AFRIKA/SUDAN - Missionar: “Trennung zwischen Staat und Religion schafft Raum für Pluralität”

Dienstag, 29 September 2020 islam   politik     zivilgesellschaft   gesellschaft   religiöse minderheiten   religionsfreiheit   bildungswesen   schule   pluralismus  

Khartum (Fides) - "Das von Premierminister Abdalla Hamdok und der Führung der sudanesischen Volksbefreiungsbewegung Nord (SPLM-N) unterzeichnete Abkommen über die Trennung von Staat und Religion ist sicherlich eine gute Nachricht für das Land. Ich glaube jedoch, dass die Revolution weniger durch Verträge als vielmehr durch eine Veränderung der Mentalität durch Bildung zustande kommt. In diesem Sinne halte ich es für sehr wichtig, dass die Schulbücher für das neue Jahr – das nach Angaben der Regierung aufgrund der jüngsten Nilfluten offiziell um zwei Monate verschoben wurden, während der tatsächlich Grund die Druckverzögerungen bei den Schulbüchern sind (Anm.d.R.) - in jedem Fach frei von Hinweisen auf den Koran sein werden. Dies wird eine große Veränderung bewirken, da der Koran bis zum letzten Jahr die Grundlage aller Schulfächer war. Das neue Bildungsministerium wollte den Kurs ändern, indem es erklärte, dass der Koran zu Recht weiterhin auf dem Lehrplan für das Fach islamische Religion steht, aber in anderen Fächern künftig nicht mehr erwähnt werden wird", so Pater Diego Dalle Carbonare, der als Comboni-Missionar in Khartum tätig ist, in einem Kommentar zu dem jüngsten Abkommen, das im Sudan zu einer fortschreitenden Distanzierung des Staates von der "Scharia", dem islamischen Recht, führen soll.
In der ersten Septemberwoche haben die SPLM-N-Rebellen, die vor allem in der Region der Nuba-Berge, in der die christliche Präsenz von großer Bedeutung ist, vertreten sind, mit Premierminister Abdalla Hamdok eine Einigung über die Trennung von Staat und Religion erzielt. Die konkreten Entwicklungen werden sich zeigen.
"Der Weg ist lang“, so Pater Dalle Carbonare, „ auch, weil zu berücksichtigen ist, dass die Unterzeichnung des Abkommens für die Rebellen nur von einer Gruppe vorgenommen wurde (die das Ende August geschlossene Friedensabkommen nicht unterzeichnet hatte Anm.d.R.) und in Bezug auf die Regierung erfolgt die Unterzeichnung nur durch den Premierminister, nicht durch den Obersten Rat, der bereits bei anderen Gelegenheiten - beispielsweise bei der Frage, ob die Beziehungen zu Israel wieder aufgenommen werden sollen oder nicht - darauf hingewiesen hat, dass für bestimmte Entscheidungen die Regierung nicht alleine zuständig ist. Beobachtern zufolge könnte der Rat der Meinung sein, dass die Befugnis zu einer Verfassungsänderung mit der Abschaffung der Scharia nicht in den Zuständigkeitsbereich einer Übergangsregierung gehört."
Auf der anderen Seite wird auch darauf hingewiesen, dass Nimery 1983 das islamische Recht ohne Legitimität des Parlaments oder eines Referendums eingeführt hat. Ein verfassungsrechtliches Mandat zur Aufhebung wäre daher rechtlich nicht erforderlich.
"Auf jeden Fall würde ich bei der Behandlung des sehr heiklen Problems die Terminologie genau beachten. Im arabischen Sprachraum hat das Wort "Säkularismus" keine neutrale Bedeutung, wie es im Westen der Fall ist, sondern es entsteht vielmehr eine negative Assoziation. Es wird als "Minus" verstanden, nicht als "Plus". Wenn die Rebellen nun sagen: ‚Entweder es gibt eine umfassende Säkularisierung des Staates oder es wird eine Sezession geben‘, bringen man den arabischen Teil des Landes in eine schwierige Situation und den gesamten Prozess in Gefahr. Meiner Meinung nach wäre es viel sinnvoller, über eine Reform des Gesetzes zu sprechen, um der Pluralität Raum zu geben und Minderheiten zu schützen: so würde gleiche Ziel würde ohne unnötige Spannungen erreicht werden können.“
Unterdessen gibt es Khartum nach mehr als anderthalb Jahren wieder einen Apostolischen Nuntius. Der neue diplomatische Vertreter des Heiligen Stuhls, Erzbischof Luís Miguel Cárdaba ist endlich im Sudan angekommen. Seine Ankunft nach der Ernennung von Papst Franziskus im März letzten Jahres erfolgt zu einem für das Land kritischen Zeitpunkt. Der Comboni-Missionar bemerkt: „Gerade in diesen Tagen ist der neue Apostolische Nuntius in Khartum angekommen. Anderthalb Jahre ohne Nuntius haben sich bemerkbar gemacht, zumal in der Zwischenzeit hier im Sudan epochale Veränderungen stattfanden. Ich glaube, dass seine Anwesenheit gerade jetzt sehr wichtig sein kann. Die Kirche lebte lange Zeit im Schatten ohne die Möglichkeit eines Dialogs mit der Regierung. In diesem neuen politischen und sozialen Klima gibt es eine historische Gelegenheit für die Kirche, eine wichtige Rolle zu spielen, und ich hoffe aufrichtig, dass der neue Nuntius in dieser Richtung hilfreich sein wird. "
(LA) (Fides 29/9/2020)


Teilen:
islam


politik


leggi


zivilgesellschaft


gesellschaft


religiöse minderheiten


religionsfreiheit


bildungswesen


schule


pluralismus