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Zum besseren Verständnis der Chaldäischen Kirche in der Welt und im Irak sprach der Fidesdienst mit Msgr. Antonios Mina, der vor kurzem von Papst Johannes Paul II. zum Abteilungsleiter bei der Kongregation für die Orientalischen Kirchen ernannt wurde und in diesem Amt für die Chaldäische Kirche verantwortlich ist; und mit dem Prokurator der Chaldäischen Kirche beim Heiligen Stuhl Msgr. Philip Najim.

Interview mit Msgr. Antonios Mina, verantwortlich für die Chaldäische Kirche bei der Kongregation für die Orientalischen Kirchen.

Fidesdienst: Der Papst hat gesagt, dass die Kirchen des Westens und des Ostens einen gemeinsamen Weg beschreiten und diese Kirchen als die „beiden Lungen der Kirche“ bezeichnet. Welchen Platz nimmt die Chaldäische Kirche im Panorama der Orientalischen Kirchen ein?
Msgr. Antonios Mina: In den Orientalischen Kirchen gibt es fünf „Familien“, von denen jede ihren eigenen Ritus und ihre eignen Traditionen hat: die Kirche von Alexandria, die Kirche von Antiochia, die Armenische Katholische Kirche, die Chaldäische Katholische Kirche und die Kirche von Konstantinopel. Die Chaldäische Kirche ist eine dieser Familien. Es handelt sich dabei um eine Kirche, die im Laufe ihrer ereignisreichen Geschichte bis nach Indien gelangt ist, wo aus ihr der syromalabarische Zweig entstand. Diese Kirche hat viele Heilige und Märtyrer. In den ersten Jahrhunderten des Christentums hatten die chaldäischen Gemeinden ihre Blütezeit. Später, nach der muslimischen Eroberung, ging die Zahl der Gläubigen im christlichen Nahen Osten zurück. Die Orientalischen Kirchen stellen einen Reichtum für die Spiritualität der ganzen Kirche dar. Das kulturelle und spirituelle Erbe der westlichen und der östlichen Kirche widersprechen sich nicht, sondern beschreiten einen gemeinsamen Weg und sind die „die beiden Lungen“ der Kirche, wie der Papst es nennt.

Fidesdienst: In den Orientalischen Kirchen gibt es viele verschiedene Riten und jede Kirche hat eine spezifische Liturgie. Woher stammen diese Unterschiede und welche Bedeutung haben sie? Manchmal wird dies als „Einzelkrämerei“ bezeichnet: ist es nicht vielmehr ein Reichtum?
Msgr. Antonios Mina: Ein Ritus ist nichts anderes als die Art und Weise, auf die ein Volk Gott verehrt. In den ersten Jahrhunderten stieß das Christentum bei der Evangelisierung auf Völker mit verschiedenen Bräuchen und Traditionen. Es ist schwierig, die Gewohnheiten eines Volkes zu verändert und so kam es, dass die Gewohnheiten verchristlicht wurden. Auf diese Weise sind die einzelnen spezifischen liturgischen Rituale entstanden. Aus diesem Grund unterscheiden sich die Riten voneinander, weil jedes Volk eine eigene Sprache, eine eigene Kultur und eigene Bräuche hat. Und diese Riten wurden bis in die heutige Zeit überliefert. Um auf den Kern zu stoßen und den Ursprung und die Bedeutung verschiedener Gebete und Gesten besser verstehen zu können, muss man zu den Ursprüngen zurückkehren. Es gibt eine Logik, die dabei hilft den Grund für die einzelnen Gesten der verschiedenen Riten zu verstehen, die jeweils einen Weg darstellen, um zu Gott zu gelangen. Betrachtet man die Unterschiede unter einer solchen Perspektive, dann stellen sie einen Reichtum für die Kirche dar.

