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APOSTOLISCHES SCHREIBEN
MANE NOBISCUM DOMINE
SEINER HEILIGKEIT PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE, DEN KLERUS UND AN DIE GLÄUBIGEN
ZUM JAHR DER EUCHARISTIE
OKTOBER 2004–OKTOBER 2005
EINFÜHRUNG
1. »Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden«
(vgl. Lk 24,29). Dies sind die eindringlichen Worte der Einladung,
mit denen sich die beiden Jünger, die am Abend des Auferstehungstages
nach Emmaus unterwegs sind, an den Wanderer wenden, der sich auf
dem Weg zu ihnen gesellt hatte. Mit trüben Gedanken beladen
konnten sie sich nicht vorstellen, daß gerade dieser Unbekannte
ihr Meister sein würde, der schon von den Toten auferstanden
war. Dennoch verspürten sie, während er mit ihnen redete
und ihnen den Sinn der Schrift ,,erschloß”, ein inneres
,,Brennen” (vgl. ebd. V. 32). Das Licht des Wortes löste
die Blindheit ihres Herzens und ließ ihnen die Augen aufgehen
(vgl. ebd. V. 31). Unter den Schatten des zu Ende gehenden Tages
und in der Dunkelheit, die ihr Herz zu umhüllen drohte, war
jener Wanderer ein Lichtstrahl, der Hoffnung zu wecken vermochte
und ihren Geist für den Wunsch nach der Fülle des Lichtes
öffnete. ,,Bleib doch bei uns”, drängten sie ihn.
Und er akzeptierte. Kurz darauf war das Antlitz Jesu verschwunden.
Der Herr jedoch war ,,geblieben”, und zwar unter dem Schleier
des ,,gebrochenen Brotes”, vor dem ihnen die Augen aufgegangen
waren.
2. Das Bild der Emmausjünger eignet sich gut dafür, einem
Jahr Orientierung zu geben, in dem die Kirche sich in besonderer
Weise bemühen wird, das Geheimnis der heiligen Eucharistie
zu leben. Auf den Straßen unserer Fragen und unserer Unruhe,
zuweilen unserer tiefen Enttäuschungen, will der göttliche
,,Wanderer” uns weiterhin Gefährte sein, um uns durch
die Auslegung der Heiligen Schrift in das Verstehen der Geheimnisse
Gottes einzuführen. Wenn die Begegnung mit dem Herrn zur Fülle
gelangt, tritt an die Stelle des ,,Lichtes des Wortes” jenes
Licht, das aus dem ,,Brot des Lebens” hervorgeht, mit dem
Christus in höchster Form seine Zusage ,,Ich bin bei euch alle
Tage bis zum Ende der Welt” erfüllt (Mt 28,20).
3. Das ,,Brotbrechen”, wie die Eucharistie im Anfang genannt
wurde, steht von je her im Mittelpunkt des Lebens der Kirche. Mittels
ihrer macht Christus durch den Zeitenlauf hindurch das Geheimnis
seines Todes und seiner Auferstehung gegenwärtig. In ihr empfangen
wir Christus in Person als ,,das lebendige Brot, das vom Himmel
herabgekommen ist” (Joh 6,51). In Ihm ist uns das Unterpfand
des ewigen Lebens gegeben, dank dessen wir das ewige Gastmahl des
himmlischen Jerusalem vorauskosten dürfen. Im Gleichklang mit
der Lehre der Kirchenväter, der ökumenischen Konzilien
und mit meinen Vorgängern habe ich die Kirche mehrfach eingeladen,
über die Eucharistie nachzudenken, zuletzt in der Enzyklika
Ecclesia de Eucharistia. In diesem Schreiben beabsichtige ich daher
nicht, die schon dargebotene Lehre erneut vorzulegen, vielmehr verweise
ich darauf, damit sie vertieft und aufgenommen wird. Jedenfalls
glaube ich, daß es gerade auf dieses Ziel hin sehr hilfreich
sein könnte, ein Jahr zu begehen, das ganz diesem wunderbaren
Sakrament gewidmet ist.
4. Bekanntlich wird das Jahr der Eucharistie vom Oktober 2004 bis
zum Oktober 2005 dauern. Zwei Ereignisse haben mir die günstige
Gelegenheit zu dieser Initiative geboten; diese werden entsprechend
den Beginn und das Ende des Jahres der Eucharistie markieren: der
Internationale Eucharistische Kongreß, der vom 10. bis zum
17. Oktober 2004 in Guadalajara (Mexiko) stattfindet, und die Ordentliche
Versammlung der Bischofs-synode, die sich im Vatikan vom 2. bis
zum 29. Oktober 2005 mit dem Thema ,,Die Eucharistie als Quelle
und Höhepunkt des Lebens und der Sendung der Kirche”
beschäftigen wird. Bei meinem Vorhaben hat sodann eine weitere
Überlegung nicht gefehlt: In dieses Jahr fällt der Weltjugendtag,
der vom 16. bis zum 21. August 2005 in Köln stattfinden wird.
Die Eucharistie wird dabei der lebendige Mittelpunkt sein, um den
herum — so wünsche ich es — sich die Jugendlichen
sammeln, um ihren Glauben und ihren Enthusiasmus zu nähren.
Den Gedanken an solch eine eucharistische Initiative trage ich schon
länger im Herzen: Tatsächlich stellt sie die natürliche
Entwicklung der pastoralen Ausrichtung dar, die ich der Kirche einzuprägen
beabsichtigte, besonders seit Beginn der Vorbereitungszeit auf das
Große Jubiläum, und die ich dann in den darauffolgenden
Jahren wieder aufgegriffen habe.
5. In diesem Apostolischen Schreiben möchte ich die Kontinuität
der Ausrichtung unterstreichen, damit es allen leichter wird, ihre
geistliche Bedeutung zu erfassen. Hinsichtlich der konkreten Verwirklichung
des Jahres der Eucharistie verlasse ich mich auf den persönlichen
Einsatz der Hirten der Teilkirchen. Die Verehrung dieses so großen
Geheimnisses wird es ihnen nicht daran mangeln lassen, opportune
Aktivitäten vorzuschlagen. Meinen Mitbrüdern im Bischofsamt
wird es überdies nicht schwer fallen zu erkennen, daß
diese Initiative, die relativ kurz auf den Abschluß des Rosenkranzjahres
folgt, sich auf einem derart hohen geistlichen Niveau bewegt, sodaß
sie in keiner Weise die Pastoralprogramme der einzelnen Diözesen
beeinträchtigt. Sie kann diese vielmehr wirksam erleuchten,
indem sie sie sozusagen in jenem Mysterium verankert, das die Wurzel
und das Geheimnis des geistlichen Lebens der Gläubigen wie
ebenso jeder Initiative der Ortskirche ausmacht. Ich verlange daher
nicht die Unterbrechung der pastoralen ,,Wege”, die die einzelnen
Kirchen zurücklegen, sondern daß auf ihnen die eucharistische
Dimension, die dem ganzen christlichen Leben zu eigen ist, eine
Akzentuierung erfahren möge. Ich möchte meinerseits mit
diesem Schreiben einige grundlegende Orientierungen anbieten. Dies
geschieht in der Hoffnung, daß das Volk Gottes in seinen verschiedenen
Gliedern meinen Vorschlag mit Bereitwilligkeit und eifriger Liebe
aufnehmen wird.
