Rom (Fidesdienst) – „Es ist Weihnachten,
doch viele Kinder auf der ganzen Welt denken nicht an Spielzeuge oder
an das Christkind, weil sie daran denken müssen, wie sie eine Krankheit
überwinden oder den Hunger stillen können, damit sie überleben?“
Fides sprach mit Kamillianer Missionare Pater Jacques Simporè,
der als Genforscher in Burkina Faso tätig ist.
Fidesdienst: Welche Auswirkungen könnte die
Globalisierung auf die Verbreitung von Krankheiten auf der Welt haben?
P. Jacques Simporè: Heute ist die Welt durch
die Kommunikations- (Medien) und Transportmittel sowie durch Telefone,
Flugzeuge, Fernsehen, Satelliten, Internet und vieles mehr wirklich
zu einem kleinen Dorf geworden, in dem Menschen von einem Ende der
Erde zum anderen kaufen und verkaufen, lernen und lehren, und auf
die verschiedenste Art und Weise Fortschritte machen; kurz gesagt,
sie beeinflussen sich gegenseitig, was die politischen, kulturellen
und gesellschaftlichen Überzeugungen anbelangt oder im Bereich
der Wissenschaft und der Gesundheit. Im Gesundheitsbereich führt
das Phänomen der Globalisierung Wissenschaft und Medizin dazu
uns von Tag zu Tag immer mehr nach neuen Wissensgrenzen und Technologien
zu strecken. Doch heute sollten wir auch wissen, das Wissen ohne Gewissen
der Menschheit schadet.
Man braucht nur auf Hiroshima, Nagasaki oder Tschernobyl zu denken,
an die Möglichkeit des menschlichen Klonens; die Möglichkeit
der Nutzung menschlicher Stammzellen; oder an den Rinderwahn, den
Treibhauseffekt, die geheimnisvolle Lungenkrankheit SARS, die Verbreitung
von AIDS und einiger Pathologien, die in der Vergangenheit eingedämmt
waren und heute wieder um so stärker zuschlagen, und man fragt
sich spontan: „Homo sapiens, sapiens quo vadis?“ Homo
sapiens, der du so viel weißt, wo hin gehst du? Wie sieht deine
Zukunft aus? Weißt du, dass das, was zu in deiner kleinen Ecke
der Erde tust, sich auf die ganze Welt auswirken und damit auch die
Zukunft des Universums beeinflussen könnte?“ Ein afrikanisches
Sprichwort besagt: „Es hat keinen Sinn, die Augen zu schließen,
wenn das Haus deines Nachbarn brennt“, denn das Feuer wird auch
auf dein Haus überspringen. In der heutigen Zeit sind AIDS, SARS,
Cholera, Tuberkulose und Malaria keine isolierten Krankheiten mehr.
Es könnte sein, dass SARS nicht auf China oder Asien beschränkt
bleibt. Mit dem Winter, in dem üblicherweise viele Formen der
Lungenentzündung auftreten, könnte ein Mensch, der die Stadt
„Vattelapesca“ nie verlassen hat, infolge der Tatsache,
dass Menschen reisen, sich trotzdem mit SARS infizieren. Die Unterernährung,
die in Kwashiorkor verschiedene Formen des Vitaminmangels hervorruft
ist für die Kinder im Alter unter fünf Jahren ein Problem,
während der Überfluss in Europa und Nordamerika Diabetes
und Übergewicht hervorruft, die zu Herz- und Kreislaufkrankheiten
führen. Überall auf der Welt, sowohl im Norden als auch
im Süden, gibt es also Gesundheitsprobleme.
Fidesdienst: Gibt es Gebiete auf unserem Planeten,
wo die Probleme der Unterentwicklung und der endemischen Verbreitung
von Krankheiten das Wachstum der Länder beeinträchtigt?
P. Jacques Simporè: Gewiss, es gibt Regionen
auf der Erde, wo jeden Tag unzählige Kinder und junge Menschen
im besten Alter, Lehrer, Landwirte, Krankenpfleger und Beamte plötzlich
an Tuberkulose, Hirnhautentzündung, Malaria, Gelbfieber, Lepra
und so weiter erkranken. In diesen Gebieten gibt es oft auch keine
Medikamente zur Behandlung. Demzufolge hinterlassen solche Erkrankungen
oft Spuren bei den Patienten, die körperlich oder geistig behindert
bleiben. Wie viele afrikanische Staaten haben heute Schwierigkeiten,
ihre Grundschulen weiterzuführen, nachdem unzählige Lehrer
an Aids sterben? Wie viele Kinder leben heute in völliger Armut
und ohne Zukunftsaussichten, weil der Vater oder die Mutter infolge
einer Krankheit behindert sind?
Unter den Faktoren, die die Entwicklung in vielen Nationen in der
dritten Welt behindern, stehen an vorderster Stelle auch Brüderkriege,
politische Gewalt und eine Misswirtschaft bei der Verwaltung öffentlicher
Gelder. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass viele dieser
armen Länder auch Gebiete sind, in denen die Menschen unterschiedslos
von endemischen Krankheiten betroffen sind, die eine Behinderung mit
sich bringen und die erwerbsfähige Bevölkerung in ihrer
Kapazität beeinträchtigen, was wiederum die ganzheitliche
Entwicklung unter wirtschaftlichen, intellektuellen, spirituellen
und menschlichen Gesichtspunkten beeinflusst … Was können
die Länder gegen eine solche Situation unternehmen? Es bedarf
einer gezielten Zusammenarbeit. Welche Formen der Zusammenarbeit zwischen
Nord und Süd im Bereich der Gesundheit könnten jene Krankheiten
eindämmen, die zur Geißel der Menschheit geworden sind?
