ASIEN/IRAK - Chaldäischer Patriarch: „Christen könnten nach der Befreiung der Ninive-Ebene zur ‚Handelswährung’ werden“

Dienstag, 6 September 2016 kriege   ostkirchen   internationale politik   sektierertum   dschihadisten  

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Bagdad (Fides) – Sollten die irakischen Gebiete von der Herrschaft des Islamischen Staates befreit werden, dann könnte es sein, dass es in den mehrheitlich christlichen Dörfer der Ninive-Ebene vorübergehend eine “Selbstverwaltung” gibt. Nach der Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Wohnungen und der Wiederherstellung der allgemeinen Bedingungen für die Stabilität, sollen die Einwohner der Region die Möglichkeit haben, im Rahmen eines Referendums darüber abzustimmen, ob sie weiterhin von der Zentralregierung in Bagdad verwaltet werden wollen oder zur autonomen Region Kurdistan gehören oder sich möglicherweise einem „angenommenen sunnitischen Staat unterordnen wollen. Diese Überlegungen stellt der chaldäische Patriarch Luis Raphael I. in einer am gestrigen 5. September veröffentlichten Analyse zur politischen Lage im Irak an.
Der Primas der chaldäischen Kirche erinnert in diesem Zusammenhang an die US-amerikanische Invasion im Jahr 2003 und den Sturz des Regimes unter Saddam Hussein und betont, dass seither im Irak keine wirkliche Konsolidierung der demokratischen Grundlagen stattgefunden hat und noch nicht einmal damit begonnen wurde, “die richtigen Personen am richtigen Platz einzusetzen und zwar auf der Grundlage der Kompetenzen und nicht durch Vetternwirtschaft“. Seither, so Louis Raphael I. sei die Zahl der Christen im Irak stark gesunken. Deshalb befasst sich der Patriarch mit der Zukunft der Region nach einem Sieg über den IS, von dem viele Beobachter ausgehen, und erkennt einen „Plan für die künftige politische Zusammensetzung des Irak“, wo für Christen und andere Minderheiten die Bedingungen für die Sicherheit und eine künftige Präsenz nicht unbedingt gegeben sein könnten.
“Vielleicht”, so der Patriarch, “könnte man die Sympathie ausnutzen, die durch das Leid der Christen hervorgerufen wurde”, doch dazu “müssten Spaltungen überwunden und Einheit und Zusammenarbeit erhalten bleiben“. Hingegen, so das Oberhaupt der chaldäischen Kirche, mit einer unmissverständlichen Andeutung, gibt es “politische Jäger“, die versuchen die Christen „zum eigenen Vorteil zu nutzen“. Nach Ansicht des Patriarchen “könnten die Christen zur Handelswährung” werden, wenn es um die Stabilität und die Zukunft der Region geht.
Der chaldäische Patriarch betont, dass dem politischen Prozess im Irak von Anfang an ein falscher Ansatz zugrunde lag, indem man versuchte, das Zusammenleben auf ein so genanntes “Quotensystem” aufzubauen. Die Befreiung von Mossul und der Ninive-Ebene könnte für die Christen in diesen Gebieten ein neuer Hoffnungsschimmer sein. Doch es werde Zweit brauchen, bis das Vertrauen zwischen den Ethnien und Religionen in der Region wieder hergestellt werden kann, während andernfalls “das Ausbluten weitergeht, und zwar auch in Gebieten, die als sicher gelten“. Auch weil, so Luis Raphhael, “in Betracht gezogen werden muss, dass ein militärischer Sieg über den Islamischen Staat nicht automatisch die Lösung des Problems der Verbreitung extremistischer Ideologien ist, die zuerst demoliert werden müssen”.
(GV) (Fides 6/9/2016)


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