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Dossiers

2004-04-24

ASIEN/IRAK - Ein Jahr nach dem Sturz Saddams: Religionsgemeinschaften zwischen traditionellen Religionsführern und dem Einfluss neuer radikaler Gruppen

Bagdad (Fidesdienst) - Die Situation im Irak ist ein Jahr nach dem Sturz Saddam Husseins komplex: das Entstehen neuer politischer Gruppen, das Wiedererwachen traditioneller religiöser Bewegungen und die Geburt neuer Formierungen, die Rückkehr im Exil lebender Religionsführer und der Einfluss der angrenzenden Länder lassen einen Rahmen entstehen, vor dessen Hintergrund politische und religiöse Instanzen sich oft überschneiden und in dessen Inneren jede Gruppe sich den eigenen Platz im zukünftigen Irak sichern möchte.
Am offensichtlichsten war die Entwicklung der schiitischen Muslime: durch Massenkundgebungen und eine kapillare Organisation an der Basis versuchen die Schiiten, nach der brutalen Unterdrückung durch das Saddam-Regime ihre eigenen Identität wieder zu festigen. Als in der Mehrheit lebende Konfession (63% der Iraker sind Schiiten) geben die Schiiten zu verstehen, dass sie ein Mitspracherecht bei der Planung des neuen Irak fordern. Dabei gibt es jedoch auch Probleme, die nicht einfach zu lösen sind.
Zu diesen Problemen gehört das Modell einer theokratischen Nation, das die Schiiten vor Augen haben, wobei sie auf die Notwendigkeit eines muslimischen Staates hinweisen, während einige schiitische Religionsführer den umgehenden Rückzug der Koalitionstruppen aus dem irakischen Territorium verlangen. In den Reihen der schiitischen Glaubensgemeinschaft haben sich im vergangenen Jahre einige junge radikale Religionsführer hervorgetan, die den eher moderaten traditionellen Klerus, der vorwiegend aus Religionsvertretern besteht, die bis vor kurzem im Exil gelebt haben, herausfordern. Eine weitere offene Frage ist das Ausmaß des schiitischen Nachbarlandes Iran und der libanesischen Hisbollah-Kämpfer.
Auf der anderen Seite hat die sunnitische Glaubensgemeinschaft, der 34% der Iraker angehören, unter dem Sturz des Saddam-Regimes gelitten, denn zu den Zeiten der Baath-Partei wurde sie als Macht habende Gruppe betrachtet. Nach einer mühsamen Neuorganisierung nach Ende der kriegerischen Handlungen wurde die sunnitische Glaubensgemeinschaft mit dem Aufstieg des schiitischen Islam nach den Jahren der Unterdrückung unterm Saddam konfrontiert. Im Laufe des Prozesses der Neuorganisierung konnten wahabitische Elemente und Gruppen, die die antiwestliche Ideologie der Al-Quaida vertreten einschleichen.
Nach Ansicht verschiedener Beobachter soll diese antiwestliche Ideologie, die die Präsenz ausländischer Truppen im Irak ablehnt, zu einem zunehmenden Zusammenwachsen zwischen Schiiten und Sunniten geführt haben, zwischen denen eigentlich eine historische Spaltung besteht. Glaubwürdiger scheint jedoch die Annahme, dass ein „vorübergehendes Bündnis“ zwischen den beiden Zeigen der Anhänger des Propheten geschlossen wurde oder vielmehr zwischen einigen sunnitischen und schiitischen Gruppen und zwar zur Verfolgung gemeinsamer Ziele, vor allem zum Wiedererlangen der direkten politischen Souveränität über das Land.
Auch die im Wesentlichen in zwei Flügel gespaltene Gruppe der vorwiegend sunnitischen Kurden wollen sich trotz der internen Spaltung an der Regierung des Landes teilnehmen. Die Kurden schließen sich zum einen in der Demokratischen Partei Kurdistan (PDK) unter Leitung von Massoud Brzani und zum andern in der Patriotischen Union Kurdistan (PUK) unter Jalal Talabani zusammen. Die Anführer beider Gruppen gehören dem Irakischen Regierungsrat an und verfügen über eine jeweils eigene Soldaten, die so genannten Peshmerga.
Vor einem solchen Hintergrund betont auch die christliche Glaubensgemeinschaft mit ihren verschiedenen Konfessionen ihre Solidarität mit dem irakischen Volk und den Willen zum Aufbau geschwisterlicher Beziehungen zu den anderen religiösen Gemeinschaften und zur Teilnahme am Aufbau eines neuen Irak. Erwähnenswert ist auch die Tatsache, das das vorwiegend durch die Caritas Irak abgewickelte christliche Engagement im sozialen Bereich zur Unterstützung armer irakischer Familien oft auch nichtchristlichen Familien zugute kommt.