Hierzu braucht man: kurzfristige Projekte zur Bekämpfung der
endemischen und epidemischen Krankheiten auf der südlichen Halbkugel;
Notmaßnahmen im Fall von Katastrophen (Kriege, Naturkatastrophen,
Hungersnot,…); langfristige Projekte zur Bekämpfung von
Armut und zur Lebensmittelsicherung für Kinder, einen Technologietransfer
von Norden nach Süden und die Ausbildung von Forschungskräften
aus dem Süden in westlichen Ländern, die Entsendung von
Doktoranden, Forschern und Professoren in den Süden, damit Forschungs-
und Entwicklungsprojekte angeregt werden und nicht zuletzt gemeinschaftliche
Vorsorgemaßnahmen im Sinn von Alma Ata …
Die Perspektiven der Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd im
Bereich der Gesundheit sind jedoch auch mit dem politischen Willen
verbunden: Wenn ein Arzt oder ein Forscher, ein Techniker oder ein
Krankenpfleger für einen bestimmten Zeitraum in den Süden
gehen will, um den Menschen im Rahmen einer bilateralen Entwicklungszusammenarbeit
helfen will; wenn ein Krankenhaus oder eine Klinik, wo dieser freiwillige
Helfer tätig ist, dessen Gehalt nicht weiterzahlen will; „denn
er wird auch im Süden nicht nur von Wasser und Luft leben können!“.
Eine gute Zusammenarbeit zwischen dem Norden und dem Süden erfordert
also ein abgestimmtes Handeln aller Beteiligten.
Fidesdienst: Die Geißel Aids zwingt weite Gebiete
der Erde in die Knie. Ganze Völker werden dezimiert, es entstehen
Geisterdörfer, Kinder bleiben als Waisen zurück: dies ist
heute das Szenarium der Katastrophe. Wie können Profit und Gesundheit
auf unserem Planeten in Einklang gebracht werden?
P. Jacques Simporè: Viele Pharmabetriebe haben
umfangreiche Summen in die Aidsforschung und die Entwicklung entsprechender
Medikamente investiert. Ihr Ziel war es, dass sich diese Investitionen
eines Tages lohnen sollten und dass die Entdeckung eines magischen
Moleküls zur Bekämpfung des HIV-Virus große Gewinne
bringen würde. Gewiss, ohne Geld kann keine Forschung betrieben
werden und ohne Forschung gibt es keine neuen Medikamente. Die Forschung
erfordert im Allgemeinen umfangreiche Investitionen für Laborausrüstungen
und Forschungsmittel. Inzwischen konnten verschiedene Medikamente
zur Bekämpfung von Aids entwickelt werden, doch diese füllen
heute unverkauft die Lager. Denn in Wirklichkeit sind über 40
Millionen, d.h. rund 90% der Aidskranken, arm. Auch wenn sie ihr Ackerland
(das keinen großen Wert besitzt) oder ihre Wohnungen verkaufen
würden , bei denen es sich meistens um Baracken handelt, dann
wäre der Preis für diese Medikamente für sie immer
noch zu hoch. Hic et nunc, ganze Völker werden dezimiert, es
gibt Geisterdörfer, Kinder hinterbleiben als Wasen, infizierte
Neugeborene sterben. Wie können also Gewinn und Gesundheit in
diesem Bereich in Einklang gebracht werden? Kann die Pharmaindustrie
ohne die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft
das Solidaritätsproblem lösen? Ganz bestimmt nicht! Es müsste
eine neue Wirtschaftspolitik der globalen Übereinstimmung geben,
damit arme Menschen nicht Aids sterben, während die Medikamente
anderswo ungenutzt gelagert werden.
Es ist Weihnachten, doch viele Kinder auf der ganzen Welt denken nicht
an Spielzeuge oder an das Christkind, weil sie daran denken müssen,
wie sie eine Krankheit überwinden oder den Hunger stillen können,
damit sie überleben? Weihnachten ist das Fest der Freude, des
Lebens, des göttlichen Lichts, dass das Leben von uns Gläubigen
erleuchtet; doch trotz aller Freude gibt es in vielen Teilen unser
Erde im Schatten immer noch Kinder, die in den Armen ihrer verzweifelten
Mütter Not leiden. Angesichts des grausamen Leids, von dem Kinder
betroffen sind, die an Malaria oder an Aids erkranken, verlieren junge
Mütter jeden Funken der Hoffnung. Doch der Philosoph, der in
der Abenddämmerung bereits das Licht des neuen Morgens sieht,
flüstert ihr ins Ohr: „Hab Zuversicht, denn jeder Mensch,
der im Dunkeln geht, läuft auf das Licht zu“. (AP) (Fidesdienst
2/1/2004/ -107 Zeilen, 1.263 Worte)