I. AUF DER LINIE DES KONZILS UND DES JUBILÄUMS
Den Blick auf Christus gerichtet
6. Vor zehn Jahren hatte ich die Freude, mit dem Schreiben Tertio
millennio adveniente (10. November 1994) den Weg der Vorbereitung
auf das Große Jubiläum des Jahres 2000 aufzuweisen. Ich
spürte, daß diese historische Gelegenheit sich am Horizont
wie eine große Gnade abzeichnete. Gewiß habe ich mir
nicht eingebildet, ein einfacher zeitlicher Übergang —
mochte er noch so eindrücklich sein — könne schon
selbst große Veränderungen mit sich bringen. Nach dem
Beginn des Millenniums zeigte sich leider via facti eine Art rauher
Kontinuität der vorausgehenden Ereignisse und oftmals der schlimmsten
unter ihnen. Langsam hat so ein Szenarium sichtbare Formen angenommen,
daß — neben tröstlichen Perspektiven — düstere
Schatten der Gewalt und des Blutes erkennen läßt, die
nicht aufhören, uns traurig zu stimmen. Als ich die Kirche
einlud, das Jubiläum der zwei Jahrtausende seit der Menschwerdung
Gottes zu feiern, war ich fest überzeugt — und ich bin
es jetzt mehr denn zuvor! —, auf lange Sicht für die
Menschheit zu arbeiten.
Christus steht in der Tat nicht nur im Zentrum der Kirchengeschichte,
sondern auch der Menschheitsgeschichte. In ihm wird alles eins (vgl.
Eph 1,10; Kol 1,15-20). Wie können wir nicht an den Aufbruch
denken, mit dem das Zweite Vatikanische Konzil bekannte, indem es
Papst Paul VI. zitierte, daß Christus ,,das Ziel der menschlichen
Geschichte [ist], der Punkt, auf den hin alle Bestrebungen der Geschichte
und der Kultur konvergieren, der Mittelpunkt der Menschheit, die
Freude aller Herzen und die Erfüllung ihrer Sehnsüchte”.1
Die Lehre des Konzils trug zu einer neuen Vertiefung des Wissens
um die Natur der Kirche bei, indem es die Herzen der Glaubenden
für ein besseres Verstehen der Glaubensgeheimnisse und eben
auch der irdischen Wirklichkeit im Lichte Christi öffnete.
In Ihm, dem fleischgewordenen Wort, klärt sich nämlich
nicht nur das Geheimnis Gottes auf, sondern das Geheimnis des Menschen
selbst.2 In Ihm findet der Mensch Erlösung und Vollendung.
7. In der Enzyklika Redemptor hominis zu Beginn meines Pontifikats
habe ich ausführlich diese Thematik behandelt, die ich dann
bei verschiedenen anderen Anlässen wieder aufgegriffen habe.
Das Jubiläum war der günstige Augenblick, die Aufmerksamkeit
der Gläubigen auf diese grundlegende Wahrheit zu lenken. Die
Vorbereitung des großen Ereignisses war ganz trinitarisch
und christozentrisch. Bei diesem thematischen Ansatz konnte die
Eucharistie gewiß nicht ausgelassen werden. Wenn wir uns heute
auf den Weg machen, ein Jahr der Eucharistie zu feiern, erinnere
ich gern an das, was ich schon in Tertio millenio adveniente geschrieben
habe: ,,Das Jahr 2000 soll ein intensiv eucharistisches Jahr sein:
Im Sakrament der Eucharistie bietet sich der Erlöser, der vor
zweitausend Jahren im Schoß Mariens Mensch geworden ist, weiterhin
der Menschheit als Quelle göttlichen Lebens dar“.3 Der
Internationale Eucharistische Kongreß in Rom verlieh diesem
Merkmal des Großen Jubiläums konkreten Ausdruck. Es lohnt
sich auch, daran zu erinnern, daß ich mitten in der Vorbereitung
auf das Jubiläum im Apostolischen Schreiben Dies Domini das
Thema des ,,Sonntags” als Tag des auferstandenen Herrn und
als besonderer Tag der Kirche den Glaubenden zur Betrachtung vorgeschlagen
habe. Damals lud ich alle ein, die Feier der Eucharistie als das
Herz des Sonntags wiederzuentdecken.4
Mit Maria das Antlitz Christi betrachten
8. Das Erbe des Großen Jubiläums findet sich in gewisser
Weise im Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte zusammengestellt.
In diesem programmatischen Dokument empfahl ich eine Perspektive
des pastoralen Einsatzes, der auf der Betrachtung des Antlitzes
Christi gründet, innerhalb einer kirchlichen Pädagogik,
die fähig ist, nach dem ,,hohen Maßstab” der Heiligkeit
zu streben, besonders durch die Kunst des Gebets.5 Und wie konnte
in dieser Perspektive der liturgische Einsatz und in besonderer
Weise die Aufmerksamkeit gegenüber dem eucharistischen Leben
fehlen? Damals schrieb ich: ,,Im 20. Jahrhundert, besonders seit
dem Konzil, ist die christliche Gemeinde in der Feier der Sakramente,
vor allem der Eucharistie, gewachsen. Man muß diese Richtung
weiterverfolgen durch besondere Hervorhebung der sonntäglichen
Eucharistiefeier und des Sonntags selbst, der als besonderer Tag
des Glaubens, als Tag des auferstandenen Herrn und des Geschenkes
des Geistes, als wöchentliches Ostern wahrgenommen wird”.6
Im Zusammenhang mit der Erziehung zum Gebet forderte ich dann dazu
auf, das Stundengebet zu pflegen, durch das die Kirche die verschiedenen
Stunden des Tages und den Rhythmus der Zeit in der dem liturgischen
Jahr eigenen Gliederung heiligt.
