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2004-01-02

AFRIKA/BURKINA FASO - „WISSEN OHNE GEWISSEN SCHADET DER MENSCHHEIT“ EINE GUTE ZUSAMMENARBEIT IM BEREICH GESUNDHEIT ZWISCHEN NORD UND SÜD ERFORDERT EIN ABGESTIMMTES HANDELN ALLER BETEILIGTEN, SO P. JAQUES SIMPORÉ ZUM FIDESDIENST

Rom (Fidesdienst) - „Es ist Weihnachten, doch viele Kinder auf der ganzen Welt denken nicht an Spielzeuge oder an das Christkind, weil sie daran denken müssen, wie sie eine Krankheit überwinden oder den Hunger stillen können, damit sie überleben?“ Fides sprach mit Kamillianer Missionare Pater Jacques Simporè, der als Genforscher in Burkina Faso tätig ist.

Fidesdienst: Welche Auswirkungen könnte die Globalisierung auf die Verbreitung von Krankheiten auf der Welt haben?
P. Jacques Simporè: Heute ist die Welt durch die Kommunikations- (Medien) und Transportmittel sowie durch Telefone, Flugzeuge, Fernsehen, Satelliten, Internet und vieles mehr wirklich zu einem kleinen Dorf geworden, in dem Menschen von einem Ende der Erde zum anderen kaufen und verkaufen, lernen und lehren, und auf die verschiedenste Art und Weise Fortschritte machen; kurz gesagt, sie beeinflussen sich gegenseitig, was die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Überzeugungen anbelangt oder im Bereich der Wissenschaft und der Gesundheit. Im Gesundheitsbereich führt das Phänomen der Globalisierung Wissenschaft und Medizin dazu uns von Tag zu Tag immer mehr nach neuen Wissensgrenzen und Technologien zu strecken. Doch heute sollten wir auch wissen, das Wissen ohne Gewissen der Menschheit schadet.
Man braucht nur auf Hiroshima, Nagasaki oder Tschernobyl zu denken, an die Möglichkeit des menschlichen Klonens; die Möglichkeit der Nutzung menschlicher Stammzellen; oder an den Rinderwahn, den Treibhauseffekt, die geheimnisvolle Lungenkrankheit SARS, die Verbreitung von AIDS und einiger Pathologien, die in der Vergangenheit eingedämmt waren und heute wieder um so stärker zuschlagen, und man fragt sich spontan: „Homo sapiens, sapiens quo vadis?“ Homo sapiens, der du so viel weißt, wo hin gehst du? Wie sieht deine Zukunft aus? Weißt du, dass das, was zu in deiner kleinen Ecke der Erde tust, sich auf die ganze Welt auswirken und damit auch die Zukunft des Universums beeinflussen könnte?“ Ein afrikanisches Sprichwort besagt: „Es hat keinen Sinn, die Augen zu schließen, wenn das Haus deines Nachbarn brennt“, denn das Feuer wird auch auf dein Haus überspringen. In der heutigen Zeit sind AIDS, SARS, Cholera, Tuberkulose und Malaria keine isolierten Krankheiten mehr. Es könnte sein, dass SARS nicht auf China oder Asien beschränkt bleibt. Mit dem Winter, in dem üblicherweise viele Formen der Lungenentzündung auftreten, könnte ein Mensch, der die Stadt „Vattelapesca“ nie verlassen hat, infolge der Tatsache, dass Menschen reisen, sich trotzdem mit SARS infizieren. Die Unterernährung, die in Kwashiorkor verschiedene Formen des Vitaminmangels hervorruft ist für die Kinder im Alter unter fünf Jahren ein Problem, während der Überfluss in Europa und Nordamerika Diabetes und Übergewicht hervorruft, die zu Herz- und Kreislaufkrankheiten führen. Überall auf der Welt, sowohl im Norden als auch im Süden, gibt es also Gesundheitsprobleme.
Fidesdienst: Gibt es Gebiete auf unserem Planeten, wo die Probleme der Unterentwicklung und der endemischen Verbreitung von Krankheiten das Wachstum der Länder beeinträchtigt?
P. Jacques Simporè: Gewiss, es gibt Regionen auf der Erde, wo jeden Tag unzählige Kinder und junge Menschen im besten Alter, Lehrer, Landwirte, Krankenpfleger und Beamte plötzlich an Tuberkulose, Hirnhautentzündung, Malaria, Gelbfieber, Lepra und so weiter erkranken. In diesen Gebieten gibt es oft auch keine Medikamente zur Behandlung. Demzufolge hinterlassen solche Erkrankungen oft Spuren bei den Patienten, die körperlich oder geistig behindert bleiben. Wie viele afrikanische Staaten haben heute Schwierigkeiten, ihre Grundschulen weiterzuführen, nachdem unzählige Lehrer an Aids sterben? Wie viele Kinder leben heute in völliger Armut und ohne Zukunftsaussichten, weil der Vater oder die Mutter infolge einer Krankheit behindert sind?