Fidesdienst: Die Chaldäische Kirche hatte in den vergangenen Jahrhunderten eine große Blütezeit und hat sich zunehmend mit der Geschichte und dem Leben der irakischen Bevölkerung verbunden. Wie sieht die Lage der Chaldäischen Kirche heute aus?
Msgr. Antonios Mina: Die Chaldäische Kirche hat große Blütezeiten gekannt, vor allem was spirituelle und kulturelle Aspekte anbelangt, doch im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich vieles verändert. Die Chaldäische Kirche befindet sich in Schwierigkeiten, wie das ganze irakische Volk, das unter der Armut leidet. Diese Situation lastet auf dem Volk und auf der Kirche. Infolge der Armut verlassen viele das Land und bei den Auswanderern handelt es sich vor allem um gebildete Menschen, die Beziehungen zum Ausland unterhalten und über einen gewissen wirtschaftlichen Wohlstand verfügen. Auch die Chaldäische Kirche hat eine progressive Verarmung erfahren: Die Ausbildung an den Priesterseminaren lässt zu wünschen übrig, weil es an Mitteln und an Priestern fehlt. Doch hierzu sollte auch gesagt werden, dass es viele Berufungen gibt, denn im Allgemeinen gilt: wo eine Kirche leidet, klammert sie sich mehr an Gott.

Fidesdienst: Wie leben die chaldäischen Gläubigen ihren Glauben in einem Umfeld, in dem die Religionsfreiheit und die Evangelisierung eingeschränkt werden?
Msgr. Antonios Mina: Die Chaldäer besitzen einen tiefen und gut verwurzelten Glauben und hängen sehr an Gott: heute, in der gegenwärtigen Zeit der Not, sehen sie die einzige Möglichkeit des Heils im Kreuz Christi. Ich bin seit jeher vom großen Glauben der irakischen Katholiken beeindruckt. Sie leben ein christliches Leben und legen damit Zeugnis von ihrem Glauben ab und dies in den vom Staat vorgegebenen Grenzen. Innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft ist die Religionsfreiheit gewährleistet, man darf nur das eigene Gelände nicht verlassen.

Fidesdienst: Die Beziehungen zwischen kirchlichen und weltlichen Behörden sind im Nahen Osten im Allgemeinen schwierig: wie ist die Situation im Irak?
Msgr. Antonios Mina: Die Beziehungen zur Regierung sind gut: der stellvertretende Premierminister Tareq Aziz ist ein chaldäischer Katholik und auch seine Frau ist sehr gläubig. Der chaldäische Patriarch Raphael Bidawid genießt hohes Ansehen und wird von den weltlichen Behörden respektiert. Er vertritt bei der Regierung die ganze chaldäische Glaubensgemeinschaft im Irak.

Fidesdienst: In Ländern mit muslimischer Mehrheit variiert die Situation der Christen zwischen zurückhaltenden Garantien der Religionsfreiheit bis zur Gefahr von Gewalt und Verfolgung. Wie steht es um die Beziehungen zwischen der chaldäischen und der muslimischen Glaubensgemeinschaft? Gibt es Spannungen oder Intoleranz gegenüber den chaldäischen Christen?
Msgr. Antonios Mina: Die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen sind ebenfalls gut, obschon es hin und wieder zu Zwischenfällen kommt, vor allem seit in der arabischen Welt fundamentalistische Strömungen Zuwachs erfahren haben. Doch im Irak bleibt heute angesichts der Dominanz von Hunger und Armut wenig Zeit für „philosophische Gedanken“ oder für das Suchen nach Streitpunkten. Der gemeinsame Nenner der Armut lässt Solidarität entstehen. Doch es besteht auch die Gefahr, dass fanatische Strömungen in der Ignoranz und der Armut einen guten Nährboden finden. Wenn wir den Christen im Irak oder in anderen Ländern mit muslimischer Mehrheit helfen wollen, dann müssen wir der ganzen Bevölkerung dabei helfen, die eigene Religion besser kennen zu lernen und ein würdigeres Leben zu führen.