9. Später, mit der Ausrufung des Jahres des Rosenkranzes und
der Veröffentlichung des Apostolischen Schreibens Rosarium
Virginis Mariæ, habe ich das Thema der Betrachtung des Antlitzes
Christi von der marianischen Perspektive her durch das neuerliche
Angebot des Rosenkranzes wieder aufgegriffen. Dieses traditionelle
Gebet, vom Lehramt sehr empfohlen und dem Gottesvolk sehr teuer,
hat in der Tat eine ausgesprochen biblische und evangeliumsentsprechende
Gestalt, die vorwiegend auf den Namen und das Antlitz Jesu hin ausgerichtet
ist in der Betrachtung der Geheimnisse und im Wiederholen des Ave
Maria. Sein Fortgang in der Wiederholung stellt eine Art Pädagogik
der Liebe dar, die dazu dient, den Geist der Liebe selbst zu entfachen,
die Maria ihrem Sohn gegenüber hegte. Als weitere Reifung eines
jahrhundertealten Weges wollte ich daher, daß diese bevorzugte
Form der Betrachtung in ihren Grundzügen als ,,Kompendium des
Evangeliums” durch die Eingliederung der lichtreichen Geheimnisse
ergänzt wird.7 Und wie hätte man nicht die lichtreichen
Geheimnisse des Rosenkranzes in der Betrachtung der heiligen Eucharistie
gipfeln lassen sollen?
Vom Jahr des Rosenkranzes zum Jahr der Eucharistie
10. Mitten im Jahr des Rosenkranzes veröffentlichte ich die
Enzyklika Ecclesia de Eucharistia, mit der ich das Geheimnis der
Eucharistie in seiner untrennbaren und lebenswichtigen Beziehung
zur Kirche veranschaulichen wollte. Ich ermahnte alle, das eucharistische
Opfer mit dem ihm gebührenden Einsatz zu feiern, während
Jesus, gegenwärtig in der Eucharistie, auch außerhalb
der Messe ein Kult der Anbetung erwiesen wird, der dem so großen
Geheimnis würdig ist. Vor allem warf ich wieder die Forderung
nach einer eucharistischen Spiritualität auf, indem ich Maria,
die ,,eucharistische Frau”,8 zum Vorbild gab.
Das Jahr der Eucharistie erscheint also vor einem Hintergrund,
der von Jahr zu Jahr Bereicherung erfahren hat, wobei er jedoch
thematisch immer gut auf Christus und die Betrachtung seines Antlitzes
bezogen blieb. In einem gewissen Sinn bietet sich das Eucharistische
Jahr als eine Synthese an, als eine Art Höhepunkt des beschrittenen
Weges. Vieles könnte gesagt werden, um dieses Jahr gut zu begehen.
Ich beschränke mich darauf, einige Perspektiven aufzuzeigen,
die allen helfen können, in erleuchteten und fruchtbaren Handlungsweisen
zusammenzuwirken.
II. DIE EUCHARISTIE ALS GEHEIMNIS DES LICHTES
,,Er legte ihnen dar, was in der gesamten Schrift über ihn
geschrieben steht” (Lk 24,27)
11. Die Erzählung von der Erscheinung des auferstandenen Jesus
vor den zwei Jüngern von Emmaus hilft uns, einen ersten Aspekt
des eucharistischen Geheimnisses zu beleuchten, der immer in der
Frömmigkeit des Volkes Gottes vorhanden sein muß: die
Eucharistie als Geheimnis des Lichtes! Wie kann man dies sagen und
welche Folgen ergeben sich daraus für die Spiritualität
und das christliche Leben?
Jesus hat sich selbst als ,,Licht der Welt” (Joh8,12) bezeichnet.
Diese Eigenschaft kommt in jenen Augenblicken seines Lebens, in
denen seine göttliche Herrlichkeit klar erstrahlt, wie Verklärung
und Auferstehung, gut zum Vorschein. In der Eucharistie hingegen
ist die Glorie Christi verhüllt. Das Sakrament der Eucharistie
ist ,,mysterium fidei” schlechthin! Dennoch wird Christus
gerade durch das Geheimnis seines völligen Verborgenseins zum
Geheimnis des Lichtes, dank dessen der Glaubende in die Tiefe des
göttlichen Lebens eingeführt wird. Nicht ohne glückliche
Eingebung stellt die Ikone der Dreifaltigkeit von Rublëv vielsagend
die Eucharistie in die Mitte des dreifaltigen Lebens.
12. Die Eucharistie ist vor allem deshalb Licht, weil in jeder
Messe der Wortgottesdienst der Eucharistiefeier in der Einheit der
beiden ,,Tische” des Wortes und des Brotes vorausgeht. Diese
Kontinuität tritt in der eucharistischen Rede des Johannesevangeliums
zu Tage, in der die Verkündigung Jesu von der grundlegenden
Darlegung seines Geheimnisses zur Veranschaulichung der eigentlich
eucharistischen Dimension voranschreitet: ,,Denn mein Fleisch ist
wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank”
(Joh 6,55). Wir wissen, daß dieses Wort einen Großteil
der Zuhörer in eine Krise stürzte und Petrus veranlaßte,
sich zum Sprecher des Glaubens der anderen Apostel und der Kirche
aller Zeiten zu machen: ,,Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast
Worte des ewigen Lebens” (Joh6,68). In der Erzählung
der Emmausjünger greift Jesus selbst ein, um zu zeigen, ,,ausgehend
von Mose und allen Propheten”, wie die ,,gesamte Schrift”
zum Geheimnis seiner Person hinführt (vgl. Lk 24,27). Seine
Worte bringen die Herzen der Jünger zum ,,Brennen”, sie
entziehen sie dem Dunkel der Traurigkeit und der Verzweiflung und
wecken in ihnen den Wunsch, bei ihm zu bleiben: ,,Bleibe bei uns,
Herr” (vgl.Lk 24,29).
13. In der Konstitution Sacrosanctum Concilium verlangten die Väter
des Zweiten Vatikanischen Konzils, daß der ,,Tisch des Wortes”
den Gläubigen die Schätze der Schrift reich erschließt.9
Daher haben sie erlaubt, daß in der Feier der Liturgie insbesondere
die biblischen Lesungen in der allen verständlichen Sprache
vorgetragen werden. Christus selbst spricht, wenn in der Kirche
die Heilige Schrift gelesen wird.10 Zugleich haben die Konzilsväter
dem Zelebranten die Homilie als Teil der Liturgie selbst empfohlen:
Sie soll dazu dienen, das Wort Gottes zu veranschaulichen und es
auf das christliche Leben hin zu aktualisieren.11 Vierzig Jahre
nach dem Konzil kann das Jahr der Eucharistie ein wichtiger Anlaß
dafür werden, in den christlichen Gemeinden diesen Aspekt zu
überprüfen. Denn es reicht nicht aus, daß die Abschnitte
aus der Bibel in verständlicher Sprache vorgetragen werden,
wenn die Verkündigung nicht mit jener Sorgfalt und vorausgehenden
Vorbereitung, jenem ergebenen Hinhören und besinnlichen Schweigen
einhergeht, die nötig sind, damit das Wort Gottes das Leben
berührt und es erhellt.