Schiiten

Zu den bekanntesten schiitischen Gruppierungen gehört die 1950 gegründete Daawa-Bewegung, die älteste islamische Bewegung im Irak. Nachdem mehrere Anführer dieser Gruppe unter Saddam ermordet worden waren, wurde die Bewegung ganz aufgelöst und unterdrückt, was dazu führte, dass viele Schiiten im Untergrund lebten. Unter Leitung von Scheich Mohaammed Nasseri, der nach Ende des Krieges aus dem Exil im Iran zurückgekehrt war, sitzen heute zwei Vertreter der Daawa-Bewegung im irakerischen Regierungsrat. Nasseri hatte mehrmals geäußert, dass die Zeit der Besatzung durch die Koalition nicht länger als sechs Monate dauern sollte.

Eine weitere schiitische Bewegung, die im Laufe des vergangenen Jahres von sich hören gemacht hat ist der Oberste Revolutionsrat des Irak (SCIRI) unter Muhammad Baqr al-Hakim, der jedoch bereits im August 2003 bei einem Attentat in Nadschaf ermordet wurde. Hakim, der im Land tausenden von Anhängern hatte, war ebenfalls aus dem Exil zurückgekehrt, in das er von Saddam verbannt worden war. Vor seinem Tod hatte er dem Regierungsrat seine Unterstützung zugesagt und diesen unter den schiitischen Gläubigen bekannt gemacht. Seinen Platz an der Spitze der Bewegung übernahm sein Bruder Abdel Aziz, der enge Verbindungen mit dem Iran unterhält und für seine Bewegung einen Sitz im Regierungsrat erhalten hat. Dem bewaffneten Flügel des Revolutionsrates, den so genannten Badr-Brigaden, gehören rund 10.000 Männer an.

Zu den radikalen schiitischen Gruppen gehört die Bewegung unter Moktada al-Sadr, 32 Jahre, dessen Vater von den Baath-Partei während der Jahre der Diktatur ermordet worden war. Al-Sadr lehnt die traditionellen schiitischen Anführer ab. Sein Basislager hat er in Nadschaf aufgeschlagen, von wo aus er die „amerikanischen Besatzer“ bekämpft. Al-Sadr, der von den Behörden der Koalition verfolgt wird, forderte in seinen Ansprachen stets islamische Gesetze und appellierte dabei an den irakischen Nationalstolz, wobei er sich als Gegenfigur zum wichtigsten Schiitenführer im Irak, dem Großajatholla Ali Al-Sistani darstellte. Sadr verfügt über etwa 10.000 Milizionäre und zahlreiche Anhänger vor allem im schiitischen Stadtviertel Bagdads, dass auch Sadr-City genannt wird. Den Koalitionstruppen drohte er mit dem Einssatz von Selbstmordattentätern, sollten sie in die heiligen schiitischen Städte Nadschaf und Kerbala eindringen. Nach Ansicht von Beobachtern wird al-Sadr vom Rest der schiitischen Glaubengemeinschaft abgelehnt.