Fidesdienst: Der Heilige Vater hat der Chaldäischen Kirche stets ein besonderes Augenmerk gewidmet und die Gläubigen in zahlreichen Appellen zum Gebet aufgefordert. Heute sind die Augen der Katholiken auf der ganzen Welt auf die Chaldäische Kirche und die katholische Glaubensgemeinschaft im Irak gerichtet. Auf welche Weise unterstützen Sie die Chaldäische Kirche?
Msgr. Antonios Mina: Wir handeln nach dem Willen des Heiligen Vaters, für den die die Chaldäische Kirche stets ein großes Anliegen war. Wir versuchen die spirituellen und materiellen Bedürfnisse der chaldäischen Glaubensgemeinschaft zu erfüllen und dies geschieht einerseits durch finanzielle Unterstützung während wir uns auf der anderen Seite auch um die Ausbildung von Priestern, das Bereitstellen von Arbeitshilfen und von Mitteln für die Katechese bemühen. Die Kongregation für die Orientalischen Kirche befasst sich mit allem, was die Seelsorge anbelangt, ausschließliche jener Materien, die in den ausdrücklichen Zuständigkeitsbereich anderer Dikasterien (Glaubenslehre, juridische Angelegenheiten, Heiligsprechungsprozesse, usw.) fallen. Es gibt auch regelmäßige Treffen mit den Bischöfen und Patriarchen, die wir alle persönlich kennen.
Infolge der Auswanderung aus dem Irak hat heute auch die Zahl der chaldäischen Diasporagemeinden außerhalb des Irak zugenommen.

Fidesdienst: Die internationale Staatengemeinschaft ist hinsichtlich des Klimas eines bevorstehenden Krieges äußerst beunruhigt. Wie erlebt die chaldäische Glaubensgemeinschaft diesen Moment?
Msgr. Antonius Mina: Ein möglicher Krieg wird von allen als absolute Ungerechtigkeit betrachtet. Die Bevölkerung im Irak hat die Auswirkungen gesehen, wie sich das Wirtschaftsembargo auf Familien und Kinder auswirkt. Es fehlen Milch, Nahrungsmittel und andere lebensnotwendige Güter, insbesondere Medikamente. Auf der einen Seite gibt es viel Unglück und Leid, doch auf der anderen Seite wird den Menschen im Irak die Lage so dargestellt, als ob allein das Ausland für die ganze Ungerechtigkeit verantwortlich wäre.


Interview mit Msgr. Philip Najim, Prokurator der Chaldäischen Kirche beim Heiligen Stuhl

Fidesdienst: Die Chaldäische Kirche hat seit Jahrhunderten eine bedeutende Geschichte und Tradition. Würden Sie uns bitte Ursprünge und Besonderheiten dieser Kirche erläutern?
Msgr. Philip Najim: Die Chaldäische Katholische Kirche ist aus der Missionstätigkeit des hl. Apostels Thomas und durch die Verbreitung des Christentums in der Region Mesopotamien entstanden. Nach der Überlieferung ist der heilige Thomas bei auf seiner Reise nach Indien auch in den Irak gekommen, wo er seine beiden Jünger Mar Addai und Mar Mari hinterlassen hat. Die besondere Eigenschaft der Chaldäischen Messe ist das von den Aposteln geschriebene Eucharistische Gebet (Anaphore). Diese Kirche, wird auch als Ostkirche oder Persische Kirche bezeichnet, weil die Chaldäer in Persien lebten. Bei den Chaldäern handelt es sich um eine antike Stammesgruppe, mit Wurzeln in Babylonien, was auch im Titel des Patriarchen erhalten geblieben ist. Bereits seit den Anfängen waren die Beziehungen zu Rom ausgezeichnet: Der Heilige Stuhl hat uns immer ermutigt unser liturgisches Erbe innerhalb und außerhalb des Territoriums des Patriarchats zu bewahren.