,,Sie erkannten ihn, als er das Brot brach” (vgl. Lk24,35)
14. Es ist von Bedeutung, daß die beiden Emmausjünger,
die durch die Worte des Herrn entsprechend vorbereitet worden waren,
ihn bei Tisch an der einfachen Geste des ,,Brotbrechens” erkannten.
Wenn einmal der Verstand erleuchtet und das Herz erwärmt ist,
dann ,,sprechen” die Zeichen. Die Eucharistie vollzieht sich
ganz im dynamischen Kontext von Zeichen, die eine dichte und helle
Botschaft in sich tragen. Durch die Zeichen öffnet sich in
gewisser Weise das Geheimnis dem Auge des Glaubenden.
Wie ich in der Enzyklika Ecclesia de Eucharistia betont habe, ist
es wichtig, daß kein Aspekt dieses Sakraments vernachlässigt
wird. In der Tat steht der Mensch immer in der Versuchung, die Eucharistie
auf eigene Gesichtspunkte zu reduzieren; hingegen ist er es, der
sich in Wirklichkeit den Dimensionen des Mysteriums öffnen
muß. ,,Die Eucharistie ist ein zu großes Gut, um Zweideutigkeiten
und Verkürzungen zu dulden”.12
15. Es besteht kein Zweifel, daß unter den verschiedenen
Aspekten der Eucharistie jener des Gastmahles am meisten ins Auge
fällt. Die Eucharistie entstand im Kontext des Paschamahles
am Abend des Gründonnerstages. Daher ist ihrer Struktur die
Bedeutung der Tischgemeinschaft eingeschrieben: ,,Nehmt und eßt
... Dann nahm er den Kelch ... und reichte ihn den Jüngern
mit den Worten: Trinkt alle daraus” (Mt 26,26.27). Dieser
Aspekt drückt die Gemeinschaftsbeziehung gut aus, die Gott
mit uns aufnehmen will und die wir selbst untereinander entfalten
müssen.
Dennoch darf nicht vergessen werden, daß das eucharistische
Mahl auch und zuerst einen tiefen Opfercharakter besitzt.13 Christus
legt uns darin das Opfer wieder vor, das er ein für allemal
auf Golgota dargebracht hat. Wenn er darin auch als Auferstandener
gegenwärtig ist, so trägt er doch die Zeichen seines Leidens,
zu dessen ,,Gedächtnis” jede heilige Messe gefeiert wird.
Daran erinnert uns die Liturgie in der Akklamation nach der Wandlung:
,,Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung
preisen wir ...”. Während die Eucharistie das Vergangene
vergegenwärtigt, versetzt sie uns zugleich in die Zukunft der
letzten Wiederkunft Christi am Ende der Geschichte. Dieser ,,eschatologische”
Aspekt verleiht dem eucharistischen Sakrament eine mitreißende
Dynamik, die den christlichen Weg mit dem Schritt der Hoffnung ausstattet.
,,Ich bin bei euch alle Tage ...” (Mt 28,20)
16. Diese Dimensionen der Eucharistie verdichten sich in einem
Aspekt, der mehr als alle anderen unseren Glauben auf die Probe
stellt: das Geheimnis der ,,Realpräsenz”. Mit der Gesamttradition
der Kirche glauben wir, daß unter den eucharistischen Gestalten
Jesus wirklich gegenwärtig ist. Es handelt sich um eine Gegenwart
— wie Papst Paul VI. vortrefflich erklärte —, die
,,wirklich” genannt wird nicht im ausschließlichen Sinn,
als ob die anderen Formen der Gegenwart nicht wirklich wären,
sondern hervorhebend, denn kraft der Realpräsenz wird der ganze
und vollständige Christus in der Wirklichkeit seines Leibes
und seines Blutes substanziell gegenwärtig.14 Deswegen verlangt
der Glaube von uns, vor der Eucharistie zu stehen im Bewußtsein,
vor Christus selbst zu stehen. Gerade seine Gegenwart verleiht den
übrigen Dimensionen — des Gastmahls, des Pascha-Gedächtnisses,
der eschatologischen Vorausnahme — eine Bedeutung, die weit
über einen reinen Symbolismus hinausgeht. Die Eucharistie ist
das Geheimnis der Gegenwart, durch das sich die Verheißung
Christi, immer bei uns zu sein bis ans Ende der Welt, auf höchste
Weise verwirklicht.
Feiern, anbeten, betrachten
17. Die Eucharistie — ein großes Geheimnis! Es ist
ein Geheimnis, das vor allem gut gefeiert werden muß. Die
heilige Messe muß in die Mitte des christlichen Lebens gestellt
werden. Jede Gemeinde soll alles tun, um sie gemäß den
Vorschriften würdevoll zu feiern, unter Teilnahme des Volkes,
wobei von den verschiedenen Diensten in der Ausübung der für
sie vorgesehenen Aufgaben Gebrauch gemacht wird. Dazu gehört
eine ernste Aufmerksamkeit gegenüber dem Aspekt der Sakralität,
die den Gesang und die liturgische Musik kennzeichnen muß.
Eine konkrete Aufgabe dieses Jahrs der Eucharistie könnte in
jeder Pfarrgemeinde das gründliche Studium der Allgemeinen
Einführung in das Römische Meßbuch sein. Der bevorzugte
Weg, um in das Geheimnis
der unter den heiligen ,,Zeichen” verwirklichten Erlösung
eingeführt zu werden, besteht darin, den Ablauf des liturgischen
Jahres treu mitzuverfolgen. Die Hirten sollen sich für die
den Kirchen- vätern so kostbare ,,mystagogische” Katechese
einsetzen. Sie trägt dazu bei, die Bedeutung der Handlungen
und Worte der Liturgie zu entdecken, indem sie den Gläubigen
hilft, von den Zeichen zum Geheimnis zu gelangen und in dieses ihr
ganzes Dasein mit hineinzunehmen.
18. Insbesondere ist es notwendig, sowohl in der Feier der Messe
als auch im eucharistischen Kult außerhalb der Messe das lebendige
Bewußtsein der realen Gegenwart Christi zu pflegen, indem
Sorgfalt darauf verwendet wird, diese Gegenwart mit dem Ton der
Stimme, den Gesten, den Bewegungen, mit der Gesamtheit des Verhaltens
zu bezeugen. In diesem Zusammenhang erinnern die Vorschriften —
und ich selbst hatte kürzlich die Gelegenheit, dies zu bekräftigen15
— an die Bedeutung, die den Momenten der Stille sowohl bei
der Feier der Eucharistie als auch bei der eucharistischen Anbetung
gegeben werden muß. Mit einem Wort, es ist notwendig, daß
die Art und Weise des Umgangs mit der Eucharistie seitens der in
der Liturgie Mitwirkenden und der Gläubigen von tiefem Respekt
geprägt sind.16 Die Gegenwart Jesu im Tabernakel muß
ein Anziehungspunkt für eine immer größere Anzahl
von Seelen sein, die von Liebe zu ihm erfüllt sind und fähig
sind, lange da zu bleiben, um seine Stimme zu hören und gleichsam
seinen Herzschlag zu spüren. ,,Kostet und seht, wie gütig
der Herr ist” (Ps 34,9).
