Ahwaz, Salmas), im Libanon (Beirut) und in der Türkei
(Diabeikir).
Vor allem im Iran, wo der schiitische Islam Staatsreligion ist,
genießt die einheimische chaldäische Gemeinde zwar Kultfreiheit,
lebt jedoch im Allgemeinen unter schwierigen Umständen und
nicht selten werden ihre Mitglieder diskriminiert. Es dürfen
zwar der Kult frei praktiziert und interne Fragen der Gemeinde (Statuten,
Religionsunterricht) geregelt werden, doch die Evangelisierungstätigkeit
unter Nichtchristen ist verboten; die Minderheiten haben eigene
Schulen, deren Rektor jedoch Muslim sein muss, und ein Teil des
Religionsunterrichts findet anhand von so genanntem „interkonfessionellem“
Lehrmaterial statt, das vom Ministerium für Erziehung und Bildung
vorbereitet wird; Christen sind zwar dem Gesetz nach Staatsbürger
mit allen Rechten und Pflichten, doch es ist für sie nicht
einfach für staatliche Stellen zu arbeiten.
Diaspora – Die Chaldäische Kirche weltweit
In vielen Teilen der Welt gibt es chaldäsiche Diaspora-Gemeinden,
die infolge der Auswanderungsbewegung aus dem Irak entstanden sind.
In den Vereinigten Staaten gibt es eine Eparchie in Detroit (Hl.
Apostel Paulus), die vor mehr als 20 Jahren gegründet wurde
und eine weitere in Kalifornien. Die beiden Eparchien sind in 15
Pfarreien strukturiert und die Zahl der chaldäischen Gläubigen
in den Vereinigten Staaten liegt bei rund 170.000. Rund 15.000 chaldäische
Gläubige leben in Ozeanien, wo es eine chaldäische Pfarrei
in Sydney gibt und eine weitere Pfarrei existiert in Melbourne (Neuseeland).
Über 60.000 chaldäische Gläubige leben in Europa.
In insgesamt neun Ländern des so genannten „alten Kontinents“
gibt es chaldäische Gemeinden Frankreich, Deutschland, England,
Belgien, Dänemark, Schweden, Holland, Griechenland und Italien.
Die Teilnahme an einem chaldäischen Gottesdienst ist ein unvergessliches
Erlebnis!
Auch in den Republiken der ehemaligen Sowjetunion, wo Christen sich
lange Jahre nicht offiziell zu ihrem Glauben bekennen durften, erfuhr
die chaldäische Kirche eine Wiedergeburt: in Georgien gibt
es heute, rund 10 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion,
zum Beispiel über 4.000 chaldäische Gläubige. Die
Gemeinde wurde bisher von einem externen Priester betreut, doch
zu Zeit bereitet sich ein Priesteramtskandidat aus Georgien auf
das Priesteramt vor, so dass die chaldäische Gemeinde in Georgien
schon bald einen einheimischen Priester haben wird.
INDIEN - Das Zusammentreffen der Portugiesen mit der durch
die Mission des Apostel Thomas entstandenen Kirchen
Die Mission des heiligen Apostel Paulus, der auf seiner Reise nach
Südindien im Jahr 53 n. Christus als erster im Orient missionarisch
tätig war, führte zur Entstehung der heute als „syromalabarisch“
bezeichneten Kirche, die dem chaldäischen Ritus angehört.
Nach Angaben der Geschichtswissenschaft folgte der Apostel Thomas
den damaligen Handelswegen, die vom Mittleren Osten nach Indien
führten und landete an der Küste des heutigen indischen
Unionsstaates Kerala. Diese Region war den damaligen Gewürzhändlern
als Malabar bekannt. In der für ihren Pfeffer und Kardamom,
für Kaffe und Tee bekannten Region wollte er das Evangelium
verkünden. Die heutige syromalabarische Kirche, deren Zentrums
sich in Kerala befindet, wo heute in Indien die meisten Katholiken
leben, hat einen besonders reichen Ritus mit Gesten und Bräuchen
bewahrt, zu der auch folkloristische Tänze gehören („Magram
Kali“), die die Evangelisierungsgeschichte darstellen.