Fidesdienst: Auf welche Schwierigkeiten und Ängste stößt die Chaldäische Kirche in der heutigen Zeit? Wie sieht die Pastoralarbeit unter der Bevölkerung im Irak aus?
Msgr. Philip Najim: Die Chaldäische Kirche im Irak erlebt das Schicksal der irakischen Bevölkerung. In den letzten Jahren sind viele Gläubige im Kampf ums Überleben aus den Städten im Norden des Landes (aus dem Gebiet, das von Mossul bis nach Madya nahe der türkischen Grenze reicht) nach Bagdad umgezogen. In den Dörfern im Norden leben die Menschen von Viehzucht und Landwirtschaft, während in der Hauptstadt der Handel die Haupteinkommensquelle ist. Demzufolge ist die Diözese des Patriarchen größer geworden und zählt heute insgesamt rund 350.000 Gläubige, bei etwa 500.000 chaldäischen Gläubigen im ganzen Land. Die Gläubigen mögen den Patriarchen sehr gern und er ist für sie ein wichtiger Bezugspunkt in ihrem Leben. Die Chaldäische Glaubensgemeinschaft hat einen tiefen Glauben und leben diesen Glauben sehr bewußt: jedes Jahr kommen in Bagdad rund 5.000 Kinder zur Erstkommunion.

Fidesdienst: Oft gibt es in Ländern mit muslimischer Mehrheit Gesetze, die religiöse Minderheiten einschränken. Die Beziehungen der katholischen Gläubigen zu der Bevölkerung unterscheiden sich oft von den Beziehungen zu staatlichen Stellen. Wie fügt sich die Chaldäische Kirche in den staatlichen Kontext im Irak ein?
Msgr. Philip Najim: Der Irak war schon immer ein laizistischer Staat, der auch religiöse Minderheiten respektiert, wie dies auch in der Verfassung steht. Der Islam ist Staatsreligion, weil 90% der Bevölkerung Muslime sind. Die Verfassung garantiert Kultfreiheit und wir Christen wurden stets als mit den muslimischen Gläubigen gleichberechtigt behandelt.
Die Einstellung des Staates gegenüber religiösen Minderheiten ist positiv: man braucht nur daran zu denken, dass wir allein in Bagdad, wo sich der Sitz unseres Patriarchats befindet, 40 Pfarreien haben, die eingeschränkt ihre Seelsorgearbeit verrichten können, deshalb kann nicht von Diskriminierung gesprochen werden. Im Leben der chaldäischen Glaubensgemeinschaft gibt es keine Diskriminierung: wir unterhalten freundschaftliche Beziehungen zu den muslimischen Mitbürgern, denn wir wollen als Staatsbürger des Irak alle zum Wohl unseres Landes beitragen, obschon es natürlich Fundamentalisten gibt, die Hass und Spaltung zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften schaffen wollen.

Fidesdienst: Trotz der vielen Schwierigkeiten und Hindernisse engagiert sich die Chaldäische Kirche unermüdlich, in der Gewissheit, ihre Mission zu erfüllen. Wo liegen die Schwerpunkte der Tätigkeit der Chaldäischen Kirche?
Msgr. Philip Najim: Die Chaldäische Kirche hat in den vergangenen Jahren vor allem im Bildungswesen und in der Katechese ihre Schwerpunkte gesetzt. Hierzu muss gesagt werden, dass am Freitag, der nach dem muslimischen Kalender im Irak der wöchentliche Feiertag ist, in unseren Pfarreien Katechesestunden für Kinder, Jugendliche und Erwachsene stattfinden. Seit einigen Jahren gibt es ein Zentrum, das theologische und philosophische Kurse für Laien anbietet, die somit zu Katecheten und Mitarbeitern der Gemeindepfarrer ausgebildet werden. Der Sonntag ist bei uns natürlich ein Werktag, weshalb wir den Gottesdienst früh morgens feiern (die Gläubigen besuchen die Messe und gehen danach zur Arbeit). Nach Feierabend zelebrieren wir eine Abendmesse.
Die Pfarrei spielt eine wichtige Rolle im Leben der chaldäischen Christen: sie ist der einzige Ort, an dem sie ihren Glauben praktizieren und leben können. Aus diesem Grund ist die Pastoralarbeit sehr wertvoll: auf diesem Gebiet sind wir trotz finanzieller Schwierigkeiten sehr aktiv. Die Pfarreien wurden einst je nach Möglichkeit der Kirche errichtet, doch heute sind die Gemeinden zahlenmäßig größer geworden und die Erfordernisse haben sich verändert: die Räume sind zu klein, es gibt zu wenige Sportplätze, unsere Einrichtungen sind zu klein.
Sehr engagiert ist die chaldäische Gemeinde auch im karitativen Bereich: wir helfen vielen armen Familien, Christen und Muslimen, die wir jeden Monat mit Lebensmitteln, Kleidern und anderen Hilfsmitteln versorgen.