Die eucharistische Anbetung außerhalb der heiligen Messe
soll während dieses Jahres zu einer besonderen Aufgabe für
die einzelnen Pfarrgemeinden und Ordensgemeinschaften werden. Verweilen
wir lange auf den Knien vor dem in der Eucharistie gegenwärtigen
Herrn, indem wir mit unserem Glauben und unserer Liebe die Nach-lässigkeit,
die Vergessenheit und sogar die Beleidigungen wiedergutmachen, die
unser Erlöser in vielen Teilen der Welt erleiden muß.
Vertiefen wir in der eucharistischen Anbetung unsere persönliche
und gemeinschaftliche Betrachtung, indem wir uns auch der Gebetshilfen
bedienen, die vom Wort Gottes und von der Erfahrung vieler alter
und neuer Mystiker durchdrungen sind. Selbst der Rosenkranz —
verstanden in seiner tiefen biblischen und christozentrischen Bedeutung,
die ich im Apostolischen Schreiben Rosarium Virginis Mariæ
ans Herz gelegt habe — kann ein Weg sein, der für die
eucharistische Betrachtung besonders geeignet ist, wird sie doch
in Gemeinschaft mit Maria und in der Schule Mariens vollzogen.17
Das Hochfest Fronleichnam mit seiner traditionellen Prozession
soll in diesem Jahr mit besonderer Inbrunst begangen werden. Der
Glaube an Gott, der in seiner Menschwerdung zum Gefährten auf
unserer Reise wurde, soll überall verkündet werden, besonders
auf unseren Straßen und in unseren Häusern als Ausdruck
unserer dankbaren Liebe und als Quelle unerschöpflichen Segens.
III. DIE EUCHARISTIE ALS QUELLE UND EPIPHANIE DER GEMEINSCHAFT
,,Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch” (Joh 15,4)
19. Auf die Bitte der Jünger von Emmaus, ,,bei” ihnen
zu bleiben, antwortet Jesus mit einem viel größeren Geschenk:
Durch das Sakrament der Eucharistie fand er Gelegenheit, ,,in”
ihnen zu bleiben. Die Eucharistie empfangen bedeutet in tiefe Gemeinschaft
mit Jesus eintreten. ,,Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch”
(Joh 15, 4). Diese Beziehung eines zuinnersten, wechselseitigen
,,Verbleibens”, erlaubt uns in gewisser Weise, den Himmel
auf der Erde vorwegzunehmen. Ist dies nicht das größte
Verlangen des Menschen? Ist es nicht das, was Gott sich vorgenommen
hat in der Verwirklichung seines Heilsplans in der Geschichte? Er
hat in das Herz des Menschen den ,,Hunger” nach seinem Wort
gelegt (vgl. Am8,11), einen Hunger, der nur in der vollen Einheit
mit ihm gestillt werden wird. Die eucharistische Gemeinschaft ist
uns geschenkt, um uns auf dieser Erde an Gott zu ,,sättigen”
in Erwartung der vollen Befriedigung im Himmel.
Ein Brot, ein Leib
20. Diese besondere Vertrautheit aber, die sich in der eucharistischen
,,Gemeinschaft” mit dem Herrn vollzieht, kann außerhalb
der kirchlichen Gemeinschaft weder richtig verstanden noch voll
gelebt werden. Dies alles habe ich in der Enzyklika Ecclesia de
Eucharistia mehrfach hervorgehoben. Die Kirche ist der Leib Christi:
Man ist in dem Maß ,,mit Christus” auf dem Weg, in dem
man in Beziehung ,,zu seinem Leib” steht. Um diese Einheit
zu bilden und zu fördern, trägt Christus mit der Ausgießung
des Heiligen Geistes Sorge. Und er selbst hört nicht auf, diese
Einheit durch seine eucharistische Gegenwart zu nähren. Es
ist wirklich das eine eucharistische Brot, das uns zu dem einen
Leib vereint. Dies bekräftigt schon der Apostel Paulus: ,,Ein
Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben
teil an dem einen Brot” (1 Kor 10,17). Im eucharistischen
Geheimnis baut Christus die Kirche als Gemeinschaft auf gemäß
dem höchsten, im hohepriesterlichen Gebet beschworenen Vorbild:
,,Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie
in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast”
(Joh 17,21).
21. Wenn die Eucharistie die Quelle der kirchlichen Einheit ist,
dann ist sie auch deren höchster Ausdruck. Die Eucharistie
ist die Epiphanie der Gemeinschaft. Deswegen stellt die Kirche Bedingungen
für die vollgültige Teilnahme an der Feier der Eucharistie.18
Die verschiedenen Einschränkungen sind dazu da, damit wir uns
immer mehr bewußt werden, welche Erfordernisse die Gemeinschaft
verlangt, die Jesus von uns erbittet. Diese ist eine hierarchische
Gemeinschaft, die auf dem Bewußtsein der verschiedenen Aufgaben
und Dienste beruht und auch im eucharistischen Hochgebet durch die
Erwähnung des Papstes und des Diözesanbischofs ständig
bekräftigt wird. Sie ist eine brüderliche Gemeinschaft,
die mit einer ,,Spiritualität der Gemeinschaft” gepflegt
werden will, welche uns zu einer Gesinnung von gegenseitiger Öffnung,
Zuneigung, Verständnis und Vergebung bewegt.19
,,Ein Herz und eine Seele” (Apg 4,32)
22. Bei jeder heiligen Messe sind wir aufgerufen, uns am Ideal
der Gemeinschaft messen zu lassen, das das Buch der Apostelgeschichte
als Vorbild für die Kirche aller Zeiten umreißt. Es ist
die um die Apostel gesammelte Kirche, die vom Wort Gottes zusammengerufen
ist und fähig ist zu einem Teilen, das nicht nur die geistlichen,
sondern auch die materiellen Güter selbst betrifft (Apg 2,42-47;
4,32-35). In diesem Jahr der Eucharistie lädt uns der Herr
ein, uns so weit als möglich diesem Ideal anzunähern.