Die katholische Glaubensgemeinschaft in Indien wuchs im Laufe der
Jahrhunderte und als die Portugiesen gegen Ende des 15. Jahrhunderts
dort ankamen, stießen sie mit Erstaunen auf die vom heiligen
Apostel Thomas gegründete Glaubensgemeinschft, die sich gut
in die indische Gesellschaft eingefügt hatte.
Indien – Die Ankunft des hl. Franz-Xaver, dem so genannten
„Soldaten Christi“ und großen Missionar des Orients
im 16. Jahrhundert
Auf den Spuren der Portugiesen, die im Fernen Osten neue Handelswege
und Schätze suchten, kam ein weiterer großer Apostel
in den Orient: der hl. Franz-Xaver (1506-1552), den der Historiker
Raimond Panikkar wie folgt beschreibt: „Er war nach dem hl.
Apostel Paulus die wichtigste Figur des Christentums im Orient.
Ein zutiefst gläubiger Mensch mit der Disziplin eines Soldaten
Christi, bereit jede Art von Leiden zu ertragen, im blinden Glauben
an die göttliche Eingebung seiner Mission“.
Die Evangelisierungstätigkeit des Jesuitenpaters Franz-Xaver
geschah auf Wunsch von Papst Paul II. und Ignatius von Loyola, der
von Franz-Xaver im März 1540 folgende Antwort erhielt: mit
der Antwort „Gut, ich bin bereit“ entsprach er der Entsendung
durch den hl. Ignatius in die Mission im Orient. Am 7. September
1541, seinem 35. Geburtstag begann auf der unter portugiesischer
Flagge fahrenden „Santiago“ seine Reise nach Indien
und am 6. Mai 1542 kam er nach 13monatiger Reise in Goa, der Hauptstadt
des portugiesischen ostindischen Reichs an, das fortan Ausgangspunkt
der Evangelisierungstätigkeit der Jesuiten im Fernen Osten
sein sollte.
Von Goa aus, das neben zahlreichen Denkmälern auch eine wunderschöne
Kathedrale besaß, kontrollierten die Portugiesen ein immenses
Territorium, das von Amerika bis nach Ostindien reichte. Auch die
Missionare benutzen Goa als Pforte für die Verkündigung
des Evangeliums in diesen Gebieten.
Im Gegensatz zu den Erwartungen des Gouverneurs lehnte Franz-Xaver
höflich dessen Angebot ab, sich in der Bischofsresidenz niederzulassen.
Er zog es vor, in den Räumlichkeiten des Krankenhauses zu wohnen,
wo es ihm auch möglich war, den Kranken zu helfen. Er zog mit
einer Glocke ging er durch die Straßen der Stadt und rief
so die Gläubigen, die er in die Kirche führte, wo er predigte
und lehrte. Er verbrachte die Sonntage mit Leprakranken, besuchte
Gefangene und Arme. Er gründete das Kolleg vom „Heiligen
Glauben“ zur Erziehung junger Menschen und für die Ausbildung
von Christen.
Der hl. Franz Xaver hielt sich zwei Jahre in Goa auf, erlernte die
Landessprache, übersetzte Gebete und verkündete unter
den einheimischen Gemeinden das Evangelium. Unzählige Menschen
bekehrten sich, nachdem sie seine Katechese gehört hatten und
es ist bekannt, dass er in einem einzigen Monat rund 10.000 Menschen
getauft hat. In den Biografien des Heiligen wird auch von durch
ihn erwirkten Heilungen berichtet und sogar Tote sollen dank seines
Gebets zum Leben zurückgekehrt sein.
Auf seinen Reisen wurde der hl. Franz-Xaver stets von dem Wunsch
angetrieben, den Menschen zu helfen und sie zum Glauben zu bekehren.
Dafür unternahm er fast unmögliche Reisen auf denen er
auch Schiffsbrüche riskierte und sich vor tagelangen Fußmärschen
nicht scheute: stets mit dem Ziel, das Evangelium zu verkünden.