Unter den Faktoren, die die Entwicklung in vielen Nationen in der dritten Welt behindern, stehen an vorderster Stelle auch Brüderkriege, politische Gewalt und eine Misswirtschaft bei der Verwaltung öffentlicher Gelder. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass viele dieser armen Länder auch Gebiete sind, in denen die Menschen unterschiedslos von endemischen Krankheiten betroffen sind, die eine Behinderung mit sich bringen und die erwerbsfähige Bevölkerung in ihrer Kapazität beeinträchtigen, was wiederum die ganzheitliche Entwicklung unter wirtschaftlichen, intellektuellen, spirituellen und menschlichen Gesichtspunkten beeinflusst … Was können die Länder gegen eine solche Situation unternehmen? Es bedarf einer gezielten Zusammenarbeit. Welche Formen der Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd im Bereich der Gesundheit könnten jene Krankheiten eindämmen, die zur Geißel der Menschheit geworden sind? Hierzu braucht man: kurzfristige Projekte zur Bekämpfung der endemischen und epidemischen Krankheiten auf der südlichen Halbkugel; Notmaßnahmen im Fall von Katastrophen (Kriege, Naturkatastrophen, Hungersnot,…); langfristige Projekte zur Bekämpfung von Armut und zur Lebensmittelsicherung für Kinder, einen Technologietransfer von Norden nach Süden und die Ausbildung von Forschungskräften aus dem Süden in westlichen Ländern, die Entsendung von Doktoranden, Forschern und Professoren in den Süden, damit Forschungs- und Entwicklungsprojekte angeregt werden und nicht zuletzt gemeinschaftliche Vorsorgemaßnahmen im Sinn von Alma Ata …
Die Perspektiven der Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd im Bereich der Gesundheit sind jedoch auch mit dem politischen Willen verbunden: Wenn ein Arzt oder ein Forscher, ein Techniker oder ein Krankenpfleger für einen bestimmten Zeitraum in den Süden gehen will, um den Menschen im Rahmen einer bilateralen Entwicklungszusammenarbeit helfen will; wenn ein Krankenhaus oder eine Klinik, wo dieser freiwillige Helfer tätig ist, dessen Gehalt nicht weiterzahlen will; „denn er wird auch im Süden nicht nur von Wasser und Luft leben können!“. Eine gute Zusammenarbeit zwischen dem Norden und dem Süden erfordert also ein abgestimmtes Handeln aller Beteiligten.
Fidesdienst: Die Geißel Aids zwingt weite Gebiete der Erde in die Knie. Ganze Völker werden dezimiert, es entstehen Geisterdörfer, Kinder bleiben als Waisen zurück: dies ist heute das Szenarium der Katastrophe. Wie können Profit und Gesundheit auf unserem Planeten in Einklang gebracht werden?
P. Jacques Simporè: Viele Pharmabetriebe haben umfangreiche Summen in die Aidsforschung und die Entwicklung entsprechender Medikamente investiert. Ihr Ziel war es, dass sich diese Investitionen eines Tages lohnen sollten und dass die Entdeckung eines magischen Moleküls zur Bekämpfung des HIV-Virus große Gewinne bringen würde. Gewiss, ohne Geld kann keine Forschung betrieben werden und ohne Forschung gibt es keine neuen Medikamente. Die Forschung erfordert im Allgemeinen umfangreiche Investitionen für Laborausrüstungen und Forschungsmittel. Inzwischen konnten verschiedene Medikamente zur Bekämpfung von Aids entwickelt werden, doch diese füllen heute unverkauft die Lager. Denn in Wirklichkeit sind über 40 Millionen, d.h. rund 90% der Aidskranken, arm. Auch wenn sie ihr Ackerland (das keinen großen Wert besitzt) oder ihre Wohnungen verkaufen würden , bei denen es sich meistens um Baracken handelt, dann wäre der Preis für diese Medikamente für sie immer noch zu hoch. Hic et nunc, ganze Völker werden dezimiert, es gibt Geisterdörfer, Kinder hinterbleiben als Wasen, infizierte Neugeborene sterben. Wie können also Gewinn und Gesundheit in diesem Bereich in Einklang gebracht werden? Kann die Pharmaindustrie ohne die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft das Solidaritätsproblem lösen? Ganz bestimmt nicht! Es müsste eine neue Wirtschaftspolitik der globalen Übereinstimmung geben, damit arme Menschen nicht Aids sterben, während die Medikamente anderswo ungenutzt gelagert werden.
Es ist Weihnachten, doch viele Kinder auf der ganzen Welt denken nicht an Spielzeuge oder an das Christkind, weil sie daran denken müssen, wie sie eine Krankheit überwinden oder den Hunger stillen können, damit sie überleben? Weihnachten ist das Fest der Freude, des Lebens, des göttlichen Lichts, dass das Leben von uns Gläubigen erleuchtet; doch trotz aller Freude gibt es in vielen Teilen unser Erde im Schatten immer noch Kinder, die in den Armen ihrer verzweifelten Mütter Not leiden. Angesichts des grausamen Leids, von dem Kinder betroffen sind, die an Malaria oder an Aids erkranken, verlieren junge Mütter jeden Funken der Hoffnung. Doch der Philosoph, der in der Abenddämmerung bereits das Licht des neuen Morgens sieht, flüstert ihr ins Ohr: „Hab Zuversicht, denn jeder Mensch, der im Dunkeln geht, läuft auf das Licht zu“. (AP) (Fidesdienst 2/1/2004/ -107 Zeilen, 1.263 Worte)

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