Mit besonderem Einsatz sollen die Momente begangen werden, die schon
von der Liturgie des ,,Stationsgottesdienstes” vorgeschlagen
werden, bei dem der Bischof in der Kathedrale mit seinen Priestern
und Diakonen zelebriert, unter Teilnahme des Volkes Gottes in all
seinen Gliedern. Hier hauptsächlich ,,manifestiert” sich
die Kirche.20 Es ist aber lobenswert, andere bedeutungsreiche Gelegenheiten
festzulegen, auch auf Pfarrebene, damit der Gemeinschaftssinn wächst,
der aus der Eucharistiefeier neue Inbrunst bezieht.
Der Tag des Herrn
23. Es ist mein besonderer Wunsch, daß in diesem Jahr ein
spezieller Einsatz unternommen werde, um den Sonntag als Tag des
Herrn und Tag der Kirche neu zu entdecken und voll zu begehen. Glücklich
wäre ich, wenn man neu darüber nachdächte, was ich
bereits im Apostolischen Schreiben Dies Domini ausgeführt habe.
,,In der Tat erleben die Christen in der Sonntagsmesse auf besonders
intensive Weise wieder die Erfahrung, die von den versammelten Aposteln
am Abend des ersten Tages der Woche gemacht wurde, als sich ihnen
der Auferstandene zeigte (vgl. Joh 20,19). In jener kleinen Kerngruppe
von Jüngern, in der Frühzeit der Kirche, war in gewisser
Weise das Gottesvolk aller Zeiten gegenwärtig”.21 Während
dieses Gnadenjahres mögen die Priester in ihrem seelsorglichen
Einsatz eine noch größere Aufmerksamkeit der Sonntagsmesse
als jener Feier schenken, bei der sich die Pfarrgemeinde gesammelt
wiederfindet. Sie sieht dabei gewöhnlich auch die verschiedenen
Gruppen, Bewegungen und Vereinigungen teilnehmen, die es in ihr
gibt.
IV. DIE EUCHARISTIE ALS PRINZIP UND PLAN DER ,,MISSION”
,,Noch in derselben Stunde brachen sie auf” (Lk 24,33)
24. Nachdem die beiden Emmausjünger den Herrn erkannt hatten,
brachen sie noch in derselben Stunde auf (vgl. Lk 24,33), um über
das Gesehene und Gehörte zu berichten. Wer eine wahre Erfahrung
des Auferstandenen gemacht hat und sich durch seinen Leib und sein
Blut nährt, kann die erlebte Freude nicht für sich behalten.
Die Begegnung mit Christus, die in der Vertrautheit mit der Eucharistie
stetig vertieft wird, erweckt in der Kirche und in jedem Christen
den Drang zum Zeugnisgeben und zur Evangelisierung. Dies habe ich
in der Predigt hervorgehoben, mit der ich das Jahr der Eucharistie
ankündigte. Ich zitierte die Worte des heiligen Paulus: ,,Sooft
ihr von diesem Brot eßt und aus dem Kelch trinkt, verkündet
ihr den Tod des Herrn, bis er kommt” (1 Kor 11,26). Der Apostel
setzt das Mahl und die Verkündigung in eine enge Beziehung
zueinander: In Gemeinschaft mit Christus im Ostergedächtnis
zu treten heißt zugleich, die Verpflichtung zu spüren,
Boten und Verkünder des Ereignisses zu werden, das durch diesen
Ritus vergegenwärtigt wird.22 Die Entlassung am Schluß
jeder Messe stellt einen Auftrag dar, welcher den Christen zum Einsatz
für die Verbreitung des Evangeliums und die christliche Beseelung
der Gesellschaft drängt.
25. Für diese Sendung gibt die Eucharistie nicht nur die innere
Kraft, sondern liefert auch — in gewissem Sinne — den
Plan. Die Eucharistie ist wirklich eine Seinsweise, die von Jesus
auf jeden Christen übergeht und durch sein bzw. ihr Zeugnis
in die Gesellschaft und in die Kultur ausstrahlen möchte. Damit
das geschieht, ist es nötig, daß jeder Gläubige
in der persönlichen wie der gemeinschaftlichen Betrachtung
die Werte in sich aufnimmt, welche die Eucharistie ausdrückt,
die Geisteshaltung, die sie anregt, und die Lebensvorsätze,
die sie auslöst. Ist hierin nicht auch der besondere Auftrag
zu sehen, der aus dem Jahr der Eucharistie entspringen könnte?
Dank sagen
26. Ein grundsätzliches Element dieses Plans ergibt sich aus
der Bedeutung des Wortes ,,Eucharistie” selbst: Danksagung.
In Jesus, in seiner Hingabe, in seinem bedingungslosen ,,Ja”
zum Willen des Vaters fußt das ,,Ja”, das ,,Danke”,
das ,,Amen” der ganzen Menschheit. Die Kirche ist aufgerufen,
die Menschen an diese große Wahrheit zu erinnern. Es ist dringend
erforderlich, dies vor allem in unserer säkularisierten Welt
zu tun, die in Gottvergessenheit lebt und eine eitle Selbstgenügsamkeit
des Menschen pflegt. Dem eucharistischen Plan im Alltag, dort, wo
wir arbeiten und leben — in der Familie, in der Schule, in
der Fabrik wie in den verschiedensten Lebensbedigungen —,
eine Gestalt zu geben, heißt unter anderem zu bezeugen, daß
sich die menschliche Wirklichkeit nicht ohne Bezug zum Schöpfer
begründen läßt: ,,Denn das Geschöpf sinkt ohne
den Schöpfer ins Nichts”.23 Der übernatürliche
Bezug, der uns zu einem ewigen ,,Danke” für alles, was
wir haben und sind, —also zu einer eucharistischen Haltung
— verpflichtet, beeinträchtigt nicht die legitime Autonomie
der irdischen Wirklichkeiten,24 sondern begründet sie in einer
viel wahreren Weise, indem sie sie zugleich in ihren rechten Grenzen
einordnet.
In diesem Jahr der Eucharistie setze man sich von Seiten der Christen
dafür ein, mit größerer Kraft die Gegenwart Gottes
in der Welt zu bezeugen. Wir sollen keine Furcht haben, von Gott
zu reden und die Zeichen des Glaubens auf hoher Stirn zu tragen.
Die ,,Kultur der Eucharistie” fördert eine Kultur des
Dialogs, die in ihr Kraft und Nahrung findet. Hier irren diejenigen,
die meinen, daß der öffentliche Verweis auf den Glauben
ein Angriff auf die rechte Autonomie des Staates und der öffentlichen
Einrichtungen sei oder daß dieser sogar zu einer Haltung der
Intoleranz ermutigen könne. Wenn es auch in der Vergangenheit
unter den Gläubigen nicht an Fehlern in diesem Bereich gemangelt
hat —wie ich anläßlich des Jubiläums bekannt
habe —, so kann man dies nicht den ,,christlichen Wurzeln”
anlasten, sondern der Inkohärenz der Christen gegenüber
ihren eigenen Wurzeln. Wer auf Art des gekreuzigten Christus ,,Danke”
sagen lernt, kann ein Märtyrer werden, aber nie ein Peiniger.