Indien – Die „Begegnung“ zwischen dem
hl. Apostel Thomas und dem hl. Franz-Xaver
Der hl. Franz-Xaver fand in Indien zu seinem großen Erstaunen
eine kleine christliche Glaubensgemeinschaft vor. Bei seiner Ankunft
auf der vor der arabischen Halbinsel gelegenen Insel Sokotra, die
heute zum Jemen gehört, traf der Heilige Menschen, die sich
„Christen“ nannten. Wie er in seinen Briefen schrieb
„fühlten sich diese Menschen geehrt, sich als Christen
bezeichnen zu dürfen und besaßen Kirchen, Kreuze und
Lampen“. Die einheimischen Priester konnten zwar weder lesen
noch schreiben, doch sie erinnerten sich an die Gebete, weshalb
der hl. Franz-Xaver in seinen Briefen weiter vermerkte: „Sie
verstehen ihre Gebet nicht, denn sie sind nicht in ihrer Sprache:
ich glaube sie sind in chaldäisch. Sie verehren den hl. Thomas
und behaupten von jenen Christen abzustammen, die der hl. Thomas
an diesen Orten bekehrt hatte“. Im Mai 1545 reiste der hl.
Franz-Xaver in das heutige Mylaour (einem Vorort von Madras an der
südöstlichen Küste Indiens) um dort das Grab des
hl. Thomas zu besuchen. Hier fand er wahrscheinlich auch die Reliquie
des Apostels, die bei seinem Tod in einem kleinen Reliquienbehälter
gefunden wurde, den er an einer Kette um den Hals trug.
Am Grab des hl. Apostels Paulus fasste Franz-Xaver auch den Beschluss,
nach Malakka auf dem malaysischen Archipel zu reisen, wo er nach
einmonatiger Reise ankam und von wo aus er sein Evangelisierungswerk
von Indochina bis nach Japan fortsetzte.
Die kleine christliche Glaubensgemeinschaft, auf die der hl. Franz-Xaver
in Indien gestoßen war, hatte ihren Glauben unverändert
über ein Jahrtausend bewahrt, indem er von einer Generation
an die nächste weitergegeben worden war. Die Missionare des
lateinischen Ritus waren erstaunt und beeindruckt von dieser Glaubensgemeinschaft,
die den Samen eines primitiven aber gleichsam authentischen Glaubens
horteten. Für diese indische Ortskirche begann einen langer
Weg des Kennenlernens und der Integration in die römische Kirche,
die sie als Mutterkirche anerkannte. Die Weltkirche hatte im Laufe
der Jahrhunderte das Schisma des Orients und die protestantische
Reform erlebt, ihr Weg war von verschiedenen Konzilen gekennzeichnet.
All diese Ereignisse hatten die katholische Glaubensgemeinschaft
in Indien als Nachkommen der Evangelisierung des hl. Apostels Thomas
nicht berührt. Die Begegnung zwischen den Missionaren des lateinischen
Ritus und den einheimischen Gemeinden verlief nicht ohne Schwierigkeiten
und auf dem Weg der Integration und des Kennenlernes gab es auch
schmerzlichen Etappen, wie zum Beispiel die über ein Jahrzehnt
(1653-1662) andauernde Abspaltung von Rom; doch der Wunsch nach
der Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater auf der Grundlage des gemeinsamen
Glaubens an den einzigen Erlöser Jesus Christus war stärker,
so dass es zu einer endgültigen Wiedervereinigung kommen konnte.
Die Autonomie, die der Heilige Stuhl der so genannten „syromalabarischen“
Kirche gewährte, ging mit einer Neubelebung dieser Kirche hin,
die bis in die heutigen Tage andauert.
Oberhirte dieser Kirche ist heute Kardinal Varkey Vithayathil, der
eine Glaubensgemeinschaft mit heute über 3,5 Millionen Gläubige
leitet. 1962 erkannte der Papst den Status der „autonomen
Kirche“ in voller Gemeinschaft mit Rom an. Die Lebendigkeit
und das Wachstum dieser Kirche kommt vor allem in der großen
Zahl neuer Berufe des gottgeweihten Lebens zum Ausdruck: rund 70%
der etwa 120.000 Berufe in Indien (bei insgesamt rund 15 Millionen
Katholiken) kommen aus der syromalabarischen Kirche. Diese große
Anzahl von Berufen aus der syromalabarischen Kirche trägt dazu
bei, dass Indien heute im Vergleich zur Gesamtzahl der katholischen
Gläubigen weltweit das Land mit den meisten Berufen ist. Die
Kirche wird vor allem aufgrund des Bezugs zur bis 1968 in der Liturgie
benutzten syrischen (aramäischen) Sprache als „syrische“
Kirche bezeichnet. 1968 wurde die Heilige Messe erstmals in Malayam,
der Landessprache des Unionsstaates Kerala, gefeiert.