Fidesdienst: Die Chaldäische Kirche ist auch für den Gebrauch eines immer noch praktizierten aramäischen Ritus bekannt, diese antike Sprache wirt heute immer noch bei besonders feierlichen Anlässen in der chaldäischen Liturgie benutzt. Können Sie uns hierzu etwas sagen?
Msgr. Philip Najim: Die syrische (oder aramäische) Sprache wird heute noch in der Liturgie benutzt, das sie an sich die liturgische, theologische und klassische Sprache des Christentums semitischer Tradition ist. Doch obschon Aramäisch die offizielle Sprache der Chaldäischen Kirche ist, benutzen wir das Arabische, weil dies die Umgangssprache der Gläubigen und vor allem der junge Menschen ist. Außerdem ist die aramäische Sprache nicht vollständig, was Synonyme und Terminologie anbelangt. Aus diesem Grund wurde vor kurzem auch ein Buch zur Katechese in Arabisch veröffentlicht. Die Gottesdienste werden zweisprachig gefeiert, wenn es um den Wortgottesdienst und die wichtigsten Gebete handelt, damit alle verstehen können. Den Katechismus unterrichten wir auf Arabisch, nur in den Dörfern im Norden benutzen wir die aramäische Sprache, die dort von den Menschen gesprochen wird.

Fidesdienst: Ein Phänomen, das auch die Chaldäische Kirche in den vergangenen Jahren schmerzlich getroffen hat, ist die Auswanderung aus dem Irak, und die daraus erfolgende Entstehung zahlreicher Diasporagemeinden. Wo befinden sich diese Gemeinden und wie leben sie?
Msgr. Philip Najim: In unseren Diasporagemeinden versuchen wir vor allem die Muttersprache des chaldäischen Ritus, d.h. das Aramäische zu erhalten. Zu diesem Zweck bringen wir diese Sprache auch denjenigen bei, die in Amerika, Europa oder Ozeanien geboren wurden. Doch wir benutzen dort für die chaldäische Liturgie auch die jeweilige Landessprache: wenn wir unsere Gottesdienste in Englisch zelebrieren, wie dies in den chaldäischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten, in Europa oder in Australien geschieht, dann können wir dadurch die neuen Generationen teilhaben lassen, es handelt sich um eine Art Vermittlung zwischen der Tradition und der heutigen Zeit. Dieses Experiment ist erfolgreich: die tragenden Elemente sind zwar in der jeweiligen Landessprache, das heißt jedoch nicht dass es auch Psalmen oder Gebete gibt, die trotzdem auf Aramäisch gelesen werden. Die chaldäischen Bischöfe außerhalb des Irak sind Mitglieder der jeweiligen Bischofskonferenzen, bleiben jedoch der Chaldäischen Kirche unterstellt. In zahlreichen Diözesen des lateinischen Ritus gibt es chaldäische Gemeinden mit einem chaldäsichen Pfarrer, die gegründet wurden, um den chaldäischen Ritus und dessen Erbe zu bewahren.