Der wichtigste geistliche Anführer ist neben anderen Führungskräften der 78jährige Ali Al Sistani, der vielleicht auch mit Blick auf die Verfolgungen unter dem alten Regime den Koalitionskräften gut gesinnt zu sein scheint. Al Sistani hat viele Jahre im Gefängnis verbracht, weil er sich weigerte ins Exil zu gehen. Während des Krieges befürwortete er die Intervention der Koalition. Heute konkurrieren zahlreiche junge schiitische Anführer auf der Suche nach einem Platz in der schiitischen Gemeinschaft mit ihm. Obschon er Vorbehalte hinsichtlich des jüngsten Verfassungsentwurfs für den Irak geäußert hatte, vermied er stets Kritik an der Arbeit des Regierungsrates, in dem auch einige seiner Sympathisanten vertreten sind. Sistani befürwortet die Trennung zwischen Staat und Religion und lehnt den Einsatz von Waffen ab, doch er fordert die Einhaltung der Fristen bei der Übergabe der Macht an die Iraker, nicht zuletzt auch weil unter den Schiiten die Unzufriedenheit hinsichtlich der Tätigkeit Politik der Koalition zunimmt. Nach Aussage vieler Beobachter nimmt er dabei eine „abwartende“ Haltung ein: er möchte nicht in Konflikt mit der amerikanischen Regierung geraten, die das Land von der Diktatur Saddams befreit hat, aber er wartet die Machtübergabe ab, um die numerische Überlegenheit der Schiiten in der neuen politischen Szene im Irak, im Rahmen einer gewählten Regierung zu nutzen.


Sunniten

Unter den Sunniten hat sich vor allem die Gruppe um den islamischen Theologen Mohsen Abdel Hamid hervorgetan, der Mitglied des irakischen Regierungsrates ist. Hamid ist Anführer der Islamischen Partei des Irak und gehört zu der Strömung der Islamischen Brüder. Aufgrund seiner gemäßigten Position kam es zum Streit mit dem als Professor für Islamkunde an der Universität in Bagdad unterrichtenden Ahmad el Kebeisey, der zu den Predigern beim Freitagsgebet in der Hanifa-Moschee im sunnitischen Stadtteil Bagdads gehört. Der Imam hatte bereits mehrmals anti-amerikanische Hassgefühle geschürt und zum Protest gegen die Koalitionstruppen aufgefordert.

Die anhaltenden Gefechte und Entführungen im Irak haben zum Entstehen neuer Gruppen im Irak geführt, darunter die Vereinigung des sunnitischen Klerus, die bekannt wurde, nachdem sie bei den Verhandlungen um den Waffenstillstand zwischen den sunnitischen Einheiten und den amerikanischen Truppen in Falludscha vermittelt und zur Freilassung von sieben entführten chinesischen Staatsbürgern beigetragen hatte.
Scheich Harith al Dhari, einer der Anführer dieser Vereinigung erklärte, dass „die Organisation zwar religiös aber auch sozial und politisch sei und im Interesse des Landes handle. Die Vereinigung entstand durch das Vakuum in den sunnitischen Reihen in der Zeit nach dem Krieg. Die Vereinigung ist auch nationalistisch geprägt und es gehören ihr wichtige Ulama der Abi Haanifa- und der Abd al Kadr-Moscheen in Bagdad an, was sie zu einer ziemlich einflussreichen Institution macht. Obschon sie im Regierungsrat nicht vertreten ist, wird dieser von ihr unterstützt, wobei die sie erklärte, man identifiziere sich mit den Positionen der Islamischen Partei des Irak. Die Vereinigung unterhält auch Verbindungen zur kurdischen Gemeinschaft und bemüht sich nach eigenen Aussagen um gute Beziehungen zu den Schiiten.