Indien – Der syromalabarische Ritus
Der syromalabarische Ritus gehört mit dem syromalankarischen
und dem lateinischen Ritus zu den drei Riten der heutigen Kirche
in Indien. Die syromalabarische Kirche ist zutiefst in der indischen
Kultur verwurzelt, wie zum Beispiel bei der Eheschließung,
der Krankensalbung und den mit der Geburt und dem Tod verbundenen
Riten, der Ausbildung der Priester und dem Bau von Kirchen deutlich
wird. Auch die Fastenriten der Katholiken, die noch heute als „Thomaschristen“
bezeichnet werden, sind dem einheimischen Brauchtum angepasst.
Bei der kürzlichen Synode der syromalabarischen Kirche wurden
einige Veränderungen eingeführt. Die Farbe der Casula
(das bei der Messfeier vom Priester getragene liturgische Gewand)
für Bischöfe ist nicht mehr weiß sondern sandfarben,
die Mitra (Kopfbedeckung des Bischofs) sollen vermehrt den Formen
der einheimischen Kultur angepasst werden. Bei der Synode wurde
außerdem festgelegt, dass das von den Bischöfen der syromalabarischen
Kirche getragene Kreuz zukünftig eine Abbildung des hl. Apostels
Thomas tragen soll, auf den die Ursprünge dieser Kirche zurückgehen.
Zudem sollen die für die orientalischen Kirchen typischen Titel
„Erzdiakon“ und „Erzmandrit“ wieder eingeführt
werden.
Das wertvolle Engagement der syromalabarischen Kirche für
das kulturelle Wachstum
Christen und Nichtchristen schätzen seit jeher das Engagement
der syromalabarischen Kirche für das Wohl und das menschliche
und geistliche Wachstum der indischen Bevölkerung: einen wertvollen
Beitrag leistete die Kirche vor allem bei der Alphabetisierung der
Menschen in den so genannten Pallikkoodams, d.h. hochqualifizierte
Schulen, die sich in der Nähe der Kirchen befinden. Dieser
unermüdliche Einsatz der Kirche für die Entwicklung der
Bevölkerung führte zu dem Ergebnis, das der indische Unionsstaat
Kerala heute der Staat mit der höchsten Alphabetisierungsrate
ist. Viele Gläubige und zahlreiche Männer und Frauen des
gottgeweihten Lebens haben Kerala verlassen und sich an anderen
Orten niedergelassen. Aus diesem Grund hat der Heilige Stuhl zahlreiche
Eparchien (vergleichbar mit Diözesen) der syromalabarischen
Kirche außerhalb Keralas errichtet.
Die Syromalabarische Kirche: Organisation und Struktur
Die syromalabarische Kirche in Indien ist wie folgt strukturiert:
Großerzbistum Ernakulam-Angamaly; Metropolie Changanacherry,
der die Eparchien Kanjirapally Kottayam, Palai und Thuckalay unterstellt
sind; die Metropolie Ernakulam-Angamaly, der die Eparchie Kothamangalam
unterstellt ist; die Metropolie Tellichery mit den Eparchien Belthangady,
Mananthavady und Thamarassery; die Metropolie Trichur mit den Eparchien
Irinjalakida und Palghat. Die Eparchien Adilabad, Bijnor, Chanda,
Gorakhpur, Jagdalpur, Kalyan, Rajikot, Sagar, Satna, Ujjiain, die
verschiedenen Metropolien des lateinischen Ritus unterstellt sind.
In den Vereinigten Staaten gibt es in Chikago die syromalabarische
Eparchie vom hl. Apostel Thomas. |