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Europa

2004-04-07

EUROPA/ITALIEN - Handel mit Minderjährigen: Ein Geschäft ohne Grenzen. Ein italienischer Untersuchungsrichter zum gegenwärtigen Stand der Dinge: „Wir dürfen uns nicht nur ab und zu mit diesem Thema beschäftigen, um unser Gewissen rein zu waschen“.

Rom (Fidesdienst) - Niemand hat etwas gesehen. Niemand weiß davon. Trotzdem ist der Menschenhandel ein internationales Business, das jedes Jahr Schwindel erregende Gewinne einbringt. Im 21. Jahrhundert gibt es skrupellose Händler, die wie vor zwei-dreihundert Jahren, zu allem bereit sind. Auch dazu, mit verschleppten oder von ihren Familien verkauften Kindern Geschäfte zu machen, die sie versklaven, zur Prostitution oder Pornographie zwingen oder einfach für den illegalen Handel mit Organen nutzen.
Diese geht aus dem „Informationsbericht zum Handel mit Minderjährigen hervor“, der vor kurzem von „Save the Children“ vorgestellt wurde, und Daten enthält die in sechs europäischen Ländern erhoben wurden - Bulgarien, Rumänien, Italien, Spanien, Dänemark und England - und nach Herkunfts- und Transit- sowie endgültigem Bestimmungsland unterschieden.
In Europa machen Minderjährige rund 6% einer geschätzten Zahl von insgesamt 130.000 Opfern des Menschenhandels aus. Hierzu heißt es in dem Bericht: „In den vergangenen 10 Jahren ist die Zahl der Mädchen und Jungen, die in solche Geschäfte verwickelt waren, vor allem derjenigen, die aus osteuropäischen Ländern kommen, stetig. Es handelt sich dabei um besonders verwundbare Kinder, denn sie können leichter genötigt werden und haben weniger Möglichkeiten, sich der Ausbeutung zu entziehen“. Diese Geschäfte schließen auch den Verkauf von Neugeborenen zur illegalen Adoption nicht aus. Ein Kind ist von 7.000 bis 15.000 Euro wert. In diesem beunruhigenden Kontext gilt Italien als „Transitland“ auf der Durchreise aus ärmeren Ländern in andere Bestimmungsländer. Einige dieser kleinen Sklaven des dritten Jahrtausends konnten aus dem „Netz“ dieser Geschäfte befreit werden und bis heute konnten in Italien 134 Minderjährige soziale Schutzprogramme nutzen.
Doch abgesehen von diesen wenigen, die von Glück reden können, werden weiterhin Tausende wie Gegenstände gekauft und verkauft ohne dabei Gehör zu finden oder hoffen zu können, dass sie aus diesem Kreislauf herauskommen, der schließlich ihre Kindheit und oft ihr ganzes Leben zerstört.
Im Zusammenhang mit diesem Drama von internationalem Ausmaß wurde aufgrund eines vom Fidesdienst veröffentlichten Dossiers über verlassene Kinder von der Staatsanwaltschaft in Rom eine Untersuchung eingeleitet, die zur Aufklärung des Handels mit Minderjährigen in Italien beitragen soll. Im Gespräch mit dem Fidesdienst erläutert der mit der Untersuchung befasste italienische Ermittlungsrichter Adelchi D’Ippolito den Stand der Untersuchungen, die kriminelle Netzwerke in den Herkunftsländer, sowie Episoden der Ausbeutung, des Sklaventums und dem Handel mit Spenderorganen aufdecken sollte, drei Monate nach deren Beginn.
„Wir können nicht über genaue Unersuchungsergebnisse im Zusammenhang mit den derzeitigen Ermittlungen sprechen“, so der Richter, „obschon ich gerne sagen möchte, dass römische Staatsanwaltschaft allen Problemen die mit Minderjährigen und allen Formen der Ausbeutung dieser Minderjährigen zusammenhängen ein sehr großes Interesse widmet. Diese Untersuchung wurde eingeleitet, nachdem der Fidesdienst am 6. Januar ein Dossier veröffentlicht hatte. In diesem Zusammenhang möchte ich vor allem bekräftigen, dass dieser Pressedienst mit äußerster Sensibilität und großem Interesse aus zuverlässigen Quellen über die Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen berichtet und dabei die Situation in aller Welt und insbesondere in den Entwicklungsländern berücksichtigt. Ausgehend von dem Dossier konnten wir Ermittlungen einleiten, die sich natürlich nicht immer einfach gestalten. Es ist schwierig, in eine Welt einzudringen, die absolut dazu tendiert, Vorgänge zu verheimlichen oder zu verhehlen. Zu Episoden, die im Zusammenhang mit dem Handel mit Minderjährigen stehen, kommt es in den verschiedensten Teilen der Welt, deshalb ist es nicht einfach den so genannten roten Faden zu finden.
Mit Sicherheit gehen wir sehr sorgfältig vor, auch weil inzwischen eine Reihe von Indizien darauf hinweisen, dass auch Europa und in Italien in diesen tragischen Kreislauf verwickelt sind. Wir ermitteln an zahlreichen Orten, doch die größte Schwierigkeit, auf die wir dabei stoßen ist, dass es kaum gelingt konkrete Einzelfälle aufzudecken, die eine weitere Ermittlungstätigkeit ermöglichen.