Fidesdienst: Es gibt auch eine kleine chaldäische Gemeinde in Italien, die in Rom zusammenkommt. Können Sie uns etwas zu ihrem Entstehen und ihre Tätigkeit sagen?
Msgr. Philip Najim: Die kleine chaldäische Gemeinde trifft sich in Rom in der Basilika S. Maria degli Angeli e dei Martiri. 1994 wurde auf Wunsch des heiligen Vaters ein Pastoralzentrum gegründet; ähnliche Zentren gibt es auch für die anderen orientalischen Kirchen in Rom. Im Jahr 2000 wurde die Vertretung der Chaldäischen Kirche beim Heiligen Stuhl eingerichtet.
Das Pastoralzentrum betreut die Gläubigen. Anlässlich der liturgischen Feste finden Gebetstreffen statt, an denen Studenten, Seminaristen, Ordensschwestern und die Mitglieder der chaldäischen Gemeinde teilnehmen. Der chaldäischen Gemeinde in Rom gehören mehrere Familien an, Menschen, die in dieser Stadt leben, arbeiten oder studieren. Größtenteils handelt es sich um Auswanderer, die nur vorübergehend hier sind, weshalb sich die Zusammensetzung der Gemeinde stets ändert. Wir bieten allen unsere Hilfe und unsere Begleitung an: derzeit bin ich mit der Betreuung der chaldäischen Gemeinde in Rom beauftragt und als Delegierte der Patriarchen für Europa tätig.

Fidesdienst: Sie sind auch Prokurator der Chaldäischen Kirche beim Heiligen Stuhl. Welche Aufgaben haben Sie in diesem Amt?
Msgr. Philip Najim: Das Kirchenrechte der Orientalischen Kirchen legt im Paragraph 61, dass die orientalischen Patriarchen durch einen Prokurator beim Heiligen Stuhl vertreten sind, im Zeichen der Verbindung und der Gemeinschaft zwischen der Römischen Kirche und den Orientalischen Kirchen. Der Prokurator handelt im Auftrag des Patriarchats und arbeitet eng mit der Kongregation für die Orientalischen Kirchen zusammen, wobei er die Interessen der chaldäischen Gemeinden auf der ganzen Welt vertrtitt. Der Prokurator ist auch für die juridische Koordinierung zuständig, wenn chaldäische Pfarreien in der Diaspora gegründet werden und unterhält dabei die Kontakte zu den verschiedenen Ländern.

Fidesdienst: Gegenwärtig scheint die Chaldäische Kirche eine besonders schwierige Zeit zu erleben. Welche Sorgen und Befürchtungen beschäftigen die chaldäischen Gläubigen und welche möglichen Folgen könnte dieses Klima der Ungewissheit haben?
Msgr. Philip Najim: Die Menschen im Irak leben heute in der Angst vor einem möglichen Krieg. Die Menschen kennen ihre Zukunft nicht und können keine Programme machen und auch die Produktion steht still, deshalb verlassen immer mehr Menschen das Land. Dieses Phänomen gibt es seit ungefähr 15 Jahren. Die chaldäische Glaubensgemeinschaft betet viel. Alle großen christlichen Glaubensgemeinschaften beten für den Frieden zum Teil auch zusammen mit den Muslimen und versuchen somit das Gespenst des Krieges zu vertreiben. Der Patriarch ist selbst sehr besorgt und hat erst vor kurzem unsere Gemeinden im Irak und in der Diaspora besucht. Er ist der Vater unserer Kirche, der Vertreter des christlichen Glaubens im Mittleren Osten. Ein Krieg hätte auch auf die Präsenz der Christen im Mittleren Osten verheerende Auswirkungen.
Der Krieg von 1991 hat wirtschaftliche und moralische Schäden verursacht. Der Irak war ein unter allen Gesichtspunkten reiches Land: wirtschaftlich, historisch, kulturell und was das Ansehen bei der internationalen Staatengemeinschaft anbelangt. Das Embargo, das vor nunmehr 12 Jahren gegen das Land verhängt wurde, lastet auf der Bevölkerung, die den Preis dafür mit dem eigenen Leben bezahlt. Das Embargo hat den Menschen im Irak die Luft genommen. Nun läuft man Gefahr, dass sich die Situation für die bereits schwer geprüfte Bevölkerung weiterhin zuspitzt: ein Krieg kann die Probleme nicht lösen, wie der die Würde des Menschen mit Füssen tritt. Heute stirbt ein Kind im Irak, weil des ein Medikament nicht bekommt, das einen halben Euro kostet. Die Menschen leiden sehr. Als chaldäsiche Kirche bitten wir um die Hilfe und den Schutz der internationalen Staatengemeinschaft. (P.A.) (Fidesdienst, November 2002)

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