Rom (Fidesdienst) – Professor Antonio Sirchia
ist nicht nur italienischer Gesundheitsminister sondern auch einer der
wichtigsten Experten für Immunologie und Hämatologie und Mitgründer
des Ausschusses für die Zusammenarbeit zwischen medizinisch-wissenschaftlichen
Unternehmen. Als Forscher und Wissenschaftler hat er sich stets auch
für soziale Belange engagiert und verschiedene Projekte der internationalen
Zusammenarbeit gefördert und sich der wissenschaftlichen Forschung
im Bereich der Stammzellen gewidmet. Der Fidesdienst sprach mit Professor
Sirchia über die aktuelle Situation des Gesundheitswesens im globalen
Zusammenhang und die Benachteiligung der Entwicklungsländer. Es
folgt der Wortlaut des Interviews:
Fidesdienst: Es gibt Gebiete auf unserer Erde, die
sich jeden Tag mit der Unterentwicklung konfrontiert sehen, wo endemische
Krankheiten das Wachstum der Länder beeinträchtigen können
oder tatsächlich beeinträchtigen. Wie würden Sie als
Wissenschaftler und Mensch und nicht zuletzt als Gesundheitsminister
mögliche Maßnahmen seitens der Regierungen in den Entwicklungsländern
beurteilen? Was hat die italienische Regierung und insbesondere das
italienische Gesundheitsministerium in diesem Sinn bereits unternommen?
Minister Sirchia: Was für die Entwicklungsländer
am wichtigsten ist, ist nicht die Bereitstellung von finanziellen
Mitteln sondern das Schaffen eines Staates und dessen Institutionen,
die Förderung professionellen Wissens und des Dienstes am Menschen.
Dies ist nichts Neues. Bereits vor 150 Jahren schrieb Carlo Cattaneo:
„Der Reichtum eines Volkes ist nicht das Kapital, das es besitzt,
sondern seine Kultur, seine Institutionen und sein Wissen“,
d.h. das so genannte Know-how. Dieses Konzept wurde auch von Papst
Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Centesimus Annus“
erläutert. Die westlichen Industrieländer haben diese Länder
immer mit umfangreichen finanziellen Mitteln unterstützt, die
jedoch nicht dazu beitragen konnten, deren Schicksal zu verbessern,
denn sie haben vielmehr die Kluft zwischen der reichen Klasse und
den armen Bevölkerungsteilen dieser Länder wachsen lassen.
Erst heute kann man einen Wandel erkennen.
Das italienische Gesundheitsministerium hat in Zusammenarbeit mit
dem Ministerium für die italienischen Staatsbürger im Ausland
im vergangenen Jahr das „Projekt für die Integration der
italienischen Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen auf der ganzen
Welt“ in die Wege geleitet. Damit wollten wir die italienischen
Krankenhäuser im Ausland zusammen schließen, von denen
sich allein 22 in Afrika befinden, und damit Initiativen italienischer
Ärzte und Krankenpfleger im Ausland unterstützen, die im
Ausland arbeiten. Insbesondere soll die Weitergabe von Wissen und
die Ausbildung einheimischer Ärzte und Pfleger gefördert
werden.
Wir würden uns auch wünschen, dass diese italienischen Einrichtungen
im Ausland mit italienischen Industrieunternehmen zusammenarbeiten
könnten, zum Beispiel bei der Entwicklung von Medikamenten und
bei der Förderung von Arbeitsplätzen und technologischem
Fortschritt.
Diese Idee hat viele Anhänger gefunden, weshalb wir auch weiterhin
Unterstützung anbieten können und dies nicht nur was das
Wissen anbelangt, sondern auch durch die Zusammenarbeit mit erstrangigen
italienischen Einrichtungen über das Internet bei der Bekämpfung
der kritischen Lage im klinisch-diagnostischen Bereich. Dies ermöglicht
den italienischen Behörden auch das tatsächliche Erfassen
der Bedürfnisse dieser Bevölkerungen im Gesundheitsbereich
als Grundlage für zukünftige politische Programme der Zusammenarbeit
im Gesundheitswesen. Dieses Projekt betrifft nicht nur die Investition
von Mitteln sondern es soll vor allem das Wachstum der Länder
fördern. Dies ist nicht einfach und es geschieht nicht in kurzer
Zeit, doch es handelt sich um ein konkretes Vorhaben und ich bin davon
überzeugt, dass es sich um einen wichtigen Schritt handelt.