Kurden

Bei den im Wesentlichen in zwei Gruppen gespaltenen Kurden handelt es sich mehrheitlich um sunnitische Muslime. Die Kurden streben trotz ihrer inneren Spaltung eine Beteiligung an einer zukünftigen Regierung des Irak an. Die Kurden schließen sich zum einen in der Demokratischen Partei des Kurdistan (PUK) unter Massoud Barzani und in der Patriotischen Union des Kurdistan (PUK) unter Jalal Talabani zusammen. Beide sind derzeit im irakischen Regierungsrat vertreten und verfügen jeweils über autonome militärische Einheiten.
Die im Norden des Irak wohnenden rund vier Millionen Kurden haben sich nach der Besatzung des Kurdistan durch islamische Truppen während der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts zum Isalm bekehrt. Vor dem Islam gab es unter den Kurden zahlreiche Zoroastrer, doch den Kurden waren auch die anderen monotheistischen Religionen bekannt, und es gab unter ihnen auch jüdische (seit dem 6. Jahrhundert) und christliche (seit dem 2. Jahrhundert) Gemeinden. Heute gibt es nur noch sehr wenige Juden, doch immer noch zahlreiche Christen.
Die Bekehrung der kurdischen Bevölkerung zum Islam rührte nicht so sehr von der Begeisterung für die geistlichen Lehren der arabischen Besatzer her sondern entsprach vielmehr dem Wunsch der Ungerechtigkeit des Feudalsystems zu entkommen und eine Gesellschaft aufzubauen, die auf Gleichheit, Brüderlichkeit und Solidarität gründete. Im 12. Jahrhundert wurden die Kurden in das Osmanische Reich eingegliedert. Beim Zusammenbruch des Reiches entstand im Jahr 1918 die so genannte Kurden-Frage. An der Grenze des ehemaligen Osmanischen Reichs entstand zunächst eine britische Mandatsregierung und später undurchlässige Staatgrenzen (Türkei, Syrien, Irak, Iran), die ein Zusammenleben der kurdischen Volksgruppe als nationale Einheit unmöglich machten. Auf diese Weise waren die Kurden, die während der Zeit des Osmanischen Reichs die Funktion der so genannten „Grenzwächter“ übernommen hatten, später als Hindernis für die Homogenisierung der verschiedenen Länder betrachtet.
Heute ist die kurdische Kultur im Wesentlichen vom Islam geprägt: dementsprechend werden das soziale, kulturelle und politische Leben organisiert, und moralische und gesellschaftliche Werte bei der Erziehung in den Familien bestimmt. Religionsvertreter nehmen in den kurdischen Gemeinden oft wichtige Rollen ein. Oft gehören die Mullah zu den Gebildeten der Dorfgemeinschaft. Religionsführer spielten auch eine wichtige Rolle in der modernen kurdischen Befreiungsbewegung, wie zum Beispiel Mullah Mustafa Barzani (1931-1978). Dieses Phänomen legte auch den Grundstein für die nationale Bewegung und bestimmte die ideologischen und politischen Aspekte des Kampfes der Kurden für einen eigenen Staat und für die Anerkennung der Kurden in muslimischen Ländern wie der Türkei, Syrien, Irak und Iran. Nach dem Tod von Barzani ging die zeit der religiösen Führungskräfte zu Ende und es waren Laien, die fortan Führungspositionen übernahmen.
Wegen ihrer Forderungen nach Autonomie (oder manchmal auch Sezessionsbestrebungen) wurden die Kurden unter Saddam Hussein verfolgt. Nach der Einrichtung der No-fly-Zone durch die Vereinten Nationen im Jahr 1991 wurde Kurdistan unter internationalen Schutz gestellt, was den Kurden das Erlangen einer gewissen Autonomie ermöglichte.