Der Weg der Solidarität
27. Die Eucharistie ist nicht nur ein Ausdruck der Lebensgemeinschaft
der Kirche, sondern auch ein Projekt der Solidarität für
die gesamte Menschheit. Die Kirche erneuert beständig in der
Feier der Eucharistie ihr Bewußtsein, ,,Zeichen und Werkzeug”
nicht nur der inneren Gemeinschaft mit Gott, sondern auch der Einheit
des ganzen Menschengeschlechtes zu sein.25 Jede Messe, auch wenn
sie im Verborgenen und in einer abgelegenen Region der Erde gefeiert
wird, trägt immer das Zeichen der Universalität. Der an
der Eucharistie teilnehmende Christ lernt daraus, sich zum Förderer
von Gemeinschaft, Frieden und Solidarität zu machen, und zwar
in allen Lebensumständen. Das zerrissene Bild unserer Welt,
die das neue Jahrtausend mit einem Spektrum von Terrorismus und
Kriegstragödien begonnen hat, ruft die Christen mehr denn je
dazu auf, die Eucharistie wie eine große Schule der Liebe
zu leben, in der sich Männer und Frauen bilden, die auf verschiedenen
Verantwortungsebenen im sozialen, kulturellen und politischen Leben
Strukturen des Dialogs und der Gemeinschaft weben.
Im Dienst an den Geringsten
28. Es gibt noch einen Punkt, auf den ich die Aufmerksamkeit lenken
möchte, weil sich an ihm in beträchtlichem Maße
die Echtheit der Teilnahme an der Eucharistie erweist, die in der
Gemeinde gefeiert wird: es ist der Anstoß, den die Gemeinde
aus ihr im Hinblick auf einen tatkräftigen Einsatz für
die Errichtung einer gerechteren und brüderlichen Welt bezieht.
In der Eucharistie hat unser Gott seine Liebe bis aufs äußerste
gezeigt, indem er alle Kriterien der Herrschaft, die zu oft die
menschlichen Beziehungen bestimmen, umkehrt und in radikaler Weise
das Kriterium des Dienstes formuliert: ,,Wer der Erste sein will,
soll der Letzte von allen und der Diener aller sein” (Mk 9,35).
Nicht von ungefähr finden wir im Johannesevangelium den Einsetzungsbericht
der Eucharistie nicht, wohl aber den der ,,Fußwaschung”
(vgl. Joh 13,1-20): Indem er sich herabbeugt, um die Füße
seiner Jünger zu waschen, erklärt Jesus in unmißverständlicher
Weise den Sinn der Eucharistie. Der heilige Paulus betont mit Nachdruck,
daß eine Feier der Eucharistie nicht zulässig ist, wenn
in ihr nicht die im konkreten Teilen mit den Ärmsten bezeugte
Nächstenliebe aufleuchtet (vgl. 1 Kor 11,17-22.27-34).
Warum sollte in diesem Jahr der Eucharistie nicht ein Zeitraum
geschaffen werden, in dem die Diözesen und Pfarrgemeinden sich
in besonderer Weise dafür einsetzen, daß jeder der vielen
Armutserscheinungen in unserer Welt mit brüderlicher Anstrengung
begegnet wird? Ich denke an das Drama des Hungers, der hundertmillionen
Menschen quält, ich denke an die Krankheiten, welche die Entwicklungsländer
geißeln, ich denke an die Einsamkeit vieler älterer Mitmenschen,
an die Beschwernisse der Arbeitslosen und an die Widrigkeiten, mit
denen die Immigranten konfrontiert sind. Diese Übel kennzeichnen
— wenn auch in unterschiedlichem Maße — selbst
die reichen Länder. Wir können uns nicht täuschen:
an der gegenseitigen Liebe und insbesondere an der Sorge für
die Bedürftigen erkennt man uns als wahre Jünger Christi
(vgl. Joh 13,35; Mt 25,31-46). Dies ist das Kriterium, auf Grund
dessen die Echtheit unserer Eucharistiefeiern überprüft
wird.
SCHLUSS
29. O Sacrum Convivium, in quo Christus sumitur! Das Jahr der Eucharistie
erwächst aus dem Staunen, mit dem die Kirche diesem großen
Geheimnis begegnet. Es ist ein Staunen, das nicht aufhört,
meinen Geist zu erfüllen. Die Enzyklika Ecclesia de Eucharistia
ist daraus entstanden. Ich empfinde es als eine große Gnade
im beginnenden siebenundzwanzigsten Jahr meines Petrusamtes, daß
ich nun die ganze Kirche dazu aufrufen kann, dieses unaussprechliche
Sakrament in besonderer Weise zu betrachten, zu preisen und anzubeten.
Das Jahr der Eucharistie sei für alle eine kostbare Gelegenheit
für ein erneuertes Bewußtsein dieses unvergleichlichen
Schatzes, den Christus seiner Kirche anvertraut hat. Es sei ein
Ansporn für eine lebendigere und innigere Feier der Eucharistie,
aus der ein von der Liebe durchdrungenes christliches Leben entspringen
möge.
Viele Initiativen könnten in dieser Hinsicht nach dem Urteil
der Hirten der Teilkirchen verwirklicht werden. Die Kongregation
für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung wird es nicht
versäumen, dazu nützliche Empfehlungen und Vorschläge
zu machen. Ich erwarte nicht, daß man außergewöhnliche
Dinge unternimmt. Alle Initiativen seien aber von einer tiefen Innerlichkeit
geprägt. Wenn die Frucht dieses Jahres auch nur in der Verlebendigung
der Feier der Sonntagsmesse und in der Förderung der eucharistischen
Anbetung außerhalb der heiligen Messe in allen christlichen
Gemeinschaften bestünde, hätte dieses Gnadenjahr ein bedeutsames
Ergebnis erreicht. Es ist gut, nach hohen Zielen zu streben und
sich nicht mit dem Mittelmaß zufriedenzugeben, da wir immer
auf Gottes Hilfe zählen können.
30. Euch, liebe Mitbrüder im Bischofsamt, vertraue ich dieses
Jahr in der Gewißheit an, daß ihr meine Einladung mit
eurem ganzen apostolischen Eifer annehmen werdet.