Fidesdienst: Die Geißel Aids zwingt heute weite
Gebiete unseres Planeten in die Knie. Ganze Völker werden dezimiert,
es gibt Geisterdörfer, Kinder bleiben als Waisen zurück,
so sieht heute das Szenarium der Katastrophe aus. Viele fordern, dass
die Preise für Medikamente den Möglichkeiten dieser Völker
angepasst werden sollen. Es ist zwar bekannt, dass wissenschaftliche
Forschung viel kostet, doch sollte man sich heute nicht die Frage
stellen, wie Profit und Gesundheit unter globalen Gesichtspunkten
vereinbart werden können?
Minister Sirchia: Bei jeder Dienstleistung im Gesundheitsbereich
sollten der Mensch und seine gesundheitlichen Bedürfnisse im
Vordergrund stehen. Dies soll keine Rhetorik sein, sondern ein Vorschlag
zu innovativem Handeln. Dies bedeutet, dass die Interessen aller Beteiligten
im Gesundheitsbereich und insbesondere auch der Pharmaindustrie, auch
wenn dies nicht immer einfach ist, den Interessen des Patienten untergeordnet
sein müssen. Das Streben nach Profit darf den Patienten den Zugang
zu Medikamenten und vor allem zu neuen Medikamenten nicht unmöglich
machen. Dies gilt vor allem auch für Entwicklungsländer,
wo viele Menschen jeden Tag sterben müssen, weil sie keinen Zugang
zu Medikamenten haben, obschon es solche gibt. Dies trifft auf Aids
aber auch auf viele andere Infektionskrankheiten zu, die jedes Jahr
Millionen Opfer fordern, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent.
Fidesdienst: Heute hört man die Menschen oft
sagen: „Seit es so viele ausländische Arbeitnehmer gibt,
sind wir auch von Krankheiten bedroht, die wir nicht kannten!“.
Dies erinnert fast an die Literatur vergangener Jahrhunderte, in denen
die Ansichten zur Zeit der Pest beschrieben wird, die sich durch das
Zusammenleben der neuen Italiener oder der neuen Europäer verbreitet
haben sollte. Wobei doch das zivile Zusammenleben Ziel jeder modernen
Gesellschaft sein sollte.
Minister Sirchia: Unter wissenschaftlichen und technologischen
Gesichtspunkten sind wir Lichtjahre von den vergangenen Jahrhunderten
entfernt. Die Leichtigkeit, mit der man von einem Punkt der Erde zu
einem anderen gelangen kann, hat die Barrieren und die Bindungen der
vergangenen Jahrhunderte überwunden. Alle Länder, einschließlich
Italien, haben sich gut auf diese neue Situation vorbereitet und Maßnahmen
zur Vorbeugung und zum Schutz für die eigenen Bürger ergriffen.
Solche Maßnahmen wurden zum Beispiel auch nach dem 11. September
zur Vorbeugung gegen biologischen Terrorismus eingeleitet.
Was die Situation der Einwanderer anbelangt, so bin ich der Meinung,
dass die Gesundheit der Bürger für die ganze Gesellschaft
wichtig ist. Der italienische Gesundheitsplan für die Jahre von
2003 bis 2005, an dem auch die einzelnen Regionen beteiligt sind,
ermöglicht auch den Einwanderern den Zugang zum italienischen
Gesundheitssystem, indem es das öffentliche Gesundheitswesen
gut sichtbar und damit leicht zugänglich gestaltet und damit
auch den neuen Bevölkerungsgruppen entgegenkommen will. Damit
soll auch einem Gesetzestext zur Einwanderungsfrage entsprochen werden,
der sogar Einwanderern, die keine gültigen Einreise- und Aufenthaltsdokumente
besitzen, den Zugang zur gesundheitlichen Basisversorgung garantiert.
In einem solchen Kontext sieht das Gesundheitsprogramm auch Informationsmaßnahmen
unter ausländischen Einwohnern über die Tätigkeit der
öffentlichen Gesundheitseinrichtungen in Italien (ASL) vor. (AP)
(Fidesdienst, 2/1/2004 – 89 Zeilen, 1012 Worte)