Assyrer

Auch die christlichen Assyrer hoffen nach dem Sturz des Saddam-Regimes darauf, dass sie zukünftig ihrer religiöse und kulturelle Identität im Irak wieder frei praktizieren können. Einer ihrer Vertreter, Younadem Kana, ist der einzige Christ im Regierungsrat. Die christlichen Assyrer im Irak sind Anhänger der Assyrischen Kirche des Ostens und zusammen mit der mit Rom unierten chaldäischen Kirche Nachfahren der Kirche von Antiochia und dem Gesamten Osten, die sich auch als Kirchen des heiligen Thomas betrachten, der im 1. Jahrhundert in den Gebieten predigte, in denen diese Kirchen entstanden. Die Assyrer wurden nach Machtantritt der Baath-Partei unter Saddam Hussein verfolgt und besitzen erst jetzt wieder eine gewissen Freiheit, was die verschiedenen Ausdrucksformen ihrer Kultur, ihrer Bräuche und ihres Kultes anbelangt.
Die Assyrische Kirche des Ostens ist eine selbständige (autokephale) nicht mit Rom aber auch nicht mit den Orthodoxen Kirchen unierte Kirche. Das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Assyrer, die vor allem durch das Predigen von den Jüngern des Apostels Thomas , Mar Addai und Mar Mari, vom 1. bis zum 4. Jahrhundert nach Christus entstand, liegt großenteils im mesopotamischen Raum und im armeno-kurdischen Bergland im heutigen Syrien, Irak und Iran. Die Assyrische Kirche des Ostens wurde nach den Konzilen in Seleukia (410) und in Markabata (424) unabhängig und wählt ihren Patriarchen mit dem Titel „Katholikos“.
Mitte des 15. Jahrhunderts erlebte die assyrische Kirche eine Zeit der Verschließung und der Krise. Als Papst Julius III. 1553 den „chaldäischen Patriarchen“ Simon VIII. ernannte spalteten sich die assyrische und die chaldäische Kirche. Eine Spaltung die bis heute anhält.
Doch seit der historischen Spaltung haben sich die Beziehungen zwischen Chaldäern und Assyrern wieder verbessert. Eine neue Ära des Dialogs und der guten Beziehungen begann nach der Unterzeichnung der gemeinsamen christologischen Erklärung durch den Papst und den Patriarchen Mar Dinkha IV. in Rom im November 1994. Im August 1997 hatte der Heilige Synod der Chaldäischen Kirche und der Assyrischen Kirchen eine Dialogkommission eingerichtet, die sich mit der pastoralen Zusammenarbeite auf den verschiedenen Ebenen befassen soll.
Eine Zeit des besonderen Leidens begann für die Assyrer mit den Verfolgungen nach der Unabhängigkeit des Irak (1932) im Jahr 1933. Sie wurde als Feinde der Regierung betrachtet und Opfer von Massakern irakischer Soldaten. Im Gedenken an diese Vorkommnisse feiern die Assyrer den 7. August als Tag des „assyrischen Martyriums“. Heute leben rund 70.000 Assyrer im Nordirak, wo sie ihre eigene kulturelle, linguistische und religiöse Identität bewahren konnten. Seit den 70er Jahren darf in assyrischen Grundschulen Syrisch (eine Spätform des Aramäischen) unterrichtet werden, nachdem die Regierung in Bagdad Assyrern und Turkmenen eigene Kultur- und Verwaltungsrechte zuerkannte.