Im jüngsten von „Save the Children“ veröffentlichten „Informationsbericht zum Handel mit Minderjährigen“ werden Länder wie Italien und Spanien als Transitgebiete bezeichnet und nicht als Handelsplatz für die Opfer des Kinderhandels…
„Wir sind äußerst interessiert an allem, was die in diesem Sektor tätigen Einrichtungen beitragen können, wobei es größtenteils um Analysen, Bewertungen und Untersuchungen geht. Wir betreiben jedoch keine soziologischen Untersuchungen sondern unserer Aufgabe besteht darin, Prozesse einzuleiten und demnach konkrete Fälle aufzudecken, es geht uns um beweiskräftige Umstände.
Natürlich lassen wir keinen Hinweis unbeachtet, den wir von Verbänden erhalten, die sich zum Schutz der Kinder einsetzen, doch die Anforderungen sind unterschiedlich, denn auf der einen Seite geht es um das Studium und auf der anderen um eine kriminelle Einschätzung des Phänomens“
Unterdessen sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auf jeden Fall ein verbindliches Engagement, das darauf abzielt, die Ursprünge dieses schrecklichen Phänomens aufzuklären.
Doch besteht Hoffnung, dass hunderte Kinder allein in Europa vor dem Handel mit Minderjährigen bewahrt werden können?
„Es geht hierbei um besondere Ermittlungen angesichts der Tatsache, dass es sich um den Schutz Minderjähriger handelt, also um eine schwache Kategorie, bei der wer auf Ausgrenzung und Ausbeutung abzielt, auf leichte Opfer stößt. Viele Kinder die Opfer des Menschenhandels werden, kommen aus Ländern, die so arm sind, dass schwächere Kategorien noch schwächer werden. Die äußerste Armut, die in viele Entwicklungsländern herrscht, lässt darauf schließen, dass dort Situationen herrschen, die es den Verbrechernetzen nicht schwer fallen dürfte, Kinder einzusammeln, die manchmal auch mit der Zustimmung der Familie verkauft werden, um später ausgebeutet oder getötet zu werden“.
Die Öffentlichkeit scheint sich in jüngster Zeit auch dank der nachdrücklichen Appelle des Papstes wieder zunehmend für dieses Problem zu interessieren, ein Problem, dass bislang oft nur zu interessieren schien, wenn es um Nachrichten über Verbrechen oder Unfälle ging. Vielleicht sind sich die Menschen heute zunehmend bewusst, dass gewisse schreckliche Vorkommnisse das Gewissen aller angehen und dass man etwas tun muss, um den Menschenhandel zu stoppen?
„Es scheint sich etwas zu ändern, das Interesse ist groß und vor allem die Öffentlichkeit ist wieder aufmerksam geworden, was verschiedenen Medien, wie zum Beispiel auch Ihrem Pressedienst zu verdanken ist, die solche Probleme dauerhaft und in aller Welt beobachten. Wir dürfen uns nicht nur ab und zu mit diesem Thema beschäftigen, um unser Gewissen rein zu waschen. Jeder sollte dazu beitragen, dass dieses Übel unserer Zeit gelöst werden kann.“ (MFD’A) (Fidesdienst, 7/4/2004 - 86 Zeilen, 1.041 Worte)

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