Ihr Priester, die ihr täglich neu die Konsekrationsworte sprecht
und Zeugen wie Künder des großen, sich in euren Händen
vollziehenden Geheimnisses der Liebe seid, laßt euch ansprechen
von der Gnade dieses besonderen Jahres, indem ihr jeden Tag die
heilige Messe mit der Freude und der Inbrunst des ersten Mals feiert
und gerne im Gebet vor dem Tabernakel verharrt.
Dies sei ein Gnadenjahr für euch Diakone, die ihr ganz nahe
am Dienst des Wortes und am Dienst des Altars teilnehmt. Auch ihr
Lektoren, Akolythen und außerordentliche Kommunionhelfer:
Seid euch der Gabe bewußt, die euch mit den euch anvertrauten
Aufgaben im Hinblick auf eine würdige Feier der Eucharistie
gemacht wird.
Besonders wende ich mich an euch, zukünftige Priester: Sucht
im Seminarleben die Erfahrung zu machen, wie schön es ist,
nicht nur täglich an der heiligen Messe teilzunehmen, sondern
lange im Zwiegespräch mit dem eucharistischen Jesus zu verweilen.
Ihr Ordensleute seid durch eure Weihe an Gott zu einer längeren
und tieferen Betrachtung gerufen. Erinnert euch, daß Jesus
im Tabernakel euch an seiner Seite erwartet, um in eure Herzen jene
innere Erfahrung seiner Freundschaft einfließen zu lassen,
die eurem Leben allein Sinn und Erfüllung geben kann.
Ihr Gläubigen alle, entdeckt das Geschenk der Eucharistie
neu als Licht und Kraftquelle für euer tägliches Leben
in der Welt, in der Ausübung der jeweiligen Berufe und im Kontakt
mit den verschiedensten Situationen. Entdeckt dieses Geschenk wieder
neu, um ganz und gar die Familie in ihrer Schönheit und Aufgabe
zu leben.
Sehr viel erwarte ich schließlich von euch, liebe Jugendliche,
während ich unsere Verabredung für den Weltjugendtag in
Köln in Erinnerung rufe. Das Thema ,,Wir sind gekommen, um
ihn anzubeten” (vgl. Mt 2,2) eignet sich in besonderer Weise
dafür, um euch die rechte Haltung nahezubringen, wie wir dieses
eucharistische Jahr leben können. Bringt zu diesem Treffen
mit dem unter dem eucharistischen Schleier verborgenen Jesus die
ganze Begeisterung eurer Jugend, eurer Hoffnung und eurer Liebesfähigkeit
mit!
31. Vor unseren Augen sind die Beispiele der Heiligen, die in der
Eucharistie die Nahrung für ihren Weg der Vollkommenheit gefunden
haben. Wie oft haben sie Tränen der Ergriffenheit in der Erfahrung
eines so großen Geheimnisses vergossen und welch unsagbare
Stunden ,,hochzeitlicher” Freude haben sie vor dem Altarssakrament
verbracht! Es helfe uns vor allem die heilige Jungfrau Maria, die
mit ihrer ganzen Existenz die Logik der Eucharistie verkörpert
hat. ,,Die Kirche, die auf Maria wie auf ihr Urbild blickt, ist
berufen, sie auch in ihrer Beziehung zu diesem heiligsten Mysterium
nachzuahmen”.26 Das eucharistische Brot, das wir empfangen,
ist das makellose Fleisch des Sohnes: ,,Ave verum Corpus natum de
Maria Virgine”. In diesem Gnadenjahr möge die Kirche
mit der Hilfe Marias neuen Elan für ihre Mission erhalten und
in der Eucharistie immer mehr die Quelle und den Höhepunkt
ihres ganzen Lebens erkennen.
Allen erteile ich als Unterpfand der Gnade und der Freude meinen
Segen.
Aus dem Vatikan, am 7. Oktober, dem Gedenktag Unserer Lieben Frau
vom Rosenkranz, im Jahr 2004, dem sechsundzwanzigsten meines Pontifikats.
IOANNES PAULUS PP.II
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1Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute
Gaudium et spes, 45.
2Vgl. ebd., 22.
3Nr. 55: AAS 87 (1995), 38.
4Vgl. Nrn. 32-34: AAS 90 (1998), 732-734.
5Vgl. Nrn. 30-32: AAS 93 (2001), 287-289.
6Ebd., 35: a.a.O., 290-291.
7Vgl. Apostolisches Schreiben Rosarium Virginis Mariæ (16.
Oktober 2002), 19.21: AAS 95 (2003), 18-20.
8Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17. April 2003), 53: AAS 95
(2003), 469.
9Vgl. Nr. 51.
10Vgl. ebd., 7.
11Vgl. ebd., 52.
12Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17. April 2003), 10: AAS 95
(2003), 439.
13Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17.
April 2003), 10: AAS 95 (2003), 439; Kongregation für den Gottesdienst
und die Sakramentenordnung, Instruktion Redemptionis Sacramentum
über einige Dinge bezüglich der heiligsten Eucharistie,
die einzuhalten und zu vermeiden sind (25. März 2004), 38:
L'Osservatore Romano, 24. April 2004, Suppl., S. 3.
14Vgl. Enzyklika Mysterium fidei (3. September 1965): AAS 57 (1965),
764; Heilige Ritenkongregation, Instruktion Eucharisticum mysterium
über den Kult des eucharistischen Mysteriums, 9: AAS 59 (1967),
547.
15Vgl. Botschaft Spiritus et Sponsa zum 40. Jahrestag der Konstitution
Sacrosanctum Concilium über die heilige Liturgie (4.Dezember
2003), 13: AAS 96 (2004), 425.
16Vgl. Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung,
Instruktion Redemptionis Sacramentum über einige Dinge bezüglich
der heiligsten Eucharistie, die einzuhalten und zu vermeiden sind
(25. März 2004): L'Osservatore Romano, 24. April 2004, Suppl.
17Vgl. ebd., 137: a.a.O., S. 7.
18Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17.
April 2003), 44: AAS 95 (2003), 462; Codex des kanonischen Rechtes,
can. 908; Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen, can. 702; Päpstlicher
Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Directorium Œcumenicorum
(25. März 1993), 122-125.129-131: AAS 85 (1993), 1086-1089;
Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben Ad exsequendam
(18. Mai 2001): AAS 93 (2001), 786.
19Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Novo millennio
ineunte (6. Januar 2004), 43: AAS 93 (2001), 297.
20Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution über die
heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium, 41.
21Nr. 33: AAS 90 (1998), 733.
22Vgl. Homilie zum Hochfest des Leibes und Blutes Christi (10.
Juni 2004), 1: L'Osservatore Romano, 11.-12. Juni 2004, S. 6.
23Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution über
die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 36.
24Vgl. ebd.
25Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über
die Kirche Lumen gentium, 1.
26Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17. April
2003), 53: AAS 95 (2003), 469.
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