Katholiken

„Alle irakischen Christen beten dafür und engagieren sich dafür, dass das Zusammenleben zwischen den Glaubensgemeinschaften im Irak, das seit 1600 Jahren andauert, weiterhin möglich bleibt“, erklärte der syrische Erzbischof von Bagdad, Athanase Matti Shaba Mattoka in einem Interview zur Lage der Christen im neuen Szenarium des Irak. „Wir sind davon überzeugt, dass der Dialog der einzige Ausweg aus der Gewalt ist.“, fügte er hinzu.
In der Zeit nach dem Sturz von Saddam Hussein haben die Christen versucht, sich eine eigene Position im politischen und gesellschaftlichen Leben zu schaffen, wobei sie sich für einen pluralistischen laizistischen Staat einsetzen, der alle religiösen Minderheiten mit Respekt begegnet. Die Christen begrüßten die Verabschiedung der neuen Verfassung des Eriak im März dieses Jahres, die der in der Diözese Ninive tätige Pfarrer Nizar Semaan, als „ positivern Schritt vor allem für die Einheit des Landes aber auch für das Entstehen eines neuen Irak, eines zivilen Irak, der seine Minderheiten respektiert“ bezeichnete.
„Die Vision von einem laizistischen Irak mit religiösen Werten war stärker, denn Laizität bedeutet nicht Religionslosigkeit“, so Pfarrer Nizar Semaan. „Diese Verfassung kann eine solide Grundalge für die Demokratie in meinem Land sein, in dem die Achtung für jeden Menschen unabhängig von seiner religiösen und ethnischen Zugehörigkeit vorrangige Bedeutung hat“, fügt der katholische Priester hinzu, „Für uns Christen ist dabei am wichtigsten, dass diese Verfassung nicht auf islamischen Gesetzen gründet.“, betont er.
„Ich glaube, dass diese Verfassung ein Vorbild für alle im Nahen Osten sein könnte. Die Iraker sollten stolz darauf sein, dass sie eine solche Verfassung haben, die die Grundlagen für ein ziviles Zusammenleben schafft obwohl es verschiedene Volksgruppen und Religionen gibt. Im neuen Irak gibt es heute keine Bürger ersten und zweiten Grades mehr, sondern alle haben dieselben Rechte und Pflichten. Als Christen hoffen wir, dass wir unseren Glauben sicher und frei leben können. Wir möchten aktiv am Aufbau eines neuen Irak teilnehmen“, bekräftigt der katholische Pfarrer.
Die neue Verfassung scheint im Wesentlichen den Forderungen der Christen zu entsprechen, die im Herbst vergangenen Jahres von den Bischöfen des chaldäischen Ritus (dem die meisten Christen im Irak angehören) zum Ausdruck gebracht worden waren. In einem Brief an den Regierungsrat hatten sie gefordert, dass den Christen im Irak alle religiösen, gesellschaftlichen, bürgerlichen und politischen Rechte garantiert werden sollten. Die chaldäische Bevölkerung, so die Bischöfe damals, ist nach den Arabern und Kurden die drittgrößte Volksgruppe im Land: ihre Präsenz war im Berufsleben, sowie in Gesellschaft und Verwaltung im Irak immer wichtig. Aus diesem Grund forderten die Bischöfe die Anerkennung der Rolle der chaldäischen Gemeinschaft beim Aufbau eines neuen Irak. „Wir möchten unsere Solidarität gegenüber allen irakischen, arabischen, kurdischen und turkmenischen Bürgern und mit allen ethnischen und religiösen Gruppen zum Ausdruckbringen, die in friedlicher Geschwisterlichkeit mit den assyrischen, syrischen, armenischen und lateinischen Christen zusammenarbeiten, wenn es um den Aufbau eines neuen demokratischen, freien und wohlhabenden Irak geht.
Trotz dieser positiven Ausgangssituation war es infolge von späteren Spannungen im Land erneut zu Drohungen gegen die christliche Glaubensgemeinschaft gekommen, die in verschiedenen irakischen Städten und insbesondere in Mossul von extremistischen Gruppen ausgesprochen worden waren. Die politischen Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten, so Fidesquellen, eröffneten den Christen keine sicheren Perspektiven. Christliche Familien verließen daraufhin auch die Hauptstadt Bagdad und siedelten in die nördlichen Landesteile um, wo sie sich sicherer fühlten.
Die Christen legen großen Wert darauf, als vollwertige Iraker betrachtet zu werden: Christen leben in dieser Region, die vom Irak bis nach Indien reicht, bereits seit der zeit des Apostels Paulus, der nach der Auferstehung Christi im Jahr 40 nach Christus unter den Völkern des Nahen Ostens predigte.
Die heutigen Christen sind Nachfahren dieser Völker, die sich auch unter der arabischen Besatzung im VII. Jahrhundert nicht zum Islam bekehren ließen. 70% der irakischen Christen sind Anhänger der chaldäischen Kirche. Insgesamt leben im Irak rund 800.000 Christen, die damit rund 3% der der Bevölkerung ausmachen. Dabei handelt es sich je zur Hälfte um Katholiken und Orthodoxe. Protestanten gibt es im Irak erst seit wenigen Jahren.
Die Katholiken im Irak gehören vier verschiedenen Riten an:

- Die chaldäische Glaubensgemeinschaft

Die meisten irakischen Christen sind Chaldäer. Sitz des Patriarchats ist Bagdad. Nach dem Tod des Patriarchen S.S. Raphael I. Bidawid wurde der bisherige Weihbischof Emmanuel Karim Delly, 76 Jahre, zu dessen Nachfolger im Amt des chaldäischen Patriarchen ernannt. Kurz nach seiner Ernennung am 3. Dezember 2003 hatte der neue Patriarch in einem Interview mit dem Fidesdienst gesagt: „Heute leben wir alle unter schwierigen Bedingungen und wünschen uns Frieden und Ruhe. Deshalb müssen die Sicherheitsbedingungen umgehend wieder hergestellt werden, den sie sind Voraussetzung für die Rückkehr zu einem normalen Leben“. „Die Gewalt, die im Irak zu Blutvergießen führt“, so Bischof Delly weiter, „muss ausdrücklich verurteilt werden.“ In einem mehrheitlich muslimischen Umfeld, lebt eine sehr lebendige chaldäische Glaubensgemeinschaft, die sich vor allem der Katechese und der Erziehung widmet: in Bagdad gibt es ein Patriarchalseminar und vor kurzem wurde dort auch das Kolleg von Babylonien gegründet, das als Patriarchalkolleg mit der Päpstlichen Urbaniana-Universität unter Leitung der Kongregation für die Evangelisierung der Völker assoziiert ist. Dieses Kolleg bietet Kurse für Philosophie und Theologie an, die von Priesteramtskandidaten und Laien besucht werden können.
Die Pfarrgemeinde ist in der chaldäischen Kirche von ganz besonderer Bedeutung: hier praktizieren und leben sie ihren Glauben. Aus diesem Grund ist die seelsorgerischer Betreuung besonders wichtig, die heute trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten eine Blütezeit erlebt. Die Pfarreien entstanden je nach den Möglichkeiten der Kirche, doch mit dem numerischen Wachstum der Gemeinden, sind auch die Bedürfnisse größer geworden.
Chaldäische Gläubige engagieren sich vor allem in Werken der Nächstenliebe und betreuen viele arme Familien, darunter Christenn und Muslime, an die sie jeden Monat Lebensmittel, Kleidung und andere Hilfsgüter verteilen. Die Liturgie- und Theologiesprache der chaldäische Kirche ist eine Spätform des Aramäischen. Da jedoch ein Großteil der Gläubigen Arabisch spricht wird die arabische Umgangssprache der Bevölkerung zunehmend bei Lesen von Gebeten, Bibelstellen und einigen Liturgischen Formeln benutzt und die Heilige Messe oft zweisprachig gestaltet. Der Religionsunterricht findet abgesehen von den Bergdörfern im Norden des Irak, wo noch heute Aramäisch gesprochen wird, in Arabisch statt.
Im Irak gibt es auch zwei chaldäische Schwesterngemeinschaften: die Schwestern vom: die Schwestern vom Heiligen Herzen und die Töchter von der Makellosen Maria. In der chaldäischen Kirche gibt es zudem Mönche, die missionarisch tätig sind: die chaldäischen Mönche gründeten ursprünglich ihre Klöster in der Bergregion im Norden des Irak, wo sie die kurdischen Dörfer besuchten und dies auch heute noch tun, in Schulen als Lehrer unterrichten und Religionsunterricht geben. Aus den Bergen kamen sie nach Mossul und schließlich nach Bagdad, wo sich heute der Sitz des Generaloberen befindet. Die chaldäischen Mönche haben heute 400 Klöster im Irak und eines in Rom sowie eine Mission im Amerika.
Heute leben im Irak über 700.000 chaldäische Christen. Etwa ebenso viele leben in chaldäsichen Diasporagemeinden auf der ganzen Welt

- Die syrisch-antiochenische Glaubengemeinschaft
Insgesamt leben im Irak 75.000 syrisch-antiochenische Christen in den beiden Diözesen Bagdad und Mossul. Syrisch-antiochenischer Bischof von Bagdad ist Ahtanase Matti Shaba Matoka, während das syrisch-antiochenische Bistum Mossul von Basile Georges Casmoussa geleitet wird. Nachdem Jesuiten und Franziskaner von Aleppo (Syrien) aus im Jahr 1926 mit der Missionierung begonnen hatten, unierte sich ein Teil der syirsch-antiochenischen Kirche, die so genannten „Jakobiten“ mit Rom, wodurch die syrisch-katholische Kirche entstand, die jedoch die Patristik und Liturgie der Ursprungskirche beibehielt. Im Iraks leben syrisch-katholische Gläubige sowohl im Süden als auch im Norden: es gibt eine kleine Gemeinde in Bassora, in Bagdad leben rund 30.000 syrisch-katholische Gläubige; in Kirkuk und Mossul sind es insgesamt rund 45.000. Liturgiesprache ist vor allem in den Städten Arabisch, während überwiegen in den ländlichen Gebieten um Mossul, aber auch in Karakosh mit seinen rund 25.000 Gläubigen weiterhin Aramäisch als Liturgiesprache benutzt wird. Das Patriarchat der syrisch-katholischen Kirche hat seinen Sitz in Beirut (Libanon).

- Die armenisch-katholische Glaubensgemeinschaft
Die armenischen Gemeinden im Irak stammen vor allem von den Auswanderern und Zwangsdeportierten ab, die 1915 infolge der Massaker unter dem Regime der Jungen Türken in das Land kamen. Die armenische Kirche geht auf den heiligen Gregorius zurück, der den christlichen Glauben im 3. Jahrhundert nach Armenien brachte. Die armenische Kirche spaltete sich in einen orthodoxen (apostolische) und einen katholische Zweig.
In Bagdad führen armenischen Schwestern eine Schule, die von rund 800 jeweils zur Hälfte armenischen und muslimischen Schülern besucht wird. Im Irak leben rund 2.000 armenisch-katholische Gläubige unter Leitung von Bischof Andon Atamian. Bis zu den 90er Jahren lebten im Irak rund 20.000 bis 30.000 armenische Gläubige (der orthodoxen und der katholischen Kirche). Währen der letzten zehn Jahre verließen viele das Land infolge der Armut.

- Die Katholiken des lateinischen Ritus
Seit drei Jahrhunderten arbeiten im Irak zahlreiche Missionare des lateinischen Ritus eng mit der chaldäsichen Glaubensgemeinschaft zusammen: Ordensleute der lateinischen Kirche sind in Bagdad und im Norden des Landes in der Seelsorge in den chaldäischen Gemeinden tätig, sie geben Religionsunterricht für Kinder und Jugendliche oder spenden die Sakramente und engagieren sich nicht zuletzt auch für die Armen. Missionare der lateinischen Kirche lernen Arabisch und kennen Liturgie und Tradition der chaldäsichen Kirche und integrieren sich vollständig in die einheimische Kultur.
Im Irak leben und arbeiten Redemptoristen, Dominikaner, Karmeliter, Salesianer und chaldäische Mönche aus dem Libanon. Unter den Schwesternorden sind folgende im Irak tätig: die Franziskaner Missionsschwestern, Dominikanerinnen von der Darstellung der Jungfrau von Tours (die das St. Raphael Krankenhaus in Bagdad verwalten); Dominikanerinnen von der hl. Katharina von Siena, die Kleinen Schwestern von Jesus und die Missionarinnen von der Nächstenliebe, die nach dem Vorbild von Mutter Teresa von Kalkutta arbeiten und vor allem behinderte Kinder betreuen. Die Katholiken des Lateinischen Ritus (rund 2.500) leben größtenteils in Bagdad und werden von Erzbischof Jean Benjamin Sleiman betreut.

(PA) (Fidesdienst, 24/4/2004 - 345 Zeilen, 3.846 Worte)

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